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Str. 21S Freitag, den 20 September 1878.
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t Das Präsidium des Reichstages.
Mit Spannung hat man im Reichstage das Verlesen der Stimmzettel verfolgt, das unerwartete Resultat ergab, daß weder die Conservativen, noch die Ultramontanen einen Candidaten durchbrachten, während die schwächeren National-Liberalen die beiden ersten Ehrenstellen des Reichstags erhielten und die deutsche Reichspartei den dritten Sessel des Präsidiums erkämpfte. Gewählt find die Herren v. Forckenbeck, Freiherr Schenk von Stauffenberg und Fürst zu Hohenlohe-Langenburg. Ein seltsamer Zufall will es, daß Forckenbeck und Stauffenberg gegenwärtig beide als Candidaten für den Oberbürgermeisterposten von Berlin in Aussicht genommen sind. Alle drei Präsidenten imponiren durch eine ruhige Würde, welche ihnen anhaftet, so daß auch hier trotz der Wechselfälle der Abstimmung gesagt werden kann, es sind die „geeignetsten" Persönlichkeiten gewählt worden; auch ihre äußere Erscheinung correspoudirt gewissermaßen mit ihrer geistigen Bedeutung. Die Sicherheit ihres persönlichen Auftretens erweckt unwillkürlich Vertrauen, Forckenbeck, Stauffenberg, wie Hohenlohe-Langenburg sind alte parlamentarische Kämpen; — die Namen der drei Präsidenten find mit der preußischen, baterischen und badischen politischen Bewegung eng verknüpft, wie sie sich in dem jüngeren Versassungsleben des deutschen Reichs eines guten Klanges erfreuen.
Max v. Forckenbeck wurde 1821 in Münster geboren. Er studirte in Gießen und Berlin, trat frühzeitig 1847 als Assessor schon in die politische Laufbahn ein und wurde in BreSlau zum Präsidenten des demokratisch-con- fiitutionellen Vereins gewählt, 1849 wurde er als Rechtsanwalt nach Ostpreußen, später nach Elbing versetzt. Schon 1858 (für Mohrungen) in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, zeichnete er sich durch rastlose Thätigkeit in den Commissionen und eifrige Theiluahme an den Debatten aus, namentlich war jein Bericht in der Militärfrage ein Meisterwerk. Nach feiner Wahl in Königsberg wurde er (1866) zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt, welches Vertrauen ihm auch später als Abgeordneten für Köln (1867) und für Elbing (1870) erhalten blieb. Mitglied des constttuirenden und ordentlichen Reichstags wurde er für Wolmirstedt-Neuhaldensleben. Auch in mehreren anderen Kreisen ist Forckenbeck ausgestellt und gewählt worden. Als Simson sein Amt als Reichstagspräsident niederlegte, erfolgte mit Einmüthigkeit die Wahl Forcken- beck's, während an dessen Stelle als Präsident des Abgeordnetenhauses v. Bennigsen trat. Fast gleichzeitig erfolgte Forckenbeck's Wahl zum Oberbürgermeister von Breslau und in kurzer Zeit die Bestätigung vom Kaiser. Einzelne einflußreiche Piepenbrinke in Breslau waren zwar Gegner der Wahl Forckeöbeck's, weil sie vermeinten, daß dessen umfangreiche parlamentarische Thätigkeit sein Wirken für die Communal-Angelegenheiten beeinträchtigen könne, aber seine foje erfolgreiche Thätigkeit in der Verwaltung Breslau's hat auch die Deisler zur Anerkennung gedrängt, daß Breslau mit seiner Wahl einen guten Griff gethan hat.
