Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie unverzüglich in Ihren Gemeinden, sowie in den Ihnen zugetheilten besonderen Gemarkungen auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen, die von uns ernannten Wahlvorsteher und deren Stellvertreter speciell darnach bedeuten und den Befolg unfehlbar binnen 3 Tagen uns anzeigen.
Unmittelbar nach dem Erscheinen gegenwärtigen AusschreibenS werden Sie mit der Aufstellung der Wählerlisten beginne» und dafür besorgt sein, daß dieselben jedenfalls bis zum 27. L M. vollendet sind, da für deren Offenlegung, worüber Ihnen demnächst «och weitere Verfügung zugehen wird, die erste Woche des Monats Juli in Aussicht genommen ist. Die Wählerlisten sind nach Anleitung des unter Lit. A dem Reglement vom 28. Mai 1870 anliegenden Formulars für jeden Wahlbezirk in doppelter Ausfertigung aufzustellen.
Wir verweisen Sie hierbei auf die §§ 1 bis 3, 7 u. 8 des Gesetzes vom 31. Mai 1869, wo die Voraussetzungen für die Stimmberechtizung näher angegeben find und zu § 3, pos. 4 dieses Gesetzes auf die Großh. Verordnung vom 3. Februar 1873 (Reg.-Bl. S. 33).
Die Stimmberechtigten find nach Zu- und Vornamen, Alter, Stand oder Gewerbe und Wohnort in alphabetischer Ordnung in die Wählerlisten einzutragen. Bezüglich des Alters genügt die Angabe, daß der Stimmberechtigte das 25. Lebensjahr zurückgelegt habe.
Spätestens bis zum 27. d. Mts. sehen wir unfehlbar Ihrer Anzeige über die vollendete Ausstellung der Wählerlisten entgegen.
Die Formularien zu diesen Listen werden Ihnen sofort in duplo nebst dem Formular zum Protocoll für die demnächst vorzt;nehmende Abgeordneten- wähl per Post zugehen. Etwa erforderlich werdende Einlagebogen zu den Wählerlisten sind mit der Feder anzulegen. Sollte die Zustellung dieser Formularien bis zum 17. l. Mts. nicht erfolgt sein, so sehen wir unverzüglicher Anzeige hiervon entgegen.
Dr. Boekmann.
Aolilisqjer Hheil.
Deutschland.
Berlin, 11. Juni. So erquickend in freudiger Hoffnung die letzten Bulletins über das Befinden des Kaisers waren, so wenig darf man sich verhehlen, daß bis zur vollständigen Genesung des hohen Herrn noch eine lange Zeit hingehen dürfte. Die Ueberstedlung nach Babelsberg, wenn sie überhaupt erfolgt, steht noch nicht in so naher Aussicht, als ich in einem meiner letzten Briefe gemeldet habe. Nach zuverlässigen Mittheilungen ist der Kaiser doch noch tief ergriffen. Alle Personen, die ihn sahen, sprechen jetzt in Thränen von seinem veränderten Aussehen: das Gesicht ist wachsbleich. Der Kaiser hat so viel Blut verloren, mehr noch als zchei starke Aderlässe ihm hätten nehmen können, und das ersetzt sich in seinem Alter schwer und langsam. Dem allgemeinen Schwächegefühle entspricht auch der müde Klang der Stimme, die aber nur die zartesten Rücksichten gegen die Umgebung kundgibt, keinen Ton der Klage, der Ungeduld oder des Verzagens, ^eit zwei Tagen hat der Kaiser den Ort seines Aufenthalts geändert und das blaue Vortragszimmer verlaffen, um mehr frische Lust zu haben. Man hat zu diesem Zwecke ein Etabliflement von Gewächsen gemacht, die den Ort, wo er liegt, nach Außen vollkommen abschließen und das Zuströmen von frischer Luft ermöglichen. Bet der Ueberführung auf den Lehnstuhl machte sich das Fehlen eines Schlafrockes in diesem Zustande sehr fühlbar. Der Kaiser hat nie ein derartiges Kleidungsstück beseffen und so mußte denn eine mantelartige Tuntca von weichem Wollenstoffe schnell angefertigt werden. Am gestrigen Tage war sein 49. Hochzeitstag. Die Kaiserin, welche in Folge der Aufregungen der letzten Woche zwei Tage das Bett hüten mußte, hatte sich in so weit wieder erholt, daß sie an diesem Tage wieder um den Gemahl sein konnte. Sie überraschte ihn mit mehreren Geschenken, an denen er seine innige Freude äußerte. Wie immer so ist er für die kleinste Aufmerksamkeit dankbar und durch Würdigung erkenntlich. Wenn auch das Blut aus seinen Zügen gewichen ist, das milde, freundliche Kaijerlächeln ist geblieben. Auch sein Jntereffe für die staatlichen Vorgänge und die Aufgaben, welche seine Thätigkeit immer wach hielten, hat sich erfreulicher Weise gehoben und der Geist lebt frisch in der Hülle, die — so Gott will — sich in voriger Kraft wieder ermannen wird Aber die Wünsche fliegen schnell, und so groß das Bangen am Anfang ver gasigener Woche war, so hoch stieg auch am Ende derselben das Hoffen; vielleicht über die Möglichkeit hinaus, wenigstens, was die Dauer der Reconva- lescenz änbetrifft. Die kräftige Natur des Kaisers und die Kunst und Sorgfalt der Aerzte haben ja schon sehr viel gethan, aber als vollständig genesen wird der Kaiser nur dann betrachtet werden können, wenn die Sorge bezüglich der Rehposten oder des Schrotkorns in der Wunde am rechten Arme gehoben sein wird. (Köln. Ztg.)
