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Mittwoch den 2 Juli , 1879.

chießener 'Htn^eiger

Anzeige- und Amtsblatt fit den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Deutschland.

Berlin, 28. Juni. Die Tabakssteuer-Commission beschloß ferner, daß die »olle Steuer von 45 Mk. für inländischen Tabak erst am 1. April 1882 eintrete und daß die Steuer vom 1. April 1880 bis 1. April 1881 nur 20 Mk., vom 1. April 1881 bis 1. April 1882 30 Mk. betrage.

Berlin, 29. Juni. Ofsiciös wird geschrieben:Die Spaltung der uativnaüiberalen Partei scheint jetzt nach dem Geständutß derjenigen Organe, welche bisher die Thatsache am entschiedensten bestritten, nicht mehr verdeckt werden tu können. Die Enthüllungen des Correspodenten derHamb. Rachr." «erden zwar In derNat.-Ztg." unter Berufung auf dieN.-L-C-" noch in Abrede gestellt, dagegen von derTribüne" als richtig anerkannt. Aus parla- mentarischen Kreisen verlautet, daß Abg. v. Bennigsen über die jetzt anerkannte Nothwcndtgkeit der Auseinandersetzung keinen Zweifel mehr lasie. Es wäre ,n der That schwer begreiflich, wie eine Partei Elemente wie Bennigsen und Lasker, noch weniger aber wie Bennigsen und Bunsen auf die Dauer zusam­menhalten könne. Was Lasker betrifft, so enthält die neueste Nummer des Grenzboten" eine eingehende und schlagende Darstellung seines ganzen politi- schen Wirkens und seines Verhaltens gegenüber dem Fürsten Bismarck. Es erhellt daraus unwiderleglich, in welchem Grade di: Wirksamkeit des genannten Abgeordneten die Ursache gewesen ist, ein wahrhaft erfolgreiches unb. ver­trauensvolles Zusammenwirken der nattonalltberalen Partei mit dem Fürsten Bismarck unmöglich zu machen. Dabei wird in dem Artikel und dies verstärkt den Eindruck deffelben, weder den Absichten, noch dem Charakter oder dem Talent des Abg. Lasker irgendwie zu nahe getreten."

DerKöln. Ztg." wird von hier geschrieben: Obgleich Herr v. Ben­nigsen bei seinen Verhandlungen mit dem Reichskanzler nur mit wenigen Parteigenossen Rücksprache genommen hatte, so ist die Ablehnung der von ihm geforderten constitutionellen Garantien doch von entscheidender Wichtigkeit für die Stellung der nationalliberalen Partei. Bei Weitem die meisten Mitglie­der der Partei sehen sich jetzt in der Lage, gegen die Finanzzölle, und da diese mit den Schutzzöllen unzertrennlich verbunden sind, gegen die ganze Vorlage zu stimmen, und nur einige eifrige Schutzzöllner dürsten sich bet dieser Gele­genheit absondern. Die conseroativcn Blätter sind eifrig bemüht, ihr Bündntß mit den Klerikalen zu rechtfertigen und zu eiuschuldigen. Sie behaupten, daß der Antrag v. Bennigsen auch durch den B-itritt der Conservattven, falls der Antrag für diese annehmbar gewesen wäre, nicht die Mehrheit erhalten haben würde, und übrigens entwickeln sie, daß der Franckenstetn'sche Antrag nur zum Schein eine Stärkung des Parttkalarismus bedeute. Man behauptet zwar, daß das Reich jetzt nach wie vor bei den Einzelstaatcn zu Gaste gehe; aber es habe ihnen die Mahlzeit in's Haus geschickr. Der Reichskanzler habe es durchgesetzt, daß das Reich durch tndirecte Steuern alles Röthige herbeischaffc sür sich selbst, und sogar noch für die Einzelstaateu etwas übrig taffe. In­dessen ist doch bekannt, daß dte bisherige, von allen Nationalen gebilligte Loosung des Reichskanzlers dieAbschaffung der Mairikularumlagen" war; und diese Maliikularbetiräge werden betbehalten werden. Das Centrum hat unbestreitbar einen großen Sieg erfochten und glaubt dabei sich Ansprüche auf dte Dankbarkeit des Reichskanzlers erworben zu haben. Allerdings stnd den Ultramontanen für ihre Unterstützung der Reichskanzlerpolttik keine unmittel­baren Zugeständniffe auf kirchenpolitischem Gebiete in Aussicht gestellt worden; aber wenn Jemanv einen Schaffner bittet, ihm ein Coupö allein zu überlasten, so weiß dieser recht gut, daß, falls er diesen Wunsch erfüllt, er am Ende der Reise auf ein gutes Trinkgeld zu rechnen hat. Vorläufig wird das Centrum von den Conscrvativen eifrig ermahnt, nun auch zur Besiegelung des Bünd- nistes eine recht tüchtige Tabakssteuer zu bewilligen. Der Finanzmintstcr Hobrecht hatte tn der Tarifcommission erklären lasten, unter 100 Mk. könne die Regierung es nicht thun. Jndcsten bewilligte die Commission nur 85 Mk-, und Personen, welche sich für cingeweidt ausgcben, behaupten, daß 85 Mk. die Summe sei, mit welcher sich die Regierung schlimmsten Falles zufrieden geben werde. Das ist immerhin ein hoher Zoll, desten Last die Tabaksfabri­kanten spüren werden. Die Nachsteuer ist auch bet der zweiten Lesung mit großer Mehrheit verworfen worden, und so dürfen wir wohl mit Sicherheit hoffen, daß dte Regierung auf die vexatortsche Maßregel verzichten werde.

