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Samstag, den 27. April

1878.

Hretzener Anzeiger

ANM- md Amisb!«ti für btn Kreis Gieße».

AsvOMv«»V«»ßO»r Gartenstraße v. 16b.

g|re>ition»>ltrMtet vchalstraße B. 18.

Erscheint tLgttch mit Ausnahme des Montags.

PreiS vierteljlhrlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Warf 50 Pf.

politisch

Zur Fabrikatssteuer.

H. Hanau. Die Kleinindustrie ist in einzelnen Gegenden unsere- Vater­landes, so z. B. in der hiesigen Umgegend sehr verbreitet und haben wir wohl in be;;- Ortschaften Klein- und Groß-Steinheim, Klein- und Groß-Auheim, Kle, be 4nb Groß-Krotzenburg, Mainflingen, Hainstadt, Mühlheim, Deidesheim, Se/.'tz'tadt, Kesielstadt, Orb, Gelnhausen, Hanau, Vilbel, Taunusgebiet rc. rc. 3 bis 400 Familien, deren Haupt für eigene Rechnung Cigarren verfertigt. Sehr oft kommt es dabei vor, daß die Männer den Tag über in irgend einer Fabrik beschäftigt sind, und die Abend- und theilweise die Nachtstunden dazu verwenden, durch Anfertigung von Cigarren, bei welcher Arbeit die Frau und Kinder mit Wickelmachen, Ausrippen und dergl. sich betheiligen, noch etwas nebenher zu verdienen. Hierdurch haben es diese Personen ermöglicht, sich nicht allein eine etwas besiere Existenz zu verschaffen, sondern es nach und nach dahin gebracht, sich etwas Land anzukausen und gar ein eigenes Heim zu bauen. Man gehe nur auf die genannten Punkte und sehe sich den erträglichen Wohlstand dieser Leute an, man wird dann den Segen dieser kleinen Industrie zu schätzen reiften. Haus an Haus findet man daselbst Cigarrenarbeiter; der Krüppel, der sich vermöge seiner Gebrechen gar nicht von Haus entfernen kann, findet lohnende Beschäftigung. Diese ganze Categorie von Existenzen wäre durch die Einführung des amerikanischen Systems vernichtet, da sie ein anderes Handwerk nicht erlernt haben. Nur nebenher wollen wir bemerken, daß die gleichen Gründe bei Einführung des Monopols zur Geltung kämen, weil als dann nur einzelne große Fabriken bestehen würden. Seither haben diese Leute ihren Bedarf an Rohtabak durch Abnahme von 5, 10 oder 20 Pfd. bei Roh­tabakhändlern in Frankfurt oder Hanau zu mäßigen Preisen gedeckt. Es wird denselben nicht möglich sein, sich von jeder Sorte Tabak, welche sie verarbeiten, stets einen ganzen Ballen zu kaufen, weshalb sie bei Einführung des amerika­nischen Systems gezwungen sein würden, zum Rohtabak-Detaillisten zu gehen und sich da zu versorgen. Nun zahlt der Grossist 25 Doll, jährlich Steuer, der Detaillist wenigstens 500 Doll., oder da er für jeden Dollar, welchen er mehr als 1000 Doll, per Jahr verkauft, 50 Cent, weiter zu zahlen hat, 50 Cent, per Doll, seines Verkaufs überhaupt. Demnach muß er wenigstens um die Hälfte theurer sein, als der Grossist, abgesehen von der Zinsenberech nung, Vorauslage der Steuer rc., wodurch es dem kleinen Fabrikanten ganz unmöglich wird, concurrenzsähig zu bleiben. Da er' alsdann nicht mehr ver­kaufen kann, so muß er zu fabriciren aufhören. Welcher volkswirchschaftliche Schaden hierdurch entsteht, das kann nur derjenige beurtheilen, welcher die Lage der von uns im Eingang bezeichneten Ortschaften vor einigen Jahr­zehnten kannte und den Unterschied zwischen damals und jetzt zu würdigen weiß. Die Hausarbeit wäre ebenfalls völlig vernichtet. Diese ist in einzelnen Gegen­den, ganz besonders in Sachsen, so sehr verbreitet, daß z. B. einzelne Fabri­kanten fast keine Arbeiter iv ihrem Locale haben. In früheren Jahren gab man den Arbeitern den Tabak, jetzt erhalten sie Wickel und Deck und liefern die fertigen Cigarren. Der Cigarrenmacher arbeitet zu Hause sehr oft, ja in den meisten Fällen mit Hülfe seiner ganzen Familie und ermöglicht seiner Frau in ihren freien Stunden, in welchen sie mit der Hausarbeit und mit der Pflege ihrer Kinder nichts zu thun hat, ihm bei der Erwerbung des Unterhalts hülf- reiche Hand zu leisten. Oder aber der Mann arbeitet auswärts und die Frau macht Cigarren zu Hause. Sie, welcher es unmöglich wäre, ihren Haushalt zu verlassen, hilft ihre Familie ernähren, kann sogar, wenn sie Wittwe ist, für sich und ihre Kinder allein das tägliche Brod verdienen. Mit der Einführung des amerikanischen Systems wäre diese Hausarbeit, ebenso wie die ganze Äleim Industrie, vollständig ruinirt.

