Nr. 102. Samstag, den 3 Mat 1870.
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Aiff'ißk- rniii Amtsblatt für itn Kreis Gießen.
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Amtlicher H h e i l.
Nr. 12 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 29. v. M., enthält:
(Nr. 1293.) Verordnung, betreffend die Tagegelder, die Fuhrkosten und die Umzugskosten der gesandtjchaftlichen und Consularbeamten. Vom 23. April 1879.
(Nr. 1294.) Verordnung, betreffend den Urlaub der gesandtschaftlichen und Consularbeamten und deren Stellvertretung. Vom 23. April 1879.
Gießen, den 2. Mat 1879. Großberzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Jokitischer Hheil.
Deutschland.
Darmstadt, 30. April. Wie aus dem Ausschreibkn des Großherzoglichen Ober-Conststoriums an die evangelischen Dekanate und die evongeltschen Pfarrämter d»s Großherzogthuws vom 22. d. M. hervorgeht, haben Seine Königliche Hoheit der Großherzog durch Allerhöchste Entschließung vom 18. l. M., um der unbemittelten und kirchlichen Gemeinde Röthges im Kreise Gießen, welche bereits bedeutende Opfer gebracht hat, zur Erbauung einer neuen Kirche, hierin eine Unterstützung zuzuwenden, dieser Gemeinde eine in allen evangelischen Kirchen des Großherzog'bums zu erhebende Cvllecte Allergnädtgst zu gestalten geruht. Dos Großh Ober-Consistorium beauftragt hiernach die Dekanate und Pfarrämter, dreie Ccllecte zu einem geeignet scheinet den Zeitpunkte, jedoch in der Art zum Vollzüge zu bringen, daß dieselbe bald ersolgt. Auch ist dieselbe kurz vor der Erhebung unter Hinweisung aus die Bedürftigkeit und Würdigkeit der evangelischen Gemeinde Rölhges angelegentlichst zu empfehlen.
Darmstadt, 1. Mat. Provisorisch zu besetzen ist die Stelle eines Landesculiur-Jugenieurs mit einem Gehalte von 3300 Mk. jährlich. Anmeldungen sind binnen drei Wochen einzuretchen. Bewerber, die ihre Studien an einer technischen Hochschule absolvirt, werden vorzugsweise berücksichtigt werden.
Berlin, 29. April. Mit dem Herannahen der Reichstagsdebatten über die Wirihschastssragen steigert sich naturgeu äß die Spannung u egen des Ausganges. Die Getreide- und Diehzölle bilden noch innrer den Mittelpunkt der aufgeslelltin Berechnungen, die mehrfach auseinandergehen. Sicher ist, daß die landwirthschastlichkn Eckutzzöllner nicht befrieligt sind. Auch das Centrum soll höhere Getreidezölle wünschen, die in diesem Reichstage nicht durchgehen würden. Man hört nun sagen, daß in diesem Falle die Schluß- abpimmurg Überraschungen bereiten könnte.
— Bekanntlich war dem deutschen Consul Moritz Eisenstuck in L»on für erlittene Beleidigung nicht blcs die noch Völkerrecht gebräuchliche Genugtbuung zu Theil geworden, sondern d'e Regierung von Nicaragua mußte dem Consul eine Entschädigung von 30,000 Doll, zahlen. Herr Eisenftuck hat die Entschädigungssumme nach Abzug der Recktsanwaltskosten rc für wohlthätige Anstalten im drutschen Daterlonde bestimmt urb u. A. 50,000 Mk. dem Kaiser zur Versügung gestellt. Auf Befürwortung des Marineministers v. S'ojch ist, wie die „Kieler Ztg." meldet, laut Allerhöchster Ordre die ganze Summe der Marinistiftung überwiesen und am 21 April dem Präsidenten derselben, Geh. Admiralitä'srath a D. Heimann, zur zinsbaren Anlegung ausgezohlt worden.
Berlin, 30. April. Ueber den neuerwählten Fürsten von Bulgarien, Alexander I., geben wir nachstehende Personalien:
Prinz Alexander, geboren am 5. April 1857, ist der Sohn des Prinzen Alexander von Hesien (Bruder der Kaiserin von Rußland) und der Prinzeß Julie von Battenberg. Prinz Alexander ist also der leibliche N.ffe des Czaren und in Petersburger Kreisen sehr wohl gelitten. Er war der Can- didat des Kaisers von Rußland, und die bulgarischen Deputtrten waren schon aus Dankbarkeit geneigt, für diesen Kandidaten zu stimmen. Daß der Prinz, welcher bekanntlich als Lieutenant bet den Gardes du Corps in Potsdam steht, die Wahl annehmen wird, wenn sie „definitiv und mit entsprechender Majorität auf ihn fällt", ist, wieder „Politischen Correspondenz" gemeldet wird, wahrscheinlich. Er hatte während des letzen Krieges Gelegenheit, Land und Leute, den bulga ,schen Volkscharakter, sowie auch die Nachbarn dieses Landes, Rumänen und Serben, kennen zu lernen; er wird ihm also kein Fremdling mehr sein. Es wäre dies der zweite Fürst, welchen die preußische Garde-Kavallerie nach dem Orient abgiebt. Ein deutsches nationales Jntereffe ist damit nicht verbunden und die deutsche Politik steht daher 0- der Kandidatur Battenberg völlig uninteressirt gegenüber, wenngleich Prinz Alexaider sich der unge'heilten Sympathie unserer höchsten Kreise erfreut. Aber nach den Erfahrungen, welche wir gerade in Rumänien gemacht haben, hat Deutschland aus der Übertragung jener Fürstenkronen an deutsche Prinzen eher neue Verlegenheiten als Vorthetle zu erwarten, am allerwenigsten (inen politischen Eit sluß, den es im Orient durchaus nicht anstrebt, ebensowenig einen handelspolitischen, der in Rumänien durch daS Zusammenwirken verschiedener Umstände längst in die Hände Englands übergegangen ist und
welchen für sich zurückzugewtnnen, Oesterreich-Ungarn gar manche Mühe wird aufwenden müssen. L afselbe gilt wohl von Bulgarien.
