Ausgabe 
14.4.1878
 
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Berlin, 10. April. Als denWortlaut des Briefes, in welchem der Papst dem deutschen Kaiser seine Thronbesteigung angezeigt hat", bringt der in Antwerpen erscheinendePröcurseur" mit der Bemerkung:aus dem Italieni­schen übersetzt", folgendes Schriftstück:

Papst Leo XIII.

entbietet dem allerdurchlauchtigsten und mächtigsten Kaiser und König seinen Gruß.

Durch die unersorschlichen Wege des Herrn und ohne irgend ein Verdienst von unserer Seite sind wir auf den Stuhl des Apostelfürsten erhoben worden, und wir erlegen uns die angenehme Pflicht auf, Ew. kaiserliche und königliche Majestät, unter deren mächtigem und ruhmreichem Scepter eine so große An­zahl von Anhängern unserer heiligsten Religion lebt, von dieser Thatsache un­verzüglich in Kenntniß zu setzen.

Da wir zu unserem Bedauern die Beziehungen, welche in früherer Zeit so glücklich zwischen dem heil. Stuhl und Ew. Majestät bestanden, nicht mehr vorfinden, so wenden wir uns an Ihre Hochherzigkeit, um zu erlangen, daß der Friede und die Ruhe des Gewissens diesem beträchtlichen Theile Ihrer Unter- thanen wiedergegeben werde. Und die katholischen Unterthanen Ew. Majestät werden nicht verfehlen, wie es ihnen ja auch der Glaube vorschreibt, zu dem sie sich bekenenn, sich mit der gewissenhaftesten Ergebenheit achtungsvoll und treu gegen Ew. Majestät zu zeigen.

In vollster Ueberzeugung von der Gerechtigkeit Ew. Majestät rufen wir Gott den Herrn an, daß er Ihnen die Fülle seiner himmlischen Gaben verleihe, und fleben ihn an, er wolle Ew. Majestät mit uns durch die Bande der voll­kommensten christlichen Liebe bereinigen.

Gegeben zu Rom, in der Basilika von St. Peter, den 20. Febr. 1878, im ersten Jahre unserer Regierung.

Gezeichnet: Papst Leo XIII.

Ob das Schreiben durchaus echt ist, müssen wir dahingestellt sein lassen.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. Eorrespondenz-Bureau.

Berlin, 12. April. DieNordd. Allg. Ztg." constatirt anderweitigen Versionen gegenüber, daß Fürst Bismarck vorgestern Bratiano empfangen hat. Ferner schreibt dieselbe: Der von russischer wie von englischer Seite aus­gehende Apell an die Vermittlung Deutschlands habe jedenfalls nur dann einen Sinn, wenn bei beiden Parteien die Bereitwilligkeit zu Concessionen bestehe, durch welche die Absicht wie die Möglichkeit einer Herausforderung des anderen Tyeiles anögeschloffen werde.

Petersburg, 12. April. DasJournal de St. P^tersbourg" be­spricht die von der ausländischen Presse über das Circularschreiben Gortschakoff's geäußerten Ansichten und constatirt, daß die gejammte Presse den realen Wunsch Rußlands, eine friedliche Lösung herbeizuführen, anerkenne. Das britische Ca- binet müsse nunmehr aus seiner rein negativen Haltung heraustreten und ent­weder Europa einladen, zur gemeinsamen Verhandlung rasch zusammenzutreten oder selbst die Lösungen Vorschlägen, wodurch das englische Cabinet den Frieden von San Stefano ersetzen möchte. Wenn die Mächte irgend eine versöhnliche Lösung finden sollten, würde das russische Cabinet der Disclsssion gerne beitre­ten und den Vertrag abändern; nur dürfte diese Lösung die durch Blut erreichte Sache nicht in Abrede stellen und müsse den von Rußland gebrachten Opfern Rechnung tragen.

London, 12. April.Times" schreibt: Die Aussichten der orienta­lischen Krise sind in Folge des gemäßigten, versöhnlichen Tones von Gortscha­koff's Circular viel hoffnungsvoller. Rußland hat die sehr entschlossene Demon­stration Salisbury's mit gutem Humor ausgenommen; hoffentlich wird Salisbury ebenso versöhnlich antworten. Das Circular läuft auf eine freundliche Einladung an England hinaus, es möge bestimmte Vorschläge zur Lösung der Krise machen. Wenn die englische Regierung, unter welcher formellen Veränderung auch, ent­schlossen die Forderung aufrechterhält, daß die Lösung eine europäische sein müsse, so braucht die Hoffnung auf einen günstigen Ausgang der Verwickelungen nicht aufgegeben zu werden. Aus Petersburg wird derTimes" gemeldet: Die officiellen Kreise glauben, der Congreß werde in Kurzem zusammentreten; diese Ueberzeugung habe eine ziemlich solide Unterlage, da Deutschland die Ab­sicht, zu Gunsten des Friedens zu wirken, nicht aufgegeben habe.