Deutschland.

Darmstadt, 24. April. Die Bekanntmachung der vom Bundesrath getroffenen Anordnungen wegen Einziehung der von der vormaligen Preußischen Bank ausgegebenen Einhundert-Marknoten ist erst um die Mitte des vorigen Monats erfolgt. Die gemäß jener Anordnungen seit dem 1. l. Mts. einge­tretene Beschränkung der Einlösung der fraglichen Banknoten auf die Reichs- bank-Hauptkasse zu Berlin hat deshalb, wegen der Kürze der Frist, innerhalb weicher die einzuziehenden Noten auch bei den Zweiganstalteu der Reichsbank gegen Baargeld noch umgetauscht werden konnten, vielfach Beunruhigung und Beschwerden hervorgerufen. Zur möglichst schleunigen Beseitigung der letzteren hit nun der Bundesrath die wegen des Aufrufs und der Einziehung jener, mter dem 1. Mai 1876 ausgegebenen Einhundert-Marknoten gegebenen An­ordnungen neuestens dahin abgeändert, daß die aufgerufenen Noten bis zum 1. Juni 1878 nicht blos bei der Reichsbank-Hauptkasse zu Berlin, sondern auch lei den Zweiganstalten der Reichsbank gegen Baargeld umgetauscht werden tonnen. Nach dem vorbezeichneten Termin erfolgt die Einlösung nur noch bet ier Reichsbank-Hauptkasse zu Berlin. ,

Dem Gesuch des Magistrats zu Breslau entsprechend hat der Bundes- cath die Verlängerung des Privilegiums der städtischen Bank in Breslau zur Ausgabe von Banknoten vom 27. Mai 1878 bis zum 1. Januar 1891 nach Maßgabe der revidirten Statuten der genannten Bank und der Bestimmungen des Bankgesetzes vom 14. März 1875 genehmigt.

er Hheil.

Berlin. DieCalifornia-Staatszeitung" macht zu der letzten Orient- Rede des Fürsten Bismarck, welche sie gleichzeitig nach dem stenographischen Wortlaut zum Abdruck biingt, folgende Bemerkung:Deutschland, dem noch vor kaum mehr als einem Jahrzehnte zerstückelten und ohnmächtigen Deutsch­land, ist die Rolle eines Schiedsrichters zugefallen in den für die Geschicke der europäischen Staaten so hochwichtigen Fragen der Orientpolitik. Und es muß jeden Deutschen, ob er am Rhein, am Hudson oder an der Pacific-Küste wohnt, mit Stolz und freudiger Genugthnung erfüllen, tote Deutschland seine Machtstellung benutzt. Als in den ewig denkwürdigen Jahren 1870 und 1871 das einige Deutschland erstan­den, der mächtige Erbfeind gedemüthigt war, da wurden Deutschlands Neider und Hasser nicht müde in ihren Prophezeiungen, daß diekriegerischen deut­schen Barbaren" ihre Macht nur zu weiteren Eroberungen benutzen werden. Heute hat die Welt die Thatsache, daß der gefürchtete europäische Krieg nicht ausgebrochen ist, nur der besonnenen Haltung des deutschen Volkes und den auf die Erhaltung des Friedens gerichteten ernstlichen Bemühungen der deut­schen Regierung zu danken. Welch ein schroffer Gegensatz zwischen dem Ver­halten der mächtigen deutschen Nation und dem der Franzosen zur Zeit, als diese noch an der Spitze der Civilisation marschirten I"

Berlin, 24. April. DieProv.-Corresp." bestätigt, daß die Reise Sr. Majestät des Kaisers nach Wiesbaden zweifelhaft geworden und vorläufig vertagt sei.

