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Die Tagesordnung sührt zu dem Gesetzentwurf über die Landes-Brandverficherungs- anstalt im Großherzoglhum und zwei damit zusammenhängenden Anträgen auf vollständige Revision der einschlägigen Gesetzgebung und Gründung einer Unter- stützungscasse für verunglückte Feuerwehrleute. Die Kammer lehnt tue ersteren vier Artikel, welche die Bildung eines Betriebs- und Reservefonds für die Brandcasie beabsichtigen, im Hinblick auf die auch von der Regierung anerkannte Revisionsbedürftigkeit der ganzen Gesetzgebung ab, genehmigt, daß aus der jährlichen Gesammteinnahme der Landes-Brandversicherungsanstalt jedesmal ein Procent der zur Erhebung kommenden Brandversicherungsbeiträge zunächst zur Unterstützung von Personen, welche in Folge ihrer Theilnahme an den Lösch- anstalten verunglückten, und ihrer Hinterbliebenen, sodann zur Förderung des Feuerlöschwesens, insbesondere zu Beiträgen an Feuerwehren und Gemeinden nach den Bestimmungen des Ministeriums verwandt werden sollen und nimmt endlich die Schlußartikel an, welche den Versicherten einen dem Grundsätze der Selbstverwaltung entsprechenden Einfluß auf Verwaltung und Leitung einräumen. Das auf diese Weise zuzuziehende Laienelement soll nach Ansicht der Regierung und der Kammer wesentlich bei der Vorbereitung der zukünftigen Gesetzgebung mitwirken. Morgen beginnen die Berathungen über das Ausführungsgesetz zum Gerichtsverfassungsgesetz.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'» telegr» Torrespvndeuz-Burea«.

Berlin, 16. Mat. Der Reichstag erledigte heute die zweite Lesung der Ueber- sicht der Reichs-Einnahmen und Ausgaben pro 1876/77, sowie die Zusammenstellung der Liquidationen über die aus der KriegskostenentschSdtgung zu ersetzenden Auf­wendungen. Sodann wurde der Entwurf betr. den Sptelkartenstempel in zweiter Lesung nach den Commtssionsanträgen mit unwesentltchm Amendements genehmigt; ferner in erster und zweiter Lesung die Gesetzentwürfe betr. die Ehrenzulage an die Inhaber des eisernen Kreuzes von 1870/71 und die Controle des Reichshaushaltsetats pro 1877/78 und des elsatz-lothringtschen Landeshaushglts pro 1877. Darauf folgte dre zweite Lesung des GertchtSkostengesetzes und der Gebührenordnung für Gerichts­vollzieher und für Zeugen und Sachverständige. Die Commission beantragte hierzu eine Resolution, wonach der Reichskanzler ersucht wird, eine Zusammenstellung der finanziellen Ergebnisse des Gerichtskostengesetzes und der Gebührenordnung für Gerichts­vollzieher, wie solche sich in den Etnzelstaaten Herausstellen würden, binnen 4 Jahren nach dem Inkrafttreten der Gesetze dem Reichstage vorzulegen, damit eine sichere Grundlage für eine etwaige Revision der Gesetze gewonnen werde.

StaatSsecretär Friedberg erklärte sich ermächtigt, die volle Zustimmung der Bundesregierungen zu den Commissionsbescblüssen und den Dank an die Commission für ihre mühevolle Arbeit auszusprechen. An der Debatte betheiltgten sich Wtndthorst, Schmidt (Württemberg), Schwarz, Marquardsen und Träger. Der Antrag Mar- quardsen's auf En dloe Annahme aller drei Entwürfe wurde mit sehr großer Majorität genehmigt. Schließlich berichtete v. Stauffenberg über die Reise der Reichstags-Deputation nach Kiel: die Deputation habe sich von dem erfreulichen Fortschreiten der Marine überzeugt und, wohl im Namen des ganzen Reiches, die innigsten Sympathien des gesammten Vaterlandes mit der Marine ausgesprochen. Die Aufnahme, welche die Deputation in Kiel, Lübeck, Wismar und Schwerin gefunden, beweise, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit und nationalen Einheit an den äußersten Grenzen deS Reiches überall lebendig sei. v. Stauffenberg suchte die Ermächtigung nach, den Dank für die der Deputation gewordene Aufnahme aussprechen zu dürfen. Der Präsident kündigte an, daß er die Sitzungen des Hauses Morgens 10 Uhr beginnen lassen und Abend- sitzungen halten werde, um die Geschäfte bis Mitte nächster Woche zu erledigen.