Freiherr Schenk v. Stauffenberg ist 1834 zu Würzburg als Lohn des baierischen Kämmerers Freiherrn Friedrich Schenk von Stauffenberg z-boren. Er studirte die Rechte in Heidelberg und Würzburg und trat in den tierischen Rechtsdienst, welchen er indessen im Mai 1866 als Stadtsanwalt m Bezirksgericht zu Augsburg quittirte, um von da als Privatmann in München |ii leben. Er vertrat den Stadtkreis München im Reichstage. Im Jahre 1866 trat er als Mitglied der Fortschrittspartei in die baierische Kammer ein. deren anerkannter erster Führer er seit dem Jahre 1871 ist. Vom Herbste 1872 bis jm Ende des Landtages im Frühjahr v. I. war Stauffenberg erster Präsident ter zweiten baierischen Kammer und hat sich als solcher vo^zhgsich bewährt. Der Oheim Stauffenberg,s, Graf Stauffenberg, war damals Präses des baierischen Aeichsraths, so daß Onkel und Neffe die beiden parlamentarischen Körperschaften Halerns leiteten, ehe die Ultramontanen siegten. Die Besitzungen des Freiherrn unb Mojoratsbefltzers liegen in Würtemberg, wo er auf Schloß Rißtissen zwischen Ulm und Biberach wohnt; — einige Güter bewirthschaftet er selbst und ist als rationeller Landwirth allgemein bekannt, so gilt z. B. Geislingen in der Nähe hr Burg Hohenzollern für eine Musterwirthschaft.
Hermann Ernst Franz Bernhard Fürst vonHohenlohe-Langenburg mbe am 31. August 1832 zu Langenburg in Würtemberg geboren. Nach einer vorzüglichen Vorbildung trat er in den badischen Militärdienst ein und wurde nach raschem Avancement Großherzoglich badischer General-Major. Der Fürst lebt abwechselnd in Carlsruhe und aus feinen Gütern, er ist lutherisch, Ehrend bekanntlich andere Zweige der großen Familie Hohenlohe eifrige Katholiken sind. In Folge eines Famili^nvertrages succedirte er seinem Vater 1860, aber erst nach einem Erbtheilungsvergleich 1863 trat er den Besitz des Fürstentums Hohenlohe-Langenburg und der Grafschaft Gleichen an. Schon im con- filiuirenden Reichstage, in welchem der 12. Würtembergische Wahlkreis den Fürsten sendete, gehörte er, wie noch jetzt, der deutschen Reichspartei an. Seine Energie und Ruhe befähigen ihn zur Leitung großer Versammlungen, ebenso wie leine beiden geübteren Collegen.
In parlamentarischen Kreisen lobt man an allen drei Präsidenten eine glückliche Vereinigung von hohem idealen Sinn und realer Auffassung des Lebens, lofoie den practischen Blick, welcher oft in erregten Versammlungen wichtiger
ist, als die größte Weisheit, besonders aber, wenn er energischen Characteren eigen ist.
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Darmstadt, 17. Septbr. Nachdem Se. König!. Hoheit der Großherzog gestern den Manöver» der Großh. Division gegen einen markirtcn Feind zwischen Obergleen und Kirtorf beigewohnt, woran sich eine Paradeaufstellung und Parademarsch schloß, begab sich Se. Königl. Hoheit nach Alsfeld zurück. Auf der Rückreise von den Manövern bei Alsfeld besuchten Se. Königl. Hoheit, geführt von^dem Großh. Kreisrath Dr. Braden, die Gewerbeausstellung in Friedberg; De. Königl. Hoheit nahmen Veranlassung, sich sehr befriedigt über den Besuch der Ausstellung zu äußern.
Darmstadt, 17. Septbr. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 18 enthält:
1. Gesetz, die Aufhebung der Verordnung über Abtretung von Grund- eigenthum zu Bauplätzen vom 29. Juli 1791 betreffend.
2. Bekanntmachung, die Herstellung von Wermuthpulver zur Denatmirung von Salz betreffend.
Aus Hessen, 18. Septbr. Die Erklärungen, wonach bisherige Landtags-Mitglieder ein ihnen wiederholt angebotenes Mandat entschieden ablehnen, mehren sich. Nachdem die Abgg. Weber (Offenbach) und Hirschhorn (Gießen) schon vor einiger Zeit eine desfallsige Erklärung abgegeben haben, hört man jetzt Gleiches von dem langjährigen Abgeordneten für Pfeddersheim, Bürgermeister Möllinger, und dem Abg. für Groß-Gerau, Commerzienrath Keller in Darmstadt.