ArarrLnich.

Paris, 24. April. DieAgence Havss" meldet aus Athen: Ibrahim Pascha, Gouverneur von Thessalien, hat seine Entlassung genommen. Thessa­lien ist in drei Militärdistricte getheilt. Die englischen Consuln Merlin und Blount werden heute eine Unterredung mit Delegirten der Aufständischen haben, um den Waffenstillstand zu regeln.

Außland.

Petersburg, 24. April. Gestern fand in Moskau eine außerordent lich zahlreich besuchte öffentliche Versammlung statt, die von dem Central-Comit4 für Subscriptionen zur Bildung einer russischen Kreuzer-Flotille veranstaltet rear. Der Versammlung, welcher der Gouverneur Dolgorukoff präsidirte, wohnten bei der Bischof Ambrosius, der Präfekt, der Adelsmarschall, der Bür­germeister, Vertreter der Finanzen und des Handels, sowie eine große Anzahl Personen aus den bürgerlichen, Kunst- und anderen Kreisen; sämmtliche Con- fessiouen waren unter den Anwesenden vertreten. Es wurde beschlossen, daß jedes Gouvernement einen Kreuzer ausrüsten solle, der den Namen des betr. Gouvernements führe; die Subscription wird allerorts eingeleitet.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'» telegr. «orrespondenz-Bureau.

Petersburg, 25. April. Im Befinden Gortschakoff's ist wesentliche Besserung eingetreten; der Patient ist vollständig fieberfrei; nur noch einige Schwäche ist vorhanden. DerAgence Russe" zufolge werden die Verhand­lungen zwischen den Cabineten vertraulich und in freundschaftlicher Weise unter Vermittlung Deutschlands fortgesetzt. Um den Erfolg des Congreftes zu sichern, werde demselben ein Ideenaustausch der Cabinete über die principalen Fragen vorausgehen, während die Vorconferenz über die Formalitäten des Con- gresses bestimmen solle. Die Mittheilung derAgence Havas" über die Ver­handlungen sei nicht vollständig richtig, insofern als den deutschen Botschaftern bereits formulirte Einladungen nicht zugegangen seien. Aufgabe der Vorcon­ferenz sei es eben, diese Einladuugsformel zu entwerfen. England verlange mehr, als die bloße Anerkennung des europäischen Charakters der durch die Ereignisse im Orient geschaffenen Frage, denn das Promernoria Gortschakoff's sei die absolute öffentliche und officielle Conftatirung dieser Anerkennung gewesen.

Rom, 25. April. DieVoce della Verita" veröffentlicht die Ency- klika des Papstes. Dieselbe constatirt die moralischen und materiellen Nebel der Gesellschaft und der Kirche im Augenblicke der Wahl Leo's XIII. Sie zählt die Wohlthaten auf, welche die Kirche und das römische Pontifikat der Gesellschaft und der Civilisation der ganzen Welt, besonders Italien, erwiesen. Sie sagt, daß die Kirche die Civilisation und den Fortschritt nicht bekämpfe, indem ste zwischen der christlichen Civilisation und der bürgerlichen Cultur unterscheide. Die moderne Gesellschaft habe Unrecht, die Kirche und das römische Pontifikat zu bekämpfen, besonders in Bezug auf dessen weltliche Fürstenwürde, welche die Garantie seiner Freiheit und Unabhängigkeit sei. Wegen der Besitzergreifung von diesem weltlichen Fürstenihume der Kirche erneuert und bestäiigt der Papst die Proteste Pius IX. Er bittet die Fürsten und Oberhäupter der Nationen, sich nicht des Beistandes der Kirche berauben zu wollen, dessen sie in der gegenwärtigen Epoche, wo das Princip der legitimen Autorität erschüttert sei, so sehr bedürften. Der Papst beglückwünscht ferner die Bischöfe zu ihrer Einig­keit und empfiehlt ihnen, sich noch enger aneinander zu schließen , dam t die Gläubigen, mit Gelehrigkeit uud Gehorsam die Doctrinen der Kirche aufneb- mend, die Jrrthümer der falschen Philosophie zurückweisen. Er empfiehlt ge-