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Freitag den 15. Marz

1878.

Gießener Wmiger

An?eizc- iii Jltiitsblatt für den Kreis Gießen.

RedactionSbrrreairr Gartenstraße 8. 165.

Expeditionsbureaur Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS

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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

politischer Hheil.

Deutschland.

Darmstadt, i3. März. Die Aufhebung der Staatsschuldentilgungs- Kaffe als besonderes Institut wird den in sehr dringender Form geäußerten Wünschen der Stände entsprechend, am 1. Juli d. I. vollendete Thatsache sein und von da ob die Verwaltung unseres Staatsschuldenwesens durch eine besondere Abtheilung der Hauptstaatskasse unter entsprechender, hoffentlich aus­reichenderer Thätigkeit des landständischen Directors erfolgen.

(N. Hess. Volksbl.)

* Mainz, 12. März. Zu der am Sonntag den 10. d. Mts. in Mainz abgehaltenen Bezirksversammlung der altkatholischen Gemeinden und Vereine Hessens und Heffen-Nassaus hatte sich eine außergewöhnliche Zahl von Dele- fliTten etngesunden. Dr. Denk als Vorsitzender gab nach kurzer Begrüßung zunächst Mittheilung von einem Schreiben aus Gießen, worin das Bedauern ausgesprochen wird, daß die dortige Alikatholiken - Gemeinschaft auf der dies' maligen Bezirksversammlung nicht vertreten sein könne. Die daraus folgende lebhafte und eingehende Discussion über den ersten Punkt der Tagesordnung (Statutenänderung) führt zu dem Resultate, daß durch Acclamation eine Com­mission , bestehend aus den Herren Dr. Petri (Wiesbaden), M. Weil (Offenbach), Dr. Stephan (Heßloch), Dr. Denk und Dr. Struve (Mainz) erwählt wird, welche unter Berücksichtigung der bisherigen Erfahrun­gen ein neues Statut entwerfen, den einzelnen Gemeinden zur Begutachtung überweisen und dann der nächsten Vezirksversammlung zur Genehmigung vor­legen soll. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung (Cölibatssrage) wird von Herrn Appellalionsgerichtsrath Dr. Petri hervorgehoben, eine gemeinsame Zustimmung zu dem Mannheimer, auf alsbaldige Beseitigung des Cölibats ge­richteten, Antrag an die Synode sei aus formellen Gründen nicht zu empfeh­len; ein solcher Beschluß sei nämlich geeignet, sowohl auf die Synodalreprä- senkanz. die der nächsten Synodebestimmte Vorschläge" zu unterbreiten habe, sowie auf die einzelnen Synodal-Abgeordneten eine Art moralischer Pression zu üben, wodurch die auf der Synode unbedingt nothwendige Freiheit der Entschließung beeinträchtigt werde. Herr Stadtverordneter Weil aus Offen­bach tritt diesen Ausführungen entgegen: ein im Sinne des Mannheimer An trags gefaßter Beschluß schließe keineswegs ein bindendes Mandat für den Synodaldelegirten ein; auch zeige die Erfahrung, daß durch ähnliche Kundge­bungen in früheren Jahren niemals die Freiheit der Entschließung auf der Synode verkümmert worden sei, eine vorherige Einigung in Bezug aus die Cölibatssrage sei aber wünschenswerth, um die Stimmung der einzelnen Ge­meinden in möglichst kräftiger Weise zum Ausdruck zu bringen, und gewiß ebenso berechtigt, wie etwa bei politischen Actionen die Einigung über ein be­stimmtes Programm. Nachdem noch andere Redner pro und contra gesprochen, wird, so lange nicht der Abstimmungs-Modus auf Grund neuer Verbands- Statuten endgiltig geregelt ist, von einer Beschlußfassung über diesen Punkt abgesehen und den einzelnen Gemeinden überlasten, zur Cölibatssrage ihrerseits Stellung zu nehmen. Bezüglich des dritten Gegenstandes der Tagesordnung (Preßangelegenheiten) liegt ein besonderer Antrag nicht vor; nach der Auf­nahme, welche die von den Herren Dr. Munier, Petri und Denk geäußer­ten Bedenken und Wünsche sanden, schien die Versammlung darüber einig, daß es Aufgabe der allkatholischen Preste sei, den nothgedrnngenen Kampf gegen den ultramontanen Religions- und Vaterlandsfeind mit aller Energie fortzu- sühren, zugleich aber im eigenen Lager, soweit Gegensätze vorhanden sind, all­zeit ausklärend und versöhnend im Geiste der Liebe zu wirken.

