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1877/78. Die zweite Berathung der SS 3-10 des Vogelschutzgesetzes auf Grund des Commissionsberichtes wird von der Tagesordnung abgesetzt und hierauf mit der zweiten Lesung des Zolltarifs fortgefahren bei Nr. 11 (Haare, Federn, Borsten). Dreyer be­antragt hieroei, Pferdehaare, gekräuselt, in Lockenform gelegt, auch gesponnen, mit 15 ^Zoll zu belegen. (Nach der Vorlage sollten sie zollfrei sein.) Hierbei wird durch itio in partes abgestimmt, wobei sich die Anwesenheit von 191 Mitgliedern ergibt. Die Sitzung wird nunmehr auf eine halbe Stunde vertagt

Die Sitzung wird um 3Vr Uhr mit der beschlußfähigen Anzahl von Abgeordneten wieder ausgenommen. Das Amendement Dreyer wird abgelehnt und die bezügliche Position in der Fassung der Commission genehmigt. Für gereinigte Bettfedern wird auf Antrag Windthorst's Zollfreiheit gewährt (statt 6 X in der Fassung der Com­mission). Bei Nr. 19 (Kupfer rc.) beantragt Neumann, Kupfer m rohem Zustande oder als Bruch mit 3 X pro 100 Kilogramm zu besteuern, während die Commission Zoll- freiheit beantragte. Der Antrag Neumann wird abgelehnt.

Position 19 (Kupfer) wird unverändert nach den Anträgen der Commission angenommen, ebenso Position 38 (Thonwaaren) Nächste Sitzung Dienstag 10 Uhr

Berlin, 30. Juni. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Nach unseren Informationen ist es außer Zweifel, daß die Regierung nicht gewillt ist, be­züglich der Verstaatlichung der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn an die Acttonäre weitere Zugeständnisse zu machen, vielmehr auf dem im Mintsterial- Erlasse vom 3. Juni kundgegebenen Standpunkt fest beharrt. Die bevorstehende Generalversammlung dürste darüber auch nicht im Zweifel belassen werden, daß die Regierung bei der Nichtannahme des zwischen ihr und den Gesellschafts. Vorständen vereinbarten Vertrages von weiteren Verhandlungen Abstand nehmen werde.

Die Nachricht, der Ftnanzmintster Hobrecht habe seine Entlassung erbeten, wird von derNordd. Allg. Ztg." bestätigt. Die Nachricht, daß die Regierung in der Zolltarifcommisston des Reichstages für den Antrag v. Franckenstein gestimmt habe, beruht demselben Blatte zufolge, auf einem Jrrthum. Wahr ist, daß, wie auch der Ftnanzminister Hobrecht in der Tarif- Commission ausdrücklich hervorgehoben hat, die verbündeten Regierungen noch keine Stellung zu dem Anträge Frankenstein genommen haben, somit eine Er­klärung über denselben regierungsseitig nicht abgegeben werden konnte.

Petersburg, 30. Juni. Die Behauptung auswärtiger Blätter, der russische Botschafter Lobanoff habe bei der Pforte gegen den Jrade bezüglich der Ersetzung des Khedive Ismail durch Tewfik Verwahrung eingelegt, ist un­richtig. Rußland versuchte keineswegs die Politik der anderen Mächte zu durchkreuzen. Bezüglich etwaiger Sommerretsen des Kaisers ist keinerlei Disposition getroffen. Der deutsche Botschafter v. Schweinitz wird unmit­telbar hier zurückerwartet.

Paris, 30. Juni. Heute Vormittag hatte die Partei des Appell au peuple eine Zusammenkunft in Rouher's Wohnung. Das Testament des Prinzen Napoleon nebst den dazu gehörigen Codicillen wurde verlesen. Irgend ein Beschluß wurde nicht gefaßt. Ferdinand Barrot und Murat wurden be­auftragt, sich zum Prinzen Jerome zu verfügen und ihm von dem Testament Mitthetlung zu machen. Rouher lehnte diese Mission ab mit der Erklärung, er sei seit dem Tode des Prinzen unwiderruflich entschlossen, sich mit activer Politik nicht mehr zu befassen.

Versailles, 30. Juni. Die Deputirtenkammer beschloß, den Gesetz­entwurf, betr. die Freiheit des Unterrichts, als dringend zu behandeln.

Chislehurst, 30. Juni, früh. Im Zustand der Kaiserin Eugenie ist keine bemerkenswerthe Aenderung eingetreten; die Nacht verlief unruhig.

Berlin, 30. Juni. Das Inkrafttreten der neuen Organisation Elsaß- Lothringens ist derNordd. Allg. Ztg." zufolge nicht vor dem 1. September zu erwarten.