Posen, 12. April. Aus Gostynin in Russisch - Polen wird der Aus­bruch der Rinderpest gemeldet.

Konstantinopel, 12. April. Zur Abholung der türkischen Kriegsge­fangenen sind acht türkische Transportschiffe nach Odessa abgesegelt.

Petersburg, 12. April. Die Gerichtsverhandlung gegen Wera und J assulttsch, die des Attentats auf den General Trepow beschuldigt sind, dauerte von 11 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends; Jaffulitsch wurde freigesprochen, was im Gerichtssaal und auf der Straße freudige Kundgebungen heroorrief.

London, 12. April, Abends. Im Oberhause erwiderte der Geheim- raths-Präsident Richmond auf Befragen Granville's: Gortschakoff's Rundschrei­ben nebst Annexen würden dem Parlamente mitgethellt, sobald die Regierung dieselben empfangen habe.

Im Unterhause lenkte Odonnell die Aufmerksamkeit des Hauses auf das Verfahren der Regierung zu Donegal anläßlich der Ermordung Leitrim's und beantragte ein Tadelsvotum, indem er zugleich die Gutsbesitzer in Irland auf das Heftigste angriff. Schließlich beantragte derselbe die Anberaumung einer geheime« Sitzung. Das Haus faßte mit 57 gegen 22 Stimmen entsprechen­den Beschluß und ging darauf zur geheimen Sitzung über.

Wien, 12. April. DiePolit. Corresp." meldet aus Bukarest: Die rumänische Protestnote gegen Artikel 8 des Friedensvertrags ist insofern nicht wirkungslos geblieben, als der hiesige russische Geschäftsträger Stuart nunmehr den Abschluß einer neuen Convention mit Rußland urgirt, um bas Durchzugs- recht der russischen Truppen durch Rumänien für die ganze Dauer der Occu- pation Bulgariens sicherzustellen. Aus Konstantinopel vom 11. d. meldet dieselbe Correspondenz: Der Premierminister Achmed Vefik Pascha beauftragte Mussurus Pascha in London, Salisbury im Namen der Pforte zu feiner Cir­culardepesche zu beglückwünschen und ihm Dank zu sagen. Salisbury antwor­tete mit dem Aiisdruck der Hoffnung, daß die Pforte die Aufgabe der britischen Politik erleichtern werde.

Lokal-Notiz.

Gießen, 18. April. Der vor iwei Jahre als ordentlicher Professor der Rechte hierher berufene vr. Lothar Seuffert ist als o. Professor des Civilprozeßrechts an die Universität Würzburg berufen worden, hat diesen Ruf jedoch abgelehnt und bleibt unserer Universität erhalten.

