dings könnten die erst achtmonatlichen Erfahrungen für künftige Resultate nicht maßgebend sein. In der Anstalt selbst, die er wöchentlich besuche, sei ihm noch nicht eine einzige Klage wegen mangelnder Verpflegung zu Ohren gekommen. Verpflegt werden augenblicklich 150 Personen, während anderen WO in besonders eingerichteten Familienwohnungen ohne kaserneartigen Betrieb Wohnung ermöglicht sei. Die Belattung der Stadt Offenbach werde unerträglich werden, wenn man sie zwingen wollte, sich an der neu zu errichtenden Anstalt zu betheiligen.
Herr Guntrum (Bensheim) ist zur Zeit gegen den Antrag wegen der Schwierigkeit der Auswahl der auszunehmenden Pfleglinge und mit Rücksicht auf die schlechten Zeitverhältnisse, Herr Oberforstdirector Bose für dieselbe. Herr Bürgermeister Krödel (Michelstadt) will die Errichtung solcher Anstalten den Kreisen überlassen haben, während Herr Engelhard unter Hinweis auf den Segen, welcher von Anstalten der Art in anderen Ländern ausgeht, entschieden für Errichtung einer Provinzialanstalt eintritt, ebenso Herr Ober-Medicinalrath Dr. Reißner, welcher im Austrage des Provinzial- Ausschusses während der Verhandlung als Sachverständiger fungirt. Letzterer glaubt namentlich, daß kleinere Anstalten wegen des mangelnden Interesses versumpfen müssen. — Herr Sparkasserechner Lautz (Groß-Umstadt) tritt für den Antrag des Provinzial- Ausschusses aus Humanitätsrücksichten ein. Abg. Müller (Bensheim) ist für Vertagung der Ausführung mit Rücksicht auf die gegenwärtige bedrängte Lage vieler Gemeinden.
Abg. Bürgermeister Stölting (Offenbach): daß er ein Freund der Siechenhäuser sei, gehe wohl zur Genüge daraus hervor, daß er die Stadt Offenbach zu einer Ausgabe von V< Million für einen solchen Zweck veranlaßt habe. Die Stadt Offenbach sei nicht in der Lage, Kranke in einer anderen Anstalt unterbringen zu müssen, und bei 10 Kranken, die man allenfalls an das Provinzialsiechenhaus abgeben könnte, würden sich die Verpflegungskosten im Jahr auf 830 M. pro Kopf stellen, was wohl nicht als billig erscheinen dürfte. Auch werde die Anstalt in Offenbach nicht versumpfen, da das Armenhaus mit derselben verbunden sei, und er könne dieselbe bis jetzt als Musteranstalt hinstellen, obgleich er die Verbesserungsfählgkeit mancher Einrichtungen nicht in Abrede stellen wolle. Er bitte wiederholt, die Stadt Offenbach von der Betheiligung an der neu zu creirenden Anstalt auszuschließen.
Abg. Osann ist für eine Vertagung der Angelegenheit Zwecks Einholung weiterer Ermittelungen namentlich mit Rücksicht auf die Orte, welche derartige Anstalten schon besitzen, wie Darmstadt und Offenbach. Größere Anstalten allerdings dienen der ärztlichen Wissenschaft mehr, doch errichte man solche nicht für die Aerzte, sondern für die Siechen. — Herr Ob ermedicinalrath Dr. Reißn er hält seine Ansicht über kleinere Anstalten aufrecht und glaubt, eine gedeihliche Wirksamkeit des Arztes sei nur möglich wenn er in seiner Thätigkeit an einer solchen Anstalt seine Lebensaufgabe erblicke. — Abg. Hofgerichtsadvocat Dr. Weber (Offenbach): Die finanzielle Frage könne keinen Grund zu einer Vertagung der Angelegenheit abgeben, da er sich nicht einen derartig raschen Umschwung in den socialen Verhältnissen der Bevölkerung verspreche. Das Bedürfniß der Errichtung eines Provinzial-Siechenhauses liege vor, auch sei der Gegenstand genügend erörtert und vorbereitet. Der Reise des Provinzialausschusses nach Freiburg seien umfangreiche Ermittelungen auf dem Wege der Correspondenz vorausgegangen. Eine Anstalt, wie sie projectirt sei, könne sowohl aus den von Herrn Obermedicinalrath Dr. Reißner angeführten, als auch aus finanziellen Gründen nur als eine Provinzialanstalt betrachtet werden. Der Vorsitzende warnt vor einer Vertagung der Angelegenheit, die einer Verwerfung gleichgelte. — Abg. Bankdirector Kugler (Offenbach) beantragt die Resolution: Der Provinzialtag erkennt an, daß die Stadt Offenbach nach Art. 10 der Kreisordnung berechtigt ist, sich von den Ausgaben auszuschließen, welche behufs Errichtung eines Siechenhauses aufzubringen sind. — Abg. Oberfinanzrath Hoffmann ist für die Vorlage, Kugler, Weber (Offenbach) undHerpel (Groß-Zimmern) dagegen für einen Vertagungsantrag des Abg. Osann, der schließlich auch mit großer Majorität angenommen wird. — Der Abg. Kugler (Offenbach) legt wegen Arbeitsüberhäufung sein Mandat als Mitglied der Oberersatzcommission nieder und wird an seine Stelle per Acclamation Herr Clemens Knipp (Offenbach) gewählt. Die Sitzung wird hierauf geschlossen.
