unserer festen Ueberzeugung vorzugsweise oder ausschließlich unser ungesundes Creditnehmen.und Credit geb en Schuld..
Erne sorgfältigere Prüfung der einschläglichen Verhältnisse zeigt, daß der eigentliche Sitz des Uebels in dem verlotterten Consumtionsborg, d. h. in den langen und ost ganz unzuverlässigen Crediten zu suchen ist, welche der Detaillist und der kleine Handwerker hierzulande gewährt. Der Fabrikant kann nicht eher dem Grossisten, der Grossist nicht eher dem Detaillisten oder Gewerbtrei benden strengere Zahlungsvorschriften machen, als bis dieser Letztere mit seinen Kunden, den Co ns umenten, ein Arrangement getroffen hat, das ihn selbst befähigt, in der Abwickelung seiner Verpflichtungen pünktlich zu sein.
Die Vortheile, welche eine anderweitige Regelung der Creditverhältniffe in Aussicht stellt, liegen klar auf der Hand. Wenn, wie wir es anstreben, im Consumtionsverkehr (im Gegensätze zum eigentlichen kaufmännischen Geschäftsverkehr) die Baarzahlung überhaupt die Regel und das Credit- nehmen (der Waarenborg) die Ausnahme bildet; wenn ferner im Verkehr zwischen Geschäftsleuten ein kurzer, streng bemeffener kaufmännischer Credit Platz greift, oder, im Falle der Baarzahlung, angemeffene Scontovergütung, so wird aus der Calculation des Fabrikanten, des Grossisten, des Detaillisten und des Handwerkers ein Factor verschwinden, der heute die Production und den Handel ungemein erschwert und vertheuert, weil er die Geschäfte mit einer erheblichen, oft unberechenbaren Risicoprämie belastet. Es wird ferner alsdann an Stelle der Unsicherheit, die heute in unferm ganzen Credit- wesen Platz gegriffen hat, eine feste Unterlage für alle geschäftlichen Operationen treten, welche auch durch außergewöhnliche volkswirthschastliche oder politische Ereigniffe nicht leicht erschüttert werden kann, und den Geschäftsmann dem heutigen „Hangen und Bangen in schwebender Pein" entreißt.
Aber auch der Consument würde wesentliche Vorthetle von einer solchen Reform haben. Der Einwand, daß der ärmere Thetl der Bevölkerung und der minder gut situirte Mittelstand ohne Consumtions-Credit nicht leben könne, ist nur ein trügerischer Vorwand. Durch den Credit beim Specereikauf- mann, beim Schneider, beim Schuhmacher, kurz durch den ganzen sog. Con sumtions Borg wird Niemandem dauernd geholfen. Es ist nur eine vorübergehende und scheinbare Erleichterung, die den kleinen Beamten,
dem Künstler, dem Arbeiter, überhaupt dem Vorrathslosen durch solche Credite gewährt wird, denn schließlich muß der Gläubiger doch befriedigt werden, und die hierzu erforderliche Summe steigert sich ganz erheblich, wenn die entnommene Waare vertheuert wird durch Verzugszinsen und Risicoprämien. Der Waareuborger kann also nur vorübergehend mittelst des Credits mehr kaufen, als ihm seine verfügbaren Mittel erlauben. Dauernd kaust er mit denselben Mitteln unter Inanspruchnahme von Credit weniger, als er bei Baarzahlung zu consumiren Gelegenheit gehabt hätte. Der Consument kaust mithin bei Einbürgerung geregelter Zahlungsverhältniffe nicht nur billiger, sondern er wird auch kaufkräftiger und kann mit demselben Gelde mehr Anschaffungen machen, als bisher.
Man sieht also, daß die Creditreform gleich wünschenswerth ist für den Käufer und für den Verkäufer, für die Kundschaft und für die Geschäftsleute.