Gießen, 13. April. (Sitzung der Stadtverordneten am 11. April) Die Auf­stellung einer Laterne am östlichen Thorhaus vor dem Neuenwegerthor betreffend, so genehmigte die Versammlung den von der Baudeputation erwählten Platz für dieselbe. Herrn Bauer werden für Speisung einer Petroleumlaterne in der Relcheniand-Bahn- hofstreße pro Tag 6 H bestimmt. Bei Gelegenyest der Dielung des Schulhauses auf dem Oswaldsberge sollen 4 Lustschachte an den Meidinger Oesen angebracht werden. Die Anlegung einer Senkgrube an der alten Realschule wird genehmigt. In Verfolg eines Beschlusses der Stadtverordneten betreffend den Erwerb von Gelände vom Lenz'schen Felsenkeller, theilte Herr Lenz Großh. Bürgermeisterei mit, daß er auf seiner Forderung von 50,000 je für abzutretenoeS Gelände eoent. 100,000 je. für das ganze Anwesen beharren müsse im anderen Falle sehe er dem angedrohten Ent- eignungsoerfab'-en ruhig entgegen. Die Baudeputation beantragte, mit Herrn Lenz nochmals in Verhandlung zu treten und stimmte die Dersamnlung mit geringer Mehrheit für diesen Antrag. In Betreff der Ei Öffnung der Bleichstraße lagen zwei Eingaben von Bewohnern der Straße vor. Nachdem aber die Stadtverordneten die Forderung der interessirten Anwohner, welche Ge ände abzutreten haben, gehört, (dieselbe beläuft sich auf beiläufig 32,546 beschließen sie einfach zur Tages-Ordnung überzugehen. Betreffend Pflasterung eines Theiles der Wetzsteingasse wird auf das Gesuch verschiedener Interessenten nicht eingegangen, «eil dieselben der Stadt das Eigenthumsrecht an die zu pflasternden Stellen nicht zuerkennen wollen. In Betreff weiterer Pflasterung verschiedener bisher chausstrter Straßenstrecken wird der Antrag der Baudeputation angenommen, wonach zuerst die Kreuze an den verschiedenen Thoren gepflastert werden sollen. Als Mitglieder der Kreisersatzcommission des Aushebungs­bezirks Gitßen werden die Herren Adolf Noll und Th. Aortmann, sowie als Ersatzmänner Herr C. L. Münch und F. Gail erwählt- Der Handwerke,-eichnen- Schule werden die verlangten Räumlichkeiten im Schulhause auf dem Asterweg be­willigt. Für die Fortbildungsichulen werden die Kosten für Beleuchtung, sowie die Gehalte der Lehrer im Betrage von 812 bewilligt. In Betreff der Aborte in der neuen Realschule werden die Pläne des Stadtbaumeisters genehmigt. Die Aborte in der Stadt-Mädchenschule befinden sich in einem desolaten Zustande und soll nun bei derselben das Tonnensystem eingrführt werden. Man will hier versuchsweise eine große fahrbare Tonne mit 600 Liter Inhalt anlegen. Das Baugesuch des Schretnermeisters Herrn Gg. Franz wird genehmigt. Herr Metzgermeister Fr. Möhl, welcher im sog. Schipka Paß bauen will, will einige Aenderungen an seinem bereits genehmigten Baupläne vornehmen und finden dieselben die Zustimmung der Stadtverordneten. Das Baugesuch deS Herrn Carl Port, sowie dasjenige des Herrn Oeconomen Heß, welcher einen Viehstall am Viehmarktplatze erbauen will, werden genehmigt. Herrn Jakob Reiber wird die projektirte Errichtung einer Einfriedigung an seinem Hause nicht gestattet. Die Bewobner der Schwarzlach halten sich in einer Eingabe an Großh. Ministerium beschwert über die stiefmütterliche Be­handlung, welche die Stadtverordneten fragt Gegend angedeihen ließen. (I?) Die Beschlußfassung über diese Eingabe, zu welcher verschiedene Fragezeichen zu machen wären, wird bis zur nächsten Sitzung vertagt. Herrn Schäfer wird für abzutretendes Gelände in der Schwarzlach 7 pro □Älftr- bewillrgt. Bei der Holzoersteigerung am 1. April war der Taxpreis nicht erreicht worden. Die Versammlung beschließ', nach den gehörten Gutachten, Genehmigung derselben. Für die ftäbt. Schulen wird das noch nothwendige Brennmaterial gutgeheißen. Die Stelle, worauf der Plank'sche Stall am Tiefenweg gestanden, will e;n Anwohner käuflich erwerben; die Versamm- lung beschließt jedoch, daß die Stadt fragl. Platz behalten solle. Behufs Erbreiterung der Kaplansgasse resp. des Platzes vor dem Zwesch'ichen Hause, fanden lebhafte Er­örterungen statt, welcheL'nie zur Erbreiterung am zweckmäßigsten sei, 1. durch Ankauf und Niederlegung des Zwesch'schen Hauses oder 2. durch Ankauf und Niederlegung be§ Vorderhauses des gegenüberstehenden Lony'schen Hauses. Die Versammlung b schließt, einem Antrag des Herrn Bürgermeisters entsprechend, mit Herrn Zwes cd vorerst in Unterhandlung zu treten und demnächst wieder Vorlage in diesem Betreff machen zu lassen. Das Pachtgeld für seither innegehabte Bürgertrteboiertel roh o auf der seitherigen Höhe den Inhabern belassen resp. ermäßigt. Eine Kostendecretur in einer Prozeßsache der Stadt wird genehmigt. Herrn Rübsamen wird ein Der tangier Streifen Wiese oberhalb seiner jetzigen Badeanstalt genehmigt. Eine Eingabe des Herrn Tborschreiber Vix betr. die Anlegung von Bosquets vor seinem Hause wodurch ihm Lust und Licht vorenthalten werde, wird durch Uebergang zur Taget Ordnung erledigt. Einem Gesuch desHerrnJ.B- Singer umAbgabe von ca. 10 Wagen Kies wurde willfahrt. Der Versammlung wurde zum Schluß mitgetheilt, daß einer Deputation, bestehend aus den Herren H o mb er g er, Diery und Pros. Br atusch eck, welche in Darmstadt bet Herrn Minister v. «Starck Audienz halten, von demselben die freudige Zusage ertheilt worden, daß die Realschule I. Ordnung für unsere Stadt ge­nehmigt sei. Die Versammlung drückt ihren Dank der Deputation für ihre Wirksam­keit aus. In Folge der Erhöhung der Realschule, welche ihre Thätigkeit nach Ostern beginnt, sind verschiedene Anschaffungen nöthig und genehmigt die Versammlung dieselbe- -»

Gießen, 13. April. Gestern Abend gegen 11 Uhr verurtheilte der Schwurge- richttzhos den Gerson Steinberger und Meier Oppenheimer von Angenrod, wegen Meineids, und zwar einen Jeden zu einer Zuchthausstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten, sowie zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 3 Jahren.