Ems, 28. Juni. Der Kaiser hat gestern Nachmittag eine Spazierfahrt nach Nassau unternommen und Abends der Theatervorstellung betgewohnt. Heute setzte der Kaiser seine Kur wie gewöhnlich fort.
Berlin, 28. Juni. Die „Nat.-Ztg." erwähnt eines in der heutigen Sitzung der Tartfcommtssion aufgetretenen Gerüchts, wonach der Finanzminister Hobrecht seine Entlaffung etngereicht habe. Die anderen Abendzeitungen enthalten nichts darüber.
Berlin, 28. Juni. Die Tarif-Commission beendigte die allgemeine Debatte über die Bedürfnisse der Einzelstaaten und die Finanzzölle, nahm den Wetnzoll nach der Vorlage an und lehnte den Bierzoll ab.
Elberfeld, 28 Juni. Die Generalversammlung der Bergisch-Märkischen Etsenbahngesellschaft genehmigte den Antrag, auf die Concession zum Bau der Linien Barmen-Rittershausen-Blankenstein, Hanfe-Haßlinghausen und Herne- Recklinghausen zu verzichten. Das Geschäftliche wurde ohne Debatte erledigt. — Die „Elberf. Ztg." erfährt, daß demnächst eine außerordentliche Generalversammlung der Bergisch-Märkischen Eisenbahn berufen werden wird, um über die neue Anleihe behufs des Ausbaues der drei bereits concessionirten Linien und die Ausdehnung eines dieser Projekte zu beschließen.
Hesterreich.
Wien, 28. Juni. Das „Telegr. Corresp. - Bureau" meldet: Die Nachricht des „Journal des Debats" in Betreff des Fürsten von Bulgarien ist unrichtig. Der Fürst von Bulgarien, indignirt über die ihm durch Turkhan Bey in Rom zugekommene Mitthetlung, der Sultan verzichte darauf, ihn zu empfangen, hat vielmehr nach Konstantinopel den Antrag gelangen lassen, daß er beabsichtige, dennoch dahin zu gehen, aber das Schiff nicht zu verlassen und auf diesem den Jnstallarions-Berat in Empfang zu nehmen. Der Sultan hat auf diesen Antrag bis gestern nicht geantwortet.
Wien, 28. Juni. Die „Poltt. Corresp." meldet aus Philippopel: Der ostrumelische Dlrectionsrath weigert sich mit den von Setten der Pforte ernannten Civil- und Militärbeamten Dienstverträge abzuschließen und überläßt die Entscheidung in dieser Frage der künftigen Provinzialversammlung. Man will hieraus folgern, daß der Dlrectionsrath die Verwaltung Ostrume- ItenS auf Grundlage des Suzeränitäts-Prtncips zu decentralisiren beabsichtige.
— In dem Betrugsprocesse gegen Dr. Leopold Schweitzer und Ignaz Leopold Sonnenberg wurde Dr. Schweitzer von den Geschworenen für schulv- los erklärt und sreigesprochen, hingegen Sonnenberg in dem Falle Frohner für schuldig erkannt und zu einer Kerkerstrafe von 8 Monaten und zur Ausweisung verurthetlt.
Prag, 28 Juni. Der „Narodny Listy" meldet: Die verfassungstreuen Groß-Grundbesitzer werden der conservatioen Partei auch im Landtage 28 Mandate überlassen.
Sriefl, 28. Juni. Der erste Wahlkörper wählte den Conservatioen, Wittmann, zum Reichsraths-Abgeordneten.
Krankreich.
