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Ur. 22«. Samstag, den 28. September 1878.

Kichener Wmeiger

Amcige- mH Amtsblatt für bei ßrn, Gieße».

«.ebattionibttreaut Gartenstraße B. 165. SrpebifionSburtaut Schulstraße B. 18.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mar? 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher H h ei 1. Bekanntmachung, die gesetzlichen Forderungen an Studirende aus dem Sommer-Semester 1878 betr.

Die in diesem Sommer entstandenen gesetzlichen Forderungen an Studirende müssen bis zum 28. September d. I. mittelst specificirter Rechnungen zur Anzeige gebracht und längstens bis zum 16. November d. I. geltend gemacht werden, widrigenfalls dieselben den ihnen durch Art. 136 der Statuten zugewiesenen Vorzug verlieren.

Gießen, den 24. August 1878.

Großherzogliches Universitäts - Gericht.

Notitisch

* Aur allgemeinen politischen Lage.

Die Gefahren, welche dem Weltfrieden aus der Entwicklung der Dinge auf der Balkanhalbinsel von Neuem zu erwachen drohten, haben sich im Laufe der letzten Zett erheblich verringert. Das von Oesterreich unternommene Paci- slcationswerk macht neuestens so bedeutende Fortschritte, daß es in der Herzego­wina schon jetzt als in der Hauptsache beendet betrachtet werden kann und in Bosnien aller Voraussicht nach tu einigen Wochen vollendet sein wird. Die Pforte hat amtlich erklärt, daß nur die Macht der Verhältnisse sie bisher ver­hindert habe, die Bestimmungen des Berliner Friedens ihrem ganzen Umfange nach auszuführen, sie erkenne tndeß die von ihr übernommenen Verpflichtungen vollständig an und werde ihnen so bald als möglich nachkommen. Die zur Festsetzung der neuen Grenzen Montenegros und Serbiens eingesetzte internationale Commission hat schon ihre Arbeiten begonnen und die Abtretung der für die beiden Fürstenthümer bestimmten Dtstrtcte wird auf um so weniger Schwierig­keiten stoßen, je mehr sich die siegreiche österreichische Armee denselben nähert. Die rumänische Frage extsttrt nicht mehr, seitdem die Bukarester Regierung ihren Widerstand gegen die vom Congreß gebilligte Rückgabe Bessarabiens an Rußland aufgegeben hat. DieGrenzbertchtigung" zu Gunsten Griechenlands wartet freilich noch immer vergebens auf eine ernstliche Angriffnahme. Da aber England die griechischen Ansprüche nicht mit freundlichem Auge ansieht, auch die übrigen Mächte keine Lust haben, die Ausführung ihrer Beschlüsse von der ' widerspenstigen Türkei mit Gewalt zu erzwingen, so wird diese Angelegenheit wohl bis auf Weiteres ruhen bleiben. Am bedeutsamsten für die Entwicklung ter Dinge aus der Balkanhalbtnsel ist die Thatsache, daß die Russen die drohende Stellung, welche sie bisher in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt inne batten, jetzt endlich aufgegeben und den Rückzug nach Adrtanopel angetreten haben. Läßt sich auch nicht erwarten, daß sie diesen wichtigen Punkt, an dessen Befestigung sie vielmehr arbeiten, bald verlassen werden, so ist und bleibt doch die Räumung St. Stefanows ein Act, durch welchen die augenblickliche Haltung Rußlands der Türket gegenüber als eine durchaus friedfertige gekennzeichnet und welcher den ebenso bedeutungsvollen Rückzug der englischen Flotte unzweifel­haft nach sich ziehen wird.

Leider hat sich der politische Horizont gleichzeitig im fernen Mittelasien in bedenklicher Weise mit Wolken überzogen. Die von dem General Chamber­lain geführte englische Gesandtschaft, welche sich nach Kabul begeben sollte, um den dortigen Emir den russischen Einflüssen zu entziehen und den englisch-indischen Interessen dienstbar zu machen, ist auf der Grenze von Truppen des Emirs an i der Weiterreise gehindert und dadurch zur Rückreise gezwungen worden. Eng- lischersetts empsindet man diese Handlungsweise des Emirs begreiflich als einen ! schweren Schimpf, der nicht ungeahndet bleiben dürfe. Wie es heißt, concentrirt I die indische Regierung schon eine bedeutende Truppenmacht an der Grenze, um die Züchtigung des anmaßenden kleinen Nachbarn zu vollziehen. Selbstver­ständlich macht man in England Rußland für die herausfordernde Haltung des Emirs verantwortlich, wird sich aber durch den Rückhalt, den derselbe an dem nordischen Kaiserreiche hat, um so weniger abhalten lassen, die Schritte zu thun, welche zum Schutz der indischen Grenzen erforderlich scheinen, als Rußland es amtlich in Abrede stellt, daß ein Bündniß zwischen ihm und Afghanistan bestehe. Ob es wegen Centralasiens zwischen England und Rußland zu Feindseligkeiten kommen wird, dürfte sich indeß erst im nächsten Frühjahr entscheiden.

Bis dahin wird sich auch wohl in der Stellung der europäischen Mächte za einander Manches geklärt haben. Glücklicher Weise bestätigen die neuesten Rachrichten die für die Erhaltung des Weltfriedens entscheidendste Thatsache, laß das Dretkaiserverhältniß ungetrübt fortbesteht und die deutsche Regierung, welche zudem in den freundschaftlichsten Beziehungen zu Oesterreich steht, nach wie vor die stets zum Frieden und zur Versöhnung rathende Seele desselben bildet. Die vom Fürsten Bismarck lange vergeblich erstrebte, jetzt endlich bevor­stehende Rückberufung des Grafen Beust von London, jenes enragirten Preußen- serndes, der seit jeher seinen Lebensberuf darin fand, Oesterreich vom Deutschen Reiche abzuziehen und eine Coalition gegen letzteres zu Stande zu bringen, ist ein Ereigniß, dessen Bedeutung nicht zu verkennen ist. Frankreich hat zwar, wie es scheint, nicht übel Lust, sich von England mit dem Anerbieten eines Pro- textorats über Tunis ködern zu lassen, aber die natürliche Rivalität beider

er Hheit.