Theater.

Wie schwer es einem Prioatunternehmen ist, auf eigene Kosten nur durch feine Einnahmen eine Gesellschaft zu erhalten, mögen folgende Angaben beweisen. He r Kurde hatte an täglichen Kosten ca. 70 JL zu zahlen, ohne die Gagen seiner Schau­spieler. Da er nun 16mal in einem Monate spielte, bildet allein die Summe der Tageskosten die respectable Zahl von 1120 JL Gage für seine Schauspieler betrug per Monat 1700 JL, also hätte Herr Kurd e jeden Ab-nd ca. 213 JL dnnebmen müssen, nur um die täglichen Kosten und die Gagen zahlen zu können. Diese Zahlen sind notorisch und können detailltrt werden Wer nun das schlechte Theattrgeschaft dieser Saison sah, wird nach obigen Angaben zugestehen müssen, daß Herr Kurde sehr viel zusitzt, u ib Niemand wird es ihm verdenken, wenn jetzt seine Kräfte total erlahmt und erschöpft sind. Herr Kurde theilt das Schicksal vieler feiner Collegen, in diesem Winter durch die geschäftslose Zeit alle früheren Erwerbnisse verloren zu Haden. Hätte Herr Kurde in seiner Frau nicht eine so opferwillige Unterstützerin seines Unternehmens gefunden, die ibm nicht nur viel ober Alles von ihren eigenen Benefizeersparnissen und sogrr fast ihren ganzen Schmuck gab, damit Herr Kurde nach Zusetzung feines Eigenen seinen Verpflichtungen nachkommen konnte, so wäre er gar nicht im Stande gewesen, so lange auszuhalten. Jetzt sind aber auch deren Mittel erschöpft und Herr Kurde bat heute noch die laufende Gage zu zahlen. Um allen seinen Verpflichtungen nachzu- fommen und in Gießen, rote im Vorjahre, ein freundliches Andenken zu hinterlassen, wiid er am Montag noch eine Abschiedsvorstellung und letztes Auftreten der Frau Kurde lAbsch'edSbenefize) veranstalten. Bei der allgemeinen Beliebtheit der Frau Kurde wird hoffentlich jeder Theaterfreund noch einmal das Theater besuchen, damit der an; oeftrebte Zw.ck erreicht wird. Frau Kurde wirb die Theaterfreunde zu freundlichem Theaterbesuche persönlich einladen.1

Seh 1 (Tebericht. Mitgetheilt von dem Agenten de« Norddeutschen Lloyd (£. W. Dietz in Gießen. m ,r a

Southampton, 11. April. Das Postdampfschiff Donau. Capt. R- Bussius, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welches am 30. März von Newyork abgegangen war, ist gestern 12 Uhr Mittags wohlbehalten hier angekommen und hat nach Landung der für Southampton bestimmten Passagiere, Post und Ladung 3 Uhr Nachmittags die Reise nach Bremen fortgesetzt. Die Donau überbringt 156 Passagiere und volle Ladung. _

Handel und Verkehr.

Gießen, 13. April- Auf dem heutigen Wochenmarkt kostete: Butter, per Pfd. 1.51.6, Hühnereier, per Stück 5 H, Gänseeier per St- ®nteiIe*er' ?e.r 5 X Käse, per Stück 5 Käsematte, per Stück 3 H, Erbsen, 1 Liter 20 H, Linsen, 1 Liter 24 I», Tauben, das Paar 90 Hühner, per Stück JL 1.20, Habnen, per 5t. JL 130, Enten, p. Stücke 3.60, Kartoffeln, 100 Kilo 7 JL 20 H Ochsenfleisch 70 H per Pfd-, Kuh- u. Rindfleisch 56-60 Schweinefleisch 64 Kalbfleisch 50 bis

Herborn, (an der Köln-Gießener Eisenbahn), den 11 Avril. Arif den heutigen hiesigen Markt wurden gebracht: 248 Ochsen, 234 Kühe und Rinder, 723 Schweine. Der nächste Markt ist am Montag, den 29. April l. I.