Petersburg, 16. Mai. lieber die Vortäge Schuwaloffs beim Kaiser, sowie über seine Besprechungen im Auswärtigen Amte wird vollständiges Still­schweigen bewahrt, auch scheint solches den officiösen Organen auferlegt, damit nicht vor Schuwaloff's Wiedereintreffen in London, eine unnöthige Zeitungs­polemik hiesiger und auswärtiger Organe die offenbar versöhnlichen Intentionen, wie sie zwischen England und Rußland zu Tage treten, stört und beeinträchtigt. Man nimmt an, daß Schuwaloff Ende der Woche Petersburg verlaffen und mit kurzem Aufenthalt zu Berlin nach London zurückkehren wird. Gleichwohl werden in den politischen Kreisen Einzelfragen besprochen, welche zu reeller Verständigung führen könnten. Wenn in erster Linie an der Nothwendigkeit. als Ziel des Krieges die Unabhängigkeit der christlichen Bevölkerungen der Türkei sicherzustellen, festgehalten wird, so betrachtet man andererseits die provisorisch aufgestellte Charte der Bulgarei nicht als ein Noli me tangere. Auch erachtet man anders geartete Compensationen für die Kriegsentschädigung, als die im einzelnen festgesetzten, nicht für undiskutirbar. Wenn diesbezüglich von Retrocession von Kars absolut keine ernstliche Rede sein könnte, so wird nicht mit gleicher Bestimmtheit über Datum abgesprochen. Man erwägt von vielen Seiten, daß die Erwerbung Butum's für Rußland eine Kehrseite bietet, weil Millionen ausgegeben werden müßten, um bequeme Communicationswege und regelrechte Befestigungen zu bauen, soll anders die Erwerbung Batum's zu weitgreifender Bedeutung für Rußland gebracht werden. Als der Friedens­strömung günstiges Zeichen wird es angesehen, daß demGolos", welcher sich neuester Zeit sehr kriegerisch äußerte, jetzt der Straßenverkauf entzogen ist, während derBörsenzeitung" und derNeuen Zeit", welche letzter Zeit eine dem Frieden günstige Haltung beobachteten, diese Berechtigung zurückgegeben worden ist. Das Befinden Gortschakoffs ist nach dem letzten Gichtanfall, welcher mit heftigem Fieber verbunden in der Nacht vom 11. zum 12. d. auf­trat, jetzt etwas bester. Die Nachricht, daß der Kaiser die Pariser Aus­stellung besuchen werde, ist nicht richtig, dagegen wahrscheinlich, daß, wenn die politischen Verhältnisse es gestatten, einige Großfürsten nach Paris gehen.

Berlin, 16. Mai. DerReichs-Anz." veröffentlicht einen Erlaß Sr. Maj. des Kaisers an den Reichskanzler Fürsten Bismarck vom 14. d., derselbe lautet: Die That eines auf Irrwege gerathenen Menschen, welcher nach Meinem von Gottes gnädiger Fügung so lange beschützten Leben trachtete, hat zu unge­mein zahlreichen Kundgebungen der Treue und Anhänglichkeit an Mich Veran­lassung gegeben, die Mich tief gerührt und innig erfreut haben. Nicht allein ans ganz Deutschland, sondern auch vielfach aus dem Ausland, von Behörden, (Korporationen, Vereinen und Privatpersonen aller Lebenskreise, aller Lebens­alter ist Mir betbätigt worden, daß das Herz des Volkes bei seinem Kaiser und König ist und Gutes und Trauriges mit Ihm empfindet. Dastelbe Ge­fühl habe Ich insbesondere auch hier in jedem Auge gelesen, in welches Ich nach diesem Vorfall gesehen, und Ich bin in der That tief und warm von der würdigen und erhebenden Art berührt, in welcher die Bevölkerung Berlins Mir ihr Mitgefühl gezeigt hat. Ich wünsche, daß Jeder, der Mir seine Theilnahme bethätigte, auch misten möge, daß er damit Meinem Herzen wohlgethan, und beauftrage Sie zu diesem Zwecke Vorstehendes bekannt zu machen.

