Nr. l^f». Zweites Matt. Sonntag, den L Juni 1879.
Kießener Htnzeiger
AMP- md AmkdlÄ fit Ära Kreis Gießen.
Medactton-burearr r I, ^xpedittorr-bureau r I
■liu Jli B»M—M
Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MsirtchgO
PreiK vierteljährlich 2 Mar? 20 Pf. mit Bringerloh«, Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
urchaus
NM.
g mit eine Steinen il Belohnung
üaujpieler. d^achgm.^ Fahrg.66^ rein.
■ Juni:
ML
> Uhr leister.
neines an ber: läster halten:.
I Scbwan.
ien
I e.
Heeßen, ).
X1,' X1 X I
X
ifrtljfatrr. eller).
PsinMlOr ttt Frl- Steffan ksangskomkerr Arnberg.
iferfudjt.
!lct.
«r. Stivelter, rtW.
^MrriU« eind» Rct ^.LiMerio»' rl. Lteß°°' hr. ^icharv- plcfll* eians- sF
tze.»
jrte- ,
S v
!illg
Amtlicher H eil.
Berlin, den 1. März 1879.
Bekanntmachung.
Betreffend: Den Remonte-Ankauf pro 1879.
Zum Ankauf von Remonten im Alter von vorzugsweise drei, und ausnahmsweise vier Jahren sind im Bereiche des Großherzogthums Hessen für dieses Jahr nachstehende, Morgens 8 Uhr beginnende Märkte anberaumr worden, und zwar:
am 10. Juli in Alsfeld,
„ 15. „ „ Nidda,
„ 16. „ „ Nieder-Wöllstadt,
„ 17. „ „ Groß-Bieberau,
„ 18. „ „ Bickenbach,
„ 19. „ „ Groß-Gerau,
„21. „ „ Goddelau,
„ 22. „ „ Gernshetm.
Die von der Remonte-Ankaufs-Kommission erkauften Pferde werden zur Stelle abgenommen und sofort gegen Quittung baar bezahlt.
Pferde mit solchen Fehlern, welche nach den Landesgesetzen den Kauf rückgängig machen, sind vom Verkäufer gegen Erstattung des Kaufpreises und der Unkosten zurückzunehmen, auch sind Krlppensetzer vom Ankauf ausgeschlosten. — Die Verkäufer find ferner verpflichtet, jedem verkauften Pferde eine neue starke rindlederne Trense mit starkem Gebiß und eine Kopshalfter von Leder oder Hanf mit 2 mindestens zwei Meter langen starken hänfenen Stricken ohne besondere Vergütung mttzugeben.
Um die Abstammung der vorgesührten Pferde festftellen zu können, ist es erwünscht, daß die Deckscheine möglichst mitgebracht werden.
Kriegs-Ministerium, Abtheilung für das Remonte-Wesen.
von Rauch. von Uslar.
Aotitisch
Wochenübersicht.
Unser Kaiser, desien Befinden andauernd vortrefflich ist, setzte die hergebrachten Truppenbesichtigungen fort, besuchte auch die Berliner Gewerbe- ausstellung, über deren großartige Leistungen er seine vollste Anerkennung aussprach. Am 24. Mat empfing er die neugewählten Präsidenten des Reichstages , gab am folgenden Tage ein Diner zu Ehren des Fürsten Alexander von Bulgarien und folgte am 26. d. einer E nladung des fürsten Bismarck zur Tafel. Die Kaiserin ist von ihrer englischen Reise nach Coblenz resp. Berlin zurückgekehrt.
Das öffentliche Jntereffe Deutschlands war fast ausschließlich von den Vorgängen im Reichstage, einerseits von dem Wechsel im Präsidium, andererseits von den Verhandlungen über den Zolltarif, in Anspruch genommen. Nachdem Präsident von Forckenbeck sein Amt niedergelegt hatte, war es nicht anders zu erwarten, als daß auch der erste Viceprästdent, Frhr. von Stausfenberg, ihm folgte. Leider erfolgte die Wiederbesetzung ihrer Aemter in Folge einer Vereinbarung zwischen den Deutschconservativen und dem Centrum dahin, daß der Führer der Ersteren, Frhr. von Seydewitz, mit 195 von 324 Stimmen zum Präsidenten und das bayerische Vorstandsmitglied der Ccntrums-Fraktion, Frhr. von Franckenstein, mit 162 von 301 Stimmen zum ersten Vicepräsidenten gewählt wurde. Diese radicale Veränderung in dem Präsidium des Reichstags ist, wie sich nicht leugnen läßt, eine Niederlage der nattonalliberalen Partei, hat aber nicht wenig zur Klärung der Situation betgetragen und wird vielleicht zu einer neuen Grupptrung der Parteien führen. Die Verhandlungen über den Zolltarif erreichten in der Debatte über die Getreidezölle ihren Höhepunkt. Unter dem Eindruck einer gewaltigen Rede des Fürsten Bismarck, welcher für die Landwirthe ,Gerechtigkeit" forderte, wurden diese Zölle nach den von der Regierung voc- geschlagenen Sätzen mit großer Majorität (226 gegen 109 Stimmen I) angenommen, nachdem ein Antrag auf Erhöhung des Roggenzolls trotz der Erklärung des Antragstellers, daß die Agrarier die definitive Bewilligung des Eifenzolls von einer Erhöhung der Getreidezölle abhängig machen würden, mit 173 gegen 161 Stimmen abgelehnt worden war. Bet der Berathung der Anträge Rickert und Delbrück, welche eine günstigere Behandlung des Transitverkehrs mit Getreide bezweckten, mahnte der Reichskanzler zwar, den finanziellen Ertrag des neuen Tarifs nicht allzu sehr zu schmälern, konnte es aber nicht hindern, daß die betr. Anträge der Tariscommission zur Berücksichtigung überwiesen wurden. Im Ganzen und Großen kann der Sieg des Zolltarif-Entwurfs nach wie vor als gesichert gelten, dagegen scheinen die übrigen wirthschaftltchen Vorlagen in den Commissionen auf starken Widerstand zu stoßen.
