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Freitag, den 14. Juni

Ufo. 135

1878

Ay?klge- N.Ä AyrtMatt fit des Kreis Gießen

Erscheint ILgttch mit Ausnahme deS Montags.

Preis vierteljährlich 2 Marl 20 Pf. mit BnngLrtohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Ded»EorrSL*»5eanr Sartenstraße B. 165.

GG-seviLLsn^sattetz»«r Gchulstraße B. 18.

Amtlicher Hheil.

Lehrer-Conferenz

des Conferenz-Bezirkes Lich-Hungen: Montag dm 17. Juni, Morgens 10 Uhr, in Hungen.

Lehrer-Cvnferenz

des Conferenz-Bezirkes Großen - Bufeck : Donnerstag den 20. Juni, Morgens 10 Uhr, in Großen-Buseck.

Gießen, den 11. Juni 1878. Büchner, Kreis-Schuliuspector.

politisch er <1 e i L

Die deutsche Socialdemokratie und die Inter­nationale.

In der Reichstagsdebatte vom 23. Mat sagte der Abg. Eugen Richter, die socmldemokratische Bewegung in Berlin seibis in das Jahr 1872 hinein wesentlich und in der Hauptsache ein Kunstproduct gewesen, das von einer Seite unterstützt und subventtonirt" worden sei. Er bemerkte außerdem in Bezug auf die ganze Bewegung im Lande, die Socialdemokratte seinicht älter als das Mini­sterium Bismarck." Und in Betreff der Erkenntniß der Gefährlichkeit der socialdemo- krattschen Ziele, daß seine Partei die Gefahren früher erkannt habe als die Regie­rung. Er verwies zum Beweise dessen auf die Wirksamkeit von Schulze-Delitzsch.

Niemand wird diese Bemerkungen als' unbegründet bezeichnen können. Was der Regierung zur Entschuldigung gereichen könnte, besteht darin, daß der Charakter der Bewegung unter Lassalle sich mit einer Umänderung der bestehenden Gesellschaftsordnung auf friedlichem Wege und innerhalb des natio­nalen Staates beschäftigte; daß Lassalle ein glühender preußischer und deutscher Patriot war; daß tr die großen politischen Ziele der Bismarck'schen Politik erkannte und Front machte gegen die Verkenner derselben, die liberale Partei; daß Bismarck einen solchen,, denAcheron" in Bewegung setzenden Bundesge­noffen benutzen zu können -glaubte. Um gerecht zu sein, müssen wir aber her­vorheben, daß die Duldung der Loffalle'schen Agitation Hand in Hand ging mit einer Unterstützung der Schulischen Bestrebungen. Tie zur Förderung deffelben eingebrachten Gesetzesvorlagen haben die warme Unterstützung der Re­gierung gefunden.

Die Regierung hat eben geglaubt, daß im Widerstreit der Meinungen, in der richtigen Selbsthülfe der bürgerlichen Gesellschaft der Weg gefunden werden könne, der die Ordnung paart mit der Freiheit. Das glaubt ein großer Theil der liberalen Partei noch heute.

Aber, möge das Ministerium Bismarck immerhin in seinem Glauben Unrecht gehabt haben, ist das denn ein Grund, ihm heute, wo es zu anderer Erkenntniß ge­kommen ist, selbstgefällig die Mitwirkung zu versagen und freudig zu rufen: Tu las voulul? Da würde sich doch die Geschichte des Sohnes wiederholen: Es freut mich für meinen Vater, daß ich Rheumatismus habe, warum hat er mir keinen Ueberzieher gekauft? Die soctaldemokrattsche Bewegung bedroht unS, bedroht die bürgerliche Gesellschaft, bedroht die Regierung gleichermaßen. Wir haben nicht mehr die Ausgabe, Recriminationen zu machen; es ist unsere Aufgabe, vereint mit der Regierung das in uns ern Staatskörper eingedrungene Gift zu vertreiben.

Wir haben die Ueberzeugung vor dem Hödel'schen Attentat gehabt und haben sie nach demselben mit verstärktem Elfer vertreten, daß es Aufgabe der Regierung sein muß, die Auswüchse in den Bestrebungen der Socialdemokratie herauszuschnciden. Wir finden die bürgerliche Gesellschaft gegenüber einer sie offen bedrohenden organisirten Gesellschaft von Uebelthätern nicht mehr stark genug, ohne Anwendung von energischen Maßnahmen ihre Freiheit zu schützen; wir erachten es für unser Recht und für unsere Pflicht, der socialisttschen Agitation die Mittel wegzunehmen, mit denen sie einen schmählichen, unberechtig­ten Gebrauch der Freiheitsrechte ausübt. Jetzt nach dem zweiten Attentat, nach diesem neuen Symptom der durch die Socialdemokratte ange- rtchteten Gemüthsverwtlderung, sprechen wir diese unsere Ueberzeugung noch eifriger, noch rückhaltsloser aus, unbeschadet der ganzen bisherigen, seitdem viel­leicht schon etwas heruntergestimmten Ansicht der liberalen Partei.

Wohl fragt man schon und wird es weiter fragen: Hätten denn die Ausnahmegesetze das zweite Attentat verhindert? Die Zeit ist zu ernst zu solchen Vexirfragen! Wir behaupten nichts mehr und nichts weniger, als daß die offenkundige, geduldete Verbreitung von Ideen, welche zu Gewaltthaten auf­reizen, nicht Wetter geduldet werden darf. Ruft diese Nichtduldung Aufstand und Empörung hervor, so thäte sie daffelbe, was die Duldung hervorgerusen hat und in erschrecklichem Maße weiter Hervorrufen wird. Heute haben wir noch die Macht, die Bewegung an der Wurzel zu treffen, und, wie wir über­zeugt sind, ohne nennenswerthen Widerstand. Das Morgen liegt dunkel vor uns. Das blitzende Schwert der strafenden Gerechtigkeit kann allein den Tag erhellen.