Berlin Durch den Tod Nobiling's hat der vor einiger Zeit bei der philosophischen Fakultät in Leipzig gestellte Antrag auf Annullirung des dem Attentäter ertherlten Doctordiploms seine Erledigung gefunden, noch ehe die genannte Fakultät, wegen der inzwischen eingetretenen großen Ferien, über denselben entschieden hat. Dennoch haben durch diesen Antrag hinsichtlich dessen erwünschter Annahme, resp. Ablehnung übrigens eine längere Polemik in der »Kreuz Ztg." entstand, veranlaßt, mehrere deutsche Fakultäten die Mittheilung gemacht, daß sofort nach Beginn des neuen Semesters eine eingehende Prüfung der Frage vorgenommen werden solle, ob unter gewissen außerordentlichen Umständen auch ein ordnungsmäßig erworbenes und verliehenes Doctordiplom wieder entzogen werden könne, um dann eventuell eine Abänderung der betr. Fakultäts-Statuten herbeizüführen.
, — Den Hauptstoss zu Zeitungsartikeln und Tagesgesprächen in der Siebenhügelstadt am Bosporus liefert seit mehreren Abenden die Ermordung Mehe- med Ali's. Der vielgenannte Mann, dessen seltsame Lebensschicksale die fünft» Uchflen Romanelfindungen übertrafen, hat einen schrecklichen Tod gefunden! Sein Kismet wollte es so! Nun zeigt es sich recht, schreibt man der „Köln. Zeitung", wie allseitig und herzlich beliebt der Verstorbene gewesen. Die türkischen Blätter singen fein Lob aus allen Tonarten, die christlichen Zeitungen widmen ihm tiefgefühlte Nachrufe, die osmanische Armee beweint den Verlust eines ihrer tüchtigsten Officiere und zahlreiche Mitglieder der deutschen Colome betrauern aufrichtig das bejammernswerthe Ende eines Mannes, mit dem sie seit Jahrzehnten in freundschaftlichem Verkehr gestanden und der — obwohl Türke und Mohamedaner — im Grunde seines Herzens, seiner Weltanschauung und Empfilwungsweise dennoch immer ein Deutscher geblieben war I Ob Mehe» med Ali ein großer Mann gewesen, wage ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls aber war er ein sehr talentvoller Mensch, den eine seltene Liebenswürdigkeit und Offenheit des Charakters auszeichnete.
Berlin, 16. Septbr. Admiral Werner in Kiel hat seine Entlassung eingereicht in Folge der Kritik, welche Minister Stosch den höheren Marine- officieren und deck in Sachen des „Großen Kurfürsten" abgegebenen Gutachten hat zu Theil werden lassen.
Berlin, 16. Septbr. Zu der leidenschaftlichen Erregtheit, mit welcher die Frage des „Ausnahmegesetzes" unmittelbar nach dem Nobiling'schen Verbrechen und während der Wahlbewegung verhandelt worden, bildete die heutige Sitzung des Reichstags einen fast auffallenden Gegensatz wegen der Ruhe und Sachlichkeit, in welcher die Discusffon sich im Allgemeinen bewegte. Selbst der soctaldemokratische Redner, Abg. Bebel, ».chtete die Grenzen der Geschäftsordnung so sehr, daß der Präsident nur einmal genötbigl war, denselben ausdrücklich zur Mäßigung zu ermahnen. Der dichtgedrängten Zuhörerschaft der Tribünen war die Bebel'sche Rede selbstverständlich das interessanteste Moment der hklttigen Verhandlung. In der That hat derselbe den verlorenen Posten mit unverkennbarem Geschick vertheidigt; aber verloren blieb er doch. Denn was nützt alle Emphase, mit der man die Königsmörder von den „Rockschößen" der Socialdemokratie abzuschütteln versucht — die Thatsache, daß Hödel sowohl wie Nobiling sich in dem socialdemokratischen Jdeenkreise bewegt haben, bleibt unerschütterlich. Im Uebrigen gab Minister Graf Eulenburg von vornherein zu, daß für eine directe Mitschuld der deutschen Socialdemokratie an teil Verbrechen keinerlei Anhaltspunkte vorliegen, führte aber Belege an, nach bene t socialdemokratische Stimmen der Schweiz und Italiens die Thaten Hödel's und