Berlin, 13. Juni. In der heutigen Sitzung des Congreffes wurde auf Anirag Andrasiy's Bismarck einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. Der Congreß beschloß hierauf Geheimhaltung und Anberaumung nur seltener Plenar- Sitzungen.
— Die erste Sitzung des Congreffes dauerte dritthalb Stunden und behandelte blos Formalien. Bismarck drückte gestern bei Empfang der Congreß- Mitglieder den Entschluß aus, zu Gunsten eines Ausgleichs die weitestgehenden Bemühungen zu machen. Der Eindruck dieser Worte auf die Botschafter war äußerst günstig. Das Arrangement der Festtafel des heutigen Gala-Diners hat die Kronprinzessin persönlich besorgt.
Oesterreich.
Wien, 12. Juni. Nach einem Telegramm der „Wiener Abendpost" aus Parts vom 12. d. ist der ehemalige König von Hannover, Georg V., heute früh 6 Uhr gestorben. »
Italien.
dkom, 13. Juni Leo XIII. hatte gestern eine Ohnmacht, die lange anhtelt; die Aerzte sind sehr besorgt und haben für den Papst eine Villegaiatur als nothwendig erklärt.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Correspondenz-Bureau.
Berlin, 13. Juni. Der aus Brüssel hierher berufene türkische Minister- Resident Caratheodori-Effendi fungirt nicht als Congreßbevollmächtigter, sondern wird nur,mit den türkischen Congreßdelegirten conferiren.
Wien, 13. Juni. Die „Wiener Abendpost" meldet: Auf kaiserlichen Befehl wird für weiland König Georg von Hannover vom 14. Juni an 12tägige Hoftrauer getragen.
Berlin, 13. Juni. Bald nach 1 Uhr begann die Auffahrt der Congreßdelegirten vor dem Palais des Reichskanzlers; die Delegirten benutzten die Botschaftswagen und trugen sämmtlich die diplomatische Uniform des Heimath laudes. Etwa 20 Minuten nach 2 Uhr erschien über dem Dach des Palais des Reichskanzlers die Flagge des deutschen Reiches, die Eröffnung des Congreffes
oerküiidend. Die Straße vor dem Palais ist für den gewöhnlichen Verkehr gesperrt. Für die Mitglieder und die Arbeiten des Congreffes ist ein besonderer Post- und Telegraphendienst eingerichtet und zu diesem Zweck eine Anzahl Post- und Telegraphenbeamte zur Verfügung gestellt.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht an der Spitze des Blattes folgenden Erlaß des Kronprinzen an den Reichskanzler vom 11. Juni: Kaum der meuchlerischen Hand eines Verblendeten durch Gottes Gnade entgangen, hat des Kaisers und Königs Majestät Mein Herr Vater sich zum zweiten Male dem Geschosse eines im Verstecke lauernden Verbrechers ausgesetzt gefunden. Wiederum hat Gottes gnädiger Schutz über dem theuren Haupte gewaltet; der Frevler hat zwar leider des Ziels nicht gefehlt, seinen versuchten Zweck aber nicht erreicht. Die Schmerzen, welche die zahlreichen Wunden verursachten, traten zurück gegen den tiefen Kummer, welcher das landesväterliche Herz des Kaisers und Königs durch die noch am Abend Seines bisher so reich gesegneten Lebens Ihm nicht ersparte Erfahrung bedrückte, daß im deutschen Volke solche Unthaten in rascher Folge reifen konnten. — Die herzliche Theilnahme indeß, welche alsbald sich in der Einwohnerschaft der Residenz zu erkennen gab, die Entrüstung über das Verbrechen verbunden mit der innigen Freude über die Errettung aus unmittelbarer Todesgefahr, die Segenswünsche, welche aus allen Kreisen und allen Theilen des deutschen Vaterlandes, ja von überall, wo im Ausland? und selbst in fernsten Welttheileu Deutsche weilen, in Adreffen, in sinniger Dichtung, Telegrammen, Blumenspenden und ähnlichen Aufmerksamkeiten durch ständische und communale Vertretungen, weltliche und kirchliche Corpo- rattonen, Behörden, Vereine, Versammlungen, durch Würdenträger und Privat- Personen ohne Unterschied des Standes, Berufs, Alters und Geschlecht- in wärmster Weise Ausdruck fanden, haben jeden Zweifel des kaiserlichen Herrn an der unveränderten Treue und Liebe des deutsch-n Volkes verbannt und Dessen Ueberzeugung. gekräftigt, daß die verderbliche Saat, aus welcher die Frevelthaten enttyroffen, Jn dem Patriotismus der Nation keinen nachhaltigen Boden finden werde. Se. Maj der Kaiser und König Mein Herr Vater ist überaus gerührt von diesen zahlreichen Beweisen lauterster Anhänglichkeit, welche sich noch täglich mehren, und hat Mir aufgetragen, Allen nah und fern, welche Ihm das volle Vertrauen in die Treue und hingebende Gesinnung Seines Volkes wiedergewährt, Allen, welche durch sympathische Kundgebungen auf Seinem Schmerzenslager Sein Herz mit wohlthuender Freude erfüllt haben, Seinen innigsten Dank zu sagen. — Ich entledige Mich dieser Allerhöchsten Weisung, indem ich Sie veranlaffe, Vorstehendes zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.