Jahrelang haben in Deulschland die beiden Richtungen der Laffalleaner und der Internationalen gegeneinander gerungen. Mit der vollständigen Unter­werfung der Ersteren unter die Letzteren ist der Kampf beendet worden. Aus

dem Congreß zu Gotha, im Jahre 1876, hat sich die Vereinigung vollzogen. Der neue, von dieser Vereinigung gewählte Vorstand der Internationalen ver­kündete sofort, daß vor dem nun stattsindenden bewußten einheit­lichen Vorwärtsschretten die Hauptfesten der heutigen Gesell­schaft bald zusammenbrechen würden.

Man hat damals über diese pathetischen Worte gelacht; man hat darüber gelacht bis zu der Stunde, wo der erste Schuß aus das Oberhaupt der deutschen Nation fiel. Dann hat man sich begnügt, mit den Achseln zu zucken: man könne eine aus der Wissenschaft geborene, also frei zu discutirende Richtung doch nicht für die wahnsinnige Thal eines schlechten Subjects verantwortlich machen. Zuckt man auch heute noch die Achseln? Ist man heute noch geneigt, sorglos die Hände in den Schooß zu legen 'und zu warten,bis die Haupt- jesten der heutigen Gesellschaft vor dem bewußten einheitlichen Vorwärtsschreiten zusammenbrechen" ?

Trotz der Millionen von Bogen, welche in Deutschland geschrieben wor­den sind, um das Publikum über die Socialdemokratte auszuklären, ist diese Aufklärung nur in sehr kleine Kreise gedrungen. Warum?. Weil man das Unrichtige, dasCoquettirende, das Vermittelnde, das Quint- essenztrte las. Man las nicht das, waS das Volk aufwühlte und verdarb, die kleine Preffe. Man las nicht die Flugblätter, nicht die Kalender, nicht die Broschüren der planmäßig arbeitenden Agitatoren. Hätte man sie gelesen, man würde längst erkannt haben, an welchem Abgrund man schwebt. Weil man sie nicht las, predigten die Wenigen, die sie lasen, tauben Ohren.

Und so sagen wir es denn wiederum laut und vernehmbar: Seit dem Gothaer Congreß wird die deutsche Scctaldemokratie geführt und tyranrnsirt von der internationalen Arbettervereintgung, deren einziges Ziel der Umsturz des Bestehenden, die Revolution ist, die kein Pactiren will, die jede Aufbesse­rung des Looses der arbeitenden Klassen bewußt hindert, weil diese Klassen dadurch dem Ziel, der Empörung, abgeneigt gemacht werden. An der Spitze dieser Internationalen stehen die Herren Marx und Engel in London, über welche Männer der durch Testament Laffalle's zu seinem Nachfolger ernannte Beruh. Becker einmal schrieb:Die Herren der Marx'schen Clique nannten sich Com­munisten , sind aber nichts als ehrgeizige diabolische Ränkeschmiede, unfähig zu jedem Aufbau, nur zum Zerstören bei der Hand."

Es ist wirklich liebenswürdig, gegen solche Leute, die da offen aussprechen: sobald wir die Macht haben, beugst du dich unserm Willen, unserer Herrschaft freiwillig in Furcht und Zittern, oder wir nehmen dir mit Gewalt Leben und Eigenthum! aus die Hülfe von Gesetzen zu verweisen, die so human matt abgesaßt sind, daß sie keinen Schutz bieten. Es ist sehr einsichtig, gegen solche Gesellen Ausnahmegesetze zu perhorresciren und zu verweisen auf Belehrung, auf Ueberzeugung, auf Selbsthülfe durch Bürgervereinigungen und dergl.

Sind denn die Paragraphen unserer Strafgesetzbücher, ist nicht gewtffermaßen ein jedes Gesetz ein Ausnahmegesetz? Läßt sich nicht ein wiffenschaftlicher Unsinn erfinden, der den Diebstahl, die Unzucht, den Mord, die Falschmünzerei als trübe Auswüchse der menschlichen Gesellschaft bemitleidet und Heilung dieser Schäden auf demselben Wege fordert, wie man ihn jetzt noch gegen die Socialdemokratie als den einzig richtigen Weg bezeichnet? Allerdings, wir können unser bewegliches Eigenthum verschließen, unsere Thüren verrammeln, uns hüllen in Stahl» und Eisen, wir können fröhlich den Schutz des Gesetzes entbehren und uns Jeder für sich seinen Gesetzescodex ausarbeiten. Wir haben ja solche Zeiten erlebt. Man spricht zwar von diesen Zetten als von den barbarischen; aber das wird wohl nach der Ansicht un­serer heutigen Wissenschaft eine falsche Bezeichnung gewesen sein! (Trotzdem wir mit Vorstehendem nicht in allen Punkten uns einver­standen erklären können, glaubten wir jedoch von einer Veröffentlichung deffel­ben nicht absehen zu sollen. D- Red.)

Deutschland.

Berlin, 11. Juni. Bulletin von 9% Uhr Abends. Se. Maj. der Kaiser haben einen großen Theil des heutigen Tages bet geöffnetem Fenster im Lehnstuhl sitzend hingebracht und sich am Genuß der frischen Luft erquickt. Anderweitige Veränderungen im Befinden während des Tages sind nicht zu vermerken. (Unterz.) Lauer. Langenbeck. Wilms.