Die Sache hat aber auch noch eine allgemeine Volks wirthschaft- liche Seite, welche wir bereits gestreift haben und nicht unerörtert lassen dürfen. Nicht nur in ihrer Eigenschaft als Consumenten, sondern auch in ihrem Verhältniß zum Wirthschasts-Organisrnus als Prodncenteu sind die Meisten von uns bei einer zweckmäßigen Erledigung der sogenannten Creditfrage ganz wesentlich interessirt. Die allgemeine Lage des Handels und der Industrie, von welcher der Erwerb einer Mehrzahl aller Staatsbürger direck ober indi- rect abhängt, wird bei jeder politischen ober wirthschaftlichen Krisis aus's Tiefste erschüttert, so lange bie dermaligen Creditverhältniffe fortbestehen. Vergegenwärtigen wir uns nur die Lage des kleinen Debitors beim Ausbruche eines Krieges, einer Wirthschaftskrisis. Im Handumdrehen sind Tausende und Abertausende von Forderungen der Handwerker, Detaillisten und Kleinkrämer „faul", die vorher schon zweifelhaft absolut uneinziehbar geworden. Die Erschütterung des allzuleicht und luftig gebauten Cousumtionscredit-Gebäudes überträgt sich auf das kaufmännische und geschäftliche Kreditsystem; die Creditsähigkeit selb gut geleiteter, reeller Geschäftshäuser erscheint in Frage gestellt; Zahlungseinstellung erfolgt auf Zahlungseinstellung und der Fabrikant, der die Zahl der Vertrauen verdienenden Abnehmer täglich mehr zusammenschwinden sieht, muß zu Betriebs-Einschränkungen und Arbeiter-Entlassungen schreiten,
So hat die wirthschaftliche Erschütterung, die im Gebiete der Kleincon- sumtion ihren Anfang nahm, sich songepflanzt bis in das Gebiet der Groß- Production, wie der Wellenschlag tm Flusse sich fortpflanzt bis zum entgegengesetzten User.
Wenn die gegenwärtig in Deutschland stärker als anderwärts auftretende Productionsstockung auch nicht in den bösen einheimischen Creditverhältniffen ihren ersten Anlaß gefunden hat, so ist sie doch zweifellos durch dieselben in der gekennzeichneten Weise sehr wesentlich potenzirt worden.
Wie wir und von welchem Gesichtspunkte aus wir also die Angelegenheit auch immer betrachten mögen, stets kommen wir zu dem Resultat, daß die Reform unserer Creditverhältniffe und vor allen Dingen eine Einschränkung des höchst schädlichen und 'ungesunden Consumtions-Borgs nicht nur für alle Betheiligten von Vortheil, sondern auch im allgemeinen wirthschaftlichen Jn- tereffe unabweislich geboten ist.
In allen Gauen und größeren Städten Deutschlands hat man bereits Anstalt gemacht, um in diesem Sinne planmäßig und geeinigt vorzugehen. Möge der Kaufmann und Gewerbetreibende, alle kleinlichen Sonderintereffen bei Seite laffend, sich mit seinen nähere» Geschäftsgenosten über bestimmte Normen für jede einzelne Branche einigen! Möge der Privatmann in seiner Eigenschaft als Käufer, als Consument, dem Vorhaben der Geschäftsinhaber im wohlverstandenen eigenen Jntereffe freundlich und willig entgegenkommen!
Jeder Einzelne, der an der Verwirklichung des vorgezeichneten Reform- planes, so viel an ihm ist, mitgewirkt hat, wird das erhebende Bewußtsein empfinden dürfen, sich um eine hochwichtige vaterländische Sache wohlverdient gemacht zu haben l
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Eorrespondenz-Bureau.
