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N»- 14*3. Freitag, den 28. Juni 1878.
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Gießener Anzeiger
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lichen Stimmen und dadurch wird sie siegen.
Aeut^.sgnd.
heilige Banner der Menschenrechte, das uns bisher von Sieg zu Sieg geführt hat, es flattert uns noch voraus, und die Männer, welche diesem Banner seit Jahren treu gefolgt, trotz aller Widerwärtigkeit und Pein, sie werden es auch heute nicht verlaßen. Warum sollen wir weichen ? Weil die Niedertracht ihre Orgien feiert? Weil die Reaction kühner als jemals ihr Haupt erhebt? Weil der Liberalismus in den Zeiten der höchsten Gefahr feig sein Banner verläßt, ollen auch wir das unsere verlaßen? Darauf giebt es nur eine Antwort: Den Kampf ausgenommen überall, wo er uns angeboten wird V*
Nun wohl l — auch das deutsche Burgerthum wird aus solche Provaca- tionen nur eine Antwort kennen. Sie lautet: Hinaus tntt der Socialdemokratie aus dem Reichstage! Die liberale Partei wird diese Antwort nicht ertheilen mit Phrasen und Rodomontaden, sondern durch die That, durch ihre einmüthige Bethkiligung an den Wahlen, nicht durch Splitterrichterei mit anderen Parteien, sondern durch Einigkeit und Geschloffenheit aller staatsfreund-
Berlin. Wie man hört ist des Kaisers Stimmung eine zur Heiterkeit geneigte, sobald ihn die Schmerzen am Arm verlaßen. Bei dem ersten Versuch vom Bett zum Lehnstuhl zu gelangen, pausirte er, und sich selbst musternd, bemerkte er zu den ihn Führenden über sein Gehen: „Nun, Paradeschritt ist das noch nicht!" Die Aerzte sollen sehr erfreut sein, daß sie an dem Kaiser einen äußerst ruhigen, geduldigen Patienten haben, der sich in sein Leiden mit einem Anflug von Humor fügt. Kein bitteres Wort kommt über des edlen Monarchen Lippen, um des ihm zugesügten Leids willen; er dankt aber für jede ihm entgegengebrachte Theilnahme und freut sich über die Blumenpracht in seinen Zimmern, diese Blumen brach die Liebe von Tausenden, die unablässig darauf bedacht sind, dem Kaiser Tag für Tag eine Überraschung zu bereiten. Der Kronprinz und die Kronprinzessin sehen den Monarchen täglich, aber nur auf ganz kurze Zeit; die Aerzte sind ängstlich darauf bedacht, daß ihr Patient von jeder Auftegung befreit bleibt. Mit den Ueberstedelungsprojekten hat es noch gute Wege. Allerdings steht Wilhelmshöhe bei Kaßel in Rede, allein der Kaiser muß erst reisefähig sein; bis er im Stande sein wird, eine Tagereise zu machen, vergehen doch wohl noch vier bis sechs Wochen.
Berlin. Das Befinden Nobiling's hat sich im Wesentlichen noch nicht geändert, man fürchtet jedoch, daß Entkräftung den Verbrecher trotz sorgsamster Pflege, die man ihm angedeihen läßt, htnraffen dürste. In der Untersuchungssache selbst soll, wie ein Berichterstatter wißen will, die Behörde Schriftstücke aufgesunden haben, auf Grund deren sie glaubt, Compltcen zum Attentat ermitteln und zur Rechenschaft ziehen zu können.
— Der Staatsgerichtshos wird am 8. und 9. Juli gegen Hödel verhandeln. Vorgeladen sind nickt weniger als 38 Zeugen. In Bezug auf die Frage der Ausschließung der Oeffentlichkeit bei den Verhandlungen verlautet, daß nur die Vertreter der Preße zugelaßen werden sollen. — Die Anklageschrift, die Oberstaatsanwalt v. Luck vertreten wird, bietet, wie wir vernehmen, sehr in» tereßante Momente über Interna der Socialdemokratie und bezüglich der Charakteristik vieler Koryphäen jener Partei.
