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Freitag, den 22. November

Nr. 273

1876

Kichener Mmeiger

AHtigk- «ui Amtsblatt für Örn Kreis Gieftn.

Ne-aciionSbirreaur 1 r_ _ _ ,o GxpedittonSbureaur f Schulstraße 8. 18.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

PreiA vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«, Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst

Amtlicher Htzeit.

Gießen, am 20. November 1878.

Betreffend: Die Landgestüts-Anstalt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler für 1879.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises. Sie haben binnen 8 Tagen zu berichten, wie viele Scheine Sie im Jahr 1879 für zum Bedecken zu bringenden Stuten bedürfen werden.

Dr. Boekmann.

politisch

Gießen, 21. November.

Aus Anlaß des Trauerfalles in der Großherzozlichen Familie richtete Herr Bürgermeister Bramm Namens der Stadt Gießen einen Beileids-Brief an Ihre König!. Hoheit die Frau Großherzogin. Unterm Gestrigen erging nun nachfolgendes Schreiben an den Herrn Bürgermeister:

Darmstadt, Neues Palais, 20. November 1878.

Dem Großherzoglichen Bürgermeister Herrn A. Bramm zu Gießen.

Auf Befehl Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin habe ich die Ehre, Hochderen besonderen und herzlichen Dank den Einwohnern der Stadt Gießen für den vom Herrn Bürgermeister hierher gerichteten Beileids-Brief be­kannt zu geben.

Ihre Königliche Hoheit ist gerührt von der Theilnahme und den Em- pstidungen der Trauer und Betrübniß der Bevölkerung an dem Unglück, welches, nah Gottes Willen, die Gcoßherzogliche Familie betroffen hat.

Möge der Wunsch der treuen Stadt Gießen, daß baldige Wiedergenesung der Erkrankten und die Ergebung in den unerforscklichen Rathschluß des All­mächtigen, Trost und Frieden in das Großherzogltche Haus zurückbringe, recht bald seiner Erfüllung nahe sein.

Schließlich die Mittheilung, daß mit begründeter Hoffnung auf baldige Genesung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs gerechnet werden kann. Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog ist nach recht schwerer Krankheit seit heute bester und giebt sein Zustand die Sicherheit, daß die Gefahr vor­über ist.

Mit besonderer Hochachtung

von Dieskau, Hauptmann d la suite, Cavalier Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin.

t Die Lage des Handwerks.

Häufig drückt die berüchtigte Loosung:Billig und schlecht" noch nicht einmal die ganze Misdre des Handwerks aus, sondern diese lautet nur zu oft: .Theuer aber schlecht." Selbstverständlich kommt uns nichts weniger in den Sinn, das ganze deutsche Handwerk über einen Kamm zu scheeren. Es giebt Gottlob, noch deutsche Handwerker genug, welche wisten, was sie ihrem ehren- h.sten Stande schuldig sind, und die ihre Ehre darin setzen, gute Arbeit und treiswerthe Maare zu liefern. Diese Leute klagen auck, es sei denn, daß sie iu Mitleidenschaft gezogen worden durch die allgemeine Last der Zeit, welche dm Credit erschwert und Niemanden mit Verlusten verschont; für sie hat Im Ganzen auch heute noch das Handwerk seinen goldenen Boden. Wohl mag t« sein, daß die Solidität noch immer die Regel bildet, und die Unsolidität die Ausnahme, aber diese Ausnahmen sind leider so zahlreich, daß das Ganze dadurch bedenklich beeinflußt wird; und durch die zahlreichen Ausnahmen einer nicht gewissenhaften Concurrenz leidet auch der anständige Theil der Handwer­ke, so daß mit der Zeit gar Mancher nicht Stand halten kann und sich in |dnen Leistungen mehr und mehr herabstimmen läßt.

Das Handwerk selbst klagt zunächst über die Concurrenz der Großindustrie unb über den Zwischenhandel. Richtig ist, daß viele Industriezweige durch Großbetrieb einzelne Handwerke auf den Aussterbe-Etat setzen, wie diese näm­lich bisher betrieben worden sind; aber es lehrt die Erfahrung, daß neben der Industrie der Handwerker, wenn er nur einigermaßen solider oder künstlicher arbeitet, sehr gut bestehen kann. Leider aber hat der Handwerker oft versucht, ra in seiner Art zum Klein-Industriellen zu erheben und in Bezug auf Maffen- Production, Billigkeit und leider oft auch Schnelligkeit der Maaren zu lmcurriren. In diesem ungleichen Kampfe siegte natürlich die Groß-Industrie; die Schund-Erzeugniffe dieses zur Klein-Industrie emporgeschraubten Handwerks vermehrten die Ueberproduction und drückten den Markt. Denn es ist thörichl ,ju glauben, daß die Fabriken den meisten Schund produciren; er stammt viel­mehr zumeist aus jenen Gewerbebetrieben, welche als Fabriken nicht leben und als- Handwerker nicht sterben können. Es war kein Zufall, sondern wahrschcin- Ich eine wirthschaftliche Nothwendigkeit, daß auch das Handwerk von dem all- prtmdnen Größenwahn nicht unberührt blieb, der sich darin kund gab, daß so Alle, mit den nach ihren Mitteln und ihren Kräften ihnen zugefallenen Wir- lmgskreisen nicht zufrieden, ohne jede Rücksicht auf die Verhältnisse oben dniausstrebten. Dadurch sind die Mißgeburten der Scheinproduction entstan­den, welche sich noch heute in den Wanderlagern, Schwindelauctionen und in

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den 50 - Pfennig - Bazaren darbieten. Die Polizei kann leider nicht allein diesen Schund fortschaffen, wie man etwa die schlechte Milch in den Rinnstein gießt, obwohl dies für das Publikum wie für eine gesunde Production das Beste wäre. Denn diese Art Industrie, deren Products Absatz nur unter Dummen finden, stirbt gerade darum so rasch nicht aus, und es leidet darunter nickt nur das solide Handwerk, welches mit den Scheinproducten nicht concurrtren kann, sondern auch das allgemeine Wohl, sei es auch nur in sofern, als die Zahl der Zwischenhändler in beklagenswerther Weise vermehrt wird.

