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Bio* 141. Freitag, den 21. Juni 1878.

Gießener Wütiger

Anitigc- und Amtsblatt für ben Kreis Gießen.

--------------- Z77, A n 1ßr- , " " " o Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Nringcrlohn. WcMctionSburetu: Gort-nstraß- B 165. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. bic <n0f6cAgen merteljährlich 2 Mark 50 Ps.

Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.

Di- Rechnung der evangelischen Kirche zu Gieße« für das Jahr 1877 liegt von heute an 8 Tag- laug zu Jedermanns Einsicht auf Grvßherzvglicher

Bürgermeisterei offen. -

Gießen, den 20. Juni 1878._________________________Ur. Seel.

bekunden.

Die Forschungen nach der gesunkenen PanzerfregatteGroßer Kur­fürst", welche bisher von englischen Tauchern vorgenommen worden, sollen ergeben haben, daß die Ueberreste des Schiffes geborsten und daher rettungslos verloren seien. Die Admiralität will sich indeffen hierbei nicht beruhigen, und es ist deshalb ein deutscher Taucher und ein kaiserlicher Marine-Ingenieur nach Folkestone geschickt worden, um die Untersuchungen zu wiederholen.

auseinander, aber einig sind wir darüber, daß die Handelspolitik nach festen Gesichtspunkten und dauernden Grundsätzen geleitet werden muß, daß nur das allgemeine Jntereffe des Landes bestimmend sein darf und daß die großen Grundzüge der durch ein halbes Jahrhundert erprobten Politik nicht durch un- ichere Experimente verdrängt werden dürfen.

An den Grundlagen der Verkehr, Handel und Gewerbe regelnden Gesetze halten wir fest; doch wird uns dies auch in Zukunft nicht hindern, die beflernde Hand anzulegen, wo die Erfahrung Mißstände oder Mängel klargelegt hat. Insbesondere werden wir alle Maßregeln unterstützen, welche den Zweck haben, das geistige und materielle Wohl der arbeitenden Klaffen zu fördern.

Das deutsche Bürgerthum in Stadt und Land hat bei den letzten Wahlen sich nicht beirren laffen durch die gegen uns erhobene Anklage, daß wir beim Abschluß der Justizgesetze der Staatsgewalt zu viel eingeräumt hätten. Es wird sich nicht beirren laffen durch die jetzt von anderer Seite erhobene Anklage, daß wir der Staatsgewalt zu wenig einräumen und nicht bereit seien, die Auto­rität des Staates und der Behörden in vollem Maße sicherzustellen.

Die national-liberale Partei, welche seit den ersten Tagen nationaler Einigung bestrebt war, an der Errichtung und dem Ausbau des Deutschen Reiches auf den Grundlagen bürgerlicher Freiheit und Gesittung mitzuwirken, wird auch in Zukunft allen Angriffen zum Trotz ihren bisherigen Grundsätzen

Wir unsererseits weisen gegenüber der gewaltigen, allen Freunden des Vaterlandes gleichmäßig gestellten Ausgabe jede einseitige Rücksicht aus das Partei-Interesse von uns. Wir werden auch in Zukunft lediglich nach unserer Einsicht von den Bedürfniffen des Landes handeln.

Die deutschen Wähler werden eingedenk bleiben, daß der nächste Reichs­tag auch berufen ist, eine große Anzahl anderer wichtigen Fragen zu lösen.

Es gilt, die Institutionen des Reichs in constitutionellem Sinne auszu­bauen und die Bedingungen einer stetigen und wohlerwogenen Leitung der Regierung zu sichern.

Es gilt, mittelst einer planmäßigen Steuerreform das Reich durch Ver­mehrung der eigenen Einnahmen finanziell selbständig zu machen und Ersatz für die ungleich belastenden Matrtcular-Umlagen zu schaffen.

Es gilt, für lange Zeit die Handelspolitik des Deutschen Reichs sest- zustellen.

Wir verlangen nach wie vor eine Steuerreform, welche zugleich die Ver- bältniffe des Reichs und der Einzelstaaten berücksichtigt und nicht blos eine Mehrbelastung des Volks herbeisührt. Wir verlangen ein Finanzsystem, welches die constitutionellen Rechte der deutschen Volksvertretungen wahrt. Wir werden Vorschlägen nicht znstimmen, deren Annahme große und blühende Ge­werbszweige vernichten würde.

Die Zollsragen haben niemals einen Theil unseres politischen Programms gebildet. Ueber manche derselben gehen auch in unseren Rethen die Ansichten

Wahlaufruf der national-liberalen Partei.

Berlin, 17. Juni.

Der vom Central-Wahlcomit6 der national-liberalen Partei erlaffene

Wahlaufruf, der heute festgestellt wurde, lautet:

Die unerwartete Auflösung des Reichstages ruft die Wähler in schwerer Zett zur Wahlurne. Unerhörte Frevelthaten sind an dem ehrwürdigen Haupte und Einiger der deutschen Nation verübt. Eine tiefe Aufregung durchzuckt das deutsche Volk. Kummer. Scham und Zorn erfüllen alle Gemüther und werden . noch gesteigert durch die in erschreckendem Umfange hervortretenden Zeichen j einer weitverbreiteten Verirrung und Verwilderung. In Folge einer gewaltigen, alle Culturländer umfaffenden, von der Gesetzgebung einzelner Länder unab­hängigen Krisis und des orientalischen Krieges liegen Handel und Gewerbe noch rmmer darnieder. Die besitzenden und die arbeitenden Klaffen leiden gleichmäßig unter dem schweren wirthschastlichen Drucke. Politische und confessionelle Kämpfe lähmen die einheitliche Kraft der erhaltenden Elemente- Die politische Orga­nisation des Deutschen Reiches ist noch nicht erstarkt. Das Finanz- und Steuer­system harrt einer umfaffenden Reform. In dieser Lage ergeht die Aufforderung der Retchsregierung an die Nation, aus's Neue Vertreter zu entsenden, welche bereit und entfchloffen sind, ihr Hülfe und Unterstützung zu gewähren in dem Kampfe gegen die Ausschreitungen der Socialdemokratie.

