Bevölkerung des Großherzogthums während des fraglichen Zeitraums 7 bis 8 pCt- betragen hat. Bemerkenswerth ist dabei, daß die Zunahme der Branntwein-Verkaufsstellen ganz vorwiegend auf die Provinz Starkenburg entfällt, in der Provinz Oberhessen dagegen eine Abnahme des Branntweinverkaufs als Nebengewerbe um 37 Stellen, eine Zunahme der Gast-, Speise- und Schank- wirtschaften dagegen um nur 7 Stellen stattgesunden hat.
Im Allgemeinen muß bei der Beurtheilung der Zahlenergebniffe noch berücksichtigt werden, daß zufolge der Einführung der Gewerbeordnung mit ihren Bestimmungen über Concessionirung des Kleinhandels mit Branntwein, einschließlich des Verkaufs über die Straße, was amtlich festgestellt ist, eine ganze Reihe von Specereikrämern und anderen Gewerbtreibenden, welche den Branntweinverkauf als ganz untergeordnetes, nicht besonders zu versteuerndes Nebengewerbe schon früher betrieben hatten, erst nachträglich die Concesston und das Gewerbepatent dafür erwirkt haben.
Darmstadt, 13. Juli. Die gestern von dem Büchner-Eomits einberufene und in dem Ritsert'schen Saale abgehaltene Wählerversammlung war di? besuchteste, die wohl seit langer Zeit hier stattfand. Im Saal, Nebensaal und der Hälfte des Gartens stand Kopf an Kops. Die National-Liberalen hatten von Seiten ihres Comit6s ihre Mitglieder speciell aufgefordert, zahlreich zu erscheinen; es waren übrigens alle Parteien vertreten. Gutsbesitzer Rößner eröffnete die Versammlung und schlug Obmann Schmitt zum Präsidenten vor. Büchner verbreitete sich sodann über sein Wahlprogramm in einer glänzenden 1V4 Stunden dauernden Rede. In dem ersten Thetle der Rede gab er den Wählern ein Bild seiner Thätigkeit, sowie der des letzten Reichstags, im zweiten sprach er als Candidat. Die Rede wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen und dem Redner der Dank der Versammlung votirt und ein stürmisches Hoch ausgebracht. Die nachfolgenden Verhandlungen wurden durch Taktlosigkeiten von Seiten der national-liberalen Redner sehr erbittert geführt. Ein Mitglied der Fortschrittspartei ließ sich zu einem allerdings nicht zu billigenden Vorwürfe gegen die national-liberale Partei in der Aufregung hinreißen. Es wurde constatirt, daß die national-liberalen Gegner des Herrn Büchner an demselben perjönltch nichts auszusetzen haben, als daß ein Theil der Socialdemokraten bei der letzten Stichwahl für ihn gestimmt habe. Büchner fertigte seine Gegner glänzend und schlagfertig unter dem Beifall seiner Freunde ab, aber auch der national-liberale Herr Schulze von Pfungstadt, ein persönlicher Feind Büchner's (wie er ausdrücklich bemerkte), nahm diesen gegen die unqualificirbaren Aeuße- rungen seiner Freunde in Schutz. Es wurden bet diesem Anlässe auch die zwischen den Führern beider Parteien gepflogenen Compromtß-Verhandlungen einer eingehenden Beleuchtung unterworfen und unrichtige Behauptungen der national-liberalen Gegner zurückgewiesen. Nach einem beifällig aufgenommenen Schlußworte des Herrn Advocaten Schödler, das mit der Ermahnung schloß, treu und fest an Büchner zu halten, als dem Candidaten der wahrhaft freisinnigen Partei, wurden Hochs auf Büchner, den deutschen Kaiser und den Großherzog ausgebracht und zu sehr vorgerückter Stunde schloß der Vorsitzende die Versammlung. (Frkftr. Journ.)