Die Bestreitung der Cultusbedürsniffe der hessischen Gemeinden anlangend, erhält der Vorort den Auftrag, die geeigneten Schritte zur Förderung der Sache zu thun.

Die Versammlung schloß gegen 7 Uhr. Von Geistlichen hatten außer Herrn Pfarrer St ein wachs aus Offenbach auch die Herren Pfarrer Dr. Mosler aus Boppard und Ricks aus Heidelberg an der Versammlung und an den Debatten Theil genommen.

Berlin, 12. März. Die deutsche Kunstausstellung in der großen Pariser Ausstellung wird etwa 200 Gemälde und einige Werke der Bildhauer kunst umfasten. Das Reichskanzleramt bereitet eine Vorlage für den Reichstag vor, welche einen Credit von 75,000 Mk. für die Kosten der Ausstellung for­dert. Der Director der Akademie der Künste, A- v. Werner, ist mit der gesammten geschäftlichen Leitung betraut; ihm wird eine Commission von sieben Mitgliedern (darunter Steffeck, P. Meyerheim, Knaus) zur Seite stehen. Die Nationalgallerie wird eine Zahl der besten Werke nach Paris senden; an Privatleute, welche im Besitze von ausgezeichneten Gemälden sind, soll die Auf­forderung ergehen, sich dem Vorgangs jenes Staatsinstituts anzuschließen. Daß Darstellungen aus den letzten Kriegen ausgeschlossen sind, ist selbstver­ständlich.

Auf Briesen nach Rußland muß zur Sicherung regelmäßiger Beför­derung die Adreste mit deutscher oder lateinischer Schrift geschrieben und die Lage des Bestimmungsorts, sofern derselbe weniger bekannt ist, durch die zu­sätzliche Angabe des Gouvernements näher bezeichnet sein.

England.

London, 12. März, früh. Im Oberhause sprach sich Stanhope dafür aus, daß keine von den kriegführenden Mächten dem Congreffe präsidire. Stratheden äußerte die Hoffnung, daß der Congreß auch die Macht besitze, tue Friedensgrundlagen seiner Erwägung zu unterziehen. Derby erklärte: der Con­greß wähle seinen Präsidenten und zwar den Vertreter derjenigen Macht, in deren Hauptstadt der Congreß oder die Conferenz abgehalten werde, es sei kein Grund anzunehmen, daß Bismarck die Uebernohme des Präsidiums ablehne, wenn er ablehne, müsse ein anderer zum Vorsitzenden gewählt werden. Der Ausschluß der Kriegführenden vom Präsidium sei wünschenswerth, ein Präcedenz- faU liege nicht vor. Es gebe Congreffe oder Conferenzen, wo nur kriegführende Mächte vertreten wären. Ueberdies sei die Stellung des Präsidenten mit keiner besonderen Macht und Autoritär lnkleidet, er sei nur primus in ter pares. Was Stratheden's Anfrage betreffe, so würde es nutzlos und thöricht sein, den Congreß zu beschicken, wenn dieser nicht die wirkliche, sondern nur die nominelle Macht besitze, die ihm vorliegenden Gegenstände zu behandeln. Tie Regierung unterbandle darüber mit den anderen Mächten und könne jetzt diesbezüglich nichts weiteres sagen. Hierauf vertagte sich das Haus.

Im Fortgang der Unterhaussitzung entspann sich eine längere Discussion über den Zustand der Flotte, worauf die Fortsetzung der Berathung bis Donnerstag vertagt wurde. Das Marinebukget ist in dieser Sitzung nicht vorgelegt worden und auch die angekündigte Interpellation Peel's nicht vor- gekommen.