— Die siebente Crtmtnal-Deputation des Stadtgerichts behandelte heute außer den bereits gemeldeten 3 Fällen von Mijestätsbeleidigunz noch 8 andere; bet drei von diesen lautete das Urtheil freisprechend, bei den übrigen wurde auf längere, theilweise mehrjährige Gefängnißstrafe erkannt.
Wien, 13. Juni. Die „Poltt. Corresp." meldet aus Bukarest: In Folge des letzten energischen Protestes der rumänischen Regierung gegen den russischen Vormarsch auf der Linie Pitesti hat General Drentelen den Rückzug der Ruffen auf 10 Kilometer Entfernung von den rumänischen Linien angeordnet; dagegen ließ derselbe die russischen Vorposten von Plojesti nach Filipesti bis zum Prahowa Flusse vorrücken, jedoch unter der Zusicherung, die Ruffen würden diesen Fluß gegen Kimpina hin nicht überschreiten.
5tningrapl)ifd)rr ömcht über die außerorbrntlichk (6rnrrolotrfammlung des Kerems der natianalru und liberalen Partei in Gießen
am 8. Juni 1878.
(Schluß.)
Der Vorsitzende, Hofgerichtsadvocat Dr. Dittinar: Ich ertheile nunmehr dem Herrn Professor Gareis das Wort. Herr Professor D r. Gareis.
Geehrte Herrn! Es ist nicht das erstemal, daß wir uns an diesem Ort mit der eben erörterten Frage beschäftigen. Es ist nicht das erste Mal, daß von der Gesahr die Rede ist, welche die Socialdemokratie über das deutsche Vaterland, über das deutsche Haus, über das ganze deutsche Leben bringt. Oft hat man von einem rothen Gespenste gesprochen und Leute, welche an Gespenster nicht glauben, haben auch an dieses Gespenst nicht" geglaubt, nun meine geehrte Herren, nun steht vor uns rotü, blutroth, aber nicht ein Gespenst," sondern eine gräßliche Wirklichkeit. Wir stehen nun vor Erlebtem meine Herren, welches uns Alles in gräßliche Erinnerung zurückruft, wir stehen vor Ereignissen, welche mein geehrter Vorredner mit beredtem Munde geschildert, die das Herz nicht blos eines jeden Monarchisten, das Herz nicht blos eines jeden Deutschen, sondern eines jeden Menschen, der es mit der Menschheit gut meint, erschüttern und auf9 Tiefste ergreifen müssen. Wir haben an dieser Stelle oft von Gefahr gesprochen, die die Socialdemokratie unserer deutschen Freiheit bringen würde. Fch habe insbesondere gegenüber den socialdemokratischen Aussührungen von dieser Stelle aus behauptet, das Resultat der socialdemokratischen Agitation werde eine Beschränk unfl der deutschen Freiheit sein, und nun tritt die Frage heran: Mit welchen Mitteln wollen wir freie deutsche Männer dieser Agitation entgcgentreten? Ihr Ausschuß, meine Herren, hat diese Frage in Erwägung gezogen und hat geglaubt in Ihnen an das deutsche Burgerthum appclliren zu sollen, und von diesem Gedanken sind die Anträge, die wir die Ehre haben Ihnen zur Annahme vorzulegen, getragen. Ich erlaube mir Ihnen dieselben nochmals ins Gedächtniß zurückzurufen, dann sollen Sie sich über deren Annahme, wie wir hoffen, äußern.
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