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Wo. 18. Dienstag, den 22. Januar 1878.

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AW-k- Md imtsMitt fit Kn Kreis Gießen.

r Gartenftraße B. 165.

GKpedittsnSdrvreorrr Schxlstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

politischer Hheil.

Kesterreich.

Wien, 18. Januar. Das Abgeordnetenhaus nahm heute den Gesetz­entwurf, betr. das Zoll- und Handels-Bündniß mit Ungarn, an, abgesehen von einigen Paragraphen, die an den Ausschuß zurückgewiesen waren.

Abends. Im hiesigen Gemeinderathe wurde über einen Antrag Berges, der Gemeinderath möge an den Reickstag um Herabminderung des Heeres- Etats petitioniren, zur motivirten Tagesordnung übergegangen.

Wien, 19. Januar. DasNeue Wiener Tagblatt" meldet aus Kon­stantinopel : General Klapka hat sich im Auftrage des Sultans nach Adria- nopel begeben, um gemeinsam mit Mehtmed Ali die Verrheidigung der Stadt zu übernehmen. (Vergl. jedoch die Nachrichten aus Konstantinopel. D- Red.)

Wien, 18. Januar. DasFremdenblatt" meldet: Oesterreich-Ungarn erklärte gegenüber der Türkei, daß es, soweit durch den Friedensschluß Fragen berührt würden, bet deren Regelung Oesterreich-Ungarn nach dem Pariser Tractatrecht mitzusprechen habe, von dieser Befugniß Gebrauch zu machen sich Vorbehalte und somit in den Friedenspräliminarien kein in allen Punkten bindendes Präjudiz für den definitiven Frieden erblicken könne. Daß damit nicht der Pforte der Rath ertheilt worden sei die Friedensbedtngungen Rußlands abzulehnen oder jeden Präliminarfrieden zu perhorresciren, bedürfe keiner weiteren Ausführung, werde auch durch die Reise der türkischen Delcgirten in das russische Hauptquartier widerlegt.

Abends. DiePresse" bringt folgende Meldungen: Aus Pera, 17. b. Die Russen haben gestern Hermanli, 8 Meilen von Adrianopel gelegen, besetzt; ihre Cavallerie streift bereits bis Mustava Kioprösu. Man erzählt, Suleiman Paschas Corps sei von Adrianopel abgeschnitten und gegen Süden in das Gebirge gedrängt. Aus Cettinje. Der Fürst hat wegen Proviantmangels die meisten von den aus den albancsischen Nachbarorten stammenden türkischen Gefangenen entlassen.

England.

