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) Mo. 4S. Dienstag, den 19. Februar 1878

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Aolitilcher

HKei 5.

Rußlands Bundesgenossen.

Obwohl es Rußland seiner Zeit gern sah, daß die Rumänen, Serben und Montenegriner ihre Haut für die slawische Culturmission im Orient zu Markte trugen und mehr oder weniger Antheil an der Niederwerfung der Türkei nahmen, so möchte das heilige russische Reich seine Bundesgenossen nun­mehr doch so trocken als möglich abspeisen. Wenn Rußland der Jäger war, welcher auszog, um die Türkei zu erlegen, so waren Rumänien, Serbien und Montenegro in den Augen Rußlands nur die Jagdhunde, welche wohl zum Jagdersolge viel, beitrugen, von der Jagdbeute jedoch nur einige erbärmliche Uebcrreste erhalten können. Tie russische Diplomatie mag zwar mit verschie­denen Forderungen sür die ehemaligen Vasallen- und Schutzstaaten der Türkei vor die europäische Conserenz, welche die Orientfrage schlichten soll, treten, aber es ist schon jetzt Hundert gegen Eins zu wetten, daß sich Rußland wenig darum kümmern wird, wenn die Rumänen, Serben und Montenegriner anstatt beträchtlicher Gebietserweiterungen einige Weideplätze erhallen, wo d e Rumänen ihre Büffel, die Serben ihre Hämmel und die Montenegriner ihre Ziegen mästen können. Ueberhaupt hat ja Rußland auch gar kein Interesse daran, daß seine Partisanen im Türkenkriege größer und mächtiger werden, denn wenn auch Rußland jetzt den Großmüthigen spielt und jetzt nur ein Stück von der Türkei verschlingt, so geht das unaufhörliche Bestreben des nordischen Riesen doch darauf hinaus, bei einer paffenden Gelegenheit die Türkei noch vollends zu verschlingen. Dies würde jedoch schwierig zu bewerkstelligen sein, wenn Rumänien, Serbien und Montenegro wesentlich stärker würden, als sie jetzt sind. In diesem Falle würden diese Staaten auch einen starken Antheil von der Türkei fordern und als Rivalen und Gegner Rußlands im Orient auftreten. Rumänien, Serbien und Montenegro werden daher unter dem Wohlwollen Rußlands zu jener Rolle verdammt werden, von der es im Schiller'- schen Fiesco heißt: Der Moor hat seine Schuldigkeit gethan, der Moor kann gehen. Von den Alliirten Rußlands ist es besonders Rumänien, welches wegen seines bevorstehenden Schicksals zu bedauern sein wird. Zunächst ist Rumänien ein Staat, welcher weit mehr als Serbien und Montenegro eine Zukunft haben könnte, denn das rumänische Fürstenthum hat im orientalischen Kriege eine ziemliche Macht entfaltet. Dann ist aber auch Rumänien zu einem Zeitpunkte in die Action getreten, in welchem die Lage für Rußland sehr kri tisch war. Rußland sollte daher Rumänien zu einem besonderen Danke ver­pflichtet sein. Die Kastanien sind jedoch nunmehr aus dem Feuer geholt und Rußland wird es verstehen, dieselben allein zu essen. Nach Nachrichten aus Bukarest zu urtheilen, fürchtet man bereits in der rumänischen Hauptstadt das Schlimmste. In den rumänischen Kammern verlangt man dringend Ausschlüsse über die Abmachungen, welche die rumänische Regierung mit Rußland bezüglich der Kriegsentschädigungen vereinbart hat, und das Cabinet in Bukarest soll es für nöthig erachtet haben, sich an die europäischen Großmächte zu wenden, damit Rumänien überhaupt als kriegführende Macht anerkannt werde. Die Großmächte mögen daher auf Rumänien ein günstiges Auge werfen!

Deutschland.

