Mo. TL. Mittwoch, den 30. Januar 1878.
Keßenek -Anzeiger
AnM- mL AmisdiM für icn Kreis Gießen.
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Amtlicher HHeik. Bekanntmachung.
Es wirv hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großherzogliches Ministerium des Innern genehmigt hat daß m. Frühjahr und Herbst 1878 ein Fohlen- und Pserdemarkt zu Darmstadt abgkhalten wrrd und hiermit Verloosungen von Fohlen und Pferden, Pferdegeschirren, landwirthschaftlichen Gera-Hschaften ,c. verbunden werden „ , p „ u
Dem vorgelegten Verloosungsplan gemäß sind bei jeder dieser beiden Verloosungen höchstens 20000 Loose — das Loos j« 2 Jt. — auszugeben und wenigstens 65% der Brutto-Einnahmen zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden.
Gießen, den 26. Januar 1878.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Aolitisch
Zur Tabakssteuer.
Der „Berl. Börs.-Cour." erhält von beteiligter Seite folgende Darlegung über die Angelegenheit der Tabakssteuer: Ein in Bezug aus die Tabaks- steuer-Vorlage der preußischen Regierung vielfach ventilirter Streitpunkt ist die Frage, zu welchem System dieselbe das Uebergangs-Stadium bilden soll. Will die Regierung durch die hohe Belastung des inländischen Tabaks und durch die Unbequemlichkeiten, welche die Waagsteuer mit sich bringt, den inländischen Tabakkbau allmühlig beseitigen, um dann zu dem englischen System des hohen Eingangszolles bei gänzlichem Verbot des Tabaksbaues überzugehen, oder will man aus diese Weile nur den sporadischen Tabaksbau aus kleinen Parzellen, angeblich das größte Hinderniß für die Einführung des Monopols, beseitigen, tm Utbiigen aber die Tabaksbauer an die lästigen Controlmaßregeln des Monopols gewöhnen, um so den Weg zur Einführung des Monopols zu ebnen ? Diese Frage, bei welcher vor Allem die Tabakspflanzer und die Tabaks-Importeure beteiligt sind, ist schwierig zu entscheiden; jede von beiden Parteien be- urtheilt den Gesetzentwurf so, wie es ihr am günstigsten scheint und findet für ihre Ansicht in dem Gesetz und in den Motiven Gründe, aber, während diese beiden Parteien sich streiten, scheint man ganz zu vergefien, daß es neben den Pflanzern und Importeuren noch einen dritten Factor gibt, welcher doch auch ein gewisses Recht hat, berücksichtigt zu werden, nämlich die Tabaks- und Cigarren-Jndustrie. Für diese, und ganz besonders für die Cigarren-Jndustrie, ist der neue Tarif, wie ihn der preußische Entwurf vorschlägt, ein harter Schlag und wir fürchten, daß, ganz abgesehen von den Einschränkungen, welche die Erhöhung der Tabaksabgabe naturgemäß im Gefolge hat, die Cigarren-Jndustrie, welche heute in Deutschland ein blühender Gewerbezweig, und mehr als hunderttausend Menschen — nach einer Berechnung in der von den Tabaks-Jn- tereflenten im Jahre 1873 dem Reichstag überreichten Denkschrift 126,750 Personen — Arbeit und Nahrung gibt, durch die Consequenzen des neuen Tarifs auf ein Minimum herabgedrückt wird. Wenn wir neulich die Durch- schnittswerthe, welche dem Zolltarif zu Grund gelegt sind, annahmen, so betrug bis jetzt der Eingangszoll auf Rohtabak durchschnittlich 16 pCt. vom Werthe, während Cigarren nur 6% pCt. vom Werthe bezahlten. Dieses Verhältniß war der inländischen Cigarrensabrikation genügend, um sie vor dem allzugroßen Eindringen der billigen Fabrikate zu schützen; jetzt aber soll das Verhältniß derart geändert werden, daß der Rohtabak künftig einen Eingangszoll von 56 pCt. bezahlt, während Cigarren durchschnittlich nur 10 pCt. vom Werthe bezahlen. Berücksichtigt man, daß bei Cigarren der Zoll nur von dem bezahlt wird, was an die Consumenten zum vollen Werthe verkauft wird, während bet dem eingeführten Rohtabak alle künftigen Abfälle, ganz besonders auch die bei der Cigarrensabrikation ganz werthlosen Rippen als Tabak verzollt werden muffen, fo stellt sich das Verhältniß noch weit ungünstiger für die Cigarrenfabrikation, als es sich nach den einfachen Ziffern des Tarifes darstellt. Es würde also voraussichtlich nach Einführung des neuen Tarifes nicht nur ber Import der billigen Cigarren aus Holland ganz bedeutend zunehmen, sondern die nordamerikanischen Cigarrenfabrikanten werden es sehr bald vortheilhast finden, Cigarren zu fabriciren, die dem Geschmack des deutschen Publikums zu- jagen, und statt des Rohtabaks solche nach Deutschland zu importiren. Ob es zweckmäßig ist, eine blühende Industrie dadurch zu ruiniren, daß man den Zoll auf das für sie absolut nothwendige Rohprodukt verhältnißmäßig ganz koloffal steigert, während man sich mit einer ganz kleinen Steigerung bei dem fertigen Fabrikat begnügt, ist eine Frage, auf welche die Antwort nicht schwer zu fehl scheint, und diejenigen, welche sich für die Regierungsvorlage einzig und allein aus dem Grunde begeistern, weil die Regierung behauptet, das Geld zu gebrauchen, sollten doch nicht vergeßen, daß die Regierung außer Geld auch noch eine möglichst große Anzahl von wohlhabenden und von erwerbenden Bürgern und wirthschaftlich so geordnete Zustände, daß Handel und Industrie blühen können, gebraucht.