Berlin, 13. Juli. Die heutige letzte Sitzung des Congreffes, welcher sämmtliche Congreßmitglieder wie bei der Eröffnungssitzung in Uniform beiwohnten, begann um 2*/2 Uhr und dauerte bis 4 Uhr. Der Vertrag wurde
unterzeichnet. Bereits um 1 Uhr hatten sich die ersten Secretäre der Deligirten mit deren Siegel in das Congreßgebäude begeben, um die Siegel an die betreffenden Vertragsexemplare zu befestigen. Die Unterzeichnung erfolgte' in alphabetischer Reihenfolge. Der Vertrag besteht in 58 Artikeln.
— Nach Beendigung der Unterzeichnung des Vertrags in der heutigen Congreßsitzung erhob sich Graf Andrafsy, um in warmen Worten den Dank der Versammlung für oas Verdienst des Fürsten Bismarck um das Zustandekommen d s großen Werkes auszusprechen. Fürst Bismarck erwiderte hieraus und schloß die Sitzung. — In politischen Kreisen wird allgemein die hohc .Bedeutung des Congreßwerkes um den Frieden vollauf gewürdigt. Allgemein wird die Zuversicht geäußert, daß man einer Aera dauerhaften Friedens entgegengehe und daß der jüngst stattgehabte persönliche Verkehr und die persönliche Annäherung der leitenden Minister den europäischen Staaten eine erfreuliche Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens gewähre.
Berlin, 13. Juli. Der Friedens - Vertrag wurde heute unterzeichnet nach nochmaliger Vorlesung des gestern vereinbarten Originals. Die Gerüchte von neuen Anständen erwiesen sich als falsch, wie Alles, was von neuen Conventionen in Folge des Cypern- Verirags behauptet wird.
Hesterreich.
Wien, 13. Juli. Der „Polit. Corresp." wird aus Berlin von heute gemeldet: Der Congreß nahm in den beiden letzten Sitzungen noch einige Aenderungen vor. Unter Anderem wurde verfügt, daß die von Serbien mit den Waffen eroberten Districte von der Capttaltsirung der Entschädigung aus geschlosien sind, welche Serbien an die Pforte für den Wegfall des Tributes zu leisten verpflichtet ist. Die zwischen dem Fürsten Gortschakoff und Loid Beaconssteld in Betreff Cyperns stattgefundenen Pourparlers sollen zur Entwerfung von Grundlagen für eine eventuelle englisch-russische Verständigung geführt, haben. — Dieselbe „Correlp." meldet aus Bukarest: Der Ministerpräsident Brattano erklärte in der neuerdings stattgehabten Sitzung der vereinigten rumänischen Kammern, daß die Regiirung vorbehaltlich ihrer historischen Rechte auf Beffarabien zur Annahme der Rumänien vom Congreffe zugesprochenen Do- brudscha entschloffen und sofort nach der osfictellen Mittheilung des Congreffes von der Dobrudscha Besitz zu ergreifen Willens sei. Bratiano erklärte ferner, daß das Cabinet entschloffen sei, sich der Entscheidung des Congreffes in drr Judenfrage zu fügen.
telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Eorrespondenz- Bureau.
Berlin, 13. Juli. Bulletin von 10 Uhr Vorm. Da voraussichtlich im Befinden Sr. Maj. des Kaisers wesentliche Veränderungen in nächster Zeit nicht zu erwarten sind, so werden tägliche Bulletins nicht mehr ausgegeben werden.
(Unterz.) v. Lauer, v. Langenbeck. Wilms.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." ei klärt die Nachricht des in Konstantinopel erscheinenden Stambul-Journals vom 12. Juni von einer angeblichen Schlägerei zwischen deutschen und französischen Matrosen in Smyrna auf Grund einge
gangener Erkundigungen für erfunden. — Der „Reichs-Anz." meldet an nichtamtlicher Stelle, daß die Unterzeichnung des Friedensvertrages heute Nachmittag um 2l/z Uhr im Palais des Reichskanzlers stattfinde.