Loudon, 17. Januar, Abends. (Ausführlichere Meldung über die Sitzung des Oberhauses). Der Erlaß einer Adresie an die Königin wurde von Wharncliffe beantragt und vom Bischof von London unterstützt. Granville besprach die verschiedenen in den letzten 6 Monaten abgegebenen Erklärungen der Regierung; dieselben hätten bis zum November vorigen Jahres einen be­ruhigenden Charakter getragen. Er (Granville) glaube aber, daß durch die Rede Beacoufield's vom 9. Novbr. die anderen Mächte auf den Gedanken ge­kommen seien, daß England eine bewaffnete Neutralität angenommen habe. Redner äußerte sich mißbilligend über den Paffus der Thronrede bezüglich der frühzeitigen Einberufung des Parlamentes, und wies aus die Versicherungen hin, die Rußland in Betreff des Punktes gegeben habe, bis zu welchem es gehen wolle. Wenn diese Versicherungen unbefriedigend gewesen seien, so hätte das Parlament sofort einberufen werden sollen; wären sie aber befriedigend gewesen, so hätte es keinen Grund gegeben, das Gefühl der Unsicherheit zu wecken, welches, wie er glaube, desfalls herrsche. In seiner Erwiderung hieraus motivirte Beaconsfield die Einberufung des Parlaments durch die veränderte Kriegslage nach dem Falle von Plewna und durch das erfolgte Ansuchen der Pforte um Frieden. Granville habe über die verzögerte Einberufung des Par­laments geklagt; es sei jedoch zu bedenken, daß das Parlament nicht in weni­gen Stunden einberufen werden könne. Tie Zeitungen seien nicht maßgebend für die Politik der Regierung. Diese sei nicht schwankend oder schwach ge­wesen. Solche Behauptungen solle man nicht auf anonyme Publikationen bafiren. Die Regierung habe von Anbeginn an nie gezögert hinsichtlich der zu befolgenden Politik. Lange vor dem Ausbruch des Krieges, als die Möglich­keit deffelben der Regierung die Pflicht nahegelegt habe, zu erwägen, welche Interessen gefährdet sein dürsten, habe dieselbe einstimmig sich dahin schlüssig gemacht, daß Englands Pflicht stricte Neutralität im Kriege erheische, und von dieser Politik sei die Regierung niemals abgewichen. Schon in der letzten Session des Parlaments habe er (Beaconsfield) erklärt, die Neutralität Eng­lands sei dadurch bedingt, daß die Interessen Englands nicht gefährdet würden. Diese Interessen habe Lord Derby in seiner Depesche definirt. Während der Ferien habe er (Beaconsfield) nur Eine Rede gehalten und darin erklärt, nichts solle die Regierung bestimmen, von der bedingten Neutralität abzuweichen. Er könne daher nicht verstehen, worauf die Anschuldigung einer Schwankung bafire. Granville habe die englische Politik als selbstsüchtig bezeichnet; aber Andraffy habe doch auch in einer osficiellen Note erklärt, Oesterreichs Politik sei die be­dingte Neutralität. Es sei Oesterreichs Sache, über Oesterreichs Jntereffen zu wachen. Er (Beaconsfield) wisse auch nicht, daß Deutschland Ausdrücke ge­braucht habe, welche freier von Selbstständigkeit seien, als die von der englischen Regierung gebrauchten. Da die englische Regierung dieselbe Politik befolgt habe, die fie von Anfang an einhielt, und da sie den Beginn von Unterhand­lungen herbeigeführt habe, welche erfolgreich sein könnten oder auch nicht, so habe sie Grund, mit Vertrauen an das Parlament zu appelliren wegen der Mittel, um die englischen Interessen wirksam zu schützen, vorausgesetzt, daß das

Parlament seine Politik billige. Hätte die Regierung das Land in eine Lage der Jsolirung versetzt, so hätte sie dem Lande großen Nachtheil zugefügt. Aber der Waffenstillstand für Serbien, das Verschwinden des Berliner Memoran­dums, die Conserenz und die jüngsten Verhandlungen hätten bewiesen, daß dies nickt der Fall sei. Beim Beginne des Jahrhunderts habe England unter den entmuthigsten Gemeinwesen Europas allein feine nationale Unabhängigkeit ver- theidigt. England würde jetzt ebenfalls nicht zurückschrecken, für eine solche Sache sich zu erheben. Englands Einfluß werde im Rathe Europas sehr em­pfunden. Dieser Einfluß werde von der Regiernng ausgeübt werden, um einen stabilen und dauerhaften Frieden zu erlangen. Wenn dieselbe aber berufen sein sollte, die Rechte Englands zu verfechten und dessen Jntereffen zu Vertheidigen, so werde sie nicht zögern, wieder und wieder an das Parlament zu appelliren, um die Rechte des Reiches zu verfechten und seine Jntereffen zu vertheidigen. Der Herzog Argyll charakterisirte die Rede Beaconfield's als glänzend, aber nicht zweckentsprechend; sie weiche einer Erklärung über die Politik aus, welche man von dem Haupte der Regierung zu erwarten habe. In seiner Definirung der englischen Jntereffen habe Beaconsfield weder der Integrität noch der Un­abhängigkeit der Türkei erwähnt. Betreffs des Suez-Canals sei es selbstver­ständlich, daß England nie gestatten könne, daß sein directer Weg nach Indien gestört werde. Die Frage der Dardanellen müßte eine europäische bleiben. Wenn aber die Türkei aufhöre, eine europäische Macht zu sein, so werde eine Veränderung des Reglements für Kriegsschiffe nothwendig sein. Der Besitz Konstantinopels sei mehr als eine europäische Frage bezeichnet worden. Wenn die Regierung jedoch der Ansicht sei, daß, so lange die Türkei Widerstand leiste, Rußland verhindert sei, in jene Stadt einzuziehen, so würden daraus die ernstesten Fragen entstehen. Der Staatssekretär für Indien, Salisbury, wies darauf den Gedanken zurück, daß die Regierung durch Einberufung des Parla­ments die Türkei zu erneutem Widerstande aufreize. Die Türkei sei wiederholt gewarnt worden, keine Hülfe von England zu erwarten, und sie würde auch keine Hülfe zur Verteidigung ihrer Jntereffen erhalten, obschon es nothwendig werden dürfte, Englands eigene Jntereffen zu schützen. Die Politik Argyll's, welche die Türkei aus Europa vertreiben wolle, würde viel eher die Türkei zum Widerstande aufreizen. Salisbury stellte sodann in Abrede, daß Mei­nungsverschiedenheiten im Cabinete herrschen, und schloß seine Rede mit folgen­den Worten:Ich wünsche nicht auf die genauen Umstände einzugehen, unter welchen die definirten Jntereffen Englands bedroht wären, aber ich weiß, daß die Kriegswogen sich sehr jenen definirten Lokalitäten nähern, und ich sage: wenn Sie der Regierung nicht vertrauen, so versehen Sie sich mit einer ande­ren Regierung, der Sie vertrauen wollen. Wenn Sie aber der Regierung vertrauen, so versehen Sie dieselbe mit den geeigneten Mitteln, um wirksam das Vertrauen durchzusühren, das Sie ihr auferlegt haben." Das Ober­haus nahm hierauf die Adresse an und vertagte sich sodann.