Deutschland.
AuS Hessen, 26. Januar. Bekanntlich muß nach dem neuen Land- tagSwahlgeseß die zweite Kammer für den folgenden (23.) Landtag (1879
ex Hheit.
bis 1881) in ihrer Hälfte ergänzt werden und stehen die infofern erforderlichen Neuwahlen etwa für den Sommer d. I. in Aussicht. Es ist nicht ohne Interesse, zu wissen, welche der Abgeordneten gesetzlich austreten. Nach unserer Information liegt die Sache so: für Starkenburg treten aus: §eft>enreid), Jost (Allertshausen), Keller, Königer, Martin, Usinger, Weyrauch, Weber, Welcker, Wolfskehl; für Oberhessen: Dittmar, Hofmann, Hirschhorn, List, v. Rabenau, Schmalbach, Scriba, Sturmfels; für Rheinhessen: Allmann, Dumont, Edinger, Möllinger, Oechsner, Schröder, v. Wedekind (Darmstadt). Die Ausscheidenden sind natürlich wieder wählbar. (Neue Fr. Pr^
Berlin, 25. Januar. Es wird mit Sicherheit erwartet, daß das Ent- laßungsgesuch des Präsidenten des Ober-Kirchenraths, Dr. Herrmann, demnächst genehmigt werden wird. Als fein Nachfolger im Amte wird in der „Volks-Ztg." der zur kirchlichen Mittelpartei gehörige Consistorial-Präsident Ballhorn in Königsberg genannt. — Daß die gegenwärtige Tabakssteuervorlage, die sich nicht als der Bestandtheil einer allgemeinen Steuerreform darstellt, durch den Reichstag verworfen werde, wird hier allgemein erwartet, so daß die Tabakshändler und Tabaksfabrikanten vor der Hand nicht nöthig haben, in ihren Geschäften darauf Rücksicht zu nehmen.
— Der Mangel an evangelischen Studireuden der Theologie ist zimmer noch sehr groß, und nicht nur in Preußen, sondern auch in dem übrigen Deutschland. Das Consistorium der Provinz Westfalen hat neulich sogar Can- didaten gleich nach der Prüfung in's geistliche Amt einweisen müssen, lediglich um die Stellen nicht ganz ohne Besetzung zu lasten. Desgleichen sind in Preußen noch viele Richterstellen unbesetzt, obschon das Studium der Jurisprudenz einen gewaltigen Aufschwung genommen hat und die juristischen Fakultäten zu den besuchtesten gehören.
Hesterreich.
Wien, 26. Januar. Im Abgeordnetenhause erklärte Minister-Präsident Fürst Auersperg, daß der Kaiser das Demissionsgesuch des Ministeriums angenommen und dasselbe mit der Fortführung der Geschäfte bis zur Bildung des neuen Cabinets beauftragt habe. Nächste Sitzung Dienstag.
Wien, 26. Januar. Wie man dem „Pesth. Lloyd" schreibt, bereitet das „Cabinet" des Ex-Königs Franz von Neapel einen Protest gegen den Regierungs-Antritt Humbert's in beiden ©teilten vor, nachdem der Papst bekanntlich sich auch seinerseits formell alle Rechte auf den Kirchenstaat Vorbehalten hat. In dem bezüglichen, von dem Minister-Präsidenten Antonio Spinelli und dem Minister-Staatsseeretär des Aeußern de Martino gegengezeich- neten Act heißt es zum Schluß: „Wir befehlen . . ., daß dieser Act in unserem Reichsarchiv niedergelegt werde als ein ewiges Denkmal unseres Willens, Recht und Gerechtigkeit der Usurpation entgegenzuhalten.' Da die „Regierung" des Ex-Königs keine diplomatische Vertretung an den Höfen mehr besitzt, ist man einigermaßen darauf neugierig, durch wessen Vermittlung das Aktenstück denselben mitgetheilt wird. £ ,
Pesth, 36. Januar. Der Minister-Präsident Tisza erklärte im Unter= Hause, die gegenwärtigen Verwickelungen seien durchaus nicht geeignet, um sich in Betreff der orientalischen Angelegenheiten zu äußern.
— In der gestrigen Sitzung der liberalen Partei fanden Verhandlungen über die Ausgleichungs-Vorlagen statt. Tisza trat warm für den Ausgleich ein und protestierte gegen die Auffassung, daß Oesterreich Alles verwerfe, was für Ungarn vortheilhast sei. Bezüglich des Abschlußes des Vertrags mit Deutschland sprach der Minister-Präsident feine besten Erwartungen aus.
Italien.
Rom. Gegen den Papst, der Italien gegenüber eine zu versöhnliche Haltung anzunehmen schien, hat sich eine Art von Verschwörung der jedem Ausgleich abgeneigten Cardin äle und Prälaten gebildet, wobei die Jesuiten dw Hand im Spiele haben. Zweck ist, allen Maßregeln des Papstes, die nach der Meinung jener Starrköpfe der Kirche gefährlich sein könnten, Widerstand zu leisten. Selbst Manning gilt diesen Unversöhnlichen für zu gemäßigt, und steht sich durch ihre Anfeindungen bewogen, Rom in kurzer Zeit zu verlaßen. Als Pius Kunde davon erhielt, berief er andere Cardinäle und Prälaten in