Berlin, 13. Juli. An dem heutigen Galadiner im Schlöffe zu E^ren der Congreßmitglieder nehmen außer den Mitgliedern des Königshauses die anwesenden Fürstlichkeiten, die obersten Hof-, Militär- und Civil-Chargen, sämmtliche Congreßdelegirte, sowie die Vertreter Griechenlands, Persiens, Serbiens und Montenegros und die armenischen Erzbischöfe Theil. Fürst Gortschakoff hat sich entschuldigen lasten. — Das russische Kaiserpaar dürfte demnächst auf der Reise nach Jugenheim Berlin passiren. — Dem gestrigen Diner bei dem englischen Botschafter, Rustell, wohnten die russischen, französischen und italienischen Delegirten nicht bei, da zur nämlichen Zeit auf den betr. Botschaften Diners stattsanden. — Ueber die Abreise der Congreßdelegirten verlautet: Fürst Gortschakoff reist am Dienstag wahrscheinlich nach Wildbad ab, Graf Schuwaloff, der morgen nach Petersburg geht, kehrt in einigen Tagen hierher zurück, begibt sich sodann mit seiner Familie wahrscheinlich nach Karlsbad und hierauf nach London; Lord Beaconsfield reist morgen früh um 9 Uhr nach Köln; Graf Corti verläßt Berlin morgen Mittag 2 Uhr.
Konstantinopel, 13. Juli. Die ofstciösen türkischen Journale b.'ur- theilen die Allianz mit England günstig und preisen die Idee einer analogen Allianz mit Oesterreich bezüglich der europäischen Türket. — Einige englische Truppen sind bereits in Cypern ausgeschifft worden.
Petersburg, 13. Juli. Das „Journal de St. Pätersbourg" hofft, daß aus den Arbeiten des Congreffes eine Periode dauerhaften Friedens hei- vorgehe und die Gegensätze zwischen den Mächten eine freundliche Ausgleichung fänden.
London, 13. Juni Den „Daily News" wird aus Wien vom gestrigen Tage gemeldet: Die Verhandlungen zwischen Oesterreich und der Pforte in Betreff der Occupatton nähern sich der Vollendung. Um Zusammenstöße zu vermeiden, werden die österreichischen Truppen langsam vorrücken. Der Vali von Bosnien erhielt die Weisung, seinen Einfluß ans die mohamedanische Bevölkerung auszuüben, damit sie keinen Widerstand leiste.
Berlin, 13. Juli, Abends. Bei dem Galadiner im Weißen Saale des königl. Schloffes fehlte außer Gorschakoff auch Beaconsfield; die übrigen Congreßdelegirten waren vollzählig erschienen; um 7*/2 Uhr wurde die Tafel aufgehoben.
München, 13. Juli, Abends. Bor einer äußerst zahlreichen Versammlung hielt heute der Abg. v. Stauffenberg seine Candidatenrede für die Reichstagswahl, aus welcher Folgendes hervorzuheben ist: Der Volksverwilderung gegenüber müßten die Strafgesetze vollkommen ausgeführt und etwaige Lücken derselben ausgefüllt werden. Es sei schwer zu beantworten, ob dies aus Grund des gemeinen Rechtes oder von Ausnahmegesetzen geschehen solle. Strafgesetze müßten aber für Alle gleich sein. Bedingungslos könne er sich nicht verpflichten, allen Vorschlägen der Reichsregierung beizustimmen; er hoffe aber, daß eine Verständigung herbeigeführt werden könne. Eine Aenderung des Wahlgesetzes sei absolut unthunlich, da nichts Befferes an seine Stelle gesetzt werden könne. Die Veränderung der Vereinsgesetze anlangend, wünsche er ein absolutes Verbot des Besuches politischer Versammlungen für Frauen und Minderjährige. In der Handelspolitik sei den realen Verhältnissen Rechnung zu tragen und an den bewährten Grundlagen des Zollvereins sestzuhalten. Im Jntereffe der Industrie sei gesetzlich ein Enquete-Verfahren festzustellen. Betreffs der Steuern und Wehrverhältniffe des Reiches halte er an dem Parteiprogramm von 1871 fest. — Schließlich erklärt Redner bei Erwähnung der allseitigen Angriffe namentlich der ofstciösen Preffe gegen die National-Liberalen: Seine Partei habe die Politik des Reichskanzlers von Anfang an treu und offen unterstützt. Er (Stauffenberg) habe in Bayern mit unter den Ersten die Idee des Reiches hervorgehoben und die Fahne des Reiches hochgehalten in einer Zeit, als dies nicht so leicht wie jetzt war. — Die Rede wurde von dem lebhaftesten Beifall begleitet.
