Ausgabe 
22.6.1878
 
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Mo. 14«

Samstag, den 22 Juni

1878.

Kichener "Anzeiger

Anzcize- und Amtsblatt für int Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags

Redaetionsbnrean: Gartsnstraße 8. 165.

ExpeditionSburean r Schul st raße 8. 18.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.

Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.

Dieser Tage ist der Hund eines hiesigen Einwohners in der Veterinäranstalt an der Tollwuth verendet.

Der Hund hatte kurz vorher sich auf der Straße mit mehreren Hunden herumgebifsen. Es wird deßhalb zur Verhütung von Unglucksfällen hiermit für die Stadt Gießen auf Grund des Artikel 261 des Polizei-Straf-Gesetzes verordnet:

Alle Hunde in der Stadt Gießen sind bis auf Weiteres in den Hofraithen in sicherer Verwahrung zu halten. Ausnahmen sind nur gestattet für diejenigen Hunde, welche mit einem das Beißen vollständig verhindernden Maulkorb von Draht versehen sind. Zu­gleich wird auf die Artikel 259 und 260 des Polizei-Stras-Gefetzes hingewiesen, wonach der Polizei alsbald Anzeige zu machenlst, wenn bei einem Hunde Anzeigen der Tollwuth beobachtet werden, oder ein Hund von einem der Tollwuth verdächtigen Hunde gebissen worden ist.

Gießen, den 20. Juni 1878. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

tueller und sittlicher Beziehung bezwecken.

Was wir bekämpfen, ist die Geltendmachung von Sonder-Jnteresien, durch welche Staat und Gesellschaft zersetzt werden. Darum treten wir allen Ver­suchen, welche das derzeitige Darniederliegen unserer wirthschaftlichen Verhalt- nisie zur Bildung einseitiger Jnteresien-Parteien benutzen möchten, um gleich der Socialdemokratie für ihre nicht selten durch eigene Schuld geschädigten Interessen Staatshülfe auf Kosten aller Uebrigen zu fordern. Nur allzusehr wird das nothwendige Ansehen der Gesetze und der Staatsgewalt auch durch solche Par­teiungen untergraben, welche unter conservativer Firma die heute unter der Sanction des Kaisers und der Verantwortlichkeit des Reichskanzlers erlassenen Gesetze morgen im angeblichen Jnteresie derselben Staatsautorität als die Quelle alles Nebels verdächtigen.

Die volle Autorität des Gesetzes und der Staatsgewalt wird nur dann gesichert werden, wenn nicht nur die Parteien, sondern auch die Regierungen von der Ueberzeugung sich durchdringen lasten, daß die Kraft des politischen Handelns nicht im beständigen Kampfe, sondern im engsten Zusammenwirken mit der Mehrheit Ver Volksvertretung beruht. Nach wie vor hält unsere Parte, an der Ueberzeugung fest, daß der Ausbau des jungen Deutschen Reiches nur auf den Grundlagen staatsbürgerlicher und wirthschaftlicher Freiheit, gleichen Rechtes und parlamentarischer Verfaffung erfolgen kann. Hier liegt die Macht, welche die Erschütterungen des Augenblicks überwinden und den zugleich starken und freien Staat über alle Umsturzgelüste wird triumphiren lassen. Wähler 1 Die Wahlen fallen in eine Zeit, wo die Nation ihre Ehre angetastet sieht durch

Zur Wahlbewegung.

Auch der Wahlaufruf der Fortschrittspartei ist jetzt erschienen. Derselbe ' lautet:

Wähler I Der Reichstag ist aufgelöst. Die Neuwahlen stehen in weni- , gen Wochen bevor. Nach den Erklärungen der Relchsregierung kommt es , darauf an, Abgeordnete zum Reichstage zu wählen, welche der Socialdemokratie kräftig entgegentreten. Für die deutsche Fortschrittspartei ist dies keine neue Ausgabe. Sie hat von jeher in der vordersten Lime des Kampfes gegen die Socialisten gestanden. Von dem ersten Auftreten Lasalle's gegen Schulze- Delitzsch an bis in die letzten Tage des aufgelösten Reichstages ist sie stets einer Partei entgegengetreten, von der sie sofort erkannte, daß deren Bestrebun­gen unvereinbar seien mit der politischen und gesellschaftlichen Ordnung der Nation, verderblich für die wirthschastliche Entwickelung und die Freiheit des Ganzen, wie jedes Einzelnen. Die Fortschrittspartei hat den Kampf gegen die Socialdemokratie ausgenommen zu einer Zeit, wo es noch zweifelhaft erschien, ob nicht die Regierung sich des Beistandes derselben gegen die Liberalen ver­sichern wollte. Sie hat den Kampf geführt vor den Wählern, in der Presse, in den Parlamenten. Sie wird auch nicht müde werden, den Kampf mit Nach druck und Entschiedenheit fortzusetzen, und den Ehrenposten, auf welchen sie in demselben getreten ist, zu behaupten. Die deutsche Fortschrittspartei erwartet einen bleibenden Sieg der staatserhaltenden Kräfte nur auf dem Boden des gemeinen Rechtes. Sie verlangt von der Regierung rasche und starke Nieder­werfung jedes Versuches einer gewaltsamen Bedrohung der Rechtsordnung, strenge und unparteiische Handhabung der Gesetze gegenüber jeder Ausschreitung. Sie ist bereit, jede Vorlage der Regierung vorurtheilsfrei zu prüfen, welche Verbesserungen der bestehenden Gesetzgebung in dieser Richtung erstrebt. Aber die Fortschrittspartei muß es ablehnen, den Gegensatz der Klassen, wie ihn die Socialdemokratie thatsächlich aufreißt, gesetzlich anzuerkennen. Nach ihrer Ueber­zeugung würde die Geschichte auch diesmal keine Ausnahme machen von der Lehre, die ste predigt, daß eine Bewegung der Geister mit geistigen Mitteln zum Stillstand gebracht werden muß, und eine Rückkehr der Gesetzgebung zur Rechtsungleichheil und damit zur Ungerechtigkeit und Willkür eine solche Be­wegung eher schüren und aus der Oeffentlichkett in das Geheimniß gefährlicher Verschwörung zwingen würde. Auch über diesem Kampfe wird die deutsche Fortschrittspartei wie bisher niemals vergessen, alle diejenigen Einrichtungen kräftigst zu fördern, welche die Hebung der Arbeiter in wirthschaftlicher, intellec-

