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Nr. 181

Samstag, den 10. August

1878.

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Kietzener "Anzeiger

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RedaettonSburea«r Gartenstraße B. 165.

Gxpedittonsburea«r Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montag».

Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar? 50 Pf.

Aolitischer VfeU

Der Fabrikant als Lehrer und Erzieher.

Das Leben eines jeden Menschen soll ein Lernen und Lehren sein. Jeder­mann soll bis an's Ende seiner Tage Kenntnisse und Erfahrungen etnsammeln und gleichzeitig Andere durch Unterweisung oder Beispiel weiter fördern. Auch der niedrigste Tagelöhner und Handlanger kann diesem höchsten Berufe dienen, sobald er seine Arbeit durch Gewissenhaftigkeit, Treue und edle Gesinnung adelt und Tausenden von Mitarbeitern als leuchtendes Vorbild dient. Was ober der bescheidenste Arbeitnehmer kann, ist in noch viel höherem Grade der Beruf des Arbeitgebers.

In den Werkstätten der früheren Zeiten war der Meister oder Lohnherr selbstverständlich auch Lehrer und Erzieher seiner Arbeiter. Seine Autorität erstreckte sich noch über die Werkstatt hinaus, da Gesellen und Lehrlinge in der Regel beim Meister mit wohnten und aßen und gewisiermaßen zur Familie ge­hörten. Diese Famtlienbande zwischen Meister und Gehilfen haben sich gelockert. Die moderne Großindustrie operirt mit Massen von Arbeitern, die oft Stunden Weit von der Fabrik entfernt wohnen und den Fabrtkherrn zuweilen Wochen lang nicht sehen. Obwohl der Kleinbetrieb und die Handwerks-Industrie noch keineswegs auf den Äussteröe-Etat gesetzt sind und, wie die neueste deutsche Gewerbezählung beweist, immer noch wett mehr Arbeitskräfte beschäftigen, als der Fabrikbetrieb/ so ist der letztere doch tonangebend für das Verhältntß von Arbeitgebern zu Arbeitnehmern geworden. Die Fabrikanten sind die Haupt­träger der industriellen Entwickelung. Ihnen ist viel anvertraut und darum muß von ihnen auch viel gefordert werden. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben besteht darin, daß sie ihre Fabriken mehr als bisher zu praktischen Lehrstätten der gewerblichen Jugend umwandeln. Die Grundlage einer guten Fabrikation ist die Fähigkeit der Fabrikanten, ein wirklicher Meister und Lehrer seiner Arbeiter zu sein. Je besser die Arbeiter ausgebildet werden, um so mehr ge­winnen sie Eifer und Fleiß für ihre Arbeit und gewöhnen sich daran, zu denken und den Zusammenhang ihrer Beschäftigung mit den Jnteresien des Geschäfts und mit der Production im Allgemeinen zu verstehen. Mit dem Denken be­ginnt dann auch ein verständnißvolles Zusammenarbeiten und der Ideenaus­tausch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wodurch der wirkliche Fortschritt und die allmälige Vervollkommnung der Fabrikate erzielt wird. Bet diesem System findet der Fabrikant nicht nur seinen eigenen Vorthetl, sondern auch die Freude, seine Arbeiter noch Verdienst belohnen zu können. Der Fabrikant gelangt zu einem Fabrikate, welches ihm nicht jeder beliebige Unternehmer aus den Händen winden kann, weil demselben ein tüchtiges Misten und langjährige Erfahrungen zu Grunde liegen. Der Arbeiter wird mit seinem Lehrer, der ihn erhoben und zu einem tüchtigen Menschen herangebtldet hat, auch durch ein moralisches Band verbunden und nimmt an dem Gedeihen des Geschäfts ganz anderen Antheil, als der Miethltng, um den sich kein Fabrikant oder Meister jemals bekümmert hat.

Diejenigen Fabrikanten, denen die praktische Uebung in allen oder einzel­nen Zweigen ihrer Industrie fehlt, sollten wenigstens die von ihnen angestellten Handwerksmeister und Techniker anhalten, den Lehrlingen einen gehörigen Un­terricht in ihrem Fache zu ertheilen und können im Uebrtgen für das physische, geistige und moralische Wohl ihrer Arbeitnehmer in den verschiedensten Rich­tungen wirken. Durch Sorge für gute Wohnungen und vernünftige Kost kann der moderne Fabrikant dasselbe leisten, was die Frau Meisterin früher leisten sollte. Ein Vorzug der modernen Industrie-Entwickelung besteht darin, daß der Arbeiter zeitiger selbständig wird und am eigenen Heerde eher der Schmied seines eigenen Glückes werden kann. Die erzieherische Sorge, welche die Mei­ster früher nur wenigen Lehrlingen und Gesellen zu widmen brauchten, soll der Fabrikant jetzt auf eine größere Anzahl von Angestellten und Arbeitern ausdehnen.

Welch schönen Beruf können sich alle diejenigen Industriellen schaffen, die diese Lebensaufgabe begreifen und sich entweder selbständig oder im Bunde mit größeren Unternehmern der Belehrung und Erziehung ihrer Mitarbeiter zu widmen suchen! Die Vorbedingung zur Erfüllung dieses Berufes ist unaus­gesetzte Selbsterziehung. Wer über Andere mit Erfolg herrschen will, muß zuvor gelernt haben, sich selbst zu beherrschen und zu erziehen. Wie das Haupt, so auch die Glieder. Die socialen Uebelstände, an denen die Gegen­wart krankt, sind die Frucht einer gemeinsamen Schuld von Reichen und Armen, von Herren und Dienern, von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Aber Die­jenigen, welche die Intelligenteren hätten sein sollen und durch Geburt, Er­ziehung oder materielle Hilfsmittel berufen waren, Erzieher zum Guten zu werden, sind vielfach Führer zum Schlechten geworden. 8. C.