Paris, 14. Juli. Die „Agence Havas" meldet: Admiral Hay hat am 12. Juli Besitz von Cypern ergriffen.
Lokal-Notiz.
Gießen, 15. Juni. Es dürfte von Interesse sein hier nochmals auf dir Mittwoch den 17. Juli, von Vormittags 8 Uhr an, in Wenzel's Garten stattfindende Wander-Versammlung des Oberhesstschen Bienenzüchter-Vereins aufmerksam zu machen. Die angekündigten Vorträge: des Herrn Professor Dr. Hoffmann über den Bienenbesuch der Pflanzen, des Herrn Pfarrer Wey g and über rationelle Btenen-Züch tung und Fütterung, sowie des Herrn v. Nekersberg über Preise der Schwärme, Bienen-Völker und Pruducte (Honig und Wachs) wie auch die Ausstellung von Bienenvölkern und Bienenzucht-Geräthen versprechen viel Interessantes. Auch den Honig« markt möchten wir der Gunfi des Publikums empfehlen, da von den bethetltgten Imkern doch nur Prima-Waare zu Markt gebracht wird.
Gießen, 15. Juli Der am Samstag von dem Oberhessischen Verein für Localgeschichte veranstaltete Ausflug verlief in schönster Weise und batte sich trotz des zweifelhaften Wetters einer zahlreichen Bethetltgung zu erfreuen Herr Prof. Gareis hielt an Ort und Stelle einen Vortrag über den Pfalgraben und die nächsten Pfal- grabencastelle, insbesondere über Größe, Lage und Bedeutung der Capersburg, zeigte sodann der Versammlung den Umfang des Castells und machte sie mit den Resultaten der Ausgrabungen bekannt. Letztere waren von bestem Erfolge gekrönt. Die Ringmauer des Castells wurde auf etwa 5 Meter Länge blosgelegt und zeigte — sehr wohl erhalten — eine Höhe von ca.1V» Meter und eine Breite von ca. 1 Meter. Man hatte an einer Stelle graben lassen, wo man die porta sinistra vermuthete, in der That stieß man auf dieselbe und ergab sich, daß sie bet einer Breite von 3,30 Meter an beiden Ecken durch starke Thorthürme flankirt war. Von zahlreich gefundenen Thonscherbcn wurden die Besten für das Museum ausgewählt, darunter sind einige von terra sigillata mit sehr schönen Verzierungen und Töpferstempeln; auch mehrere eiserne Nägel und einige andere eiserne Geräthe wurden gefunden. Auf werthvolle FÜnde hatte man bet dtesem Ausflug nicht gerechnet, weil wirkliche Grabungen nur außerhalb des Castells ftattfanden, unrecht durch ein bloses Wühlen nach antiken Gegenständen die systematische Bloslegunq des ganzen Castells Insbesondere Feststellung der Constructton der einzelen Gebäulichkeiten zu erschweren. Die Ausgrabungen zu letzterem Zwecke zu veranstalten, erlauben leider dem Vereine seine geringen Mitteln nicht und muß es derselbe daher geschehen losten, daß die reichen und werthvollen anttquen Schätze, die das Castell sicher in sich birgt in ein anderes Museum wandern, da der Frankfurter Taunusclub unter Aufwendung mehrerer Hundert Mark die völlige BloSlegung der Capersburg beabsichtigt und nur noch dazu die Genehmigung des Ministeriums bedarf, die ihm aber jeder falls zu Theil wird, falls nicht ein hessischer Verein, der natürlich den Vorzug hat, die Sache übernimmt. Das Unternehmen ist zur Zeit nicht mit Schwierigkeiten verknüpft, da der größere Theil abgeholzt und noch nicht besät ist, so daß also nur für die Ausgrabungen selbst Ausgaben zu machen sind. Um diesen abgeholzten Theil in einer Weise bloszulegen, daß dadurch ein wirklicher Gewinn für die Alterthums- wissenschaft erzielt wird, ist aber immerhin ein Kostenaufwand von ca. 600 erforderlich; man wird cs daher dem hiesigen Vereine keinesfalls zum Vorwurfe machen können.