Das Staatsministerium tritt heute während der Reichstags-Sitzung zusammen. DieNat.-Ztg." meldet: Auf die durch eine Deputation der Berliner Universität überreichte Adresse erwiderte Se. Maj. der Kaiser, wie wohlthuend und trostreich Ihm die zahllosen, aus allen Theilen des Reiches und von weit her eingehenden Kundgebungen der herzlichsten, innigen Theil­

nahme und Ergebenheit seien; dieselben gäben Ihm die Ueberzeugung, daß nur die That eines Einzelnen oorliege, die Masse des Volkes aber gesund und nicht angesteckt fei. Jetzt sei es die Aufgabe jedes Einzelnen, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß es in Zukunft so bleibe und der Einfluß der Religion nicht verloren gehe. Die Nachricht, daß der Generalmajor Graf Lehndorff für den Botschafterposten zu Wien in Aussicht genommen sei, wird von gut unter­richteter Seite für unbegründet bezeichnet.

Wien, 16. Mai. DerPolit. Corresp." wird aus Konstantinopel ge­meldet : Der russische Botschafter Lobanoff begab sich, nachdem er dem Mini­ster des Auswärtigen den üblichen Besuch gemacht, unverzüglich nach Dan Stefano, woselbst er mit Totleben lange conferirte. Der bisherige Geschäfts­träger Nelidoff tritt morgen eine Urlaubsreise an. Die Rusten haben ein Zelt­lager, etwa eine Meile über San Stefano hinaus, in der Richtung nach Kon­stantinopel aufgeschlagen.

Nom, 16. Mai. Der vom Kriegsminister im Verein mit dem Finanz­minister in der Kammer eingebrachte Gesetzentwurf, durch welchen die Regierung zur Beschaffung von 10 Millionen durch Veräußerung von Staatsgütern ermächtigt werden soll, betrifft lediglich einige Ausgaben zur Erhaltung des Pferdestandes, der fortificatorischen Werke, des Festungsmaterials und militäri­scher Gebäude.

Berlin, 16. Mai. Der Minister des Innern, Graf Eulenburg, hat sich gestern nach Friedrichsruhe begeben und ist heute Morgen zurückgekehrt. Die Darstellung des Attentates in der vorgestrigenProv.-Corresp." beruht aus Aufzeichnungen Sr. Maj. des Kaisers und der Großherzogin von Baden.

Der Kaiser hat gestern die Glückwünsche von Deputationen des Magi­strats und der Stadtverordneten von Berlin, Esten und Breslau, sowie der Studirenden der hiesigen Universität, entgegengenommen. Der Kronprinz ist gestern mit seinen jüngeren Kindern über Ostende nach England abgereist.

London, 15. Mai. In Blackburne sind seit gestern Morgen keine neuen Unruhen vorgekommen. Die Menge hält die Straßen besetzt, beobachtet aber Angesichts deS Militärs eine ruhige Haltung. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. In Dumley fand gestern ein großes Arbeitermeeting statt, welches ruhig verlief. Später griff die Menge das Haus eines Mitglie­des der Gemeindebehörde an, warf die Fenster ein uid setzte eine Mühle in Brand, von welcher ein Theil zerstört wurde. Der Gemeindevorsteher verlas, indem er die Ansammlungen verbot, die Aufruhracte und berief Truppen von Manchester.

London, 16. Mai. Im Unterhause erklärte der Minister des Innern, Croß, in Beantwortung mehrerer bezüglicher Anfragen, es feien Maßregeln zur Unterdrückung der Unruhen in Lancaster getroffen worden. Bisher sei die An­wendung des Militärs nicht erforderlich gewesen. Augenblicklich herrsche überall Ruhe, jedoch würden noch Ruhestörungen befürchtet.

Suez, 16. Mai. Die TransportschiffeGoa" undAthol" sind mit Truppen, die für Malta bestimmt sind, hier eingetroffen; nachdem hier Vor- räthe und Waffer eingenommen sind, werden dieselben ihre Fahrt durch den Suez-Canal fortsetzen.

Dover, 16. Mai. Der deutsche Kronprinz traf gestern Nachmittag mit seinen jüngsten Kindern, von dem deutschen Botschafter, Grafen Münster, empfangen, hier ein und fuhr nach eingenommenem Dejeuner weiter nach Windsor.