Aus Oberheffen, 17. Februar. Bekanntlich bemüht man sich in Offenbach bei der neuen Gertchtsorganisation ein Landgericht zu erhalten. Um für ein solches den erforderlichen Sprengel herauszubringen, soll der südliche Theil unserer Provinz nach Ansicht der Herren, welche die Sache besonders be­treiben, dem projektirten Landgericht Offenbach zugetheilt werden. Es sind von da auch bereits Schritte geschehen, um in den Offenbach zunächst gelegenen Theilen Oberhessens zu sondiren, ob man einem Anschluß an ein Landgericht Offenbach geneigt sei. Dem gegenüber wollen wir konstatiren, daß sich n i r g e n d S in Oberhessen die mindeste Geneigtheit zeigt, einem Landgericht Offenbach, das von Büdingen aus nur über Gelnhausen und von Friedberg und Vilbel aus nur über Frankfurt zu erreichen ist, zugetheilt zu werden, während Gi e ß en durch die Main-Wcser-Bahn und die oberhessischen Bahnen mit allen Theilen der Provinz in directer Verbindung steht. Auch imUebrigen neigen unsere ganzen Verkehrsverhältnifse doch weit mehr Gießen als Offenbach zu mit welchem unsere Provinz nur sehr unbedeutende Beziehungen hat.

(Hess. Landesztg.)

Darmstadt, 16. Februar. Der Großherzog wird heute Abend zu den Hochzeitsfeierlichketten nach Berlin abreisen.

Berlin, 16. Februar. Sitzung des Reichstags. Auf der Tagesordnung steht die Interpellation des Abg. Thilenius betr. die Vorlegung der Entwürfe eines Letchenschaugesetzes, eines Gesetzes betr. die Anzeigepflicht bei ansteckenden Krankheiten und eines Viehseuchengesetzes. Thilenius begründet die Interpellation. Der Präsident des Reichskanzleramtes Hoffmann erklärt, in Betreff eines Leichen­schaugesetzes schwebten Verathungen im preußischen Staatsministerium; ob noch im Laufe dieser Session ein Entwurf vorgelegt werden könne, sei ungewiß. Wegen eines Viehseuchengesetzes seien vorbereitende Erhebungen angeftellt. Nach einer kurzen Besprechung über die Interpellation wurden die Gesetzentwürfe betreffend die Einlösung und die Präcluston der von dem Norddeutschen Bunde

ausgegebenen Darledenscassenscheine und betreffend das in der Voß-Straße be- legene Retchsgrundstück in dritter Lesung genehmigt.

Es folgte sodann die erste Berathung des Etats. Der Reichskanzleramts- Prästdent giebt das übliche Finanzexposs. Er hebt hervor, daß der Abschluß des laufenden Rechnungsjahres weit weniger günstig sei als derjenige des Rechnungsjahres 1875/76 gewesen. In der Militärverwaltung habe sich in Folge erhöhter Naturalienpreise ein Mehrbedarf von 3,800,000 Mk. ergeben, der durch einige Minderausgaben auf 2,400,000 Mk. reducirt worden sei. Andere Verwaltungszweige hätten ebenfalls Mehrausgaben gehabt, während die Einnahmen, soweit sie die Zölle und Verbrauchssteuern beträfen, allein eine Mindereinnahme von 20 Millionen ergeben hätten. Dagegen wiesen wieder andere Verwaltungszweige ein Plus auf. Im Ganzen ergebe sich für das laufende Rechnungsjahr ein Minus von 19,622,000 Mk. In dem vorliegenden Etat belaufe sich der ungedeckte Betrag auf über 28 Millionen. Die Militär­verwaltung erheische ein Mehr von 4 Millionen, wovon 3 Millionen durch die erhöhten Naturalienpreise veranlaßt seien. Die Zölle und Verbrauchssteuern seien 7j/2 Millionen niedriger veranschlagt worden. Die Regierung sei bei der Aufstellung des Etats überall von der Rücksicht auf die gegenwärtige Finanz­lage geleitet worden. Dieselbe schlage behufs Deckung der 28 Millionen eine Erhöhung der eigenen Reichsetnnahmen vor. Er (Redner) werde die Gründe dafür bei der Generaldebatte über die Steuervorlagen darlegen. Richter (Ha­gen) bemängelte die Aufstellung des Etats und meint, man hätte statt zu neuen Steuern lieber zu dem Reichs-Jnvalidenfonds feine Zuflucht nehmen sollen. Alle neuen Steuern seien überflüssig; er werde gegen jede derselben reden und stim­men. Nach längerer Debatte, an welcher sich der Bundescommiffar Michaelis und die Abgg. Rickert, Schröder, Lucius und Bamberger betheiligen, nimmt der Reichstag den Antrag Nickert's an, wonach die wichtigsten Theile des Etats an die Budgetcommffsiou verwiesen, die Etats der Post- und Telegraphen- D.rwaltung, sowie der Eisenbahn-Verwaltung einer besonderen Commission von 14 Mitgliedern überwiesen werden sollen.