Man könnte nun einwenden, daß die Erzeugnisie des Handwerks, welche, für den Zwischenhandel bestimmt, oft schonbillig und schlecht" gefertigt wer­den, so gut wie alles Andere den großen Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterliegen, und daß die Nachfrage nach schlechten, unsoliden Erzeugnissen ein­mal von selbst aufhören muß. Aber erstens könnte es lange daueru, ehe Jeder einmal getäuscht oderhereingefallen" ist, so lange vielleicht, daß inzwischen eine ne"k Generation heranwächst; sodann ist aber diese Angelegenheit nicht nur eine Geldfrage, sondern eine Frage der Ehre und der Sittlichkeit; fie ist endlich auch eine Frage des öffentlichen Wohles seitdem die Statistik uns be­lehrt hat, daß in der Periode dieses Rückganges der Solidität im Handwerk, wie in anderen Geschäftszweigen sich die Zahl der Bankerotte in erschreckender Weise vermehrt hat.

Es giebt in diesem Falle für das Handwerk nur eine Rettung, die es vom Zwischenhandel emancipiren und ihm seinen goldenen Boden wieder ver­schaffen kann. Das Handwerk muß wieder zur soliden und guten, zum Theil auch zur schönen künstlerischen Production zurückkehren und auf Preise halten. Das ist ein Gebot der Moral und der Selbsterhaltung. Wird es erfüllt, so ver­langt es von selbst und schafft mit der Zett auch wieder tüchtige und zuverlässige Lehrlinge, treue und strebsame Gesellen, erfindungsreiche Meister, die im Stande find, auch einmal eine geschäftliche Krisis zu überstehen.

Aerttschkarrd.

Darmstadt, 18. November. Heute Nachmittag um 3 Uhr 45 Min. war, wie her Allerhöchste Befehl angeordnet hatte, in der Stille das Leichen- begängniß Ihrer Großh. Hoheit der in Gott ruhenden Prinzessin Marte von Hessen und bei Rhein. Die Einsegnung der Höchsten Leiche fand nur Im eng­sten Kreise statt und erfolgte durch den Hofprediger Bender, worauf der Sarg auf den unter dem Portal des Palais haltenden Leichenwagen gebracht wurde; Hofmarschall Oberst Westerweller v. Anthont, Major Frhr. v. Nordeck zur Rabenau, Major v. Herff und Hauptmann v. Dieskau trugen die Zipfel der Sargdecke. Demnächst setzte sich der Trauerzug um 3 Uhr 45 Min. durch die obere Hügelstraße und Mühlstraße in der Ordnung in Bewegung, daß der Wagen der vorgenannten vier Herren den Zug eröffnete, ihm schloß sich der Wagen mit den Hofgcistlichen an. Dann folgte der mit vier Pferden bespannte Wagen mit der Höchsten Leiche, der über und über mit Palmen, Kränzen und Blumenspenden bedeckt war. Zur Seite des Leichenwagens gingen je vier Hos- laquaien, vor demselben der Kammerfourier.

Hinter dem Sarge folgten die Wagen der Höchsten Herrschaften, die Wagen des Großbritannischen Geschäftsträgers, des Ministers des Großh. Hauses und der Adjutanten der Prinzen des Großh. Hauses.

Auf der Rosenhöhe hatten sich mittlerweile die zur Theilnahme an der Beisetzung Geladenen versammelt, nämlich die Mitglieder des diplomatischen Corps, die nicht zum Dienst befohlenen Hofstaaten, der Präsident des Großb. Ministeriums der Finanzen, die Generalität, eine Deputation der englischen Gemeinde, der Oberbürgermeister und die Beigeordneten der Haupt- und Residenzstadt Darmstadt. Ferner hatten die Zöglinge des Elisabethenstists am Eingang des Mausoleums sich eingefunden. Am äußeren Eingang der Rosen- Höhe war die Garde Unterofficiers-Compagnie aufgestellt, am Mausoleum eine Compagnie des Leibgarde-Regiments mit der Fahne und der Regimentsmusik, welche bei Ankunft des Zugs einen Choral tntonirte. Vor dem Mausoleum wurde der Sarg von dem Leichenwagen abgenommen und unter Vortritt des Hofceremonienmeistcrs unb der Hofaeistltchen in die Grabhalle getragen; hien wurde die Höchste Leiche an ihren Ort, zur Seite des Sarges des Höchstseligeu Prinzen Friedrich gestellt und von dem Hofprediger Bender zur letzten Ruhe eingesegnet. Der Beisetzung wohnten bei: Ihre Köngl. Hoheit die Prinzessin Karl, Ihre Großh. Hoheiten Prinz Wilhelm und Prinz Alexander, Ihre Durch-