London, 12. März, Abends. Im Unterhause erklärte Schatzkanzler Northcote auf eine Anfrage: Er habe nicht gehört, daß die Russen sich bei Gallipoli verschanzen; die russischen Vorposten ständen nach den letzten Berich­ten 12 Meilen von Bulair jenseits des Kamiesch-Fluffes, die Hauptmacht bei Kadikvi. Peel wird Donnerstag die Anfrage stellen, ob die Entsendung von Lyons zum Congreffe Angesichts seiner bekannten Anschauungen in der orienta­lischen Frage wünschenswerth sei.

Im Oberhause kündigte Stratheden an, er werde am Donnerstag die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Vorsichtsmaßregeln lenken, welche zu ergrei­fen wären, bevor England auf die Conferenz gehe, und die Vorlegung M Schriftwechsels bezüglich des Friedensvertrages beantragen. Die Rinderpest- Bill wurde einem Special-Ausschuffe überwiesen.

Italien.

Rom, 11. März, Abends. In der Deputirtenkamrner erklärte Cairoli, nachdem er den Vorsitz übernommen hatte, er übernehme das Präsidentenamt, um die Gemüther zu beruhigen; er erinnerte ferner an die feierlichen Kund­gebungen bei dem Tode Victor Emanuels, an das allgemein manifestirte Ver­trauen auf König Humbert, und betonte die Nothwendigkeit administrativer und politischer Reformen.

Der seitherige Ministerpräsident Depretis zeigte an, daß Crtspi noch vor Eröffnung des Parlaments seine Entlaffung als Minister gegeben und in Folge der Wahl Catroli's zum Kammerpräsidenten auch die übrigen Minister ihre Demission eingereicht hätten. Depretis legte hierauf den Zolltarif vor und beantragte bei der Dringlichkeit der Vorlage die Einsetzung einer Spectal- commission zu deren Prüfung, was von der Kammer genehmigt wurde. Cairoli machte Mittheilung von den Seitens der griechischen, rumänischen und portu­giesischen Volksvertretungen anläßlich des Ablebens Victor Emanuels eingesen­deten Adreffen, deren Beantwortung er einer Commission zu übertragen vor- vorschlug, was von der Kammer genehmigt wurde. Schließlich stimmte die Kammer dem Anträge zu, die Sitzungen bis auf Weiteres zu suspendiren. Das Präsidium wird schriftliche Anzeige von dem Termin der nächsten Sitzung machen.

Türkei.

Konstantinopel. Die Ruffen verschanzen und armiren emsig die Linie Kadlköi Jeniköt-Charköi (welche die Halbinsel von Gallipoli von dem Fest­lande abschließt, den türkischen Linien von Bulair gegenüber) in welchen sie jetzt 18,000 Mann stehen haben.

Aus Kutschuk-Tschekmedje, 22. Febr., wird derPolit. Corresp." ge­schrieben : Eine höchst wichtige Thatsache ist es, daß die Türken hier und an anderen hierzu geeigneten Punkten Befestigungen anlegen und zu diesem Behuse viele Tausende von Soldaten in ununterbrochener Arbeit begriffen find. Fuad Pascha, der sich in Konstantinopel befindet, hat den Auftrag erhalten, drei neue Armee-Corps zu organisiren. An allen Orten hört man nur militärische Hornsignale und steht man die Abrichtung von Rekruten und die Exercitien der älteren Soldaten. Man begreift nicht, wozu dies Alles nunmehr soll. Die Haltung der türkischen Truppen sowohl wie der türkischen Bevölkerung ist eine äußerst lobenswerthe; die von allen Seiten prophezeiten Unruhen und Aus­schreitungen gegen die Christen sind nirgends eingetreten, und die Türken zeigen allerwärts eine Resignation, die in solchem Maße kaum zu erwarten gewesen ist. Sie tragen ihre großen Schicksalsschläge mit bewunderungswürdiger Ruhe.