Am Dienstag steht die Orient-Interpellation auf der Tagesordnung. Während der heutigen Sitzung waren der Großherzog von Baden in der Hof­loge, Fürst Bismarck am Bundesrathstische anwesend. Letzterer verweilte län­gere Zett auch auf dem Platze neben Graf Moltke.

DieNordd. Allg. Ztg." enthält ein Telegramm aus Wien, welches meldet, die Verhandlungen in Betreff einer Konferenz seien formell zum Ab­schluffe gelaugt. Statt der ursprünglich beantragten Form sei nunmehr die Form eines Congreffes acceptirt worden. Die Bestimmung. des Cougreßortes sei Oesterreich-Ungarn, jedoch unter Ausschluß der Hauptstädte der Signatar­mächte überlasten worden und werde von Oesterreich-Ungarn Baden-Baden beantragt werden.

Dresden, 16. Februar. Eine Wiener Nachricht desDresd. Journ." meldet: Ueber die Conferenzfrage ist eine Verständigung erzielt. Die Mächte, auch Rußland, vereinbarten den Zusammentritt eines Congreffes, nicht einer Conserenz, in Baden-Baden.

Stuttgart, 16. Februar. Der König ist heute früh um 4 Uhr hier angekommen.

Hesterreich.

Wien, 16. Februar. DasTelegr.-Corresp.-Bureau" meldet aus Kon­stantinopel vom Heutigen: Wie es heißt, würden die Rusten in Folge eines Depeschenwechsels zwischen dem Kaiser von Rußland und dem Sultan nicht in Konstantinopel etnrücken, wie sie in Folge der Ankunft der britischen Flotte be­absichtigt hatten; sie würden jedoch vorrücken, um als Freunde einzelne strate­gische Punkte in der Nähe von Konstantinopel zu besetzen.

Die Pforte hat zur Einfahrt weiterer Panzerschiffe in die Darda­nellen keine Ermächtigung ertheilt. Die Russen haben gestern die in der neutralen Zone gelegenen vorgeschobenen Befestigungen Konstantinopels occupirt. Die Friedensverhandlungen haben in Adrianopel begonnen.

Wien, 16. Februar. DasTelegr.-Corresp.-Bureau" meldet: Nach zuverlässigen Nachrichten ist das Zustandekommen eines Congreffes (nicht einer Conferenz) voraussichtlich in Baden-Baden gesichert. Der Vorschlag hierzu ist von Oesterreich ausgegangen.

England.

London, 16. Februar. Es ist eine weitere Folge der diplomatischen Correspondenz über die orientalische Frage erschienen; daraus ist hervorzuheben: eine Depesche Derby's an den britischen Botschafter in Petersburg, Loftus, vom 11 Febr. constatirt, daß Derby den russischen Botschafter Schuwaloff um genaue Mittheilung darüber ersucht habe, ob der Einmarsch der Ruffen in Konstantinopel zum Schutze der Christen geschehe oder aus dem Grunde, weil Rußland es als Ehrenpunkt betrachte, seine Fahne in Konstantinopel neben der Englands und der anderen Mächte zu sehen. Am 13. Febr. theilte Derby dem Botschafter Loftus die bereits bekannte Antwort Gortschakoff's mit; Derby hob hierbei den Unterschied hervor zwischen der Entsendung der Flotte durch