zwei kurz auf einander folgende Mordversuche gegen das geheiligte Haupt ihres Kaisers. Aber die Treue, Hingebung und Verehrung, welche daS deutsche Volk dem Kaiser weiht, bekunden zugleich, wie fest das Deutsche Reichen den Herzen seiner Bürger verankert ist. Im vollen Einklang dieser Gefühle weist die deutsche Fortschrittspartei mit Entrüstung jeden Versuch zurück, die tiefgehende Bewegung dieser Tage zu Gunsten einseitiger Parteiungen und reactionärer Be­strebungen auszubeuten.

Wähler, vergesset nicht über die Erregung des Augenblicks, daß der neue Reichstag nicht blos berufen sein wird, Maßnahmen gegen die Socialdemokratie zu berathen, sondern daß er für drei lange Jahre gewählt, in diesem Zeiträume die schwerwiegendsten Fragen der wirthschaftlichen Ordnung, der Organisation i r Reichsvcrwaltung und der künftigen Gestaltung des Mtlitärdienstes zu ent­scheiden haben wird. Es gilt den Volkshaushalt gegen neue Steuerbelastung, große Erwerbszweige gegen Beunruhigung durch bedenkliche Projecte, wie Tabaks­monopol, Reichseisenbahnen rc., sicher zu stellen. Unsere Partei hat in allen diesen Fragen eine klare und offene Stellung eingenommen, und bedarf dafür keines neuen Programms.

Am Volke ist es jetzt, der deutschen Fortschrittspartei im Parlamente neue Kraft zu verleihen, um ihre alte feste Stellung gegen jeden Ansturm wirksam zu behaupten.

Berlin, 17. Juni 1878.

Namens der deutschen Fortschrittspartei:

Bernhardt. Büchner. Bürgers. Büxten. Eberty. Eysoldt. Grünhagen. Haenel. Max Hirsch. Hoffmann. Hermes. Hausmann. Klotz. Knoercke. Karsten. Langerhaus. Ludwig Löwe. Mendel. Parisius. Eugen Richter. Runge, v. Saucken-Julienselde. L. Schwarz. Straßmann. Schulze-Delitzsch.

Träger. Virchow. Wulfshein. Zelle. Zimmermann.

Deutschland.

Berlin, 18. Juni. Es sind in neuerer Zett runde Filzhüte in den Handel gekommen, deren Schweißleder weißes Blei-Oxyd enthält. Da Blei- Oxyd ein Gift und geeignet ist, die menschliche Gesundheit zu gefährden, so soll vor dem Ankäufe derartiger Hüte gewarnt werden. Das Reichs-Ober­handelsgericht hat kürzlich durch Erkenntniß den wichtigen Grundsatz aufgestellt, daß den Töchtern eines bei dem Eisenbahnbetriebe getödteten Mannes gegen den Betriebsunternehmer ein Anspruch auf Ausstattung aus dem Reichs-Haft­pflichtgesetze vom 7. Juni 1871 nicht zusteht.

DasWolff'sche Telegr.-Bureau" hat vor einigen Tagen eine Mel­dung derAgenzia Stesani" reproducirt, nach welcher der Cardinal Franchi im Auftrage des Papstes an die Organe des Kirchenregiments in Deutschland die Weisung gerichtet hätte, den Socialismus zu bekämpfen. Diese Nachricht ist jedoch unbegründet und eine solche Weisung von Rom aus nicht ergangen. Der Socialismus ist vom vorigen Papste als Irrlehre verflucht worden;, aber denselben zu bekämpfen, ist den bischöstichen Behörden Deutschlands nicht besohlen worden. r . f .

Die Entscheidung über das Gesuch derjenigen Tabakshändler und Tabakssabrikanten, welche im Anfänge dieses Jahres massenhaft Tabak impor- tirt haben, ihnen den jetzt fälligen Einfuhrzoll noch weiter zu stunden, wird, wie es heißt, ablehnend ausfallen. r-r z ,

Berlin, 19. Juni. Ein Artikel derProvinz. Corresp.", überschrieben dieVerantwortung für die Auflösung des Reichstages", kommt zu dem Schluß, daß die Regierung so wenig aus der nationalliberalen Presse wie aus dem eigenen Verhalten des früheren Reichstages irgend einen Anhalt für die Annahme gewinnen konnte, daß sie auch bet jenem bereitwillige und entschlossene Unt^- stützung gegen die Socialdemokratie hätte finden-meu.Die tiefere ursächliche , Verantwortung für die Auflösung fällt der Mehrheit des Reichstages zu, vor i allem der nationalliberalen Partei in ihrer bisherigen Zusammensetzung und ! Leitung. Die unmittelbare politische Verantwortlichkeit wird die Regierung > willig vor der Nation und vor der Geschichte tragen. Sie hat zunächst die