Schweiz.

Bern, 27. Juni. Gestern Abend wurde Bern und Umgebung wieder plötzlich von einem Orkan heimgesucht, welcher so heftig war, daß ein vor der Stadt gebaute« Haus, welches das gleiche Schicksal schon einmal bei dem Sturmwind am 22. Februar d. Js- erlitten hat, vollständig^niedergeriflen wurde. Waren derartige Unwetter in diesem Frühjahre tn der L-chwctz nichts Seltenes, so scheinen sich doch im Allgemeinen die diesjährigen Erndteaus- sichten nicht zum Ungünstigsten zu gestalten. So wird unter Anderm die Heu- erndte vor wenigen Wochen noch war das Gras so zurück, daß man an eine grobe Mißerndte glaubte, wie mau von allen Seiten hört, auch dieses Jahr wieder eine äußerst ergiebige fein, nur daß sie etwas später etngebracht werden wird, als gewöhnlich. Ebenso läßt sich Die Saison In Betreff der Touristen sür die Schweiz recht gut an, namentlich sind es Amerikaner und Engländer, welche den Fremdenverkehr zu beleben anfangen. Nachdem nun so ziemlich alle Alpenpäste schneefrei und passirbar geworden seit Ende voriger Woche ist dies auch mit dem Bernina der Fall, steht demselben übrigens auch in dieser Beziehung nichts mehr hindernd im Wege.

Italien.

Rom, 28. Juni, Abends. Der Fürst von Bulgarien sprach dem König und der Regierung seinen Dank aus für den Einfluß, welchen Italien bei seiner Erbebung zum Fürstenthron ausgeübt und erklärte ferner, baß er den Berliner Vertrag gewiffenhast beobachten werde. Derselbe wird Montag nach Brindisi reisen, um sich daselbst auf einem russischen Kriegsschiff nach Konstan- tinopel einzuschiffen. Der König hat dem Fürsten das Großkreuz des Mau- ritius- und Lazarus-Orbens verliehen. _______________

ffireartionöbureaui 1 Schulstraß- B. 18. yxpedttlonSbnreau > I ___

Die Interpellation über die Währungsverhältniffe.

Nur mit peinlichen Gefühlen können wir an die Reichstagssitzung vom IS Juni in welcher die Delbrückffche Interpellation über die Absichten der Reichsregt'erung hinsichilich der Münzwährung zur Sprache kam, zurück denken. Zwar den Wortlaut der Antwort Bismarck's,daß weder im Bun- desrath noch im preußischen Ministerium ein Antrag auf eine Abänderung unserer Münzgesetzg-bnng gestellt, daß die Frage, ob ein solcher zu stellen wäre von keiner Seite auch nur zur Sprache gekommen oder berührt worden ist" diesen Wortlaut könnten wir mit Befriedigung registriren. Aber der Um­stand daß die Blätter derjenigen Parteien, auf welche sich Fürst Bismarck in der mufften Aera stützt, einstimmig für die Doppelwährung eingetreten waren, ebne demeniirt zu werden, daß ferner das Centrumsmitglied Schröder dte bittere Schale, in welcher jener Kern der Bismarck'schen Antwort eingehüllt war, als die Hauptsache ansehen und den Inhalt der ganzen Antwort auf die Formel bringen konnte:Das wird sich finden I" daß endlich diese Interpre­tation der Kanzler-Rede bei den Organen der Co, servativen und der Ceu- lrumspartei mit so viel Wohlbehagen citirt wird Alles das ist darnach angethan, die Befriedigung Über jenen Wortlaut herabzustimmen.