Wir sind davon überzeugt, daß auch die große Mehrheit des aufgelösten Reichstages hierbei ihre Mitwirkung nicht versagt haben würde, welche unsere politischen Freunde schon damals anboten, als der Reichstag sich gezwungen sab, das im letzten Augenblicke vorgelegte Gesetz abzulehnen. Unsere politischen Freunde werden auch im neuen Reichstage es als ihre erste Pflicht erachten, der Reichsregierung in der Vertheidtgung der Grundlagen gesellschaftlicher Ord- nung und staatlicher Sicherheit entschloffen zur Seite zu stehen, und überall, wo eine aufmerksame und energische Handhabung der bestehenden Gesetze nicht aus- reicht, die erforderlichen gesetzlichen Vollmachten'und Besugniffe ohne Schwanken gewähren. Alle Vorschläge, welche darauf gerichtet sind, in wirksamer Weise die auf den Umsturz der bestehenden Rechtsordnung und die Zerstörung des bürgerlichen Friedens gerichteten Angriffe zu verhindern und abzuwehren, ohne die dauernden Garantien unserer schwer errungenen bürgerlichen Freiheit zu ge­fährden, werden unsere Unterstützung finden. Wir werden solche Gesetzentwürfe lediglich nach ihrem Wesen und ihrer Wirksamkeit prüfen. Eine gleiche Unbe­fangenheit setzen wir bei allen Mttwirkenden voraus und zweifeln daher nichts daß die Einigung der gesetzgebenden Factoren gelingen werde.

Aber in voller Würdigung des Ernstes der Lage und der durch die Ver­hältnisse der Gegenwart unerläßlich gebotenen Maßregeln müßten die Wähler inmitten der jetzigen Erregung sich erinnern, daß der Nation unentbehrliche dauernde Rechte und Freiheiten nicht verloren gehen dürfen, daß eine sociale Krankheit zu heilen ist, nicht allein ihre gefährlichen Symptome zu unterdrücken sind, und daß eine wahre Heilung nicht von den Gesetzen allein zu erwarten, sondern durch die freie und thätige Mitwirkung aller Theile des Volkes be-

Telegraphische Depeschen.

Wagner'- telegr. Gorrespondenz-Bureau.

Wien, 19. Juni. DiePresse" folgert aus den Enthüllungen des Globe", Rußland habe einen englischen Freibrief für alle diejenigen Friedens­punkte in der Tasche, welche nicht unmittelbar die englischen Jntereffen berühren. Der Vorgang Englands sei ein ungeheuerlicher; dem gegenüber werde Oester­reich aus seinem bisherigen Standpunkte der Loyalität, der offenen Discussion und einer festen Lösung beharren. DasFremdenblatt" betont gleichfalls, für Oesterreich handle es sich nicht um einen Nothbau, sondern um eine auf festen natürlichen Grundlagen beruhende Neugestaltung, welche an Oesterreichs Grenzen den Frieden verbürge.

DasTagblatt" meint, gegen Oesterreich hätte man maßlose Anklagen erhoben, wenn es getrennt von Europa auf Wahrung seiner Jntereffen bedacht gewesen wäre. Es sei gewiß, daß Oesterreich eine Bedrückung seiner Jntereffen nicht ruhig hinnehmen werde.

London, 19. Juni. Der deutsche Botschafter, Gras Munster, hat eine mit 217 Unterschriften bedeckte Adreffe von Deutschen Ost-Londons entgegen­

getreu bleiben. ,

Das deutsche Volk wird, deß sind wir sicher, seine Entscheidung auch diesmal mit Besonnenheit und Festigkeit treffen.

Berlin, 16. Juni 1878.

Das Central-Wahlcomitö der national liberalen Partei:

Dr. Ludw. Bamberger, v. Benda, v. Bennigsen. Gg- v. Bunsen. Fr. Dern- burg. v. Forckenbeck. Dr. Friedr. Kapp. Kiefer. Dr. Lasker. Mar- quardsen. Miquel. H. B. Oppenheim. Pogge-Strelitz. Rickert. Freiherr Schenk v. Stauffenberg. Stephani. Dr. Techow. v. Unruh, v. Vahl. Dr. Wachs. Dr. Weigel.

Deutsch sand.

Darmstadt, 19. Juni. Ihre König!. Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin haben dem Vorstand des hiesigen Hülfsvereins unter .dem rothen Kreuz als Gabe für die Hinterbliebenen der mit demGroßen Kurfürst" Verunglückten die Summe von Tausend Mark gnädtgst überwiesen.

Berlins, 17. Juni. Als ein erfreuliches Zeichen für das Befinden des Kaisers ist es von der Bevölkerung aufgefaßt worden, daß heute zum ersten Male seit dem 2. Juni die Wache für das Brandenburger Thor, welche das Kaisir-Alexander-Regiment gegeben hat, mit klingendem Spiel an dem kaiser­lichen Palais vorüberzog. Das Musikcorps spielte die Volkshymne und das Publikum strömte in dichten Mafien herbei, um sichtlich seine Theilnahme zu