Rom, 15. Januar, Abends. Der König empfing eine Deputation der Municipalität von Turin, welche die Bitte vortrug, daß die Hülle Victor
Emanuels in der Superza Kirche beigesetzt werde. In seiner Antwort hierauf drückte der König seine Befriedigung aus über diesen Beweis der Zuneigung der Stadt Turin für seinen Vater und sein Hans. Der König bemerkte sodann, es sei ein großes von seinem Herzen dargebrachres Opfer, wenn er in die Beerdigung seines Vaters in Rom einwillige; doch bringe er damit ein Opfer, welches das nationale Gefühl fordere. Im Weiteren äußerte der König: er habe angeordnet, daß der Degen Victor Emanuels und seine in den Unabhängigkeits-Schlachten erworbenen Auszeichnungen nach Turin gebracht werden sollten. — Die Königin von Portugal ist heute Abend hier eingetroffen. Der Großherzog von Baden beauftragte seinen Bruder, Prinz Wilhelm, ihn bei der Leichenfeier zu vertreten. Seitens des Papstes wurde die Abhaltung von Obsequien für den verstorbenen König in der Lateran-Kirche angeordnet. Der Besuch des deutschen Kronprinzen wurde noch gestern Abend vom König erwiedert. Heute empfing Letzterer den Marschall Canrobert. Turkhrn Bey wird die Türkei bei der Leichenfeier vertreten. Der amerikanische Gesandte empfing eine Depesche des Präsidenten Hiyes, in welcher dieser Namens der Vereinigten Staaten von Nordamerika dem tiefen Schmerze anläßlich des Todes Victor Emanuels Ausdruck gibt.
Nom, 15. Januar, Abends. Der deutsche Kronprinz begab sich heute, nachdem ihn der König empfangen, in die Todtencapelle und verweilte längere Zeit am Sarge des verstorbenen Königs. Nachmittags 2 Uhr stattete Marschall Canrobert mit Gefolge dem Kronprinzen einen Besuch im Botschaftshotel ab. Sodann widmete der Kronprinz einige Zeit dem Besuche von Monumenten. Abends empfing er die Minister. Das Diner nahm der Kronpcinz im Ouirinal ein.
Washington, 15. Januar. Das Cabinet beschloß, dem Anleihe- syndikat anzuzeigen, daß es die getroffene Vereinbarung als erloschen betrachte und den Schatzsecretär zur Vorbereitung einer Nationalanleihe aufzufordern.
Wien, 16. Januar. Ein Telegramm der reffe" aus Tirnowa vom 14. d. meldet: Die Capilulations-Verhaudlungen mit Widdin haben sich zerschlagen, weil der Commandant der Festung entweder Verhandlungen mit den Ruffen ober freien Abzug der Garnison fordert. 8000 Ruffen sind vom westlichen Lom gegen Widdin im Anmarsch.
Petersburg, 15. Januar. Die „Ageuce ruffe" meldet: Der augenblickliche Stand der orientalischen Angelegenheit wird als recht befriedigend angesehen. Man hofft allgemein, daß es gelingen werde, eine Combination zu inden, welche bas Jntereffe Rußlands als kriegführende Macht mit dem Jntereffe der Garantiestaaten in Einklang setzt.
Berlin, 15. Januar, Abends. Das Abgeordnetenhaus berieth heute in erster Lesung den Gesetzentwurf betr. die Uebemahme der Zinsgarantie des Staates für das Anlage-Capital der Eisenbahn von Pasewalk bis zur Mecklenburgischen Grenze. Schmidt (Stettin) und Hammacher befürworteten die Verweisung deffelben an bie Budget-Commisstou. Berger (Stettin) ergriff gegen ben Gesetzentwurf das Wort; Redner wünschte ferner Auskunft über die Lage der Reichseisenbahnfrage, söwie darüber, ob und wann Aussicht auf das Zustandekommen des Reichseisenbahngesetzes sei. Der Handelsmmister erinnerte darauf an das vom Hause in der Reichseisenbahnfrage abgegebene Votum, als sehr werthvoll und halte durchaus an dem Gedanken fest, die preußischen Eisenbahnen auf das Reich zu übertragen. Er sei persönlich ein entschiedener Förderer des Projectes. Der Minister widerlegte sodann den Vorwurf bei Vorredners, daß der Staat ben Privatbahnen eine unbillige unb unwirthschaft- liche Concurrenz mache. Fühle man sich verletzt, so möge man Beschwerde erheben, worauf begründeten Falls Remedur erfolgen werde. Nachdem der Minister schließlich noch den vorliegenden Gesetzentwurf vertheidigt hatte, wurde dieser an die Budget-Commission überwiesen. Die übrigen Punkte der Tagesordnung wurden ohne Debatte genehmigt. Nächste Sitzung Mittwoch 1 i Uhr.