Köln, 30. Juni. Die Generalversammlung der Köln-Mindener Eisen­bahngesellschaft hat mit großer Majorität den Antrag auf 6 pCt. in Consols nebst einer Convertirungsprämie angenommen.

Berlin, 30. Juni. Auch die Minister Falk und Friedenthal haben gestern ihre Entlassung eingeretcht. Friedenthal hat sein Entlaffungsgesuch durch Gesundheitsrücksichten begründet; Falk hat sich in milder Weise im All­gemeinen auf die Lage bezogen, die seinen Rücktritt als wünschenswerth erschei­nen lasse, namentlich würden die Verhandlungen mit dem Vatican dadurch erleichtert werden. Der Finanzminister Hobrecht erklärt, daß sein Rücktritt mit dem Franckenstetn'schen Anträge nichts zu thun habe.

Wien, 30. Juni. Meldung derPolit. Corresp." aus Kostantinopel. Der sranzösische Botschafter soll sich dahin geäußert haben, Frankreick könne niemals die von der Pforte verfügte Aushebung des Fermans von 1873 zu­geben, welche Egypten in ebendasselbe Verhältnis zur Pforte zurückversetze, wie es zur Zeit Mehemed Alffs war. Frankreich und England verhandeln wegen eines gemeinsamen Protestes gegen die Aufhebung. Der Ministerrath beriech am 28. Juni darüber, ob dem abgesetzten Khedive die Erlaubniß, nach Kon­stantinopel zu kommen, erthetlt werden soll, faßte indeß keinen Beschluß. Gestern wurde vom Ministerrath die griechische Frage verhandelt. Die Pforte soll heute den Mächten eine hierauf bezügliche Mittheilung macken. Die Ge­rüchte über die Erschütterung der Stellung des Großvezirs Khereddin gewinnen neuerlich an Consistenz.

London, 30. Juni, Abends. Oberhaus. Lordkanzler Cairns bringt die irische Universitäts-Bill ein, welche darauf in erster Lesung angenommen wird; dieselbe bezweckt die Auflösung des Queens-College und Errichtung einer neuen Universität. Beaconsfield erklärt auf Befragen Strathedens: Es finde kein öffentliches Begräbniß des Prinzen Napoleon statt; die Leiche wird in Sherneß gelandet und von königlicher Artillerie nach Chislehurst begleitet; letztere wohnt auch der Beerdigung bei.

Belgrad, 30. Juni. General Alimpic und der Großindustrielle Vschetecka sind als Delegirte zu den Verhandlungen über die Eisenbahnconven­tion noch Wien abgereist. In Folge andauernder Dürre in ganz Serbien wird eine arge Mißerndte besorgt.

Alexandrien, 30. Juni. Der ehemalige Khedive Ismail Pascha mit den Prinzen Huffein und Haffan ist heute Abend 6 Uhr auf einer Dacht nach Neapel abgereist; bei der Abfahrt gaben die französischen und englischen Schiffe Salven ab.

Paris, 1. Juli. Das JournalGaulois" veröffentlicht den Text des Testamentes des Prinzen Louis Napoleon; dasselbe enthält die bereits bekannten Bestimmungen und endigt mit einem Codicill, welches den ältesten Sohn des Prinzen Napoleon als denjenigen bezeichnet, welcher das Werk Napoleon'S I. und Napoleonas III. fortsetzen solle.___________________

Lokale s.

Gießen, 1. Juli. Der hiesige Turnverein feierte am Sonntag unter großer Bethei­ligung sein 32jähriges Stiftungsfest auf der Badenburg, und der Verlauf der frohen Feier

Auszug.

machen.

zu

in

des Verfahrens dm verfügenden Zustellung einer Theile und mit

Otto Schöner, Pfarrvicar.

Endurtheil.

In Untersuchung gegen Adam Scheyda von Gießen wegen Beleidigung durch die Preße.