Versailles, 28. Juni. Kammer der Deputirten. Nach einer Rede des Deputirten Janvier de Lamotte Sohn, welcher die Ferryffchen Entwürfe rechtfertigt und sich zum Republikanismus bekennt, und nachdem Bourgeois die Einwürfe bekämpft har, wird die Generaldebatte fleschloffen. Die Kammer beschließt, mit 366 gegen 150 Stimmen zur artikclwcisen Berathung der Vor- I
lagen überzugehen. — Im Senat interpellirt Gavardin (von der Rechten) über die den Magistraturen durch zahlreiche Versetzungen zugefügten Unbilden. Justlzminister Leroyer erwidert, er wolle eine achtbare und geachtete Mazistra- -ur; aber zugleich eme solche, welche die republikanischen Institutionen respec- tirten. Der Senat nimmt darauf mit großer Major'.tät ein- Tagesordnung an, welche das Vertrauen des Senats in die Festigkeit der Minister ausspricht, um den republikanischen Institutionen Achtung zu verschaffen, sowohl von Seiten der Magistrate wie der Beamten.
England.
London, 28. Juni. „Daily News" meldet aus Alexandrien von gestern, daß das Ministerium zurückgelreten ist und der Sherif ein neues bilder. — Der Ex Vlceköntg von Indien, Lord Lawrence, ist gestorben.
— Oberhaus. Lord Carnarvon lenkt die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Zustände in Armenien und bestreitet, daß die Pforte ihrer Vertrags- Verpflichtung daselbst nachgekommen sei.
Lord Salisbury theilt Carnarvons Mitgefühl mit der Bevölkerung und gibt das Vorhandensein einer Mlßverwaltung in Kleinasien zu, erklärt aber, daß England nicht verantwortlicher als die übrigen Vertragsmächte für den Fortbestand von Uebelständen wäre, die die Erbschaft von Jahrhunderte.» und nicht durch eine Vervielfältigung von dtplomattfchen Versprechungen zu beseitigen seien. Das Zehnten-System sei ein Mißbrauch, aber nicht durch einen Federstrich zu beseitigen. Die Klagen über Bestechlichkeit gehörten mehr der Vergangenheit als der Gegenwart an. Em großer Uebelstand sei die vollständige Desorganisation der Gesellschaft in Klemasren und die Unfähigkeit, den Gewohnheiten der Gebirgsstämme Grenzen zu setzen. Reformen erfordern Geld. Dieses ist aber erst zu haben, wenn die Wunden, die der Krieg geschlagen, geheilt sind, der Frledenszustand wieder völlig hergestellt ist und der Boden wieder bearbeitet wird. Dann füllt sich der Schatz langsam, dann kann die Armee reorganisirr, dann können die Ausgaben vermindert werden, dann hat die Pforte die Mittel, die nöthigen Reformen auszusühren. England hat indessen nicht unterlassen, auf Abhülfe der Uebelstände zu dringen; allein es hat dabei stets die Souveränität des Sultans gewahrt und wird fortfahren, dieselbe zu wahren als Mittelpunkt und Symbol der einzigen Autorität, die besteht und bestehen kann. Wir haben beim Sultan den ernstlichen Wunsch gefunden, die vorhandenen Uebelstände zu beseitigen und sind überzeugt, daß des Sultans Wunsch aufrichtig war. Aber weil England jede Verantwortlichkeit für die Handlungen der türkischen Regierung zurückweist, ist es Pflicht, Alles zu thun, was die Diplomatie thun kann, um die Uebelstände zu vermindern und heil- same Veränderungen herbeizuführen, durch die allein die Dauerhaftigkeit der türkischen Regierung gesichert werden kann.
London, 28. Juni, Abends. Nach osficiellen Angaben aus der Capstadt über den Tod des Prinzen Napoleon bestand die betreffende Recognoscirungs- Abtheilung aus einem Ofstciec und 7 Mann. Als dieselbe von Zulus überrascht wurde, floh der Prinz zu Pferde, kam an eine Stelle, wo Zulus versteckt waren und wurde von diesen getödter. Nach anderweitigen Berichten konnte der Prinz sein Pferd nicht besteigen, weil dasselbe bäumte, und wurde von den Zulus ermordet, während er an der Seite des Pferdes lief. Der Prinz soll die Recognoscirung commandirt haben, indeß soll es dem General Chelmsford überhaupt nicht bekannt gewesen sein, daß der Prinz an der Recognoscirung sich bethetlige. Die Leiche, welcher alle militärischen Ehren erwiesen wurden, wird von Simonsbay nach Europa übergeführt. — Die britischen Truppen setzen den Vormarsch fort; ein Ereigniß von Bedeutung hat nicht stattgefunden.