Allein wenn es schon schlimm ist, daß man in weiten Kreisen, bei Freun­den und Feinden der Doppelwährung aus der Antwort des Kanzlers nichts mehr glaubt heraushören zu dürfen, als daß für jetzt jene Frage nicht auf bet Tagesordnung steht, daß also der Gedanke an eine über kurz oder lang etwa bevorstehende Aenderung keineswegs ausgeschloffen ist, so ist es doch fast noch schlimmer, daß die Interpellation zu so scharfen Aeußerungen Seitens des Reichskanzlers Anlaß gegeben hat. Sollte denn der Name eines so emi­nenten Fachmanns und eines so loyalenFreundes" des Reichskanzlers, wie Delbrück es ist, von dem der Kanzler noch vor nicht gar zu langer Zeit sagte, daß er in Wirthschaftsfragm ihm entschiedenüber" sei, sollte ter Name eines Bennigsen, den vor Kurzem der Kanzler noch zur Theilnahme an der Führung des Staatsruders eingeladen hat, sollten die Namen von Männern aus der deutschconservativen Partei, wie Minnigerode u. A., nicht eine hinreichende Bürgschaft dafür bieten, daß die Interpellation lediglich tm öffentlichen Interesse, keineswegs aber, um dem Kanzler Verlegenheiten zu bereiten, eingcbracht war? Wozu in aller Welt ist denn die Volksvertretung noch da, wenn sie in einer notorisch in so hohem Grade die ganze Nation in Spannung haltenden Angelegenheit es nicht wagen darf, fich Auskunft zu erbitten, "ohne fich den Vorwurf zuzuziehen, daß man unüberlegt gehandelt I

Es ist im höchsten Maße zu beklagen und für die rein sachliche Führung der Geschäste, also sür das doch in elfte Linie zu stellende allgemeine Wohl durchaus nicht förderlich, daß bei dieser Gelegenheit, wo nach allgemeiner Auf- faffung tn Retchstagskreisen die Annahme eines Uebelwolleus von Seiten der Interpellanten ganz m.b gar ausgeschloffen und, wie sich aus der Verhandlung herausstellte, auch svrmell die Rücksicht beobachtet war, welche bet Stellung von Interpellationen die der Regierung befreundeten Parteien zu beobachten pflegen, auf Seiten des Kanzlers ein so gereizter Tan angeschlagen wurde. Daß derselbe dann In Bamberger's Gegenrede seinen Widerhall fand, kann nicht befremden. Wir betlagtn tief, daß durch solche Vorkommniffe die Kluft, welche den großen Kanzler von seinen alten Freunden trennt, sich stets erwei- tert. Doch geben wir darum die Ueberzeugung nicht auf, daß hüben und drüben, wo es zu handeln gilt, schließlich doch stets einzig und allein das Wohl des Ganzen maßgebend sein wird.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'« telegr. Korrespondenz, vureaa.

Berlin, 30. Juni. Reichstag. Vor Eintritt in die Tagesordnung theilt der Präsident den Eingang mehrerer Urlaubsgesuche mit. Richter (Hagen) erklärt der Bewilligung der Urlaubsgesuche widersprechen zu müssen, da das Haus wahrscheinlich nicht beschlußfähig fei. Es folgt darauf die Auszahlung des Hauses welche die An- wesenheit von 194 Mitgliedern ergibt. Das Haus ist somit nicht beschlugfahig. Die Sitzung wird auf eine Stunde vertagt

Nach Wiederaufnahme der Sitzung werden die verlesenen Urlaubsgesuche ohne Anstand bewilligt. Der Gesetzentwurf über die Consular-Gerichtsbarkett wird in dritter Berathuna ohne Debatte durch Enbloc-Annahme erledigt; ferner wird ohne Debatte er­ledigt die zweite Berathung der Uebersicht über die Ausgaben und Einnahmen pro