war ein schöner und alle Festtheilnehmer befriedigender. Nachmittags 1 Uhr traten die activen Tumer des hiesigen Vereins als auch die zur Berberrlichung des Festes hierher gekommenen Turner der Vereine Lich, Nidda, Wetzlar und Wieseck an der städtischen Turnhalle an und bewegten sich von dort nach der Badenburg, woselbst zunächst der 1. Sprecher Herr Philipp Uhl eine Ansprache an dieselben hielt. Hierauf begannen während die Klänge der hiesigen Regimentsmusik durch den Garten schallten, die turnerischen Uebungen und zwar zunächst die Frei- und Ordnungsübungen, Preis- und Kürturnen. Sämmtliche Uebungen machten durchweg einen recht guten Eindruck und legten Zeugniß für das lobenswerthe Streben der Turner ab, besonders fanden die Productionen der Turner beim Kürturnen allgemeinen Beifall. Nach Beendigung des Turnens und nach einem einleitenden Rückblicke von Seiten des Turnwarts C. Demuth auf die Geschichte der deutschm Turnerei seit ihrer Begründung durch den Turn­vater Jahn und auf die gegen sie ergangenen Verfolgungen, sowie auf die endlich erfolgte Würdigung und Anerkennung derselben als ein wesentliches Mittel zur Hebung des Volkskraft, begann die Prcisvertheilung. Es wurden im Ganzen 17 Preise ausgegeben, bestehend in Diplomen und für die 6 ersten Preise noch Eichen-Laubkränze. Gießen erhielt 12 Preise, darunter den ersten, Wetzlar 3 Preise, darunter den zweiten, Lich erhielt den achten und Wieseck erhielt den neunten Preis. Mit diesem feierlichen Acte welcher mit einem donnernden Gut Heil" auf die deutsche Turnerei endigte, war das Fest als ziemlich abgeschlosien zu betrachten. Durch die zahlreiche Betheiligung von allen Seiten der hiesigen Einwohnerschaft konnte man das Wollwollen erblicken, welches dem Turnverein entgegengebracht wurde.

Gießen, 1. Juli. Wegen Diebstahl wurde gestern Abend ein Frauenzimmer verhaktet.

Heute Morgen gegen 5 Uhr erhängte sich in der Wolkengafse ein Mann. Ein hinterlaßener Zettel spricht Frau und Kinder von der Ursache des Selbstmordes frei; er, der Selbstmörder allein sei Schuld daß er so tragisch ende.

Das Befinden des durch Revolverschüsse verwundeten jungen Mannes ist nicht ganz gefahrlos. Die Kugel ist, entgegen unserer gestrigen Nachricht, im Schenkel noch nicht gefunden.

wird

auf die am heutigen Tage gesetzlich gepflogene Verhandlung, bei welcher Rubricat anwesend, auf den vom Großherzoglichen Staatsanwalt gestellten Antrag nach stattgehabter Berathung des Großherzoglichen Bezirksstrafgerickts im Berathungszirnrner;

auf Grund nachfolgender Gesetzesstellen: SS 185, 186, 73, 194, 200 St. G. B. Art. 322 St. G. B. sowie Art. 243 d. G. v. 5. April 1877 :c.

hierdurch zu Recht erkannt:

Adam Scheyda von Gießen, 32 Jahre alt, verheirathet, Redacteur, ist wegen des ihm zur Last gelegten Vergehen der Beleidigung in eine Geldstrafe von zwanzig Mark, im Falle der Uneinbringlichkeit mit vier Tagen Haft zu verbüßen, sowie zum Ersätze der Kosten zu verurtheilen, auch dem Ankläger K Unverzagt die Befugniß zuzusprechen,

lich halten.

Gießen, den 30. Juni 1879.

Georg Schlosser, Pfarrer.

An die Redaktion desGießener Anzeigers".

Auf Grund des Preßgesetzes fordern wir Sie auf, die nachfolgende Erklärung Ihrem Blatte abzudrucken.

Wir haben die Zusendung der kirchlichen Nachrichten und der Kirchenbuchsauszüge an Sie unterlassen, weil eine solche öffentliche Aufforderung*), wie Sie sie in der Woche zuvor an uns gerichtet haben, zumal Männern im öffentlichen Amte gegenüber nach den Gewohnheiten der guten Gesellschaft für so ehrenrührig und beleidigend gilt, daß uns dadurch eine fernere amtliche Verbindung mit Ihnen vorerst unmöglich gemacht wurde. Sie klagen uns damit vor der Gememde gradezu der Unpünktlichkeit in einer von uns übernommenen Verpflichtung an. Diesen Eindruck haben Sie jetzt noch dadurch verstärkt, daß Sie behaupten, daß mehrfach mündlich an uns gerichtete Bitten vergeblich gewesen seien. Von solchen mündlichen Aufforderungen wissen wir beide am Orte anwesenden Geistlichen nichts**), und dasselbe können wir von dem gegenwärtig abwesenden Herrn Pfarrer Dr. Seel, der seine Auszüge immer schon Tages zuvor mit den kirchlichen Anzeigen versendet, versichern. ***) Eine Verzögerung mag in ganz seltenen Fällen einmal vorgekommen sein, da der Geistliche, der die Amtswoche hat, grade am Ende der Woche mit Arbeit oft überladen ist, oder auch der Kirchendiener, wie es diesmal der Fall war, durch anderweitige Aufträge verhindert sein kann. Dann wäre es aber das allein richtige gewesen, wenn die Redaktion, der wir diese Auszüge jahraus jahrein aus Gefälligkeit liefern, dieselben hätte abholen lassen. Sie haben statt dessen den von Ihnen emgeschlagenen Weg vorgezogen. Wir können das Urtheil darüber ruhig der Gemeinde überlassen. Sie wird eine solche Behandlung ihrer Geistlichen mit ihrer eignen Ehre unverträg-

