Sonntag den 2 November
1879
Gießener ^Anzeiger
Mize- M Amtsblatt fit Üea Kreis Gieße«.
Erscheint tügkich mit Ausnahme des Motttags.
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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit »ringerlohn.
Durch die Post bezöge« vierteljährlich 2 Mark 50
-rr. 236. Erstes Blatt.
Gefundene Gegenstände:
1 weißer wollener KinderhandsLuh 1 Peitsche, 1 Schlüssel, 2 weiß- Taschentücher, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Sack mit Weißkraut Die Gegenstände find auf der Polizeiwache (Schloßgaffe 258) aufbewahrt. P
Gießen, den 1. November 1879. Großherzogliche Poltzeiverwaltung Gießen.
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Fotilischer Hheit.
Wochenüderficht.
Obwohl über die Natur und Tragweite der Wiener Abmachungen kaum ein Zweifel besteht, so fehlt eö dennoch an jeder officiellen Verlautbarung, welche den in der Lust liegenden Combinetionen thatsächltche Gestalt verleiht; das bekannte Telegramm der „Köln. Ztg." hat seinen officiellen Geburtsschein bisher noch nicht beizubrtngen vermocht, selbst einer daran geknüpften Aeußerung des Ministers v. Puttkamer wird der authentische Werth abgesprochen und die Thronrede, womit Kaiser Wilhelms am 28. Octbr. den preußischen Landtag eröffnete, geht mit tiefem Schweigen darüber hinweg und läßt es bei der trockenen Auszählung der bereits bekannten Vorlagen bewenden, mit denen sich die Session zu beschäftigen haben wird.
Die zweite Kammer der hessischen Landstände trat auch am 28. October zu einer Session zusammen, in welcher spectell für unsere Provinz schwerwiegende Vorlagen zur Verhandlung gelangen resp. schon gelangten.
Die preußische Generalsynode beschäftigt sich angelegentlich mit der Schulsrage und einigte sich, bet der Regierung zu beantragen, daß der consessionelle Charakter der Volksschulen und womöglich auch der höheren Lehranstalten gewahrt, die gemischten Schulen nur auf das unabweisbarste Be- dürfniß beschränkt und die Ausfichtsgebiete der Bezirks-Schnlinspectoren nach der Confessio» der ihnen unterstehenden Schulen geschieden werden.
Die Beisetzung der Lerche des verstorbenen Ministers v. Bülow erfolgte unter großer Trauerseierlichkeit, an welcher außer dem Kaiser verschiedene fürstliche Personen, das diplomatische Corps, sämmtltche Staatsmtnister und zahlreiche Generale theilnahmen.
Im preußischen Ministerium wurde abermals ein Posten leer, da sich der Juptzmtnister Leonhardt in Folge seiner erschütterten Gesundheit ge- nöthigt sah, um seine Entlastung etnzukommen; an deffen Stelle wurde Staatssecretär Friedberg mit der Leitung des Justizministeriums betraut.
Fürst Bismarck wird unter dem Etnfluffe der Herbstwitterung wieder stark von seinem neuralgischen Leiden hetmgesuchl und mußte deshalb seinen Hausarzt, Dr. Struck, von Berlin nach Varzin entbieten.
Der Kaiser empfing zwei russische Gäste: die aus Frankreich zurückkehrenden Großfürsten Alexis und Paul; dagegen unterließ es der Großfürst Constantin, Bruder des Czars, bet seinem kürzlichen Aufenthalte in Berlin seinen kaiserlichen Verwandten einen Besuch zu machen.
In Baden schritt man zu den Landtagswahlen, wobei die liberale Partei von ihren bisherigen 27 Sitzen 4 an die Klerikalen, 2 an die Conservattven einbüßte. Im Ganzen sind die Liberalen durch 21, die Klerikalen durch 10, die Conservattven und Demokraten durch je 2 Abgeordnete vertreten.
Die bayerische Kammer der Retchsräthe berteth die vorliegenden neuen Eisenbahnprojecte und lehnte in der wohlbegründeten Erwägung, daß dem unbegrenzten Verlangen der Bevölkerung nach neuen Eisenbahnen ein Dämpfer ausgesetzt werden müffe, die Ausführung verschiedener vorgeschlagener Bahnlinien ab.
Seitens der deutschen Regierung erging an Oesterreich.Ungarn die formelle Einladung, seine Bevollmächtigten zu den handelspolitischen Verhandlungen möglichst Haid nach Berlin zu schicken; in Folge besten steht der Beginn der Vorberathungen für die ersten Novembertage in Aussicht.
Dem österreichischen Parlamente liegen in beiden Häusern die Adreßentwürfe zur Discussion vor; tm Abgeordnetenhause wurde ein Antrag auf Aufhebung des Zeitungsftempels Angebracht; die Regierung macht ver- schiedene Vorlagen, worunter eine über Herstellung des Zollverbandes mit Bosnien und der Herzegowina.
Der österreichische Staatsvoranschlag für 1880 weist ein Deficit von über 12 Millionen Gulden nach, der ungarische Ausfall beläuft sich auf 17 Millionen Gulden. 1 'w 1
S ttdem Gambetta nach Paris zurückgekehrt ist, befleißigt sich sein Organ, die „Republtque srancaise", eines etwas gemäßigteren Tones und ist hinsichtlich ihrer Forderung nach einer vollen Amnestie den verbannten Com- munisten zurückhaltender geworden.