Berlin, 25. Juni. Seitens des Präsidiums des Congreßes wird der ; griechische Minister Delyannts über die consultative Theilnahme Griechenlands bei solcken Fragen, welche griechische Jntereflen resp. die griechische Nationalität - betreffen, heute verständigt werden. Die türkischen Vertreter verhalten sich m , größeren Fragen noch immer reservirt. In Bezug auf die Milizenfrage für Südbulgarien wollen dieselben statt der Einrichtung von Milizen die Einrichtung einer provinziellen Gendarmerie aus Eingeborenen. Vermittlungsweise ist von einem der Türkei zu wahrenden Bestätigungsreckte bei Osficiere die Rede. Die Frage wegen der autonomen Verwaltung soll später vor den Congreß kommen. Die Türken, welche sick im Allgemeinen sträuben, machen Janina zu einem „Noli me tangere“, während die Griechen gerade den griechischen
bilden sollte? . , f ,
Selbstverständlich droht die Soctaldemokratie auch nut ihrem steigenden Einfluß bet den bevorstehenden Wahlen. Die liberale Partei — heißt es da — habe den Kopf verloren. Die socialdemokratische Schlachtordnung dagegen, sei noch intakt: „Die Glieder unserer Armee find noch nicht gebrochen, das
„Die Zeit nahet doch wieder" — schreibt das „Berl. Parteiorgan", — 1 „wo der Arbeiter dem Arbeitgeber mit Zins und Zinseszins seine Handlungsweise heimzahlen wird 1" Die „Hungerpeitsche" zwinge vielleicht den Arbeiter, seine Gesinnung öffentlich zu verleugnen, Abends ober lese er mit glühendem Eifer die Schriften Laffalle's und brüte; der Haß, der Ingrimm, den er bis jetzt noch niemals auf einen Menschen ober aus bie Menschen geworfen, mit dem er bis dahin nur Institutionen betrachtet habe, zieht zum ersten Male gegen Menschen gerichtet in seine Seele. Man habe dem Arbeiter, der seine Ueberzeugung verleugnen müße, eine unwürdige Rolle anfgedrängt, — «dauert dieser Zustand lange, so ist der rücksicktslose, die Menschcn verachtende Fanatiker erzogen. Bedenkt Euch, ehe Ihr solche Leute erzieht!" Manche Arbeiter würden stolz ihre Uebtrzeugung auch in Noth und Gefahr öffentlich eingestehen, sie würden gemaßregelt, „auf die Straße geworfen." Man glaube sich in die Zeiten der Judenverfolgung zurückversetzt; — jetzt seien es vorzugsweise „christ- Uche und israelitische Juden", die das Hep! Hep! in der Preße rufen, die das Hep! H<P! in Deutschland deutschen Arbeitern gegenüber ausführen — „schmachvolle Handlungen schmachvoller Verirrung und Verwirrung!" Der bleiche Hunger trete täglich, trete stündlich an Tausende und aber Tausende von Arbeitern heran und mahne sie an bie „Frevelthat ihrer Gegner." — „Der Fanatiker ist von Euch hervorgebracht; wie er sich äußert, was er treiben wirb, bas yabt Ihr auf bem Gewißen!" — Das Tenunciantenwesen, welches jetzt schon bei uns „biederen" Deutschen in Blüthe stehe, werbe in einem Umfange auf treten, daß wir uns vor allen Nationen schämen müßen.
Alle diese Maßregelungen, heißt es ferner, tragen einen brutalen Charakter an sich. Die große Mehrzahl der Lock-outs werden von Fabrikanten vorgenommen, welche, wie die Reaction, die Attentate und deren Consequenzen nur dazu benutzen wollen, den Rückgang ihres Geschäftes zu verdecken. Man würde so wie so Arbeiter entlaßen haben, und treibt nun Schönfärberei dabei „mit einem loyalen und patriotischen Anstrich." Das manchesterhafte Fabrikanten- thum scheere sich sonst den Teufel um Patriotismus, sein Ideal sei der Geld- sack und alle Vornahmen dieser Fabrikanten geschehe „nur zu Nutzen und Frommen des Geldsacks." Die „Herren" wißen recht gut, daß der Patriotismus keine Zinsen trägt, und es werde keinem dieser Leute einfallen, einen fleißigen und tüchtigen Arbeiter, „wenn derselbe für ihn einen ansehnlichen Procentsatz arbeitslosen Erwerb abwirft" wegen seiner politischen Ueberzeugung zu entlaßen. — Unsere Fabrikanten mögen sich für dieses schmeichelhafte Zeug- niß bei den so^alistischen Agitatoren bedanken, — es ist allerdings weit ge- kommen, wenn die Arbeitervertreter so ungeschminkt die Gesinnungslosigkeit der Arbeitgeber Deutschlands zu brandmarken wagen, — was wird erst geschehen, wenn wirklich die Clique, welche jetzt schon so frech austritt, eine Macht
Socialdemokratifche Drohungen.
Soctaldemokratische Blätter kritisiren die Aufforderung an die Fabrikanten, alle socialdemokratischen Arbeiter zu entlaßen. Sie wollen nicht erwägen, inwieweit dieser „freche Vorschlag" strafbar sei, sondern bemerken blos, daß die Fabrikanten nicht bie Arbeiter im Interesse ber letzteren, sondern in ihrem eigenen Jntereffe beschäftigen und daher nach der Parteistellung derselben „gar nichts zu fragen haben." Man sehe aber aus dem Vorschläge, daß auch die Reaction ihr Gutes habe. Leute, die „aus Furckt vor ber Socialdemokratie" lange bie Austänbigen spielten, würben wieder „dreist" und enihüllien ihr wahres Gesicht, indem sie bocumentiren, baß sie bie Meinung Anberer nicht widerlegen und mit Grünben bekämpfen möchten, sondern sie „durch rohe Gewalt" einfach zu unterdrücken gedenken. Schließlich heißt es: „Viel Vergnügen zu diesem geistigen Kampfe! Die Arbeiter werden sich diese „Rechtsmittel der Liberalen" merken l"