Fürst Bismarck fährt seinerseits fort, die mit seinen Wirthschafts- Reformplänen in engstem Zusammenhang stehende Regelung des Eisenbahn- vvesens mit Energie zu betreiben: vor einigen Tagen hat er nämlich dem Wundesrath einen Antrag auf Einsetzung einer Commission zur Aufstellung sines Reichsgesetz-Entwurfs über das Eisenbahnwesen zugehen laffen und zugleich drei fertige Entwürfe über diesen Gegenstand zur Prüfung hinzugefügt. Qr will sogar versuchen, Hamburg und Bremen in das Zollgebiet herein- zzuziehen; wenigstens soll er die Senate der genannten Hansestädte ausgesor- üert haben, zu erwägen, ob jetzt nicht der Zeitpunkt für ihren Zollanschluß | Ukommen sei?
er Hheit.
Die Fluth von Gerüchten, welche bis vor Kurzem über einen günstigen Verlauf der Verhandlungen zwischen Berlin und Rom umliefen, hat, seitdem sich die Nachricht von der Romreife des Grasen Herben Bismarck als eine tendenziöse Erfindung herausgestellt, einer bedeutsamen Ebbe Platz gemacht, welche den Ultramontanen nichts Gutes wetffagt. Trotzdem ist der Centrums-Froklion in Folge des großen Sieges, den sie durch die Erhebung eines ihrer Führer auf den Präsidentenstuhl des Reichstages davon getragen, der Kamm gewaltig geschwollen. Die „Germania" sieht schon „eine Zeit kommen, wo Freiherr von Franckenstein die Verkörperung des Reichstags rst", aaitirt zur Erreichung dieses Zieles für „die Bildung einer compacten, entschloffenen Mchrheit, welche gegen alle culturkämpserischen Gelüste Front macht", und fordert zunächst die „gläubigen Protestanten" auf, dem Centrum zur Vernichtung des Simultanschulwesens die Hand zü bieten. Man braucht darum indeß nicht zu fürchten, daß die Regierung sich zu einem faulen Frieden mit Rom berbetlaffen werde. Charakteristisch für die wirkliche Sachlage ist die Thatsache, daß, wie die dem Fürsten Bismarck am nächsten stehende deutsche Reichspartei (die Freiconservatwen) Unterhandlungen mit dem Centrum über die Besetzung der erledigten Präsidentenstellen abgelehut, so auch das Centrum der „Germania" zufolge kein Hehl daraus gemacht hat, daß es „durch keine freundschaftlichen Verhandlungen zu bewegen sei, dem cultur- kämpferischen Dr. Lucius (bekanntlich ein persönlicher Freund des Reichska. z- lers) auf den Stuhl des ersten Präsidenten zu verhelfen." Auch das Gerede von einem nahen Rücktritt des Cultusministers Falk, weil desien Bleiben ein Hinderniß für die Versöhnung mit Rom sei, ist unseres Wisiens durchaus unbegründet. Nüchterne ultramontane Blätter, wie z. B- die „Köln. Volksztg.", rathen denn auch, etwaigen sanguinischen Hoffnungen Zügel anzulegen.
Die belgische Reaierung hat den Zorn der Ultramontanen im eigenen Lande wie in Deutschland dadurch herausgefordert, daß sie den deutschen Schulbrüdcrn, welche vor einigen Wochen von Kemperhof bei Coblenz mit ein paar Hundert Pensionären nach Veroiers übergestedelt waren, die Erlaubniß zum Aufenthalte versagt hat.
In Frankreich entbrennt der Culturkampf immer heftiger. Während der vom Staatsrath des Amtsmißbrauchs schuldig erklärte Erzbischof von Aix mit herausfordernder Frechheit gegen den Minister Ferry austritt, indem er in einem Briefe an diesen offen erklärt, er brauche der weltlichen Gewalt nicht die geringste Rechenschaft über seine Handlungen abzulegen, und in einem andern Briefe den Minister sogar mit chinesischen oder japanesischen Mandarinen auf eine Stufe stellt, während ferner die gesammte klerikale Preffe, 72 Blätter, gegen die Ferry'schen Gesetzentwürfe Protest erhebt, hat der Minister zur Antwort auf diese Angriffe einen neuen Gesetzentwurf eingebracht, der die Aufhebung der bischöflichen „Qbedienzbriefe" bezweckt, welche bisher bei den Congregations-Lehrern die Stelle des Qualificattons-Zeugntffes vertraten. Gleichzeitig benutzte der Präsident Grevy die Ceremonie der Ueberreichung des rothen Hutes an die neucrnannten Cardinäle zu der Versicherung, daß die Rechte der Kirche keine Gefahr liefen, sintemalen dieselben unter dem Schutze der Gesetze ständen, daß er aber nicht gesonnen sei, die Rechte der Kirche über die des Staates zu stellen. Leider hat sich die starke Erbitterung, welche unter den Gegnern der Regierung herrscht, wieder einmal durch scandalöse Austritte in der Deputirtenkammer Lust gemacht, welche dem Volke, das an der Spitze der Civilisation zu marschtren behauptet, nichts weniger als zur Ehre gereichen.