Rußland.
Petersburg. In Rußland herrscht noch immer der Schrecken. Die Einwohner von Petersburg befinden sich in Angst und Aufregung, denn der biedere General Gurko ließ kürzlich allgemein publiciren, daß Jedermann, der sich durch die anonymen Drohoder Erpressungsbriefe einschüchtern und zu Geldzahlungen an die Verfasser der Briefe bewegen lassen sollte, von nun an gleich einem Verbrecher behandelt und zur gerichtlichen Verantwortung gezogen werde Dieser Ukas verursachte unter den bürgerlichen Klassen eine förmliche Panik, da diese Leute am häufigsten von derlei Brandbriefen belästigt werden und nun befinden sie sich zwischen zwei Feuern. Bisher wurden nicht weniger als 13 Kaufleute und Hausbesitzer zur Verantwortung gezogen, weil dieselben sich durch Zahlungen verschiedener Geldsummen an die revolutionären Propagandisten losgekauft, d. h. vor diesen ihr Leben und ihre Ruhe gesichert haben. Die Revolutionäre fahren indessen fort, Gelder zu erpressen und Brände zu stiften. Vor Kurzem erpreßten dieselben dem Petersburger Kaufmann Jelissejew 30,000, dem Kaufmann Kokarew 15,000, dem Fabrikbesitzer Tanejew 40,000 und einem Privatier 10,000 Rubel. All dies Geld floß demnach zu revolutionären Zwecken und geht es weiter so, so wird das berüchtigte Revolutionscomite bald wieder seine Thätigkeit wie früher in größerem Maßstabe entwickeln können. Anzeichen dafür tauchen bereits auf. Vor wenigen Tagen wurden in einigen Gassen der Hauptstadt Rußlands an die Mauern von unbekannten Personen folgende kuriose Placate aufgeheftet: Oben waren fünf Galgen ausgezeichnet und unter der Zeichnung standen die Worte: „Zum fünfundzwanzigjährigen Regierungs- Jubiläum des Tyrannen Alexander Nikolajewitsch." Die Placate wurden von den Polizisten herabgerissen und nach der Kanzlei des Stadt-Hauptmannes abgeführt. Die Brände sind im Czarenreich noch immer an der Tagesordnung. Bei einem Individuum, das bei einer Brandstiftung ertappt wurde, fand man ein ganzes Lager von allerlei' Zünd- und Brennmaterial, als Zündhölzchen, Flachs, Schwamm, Petroleum u. dgl. Ein anderes Individuum, das ebenfalls als Brandstifter erwischt und nach dem Poli- zeihsuse geführt wurde, vergiftete sich unterwegs mit Cyankali. Bei demselben fand man 186 Rubel in Papiernoten und einen Brief ohne Unterschrift. Alle diese Umstände erhalten das russische Publikum in fortwährender Aufregung. — Am 17. d. zog man rote die „St. Petersb. Ztg." schreibt, aus der Newa bei Petersburg die Leiche eines jungen Mannes, der sich als der Zögling des Gotschiner Nikolaj-Jnstttuts, Constantin Salin, erwies. Am Halse des Ertrunkenen hing ein Zettel von dickem Papier, welches zusammengerollt war und folgende Worte enthielt: „Dieses Individuum heißt Con- stantin Salin und wurde wegen Verrathes von uns gerichtet. Das Revolutions- Comite."
Telegraphische Depeschen.
Wagner'- telegr. TOrrespondenz-Bllrea«.
Ems, 29. Juni. Se. Maj. der Kaiser machte gestern Nachmittag eine Spazierfahrt und wohnte Abends der Theater-Vorstellung bei. Zum heutigen Diner sind Prinz Wilhelm aus Bonn und der Großherzog von Hessen geladen. Die Kur Sr. Majestät nimmt ihren regelmäßigen Fortgang.
Berlin, 29. Juni, lieber die jüngsten Vorgänge in Egypten schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": Dieselben zeigten mit hinreichender Deutlichkeit, daß Frankreich und England betreffs ihrer dortigen Politik einig sind und daß die in der Presse vielfach ventilirte Verstimmung zwischen beiden Mächten thatsächlich nicht besteht. Diese Einigkeit konnte allein zum Erfolge führen und wa' ebenso die Vorbedingung der Unterstützung, welche Deutschland und Oesterreich den Westmächten bei ihrem neuesten Auftreten in Egypten gewährten.