Mächte auf dem Mittelmeer ist doch zu groß, als daß ersteres sich entschließen ollte, aus seiner bisherigen Zurückhaltung plötzlich herauszutreten. Italien endlich begreift, daß es in der Frage von Trient und gar Triest Oesterreich gegenüber mit Gewalt Nichts erreichen kann und denkt daher um so weniger daran, den Frieden zu stören, als es sich selbst von Frankreich und England in seinen maritimen Interessen bedroht fühlt. Unter diesen Umständen glauben wrr ohne allzu große Besorgniß in die Zukunft blicken zu dürfen.

Keutfchland.

Darmstadt, 24. Septbr. Das in AuLsicht gestellte Wegbaugesetz, dessen enorme Tragweite, aber auch Schwierigkeiten in keiner Weise unterschätzt werden darf, wird voraussichtlich die wichtigste Vorlage werden, die den neuen Landtag zu beschäftigen hat. Durch verschiedene Verhältnisse ist der Straßen­bau in unserem Lande schon seit längeren Jahren fast vollständig in's Stocken gerathen und es wird von keiner Seite in Abrede gestellt werden wollen, daß in Folge dessen in verschiedenen Landestheilen Zustände geschaffen werden, die nicht mehr fortdauern können. Die Entwickelung des Eisenbahnverkehrs und der Ausbau unseres Eisenbahnnetzes hat vielfach die frühere Bedeutung einzel­ner Straßen verändert, ja manche ehedem belebte Staatsstraßen sind verödet und früher wenig srequenttrte Vtcinalwege, die fortwährend von den betr. Ge­meinden unterhalten werden müssen, sind jetzt zu den am stärksten frequentirten Straßen unseres Landes zu zählen, dienen vorwiegend dem großen Verkehr, so daß hier eine Ausscheidung gemacht und mit den jetzt gegebenen Factoren ge­rechnet werden muß.

Berlin. Vielfach verlautet, daß der Contre-Admiral Werner, welcher sein Abschiedsgesuch beim Kaiser bereits etngereicht haben soll, sich demnächst auf einige Zeit nach Wiesbaden begeben wird. Man erfährt jetzt, daß der Chef der Admiralität, General v. Stosch, bei seiner Anwesenheit in Kiel vor 8 Tagen dem Contre-Admiral Werner in deutlicher Weise zu verstehen gegeben, daß er die von Werner entwickelte literarische Thätigkeit mißbillige, zugleich mit der Andeutung, daß er dem Contre-Admiral Werner auch die Autorschaft an dem bekannten Artikel derDeutschen Revue" zuschriebe. In seemännischen Kreisen wird indessen auf das Entschiedenste in Abrede gestellt, daß Werner jenen Artikel geschrieben oder auch irgend welches Material Jemandem dazu geliefert habe. Der allerhöchsten Entscheidung über das Demissionsgesuch Wer- ner's wird mit großer Spannung entgegengesehen. DieKieler Ztg." bemerkt: Der Artikel derDeutschen Revue" ist einem Juniusbrief ähnlich geworden. Alle Welt zerbricht sich den Kopf über den Verfasser, und alle Welt ist auf ganz falscher Fähre. Ist denn der Name des Verfassers die Hauptsache? Nein, die Hauptsache ist, daß er die Wahrheit gesagt hat. Und wie es damit steht, kann man ja sehr leicht erfahren. Man sagt uns, weder Werner, noch Heldt, noch Jachmann haben den Artikel derRevue" geschrieben und wir glauben das. Doch worauf es ankommt, das sagen wir hiermit: Diese drei alten Admirale, die seeerfahrensten, welche wir jemals gehabt haben, sie hätten den Artikel derRevue" schreiben können, Punkt für Punkt, Satz für Satz. Das ist unsere Behauptung. Und glaubt man wirklich, es seien nur dieAlten", welche nichts Anderes haben, als den einen nie endenden Schmerz, feiern zu müssen? Es sind ganz subjective Meinungen, welche wir hier aussprechen, aber es ist unsere feste Ueberzeugung, daß der Admiralitätsrath sich materiell genau so aussprechen würde, als es der anonyme Verfasser in derDeutschen Revue" gethan bat.

Berlin, 25. Septbr. In einem Leitartikel mit der Ueberschrist:Die Wiederkehr des Kaisers in die Mitte seines Volkes", feiert dieProv.-Corr." das erstmalige Wiedererscheinen Sr. Maj. des Kaisers inmitten seines Heeres und Volkes, von welchen Hochderselbe den Ausdruck tiefer Verehrung und leben­diger Begeisterung unmittelbar entgegennebmen konnte. Die Correspondenz bestätigt ferner, daß Ihre Majestäten sich am Sonnabend nach Baden-Baden begeben, um am Montag daselbst mit dem kronprinzlichen Paar und der Großh. Badischen Familie das Geburtsfest der Kaiserin zu begehen.

Bezüglich des Fürsten Bismarck meldet die Correspondenz, daß derselbe Ende der Woche nach Berlin zurückzukehren gedenke. Hinsichtlich der Bera- thungen der Reichstags-Commission für das Socialistengesetz äußert dasselbe