Nom, 15. Januar. Die Königin und der Kronprinz von Portugal werden heute Abend hier erwartet. Ein Comttö von neapolitauischen Damen übersandte der Königin eine Adresse. In den protestantischen unb jüdischen Gotteshäusern werden Gebete für den verstorbenen König gehalten. Die französischen Colonien in Rom und Florenz überreichten dem Ministerpräsidenten Beileids-Adreffen. Der Großherzog von Baden hat einen Vertreter zur Leichenfeier gesendet.
Wien, 16. Januar. Der „Polit. Corresp." wird aus Bukarest mit- getheilt, daß vor Widdin keine serbischen Truppen stehen unb die Rumänen allein gegen Widdin operiren, welches aus der Umgebung, sowie von Kalafat aus beschoffen wird. Der gestrige Ausfall der Türken aus Widdin wurde nach mehrstündigem Kampfe zurückgewieseu. Die Belagerungsarbeiten werden von Seiten der Rumänen energisch fortgesetzt. — Dieselbe Correspondenz meldet aus Belgrad: Fürst Milan zog gestern in Nisch ein, woselbst das serbische Hauptquartier verbleibt.
London, 16. Januar. Der gestrige Ministerrath, der übrigens nicht in Derby's Wohnung, sondern in Downing-Street stattfand, da sich Derby etwas bester befand, dauerte 2 Stunden. Heute ist wieder Ministerrath in Osbome.
Berlin, 16. Januar. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die neuerdings verbreitete Nachricht, der Reichskanzler werde am 22. d. hier eintreffen, ist Nachrichten aus Varzin zufolge irrthümlich. Fürst Bismarck äußerte allerdings vor 3 Wochen die Hoffnung, ungefähr um die angegebene Zeit nach Berlin zurückkehren zu können. Die inzwischen eingetretene Erkrankung, wobei ein Verlassen des Zimmers noch gar nicht, unb kaum ein Verlassen des Bettes zulässig war, machte es jedoch bis jetzt unmöglich, an einen bestimmten Termin der Rückkehr zu denken.
— Ein längerer Artikel der „Prov.-Corresp." über den Gesetzentwurf wegen der Tabakssteuer enthält folgende Ausführungen: Angesichts des Minderbetrages der eigenen Reichs-Einnahmen gegenüber den Reichs-Ausgaben, welcher für das bevorstehende Finanzjahr 112 Mill. Mk. betrage, gehe bie Aufgabe ber Reichsfinanz-Politik bahin, durch Vermehrung der eigenen Einnahmen des Reiches aus ben zur Verfügung stehenden Verbrauchssteuern nicht nur den gegenwärtigen Mehrbedarf zu decken, sondern auch eine Entwickelung einzuleiten , durch welche die Budgets der Einzelstaaten dauernd entlastet würden, so daß letztere entweder zur Beseitigung bezw. Ermäßigung von Steuern schreiten oder geeignete Steuern an die Provinzen, Kreise unb Gemeinben überlasten könnten. Der Artikel schließt: Der Tabakssteuer-Entwurf wird einen der wichtigsten Berathungs-Gegenstände des Bundesrathes und Reichstages bilden. Die Nothwendigkeit der Vermehrung der eigenen Einnahmen des Reiches ist allseitig anerkannt, und immer entschiedener die Ueberzeugung zur Geltung