Theil dieses Urtheils auf Kosten des Beschuldigten binnen 14 Tagen von Urtheilsausfertigung an, einmal durch den Gießener Anzeiger, in demselben derselben Schrift, wie der Abdruck der Beleidigung geschah, öffentlich bekannt

V. R. W.

So geurtheilt und alsbald in öffentlicher Sitzung verkündet Ouvrier. Kullmann. Großmann. Kattrein.

Für den Auszug.

Kattrein.

*) VonAufforderung" in diesem Sinne kann unserer Ansicht nach keine Rede sein; wir haben einfach die Herren Geistlichen ersucht, uns das Manuscript etwas früh­zeitiger zustellen zu wollen, da wir sonst mit dem Satze nicht rechtzeitig fertig würden.

** ) Wir müssen hier unsere Angabe aufrecht erhalten. Sehr oft haben wir durch den Kirchendiener die Herren Geistlichen in obigem Sinne gebeten. Wenn die Bitte nicht ausgerichtet wurde, trifft uns keine Schuld. Ohne Ursache würden wir uns jedenfalls nicht veranlaßt gefunden haben solche öffentlich auszusprechen.

** *) Herrn Pfarrer Dr. Seel hatte unsere Bitte nicht gegolten und müssen wir auch hier bestätigen was beide unterzeichnete Herren hierüber sagen. Wir haben ge­glaubt, das was Herrn Dr. Seel möglich war, auch von den anderen Herren Geift- lichen erwarten zu dürfen. D. Web.

Verloosungeu.

Karlsruhe, 30. Juni. Bei der heutigen Gewinn-Ziehung der Badischen 35 fl. Loose fielen je 1000 fl. auf die Nummern 42222 52604 53905 61404 82866 101330 155855 187934 266778 267786. __

Handel und Verkehr.

Gießen, 1. Juli. Auf dem heutigen Wochenmarkte kostete: Butter per Pfd. X 0,80 bis X 0,90, Hühnereier per Stück 4i/2u. 5 H, Gänseeier, per Stück Enteneier, per Stück 5V2 4, Käse, per Stück 48 Käsematte, per Stück 3 Erbsen, 1 Liter 17 H, Linsen, 1 Liter 20 H, Tauben, das Paar 75 Hühner, per Stück X 1.25, alte Hahnen, per Stück X 1,30, junge Hahnen, per Stück X 0,90 Enten, per Stück X 1,50, Kartoffeln, per 100 Kilo X 9, Zwiebeln, per Ccntner X, Milch per Liter 16 u. 18 Ochsenfleisch, 70 H per Pfd., "Kuh. und Rindfleisch 5660 Hammelfleisch 6070 H, Schweinefleisch 56-60 X Kalbfleisch 4650 H. Kirschen per Pfd. 2025

Frankfurt, 30. Juni. (Fruchtbericht.) Mehl Nr. 1, X 39, Nr. 2, X 37 Nr. 3 X 31, Nr. 4 X 27, Nr. 5 X 21. Roggenmehl <% (Berliner Marke) X 21.50 bo I (Berliner Marke) X 19.5020, do. II (Berliner Marke) X 14.5015.50. Weizen effectiv hiesiger ab Bahnhof hier X 21, «b unserer Umgegend X 20,25-50 bo. fremder je nach Qualität X 19,50 21, Roggen, je nach Qualität X 13 15.25, Gerste X 16,5017,50, Hafer X< 13,7515,25, Kohlsamen X 26, Erbsen 1927, Wicken X 1416, Linsen X 1736, Bohnen, weiße, X 19.50, Roggenkleie, Weizenkleie, grobe und feine X Rüböl, detail, X 62. Stimmung matt. Drmgenv offerirt Hauptsächlich gefragt war (Die Preise verstehen sich särnmtlich per 200 Pfund Zollgewicht 100 Kilo.)

Frankfurt, 30. Juni. Der heutige Diehrnarkt war gut befahren. Angetrieben waren ca. 400 Ochsen, 230 Kühe und Rinder. 230 Kälber und 300 Härnrnel. Die Preise stellte . sich: Ochsen 1. Qual. X 6668, 2. Qual. X 5862, Kühe und Rinder 1. Qual. X 5960, 2. Qual. X 5456, Kälber 1. Qual. X 5254, 2. Qual. 4648, Härnrnel 1. Qual. X 5560, 2. Qual. X 50-52. Schweine das Pfd. 54