Berlin, 30. April. Die „Prov. Corresp." erinnert in einem dritten und letzten Artikel über die Aussichten der Finanz- und Zollreform an bezügliche Aeußerungen und Kundgebungen einzelnerHieichstagsmitglieder und Reichs- tagsfracttonen, sowie der „Nationalzeitung" und hebt hervor, diese und andere Zeugniffe besonnener und maßvoller Austastungen innerhalb der nationalliberalen Partei begründeten die Hoffnung, tie Partei werde dem Kanzler nicht blos in Durchführung der Finanz- und Steuerreform fest zur Sette stehen, sondern auch ein großer Theil der Partei werde auch trotz mancher Abweichung in handelspolitischen Austastungen fick bereit finden lasten, Fürst Bismarck darin zu unterstützen, daß der deutschen Wirthschaftspolitik die volle Kraft und Selbst- stäntigkeit gesichert und der deutschen Gewerbthätigkeit allseitige gebührende Rücksichtnahme gewährt werde. Gewiß habe manche Bundesregierung in einzelnen Punkten andere Wünsche und Bedürfnisse gehabt, jede habe sich aber dem Gefammtnitereste des Reiches untergeordnet, dem Gesammtplane als Kompromiß, als Ausgleich der verschiedenen Jntercffen und Ansprüche zugestimmt. Gleichen Patriotismus würden auch die entscheidenden Reichstagsparteien bewähren wollen; dieselben würden sich der Pflicht der Selbstverleugnung nicht entziehen, abweichende Ansichten und Wünsche im Einzelnen dem Gesamwtintereste zu opfern. Untrügliche Anzeichen der Stimmungen aus allen Reichstheilen ließen erkennen, wie das deutsche Volk in weitesten Kreisen von der Zuversicht erfüllt sei, die nationale Vertretung werde auch bei der wirthschaftlichen Festigung des Reiches unter allseitiger vertrauensvoller Verständigung der erprobten Führung des Reichskanzlers folgen, der seinerseits fest davon durchdrungen sei, daß das begonnene Werk zum Heil, Glück und Gedeihen des Vaterlandes führe.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung Stmsons zum Präsidenten des Reichsgerichts und Drechslers, Henricis, Hocheders, Ukerts, Drenkmanns, v. Beyerles und Dr. Bingneis zu Senatspräsidenten des Reichs- gerichts, ferner die Ernennungvon 60 Reichsgerichtsräthen, darunter befinden sich 19 bisherige Reiche oberhandelsgerichtsräthe, 23 bisherige preußische Ober- tnbunalsräthe, 2 andere preußische höhere Juflizbeamte, die württembergifchen Oberiribm alerätbe Gmelin, Streich und Geß, von Bayern Staatsanwalt Cucumus, Rath Dürrschmidt, Appellationsrath Hauser, von Sachsen Appel- lattons Vicep.räsident Wenek, Oberappellrath Rüger, Bezirksgerichts-Director Petsch, von Baden Oberhofgerichtsrath Wieland, von Hessen Oberstaatsanwalt Buri, aus Thüringen Agricola, aus Lübeck Schlesinger, aus Elsaß-Lothrtngen Derscheid, aus Anhalt Bolze, aus Braunschweig Spieß. Zum Retchsoberanwalt wird Seckendorff (Köln), zu Reichsanwälten werden Wolff (Berlin), Hofinger (Leipzig) und Stenglein (München) ernannt. Nach einer weiteren Bekannt- machui g wird Simfon zum wirklichen Geheimerath mit dem Prädikat Excellenz ernannt.
Aus Thüringen, 30. April. Vor Kurzem hat der Magistrat in Koburg den B.schluß gefaßt, die dort garnisontrenden acttven und pensiontrten Offictere zur Zahlung der städtischen Steuer heranzuziehen und ihnen dies durch ein Dienstschreiben angezeigt. Jetzt hat nun das Corpscommando in Kastel an den Koburger Magistrat einen Erlaß des Inhalt ergehen lasten, „daß .... bei einem nochmaligen Versuche, die Osficiere zur Steuerzahlung heranzuziehen, das Commando sich veranlaßt sehen werde, das in Koburg gar- nisonirende Bataillon der Stadt zu entziehen." Der Magistrat hat es unter diesen Umständen für bester gehalten, seinen Plan fallen zu lasten, doch sollen (wie das „Goth. Tagebl." mittheilt) einige Osficiere sich freiwillig zur Zahlung der Steuern erboten haben.
Ilußland.
Petersburg. Wie der Czar seine Reise nach der Krim vollzogen hat, wird von Wiener Blättern folgendermaßen geschildert: Am 24. April bat der Czar Petersburg verlaffcn und sich nach Livadia begeben. Auf den Bahnhof fuhr er in einer eisernen Karoste, welche von einer 400 Mann starken Escorte begleitet wurde. Der Bahnhof selbst war mit Militär und Polizei von allen Seiten cernirt und der Eingang zu demselben Jedermann verboten. In ähnlicher Weise waren auch auf allen Eisenbahn-Stationen, wo der den Czaren führende Zug Halt machen sollte, die sorgfältigsten Sicherheitsmaßregeln getroffen. Außerdem wurden längs der ganzen Eisenbahnlinie in ziem-