London, 16. Mai. In Blackburne wurden gestern zwischen den Arbeit­gebern und Arbeitern Unterhandlungen eingeleitet, in Folge dessen bereits heute ein Arrangement erhofft wird. Die Bedingungen Dürften dahin gehen, daß bie Arbeiter während drei Monaten mit einer tOprocentigen Lohnreduction arbeiten, dagegen die Arbeitgeber versprechen, nach Ablauf dieser Zeit eine Erhöhung ein» treten zu lassen im Falle die Lage des Handels eine wesentliche Verbesserung ausweisen sollte.

London, 16. Mai. Die Königin wird demnächst die in Wiolwich stehenden Truppen inspiciren. DerStandard" meldet: Das Torpedo- Comitö wählte am Hughly-Flusse die geeignetsten Punkte für die Versenkung von Torpedos zum Schutze von Dlamond-Harbour und Calcutta. Einer Meldung derTimes" aus Philadelphia von gestern zufolge haben die Russen von der , Providence Arms Company" 200,000 Gewehre, welche ursprünglich für die Türkei fabricirt wurden, gekauft und eine weitere halbe Million Gewehre bestellt.

Lokal-Notiz.

Gießen, 17. Mat. Wie wir vernehmen wird sich bet der am 26. 66. MtS. in Frankfurt a. M. stattfindenden großen Regatta auch unsere hiesige Rudergesellschaft, und zwar mit 3 Booten, betheiligen; allem Anscheine nach wir» dal Fest ein recht besuchtes und anziehendes werden, denn wie wir aus dem uns vorliegenden Interims- Programm ersehen, werden fich der Coblenzer Ruderclub, der Offenbacher Raderverein, der Mannheimer Raderoeretn, der Mannheimer Ruderclub, der Würzburger Rader- oereln, der Frankfurter Ruderoerein, sowie die h estze Radrrgesellschaft zur Regatta etnfinden.

Nach Verlauf des Festes werden wir an dieser Stelle eingehend berichtm und soll es uns freuen, wenn wir auch unsere hiesige, noch so jange Gesellschaft, unter den Siegern verzeichnen dürfen. h.

Vermischte-.

(Für AuSwanderungslusttge) w.'rden nachstehende Stellen aus einem vor wenigen Tagen in Berlin eingettoffmen Briefe aus New-OrleanS von Interesse sein, welche wir derv. Z" entnehmen: Der Brief ist an einen hiesigen Sattlermetfter gerichtet, dessen Bruder seit 14 Jahren in den Vereinigten Staaten lebt. Es heißt darin unter Anderem:68 flieht nur ein Deutschland und Millionen weinen jahraus jahrein darum, daß sie es verlassen, aber sie weinen heimlich. Hunderttausende sind

gekommen und kommen noch auf die Berichte von Verwandten und guten Freunden! Auch ich selbst habe ja früher immer zugeredet, Du und Wilhelm solltet mit Euren Familien herkrmmen. Es ist ganz schön in Zeiten der Noth Verwandte und Bekannte

bei sich zu haben. Man zieht sie erst bis aus's Hemde aus und schafft dann, wie man

hier sagt, gemeinschaftlich mit ihnen weiter. Zurück in's Vaterland kommt man schwer, eS ist theuer und gar so wett. Ich bin hier klug geworden und so erbittert, daß ich ehrlich und offen mit Dir spreche. Die Noth ist seit Jahren hier schon ganz entsetzlich. Bet Euch treffen jetzt seltener Nachrichten von hier ein, weil die Einwanderer, die jetzt gerade etwas spärlicher, aber doch noch zu zahlreich ankommen, fich immer gleich in alle Winde zerstreuen und Hunderte elend untergehen und verkommen. Ich bin 14 Jahre hier und habe knapp zu beißen, dabet von der harten Arbeit so mitgenommen, daß ich Lust zu Allem, was nichtschaffen* heißt, verloren habe. Arbeit flieht es hier nicht und die hohen Löhne von 1860 biS 1865 sind vergessen. Wenn ich bei Euch drüben s« arbeiten will, wie ich hier muß, so kann ich besser leben wie hier. Thue mir die Liebe und rathe Jedem, der Dich fragt, ab hierher zu kommen, Du verhinderst viel Unglück. Eure Zeitungen schreiben viel zu wenig und zu selten darüber, sonst würden die Leute endlich einmal gescheidt werden. Der Einwanderer wird jetzt von den Hiesigen mit großem Unwillen angesehen rc. ic.* Diese kleine Auslese wird viel­leicht manchen Europamüden zur Besinnung bringen.

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Gießen, den 16.

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