(Unterhaus). Egerton beantragte den Erlaß der Adreffe an die Königin und wurde von Tennant unterstützt. Lord Hartington krittsirte die Inkonsequenz der von der Regierung befolgten Politik und hob namentlich her­vor, daß das Haus erfreut gewesen sei, die friedlichen Erklärungen Derby's und Carnarvon's zu vernehmen; aber andere Kreise seien bestrebt gewesen, die Leidenschaften des Volkes zu wecken, um das Aufgeben der Neutralität herbei­zuführen. Das Bestreben der Regierung, den Frieden wiederherzustellen, habe sich einzig und allein in dem Umstande gezeigt, daß sie den Wunsch des Sul­tans wegen der Vermittlung an Rußland übermittelt habe. Sei dies im Auf­trage der Pforte oder auf Wunsch der britischen» Regierung geschehen? Die Versammlungen im Lande zeigten die vorherrschenden Besorgnisse; die Regierung könne dieselben beschwichtigen. Letztere trage ausschließlich die Verantwortung und könne, da sie das Berliner Memorandum abgelehnt habe, nicht freudig davon berührt sein, sich sagen zu müssen, daß zwischen Rußland und der Türkei Unterhandlungen gepflogen werden, von denen sie nichts wisse. Es sei nicht leicht einzusehen, wie man, wenn Rußland und die Türkei sich verständigen sollten, darauf bestehen könne, daß die Türkei den Krieg fortsetzen solle, um andere Bedingungen zu sichern. England hätte nur als Alltirter Rußlands oder der Türkei, oder in dem Falle, daß es mit Deutschland oder mit anderen neutralen Mächten im Einverständniß gehandelt hätte, an den Unterhandlungen parttcipiren können, aber die Regierung habe sich geweigert, irgend eine dieser Stellungen einzunehmen, und die jetzige Stellung sei von ihr selbst gewählt. Es sei daher schwer ersichtlich, wie man über Demüthigung klagen könne. Der Appell an die Freigebigkeit des Parlamentes beziehe sich entweder auf sofortige a?, oder derselbe fei abhängig von einer weiteren Fortsetzung des Krieges.

solche Politik sei seiner Ansicht nach nicht gut. Jetzt sei weniger Grund für solche Vorkehrungen vorhanden, als am Schluffe der letzten Session. Der Appell werde auf Grund irgend eines unerwarteten Ereigniffes gemacht, das Vorsicktsmaßregeln nothwendig machen dürfte. Sei dies ein gültiger Grund, die Hilfe der berathenden Versammlung anzurufen? Unerwartete Ereigniffe seien stets möglich. Die Forderung der Regierung sei entweder arglistig oder grau-, sam für die Türket. Entweder wisse die Regierung, was das unerwartete Er- eigniß sei, oder sie veranlaße die Türkei grausamer Weise zu weiterem Wider-