Die Regierung verfügte die Absetzung einer neuen Serie von Bürgermeistern, welche sich an legitimisttschen Banketten betheiligten, und über die Oificiere der Kriegsschule zu Saumur verhängte der Krtegsminister eine D'sc!ptlnarstrafe, weil sie dem spanischen Thronprätendenten, L on Carlos, den B such der Anstalt gestattet und ihn sogar mit nahezu fürstlichen Ehren empfangen hatten; dagegen hat das unterdrückte communistische Blatt, die „Marseillaise", unter dem veränderten Titel: „Mot d’ordre“ (Loosungs-
wort) eine fröhliche Auferstehung gefeiert und Lyon in der Person des jüngst amnestirten Garel nun ebenfalls einen Communarden in den Gemetnderath gewählt. Bedenklicher noch erscheint, daß eine ganze Körperschaft, nämlich der Generalrath des Seinedepartements, sich der Communisten angenommen hat und für die volle Amnestie eingetreten ist. In Marseille beräth der socialistische Arbeitercongreß über das Wohl der Republik und die Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände, wobei die emancipirten „Bürgerinnen" das große Wort führen.
Die Einsetzung des neuen türkischen Ministeriums mit seinem reformseindlichen Charakter wird als ein russischer Schachzug ausgelegt. Die Türket läßt Festungsanlagen nach der österreichischen Sette htn in Angriff nehmen, zu denen Rußland jedenfalls das Geld hergiebt, auch soll der an der ostrumelischen Grenze gezogene Kordon aufgelöst und die Truppen nach Albanien verlegt werden.
Der Berliner Friede hat den Montenegrinern das kleine Gebiet von Goustnje Plaoa zugetheilt, wodurch sich einige Arnauten-Stämme in ihren Besitz- und Weiderechten geschädigt finden. Sie haben daher zu den Waffen gegriffen und die montenegrinischen Wachtposten in Archanttza überfallen, woraus für' die Türkei leicht eine neue Katastrophe erwachsen kann.
Der Kaiser von Rußland machte dem jungen bulgarischen Fürstenthume einen Kriegsschoner zum Geschenk, wodurch die Donauflotille, für welche eben auch zwei Kanonenboote im Bau begriffen sind, einen wtükomme- nen Zuwachs erhielt.
Die Werbung des jungen, früh verwittweten Königs Alfons von Spanien um die Hand der Erzherzogin Marie Christine ist nun durch den als außerordentlichen Botschafter nach Wien entsandten Herzog Baylen beim österreichischen Kaiser in osfictellem Akte erfolgt. Bereits wußte sich die künftige Königin die Herzen der Spanier zu gewinnen; aus ihren ausdrücklichen Wunsch nämlich sollen alle Hochzeitsfeierlichkeiten in der Hauptstadt unterbleiben und die dafür bestimmten Summen zum Besten der Ueberschwemmten von Murcia verwendet werden.
In Kabul flogen Magazine des Bala-Hiffar mit Munttton und Waffen in die Lust; vier Beamte, welche an der Ermordung der britischen Gesandtschaft berhetligt waren, darunter zwei Generäle, wurden von den Engländern gehängt, ebenso der oberste Mollah (Oberrichter), weil er den Glaubenskrieg gepredigt hatte. Das englische Lager, welches bet Shuturgardan schon seit Wochen von mehreren Tausend Mongols umzingelt wurde, hat sich endlich frei gemacht. Die Engländer gehen mit der Absicht um, sich in Afghanistan häuslich einzurichten, Militär- und Civilverwaltung unter englische Officiere und Beamte zu stellen, und über das Ganze einen englischen Residenten zu setzen, neben welchem ein Prinz aus der Familie Jakub Khan>s als Schein- Gouverneur regieren soll.
Die Russen erkennen seit der Abdankung des Emirs den Bestand eines einheitlichen Afghanistan nicht mehr an und zeigen nicht übel Lust, ihre Hände nach verschiedenen, an Kaschemir grenzenden Gebieten auszustrecken, die durch ihr Gold und Getreide, ihre Juwelen und Kamele besonders begehrenswert erscheinen.
Nach wie vor beunruhigen in Colorado die Utah-Indianer die dortigen Ansiedelungen, so daß die Unionstruppen noch nicht am Ende ihrer militärischen Operationen angelangt sein dürfen.
Das gelbe Fieber, welches in Memphis so arg gehaust, ist in Folge eingetretenen Frostwetters im Erlöschen begriffen.
Deutschland.
m. Darmstadt, 31. October. (ZweiteKammerderStände, 31. Sitzung.) In heutiger Sitzung zweiter Kammer theilt der zweite Präsident Muhl mit, daß der Finanz-Ausschuß den Abg. Theobald, der Gesetzgebungs-Ausschuß denAbg. Küchler zu ihrem Vorsitzenden gewählt haben. Hierauf erstattet Abg. Heinzerling Namens des dritten Ausschusses Bericht über die Eingabe des Abg. Baur, worin derselbe die Entscheidung der Kammer provocirt, ob er in Folge seiner Ernennung zum vorttagen- den Rath im Finanzministerium, Abtheilung für Steuerwesen, Mitglied der zweiten Kammer bleiben könne, oder eventuell sich einer Neuwahl zu unterwerfen hätte. Der Ausschuß beantragt, die Kammer wolle sich dahin aussprechen, daß eine Neuwahl nicht nothwendig erscheint.
Abg. Schröder berichtet hierauf Namens des Finanz-Ausschusses über die budgetmäßige Forderung der Regierung in Bezug auf die Anstellung eines kulturtechnischen Personals im Betrage von 14000 Mk., von welchem bis zum Zustandekommen des Gesetzes über Errichtung einer Landeskultur-Rentenkasse nur der Betrag für einen Landeskultur-Ingenieur — 6300 Mk. zur Verfügung gestellt war. Nachdem nunmehr die betreffende Gesetzesvorlage angenommen ist, beantragt der Ausschuß, die Kammer wolle für den Gehalt eines definitiv anzustellenden Kultur-Jnspectors jährlich