Hesteneich.

Wien, 7. August. DieWiener Abendpost" meldet: Vom 13. Armee- Corps-Commando sind bis jetzt keine weiteren Nachrichten eingelaufen. Nach Besetzung Mostars empfing der Divisions-Kommandeur Jovanovic am 6. d. Deputationen aller drei Konfessionen. Mittags erfolgte der feierliche Einzug der Truppen. General Jovanovic ernannte einen neuen Kadi und constttutrte

die auseinandergesprengte Medschltß von Neuem. Der Zustand der Truppen ist ein sehr guter.

Wien. Fast scheint es, als ob die österreichische Husaren-Schwadron bet Maglaj absichtlich in einen Hinterhalt gelockt worden sei, wenigstens möchte man dies aus einer Correspondenz desFremdenbl." vom 1. August nahezu folgern. Dort heißt es:Am Vormittag kam zum Commandtrenden ein Beg, der einflußreichste der Gegend, und bot ihm seine Dienste an.Herr !" sagte der Beg,Du bist unser Freund, die Leute verstehen und kennen dich noch nicht; laß mich vor deinem Heere ziehen und ich werde sie auf deine Ankunft vorbereiten I" Der Commandirende nahm dieses Anerbieten an und am Nach­mittag ritt der Beg mit der Recognosctrungs- Schwadron des 7. Husaren- Regiments. Baron Phtlippovic hatte den Beg mit dem Rechte ausgestattet, Provtantvorräthe einzukaufen, um auf diese Weise auch unter die Bosnier Geld zu bringen." Diese Schwadron ist offenbar dieselbe, die nachher fast vernichtet wurde. Der Generalstabs-Hauptmann Milltnkovic scheint früher k. k. Vice» Konsul in Serajewo gewesen und jetzt wegen seiner Kenntniß von Land und Leuten der Operations-Armee zugethetlt worden zu sein, mit welchem Erfolge, ist bekannt. Die Oesterreicher haben auch durch die Marschstrapazen nicht unerhebliche Verluste. Die meisten Todten, es sind ihrer mehr als zehn), hat das Regiment König der Belgier; das Regiment Marotcic hatKacht,Todte und das Regiment Hartung einen Todten. «8|-j

Teplitz, 6. August. Der Kaiser Wilhelm empfing heute Nachmittag um 31/2 Uhr den hiesigen Bezirkshauptmann Marbeller und den Bürgermeister Uherr in Audienz und sprach sich denselben gegenüber wiederholt sehr huldvoll über den festlichen Empfang Seitens der Bevölkerung und die Opferwilligkeit der Bürger-Ehrenwache aus, von der der Kaiser bereits Vielen persönlich ge­dankt habe. Se. Majestät ersuchte den Genannten nochmals seinen Dank aus­zusprechen. Sodann unterhielt sich der Kaiser über die in Teplitz vorgenommenen baulichen Veränderungen und sprach die Hoffnung auf einen recht guten Erfolg der Bäder aus. Später wurde auch der Stadtrath Walker aus Berlin em­pfangen. Der Kaiser sprach demselben seinen Dank für die Adresse der deutschen Kurgäste aus. Der Großherzog und Prinz Ludwig von Baden dürften am Freitag Abend hier etntreffen.

Krankreich.

Paris, 6. August. Der Strike der Pariser Kutscher hat Paris seit gestern in Aufregung versetzt. Und mit Recht; denn von den 11- bis 12,000 Wagen, die bet der Ausstellung schon nicht genügend waren, fahren heute nur ungefähr 3- bis 4000, und der ganze Verkehr stockt. Parts hat ein ganz ver­ödetes Aussehen, ja, wenn man nicht wüßte, daß der Strike besteht, so könnte man glauben, daß seit gestern unaufhörlich Marschalls-Revuen auf dem Long- Champs des Boulogner Wäldchens stattfinden undtont Paris mit allen seinen Fuhrwerken sich dort befinde.

Italien.

Nom. Im italienischen Parlament war am Montag das Gerücht verbreitet, der Sultan habe die Königin Victoria telegraphisch ersucht, den Kaiser von Oesterreich zu bewegen, daß er seine Truppen aus Bosnien und der Herzegowina zurückrufe, damit diese Provinzen nicht von Neuem der Schau­platz blutiger Kämpfe würden. Eine ähnliche Mittheilung erschien am Abend in Form eines Telegramms aus Konstantinopel in derLiberia", mit dem Un­terschiede, daß der Kaiser von Oesterreich gebeten werden möge, seine Truppen den Marsch in die genannten Provinzen hinein nicht fortsetzen, sondern sie in Banjaluka Halt machen zu laffen. DieItalic" will die Angaben bestätigen können. Geradezu unwahrscheinlich sind sie allerdings nicht; indessen weiß man zu gut, daß Oesterreich auf ein solches Gesuch nicht eingehen wird, und zwar um so weniger jetzt, da es schon mehrere blutige Treffen zu bestehen gehabt.

Nom, 7. August.Diritto" spricht von den angeblichen Enthüllungen derRtforma" in deren Berliner Briefe und sagt: Weder Bismarck noch Beaconsfield versprachen jemals Italien Compensationen in Folge der Occupa­tio» Bosniens durch Oesterreich.

Venedig, 7. August. Das italienische Königspaar ist hier eingetroffen und mit Jubel empfangen worden.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'» telegr. Eorrespondeur-vnrea«.

Wien, 8. August. Der Kaiser ist heute von Teplitz hierher zurückge­kehrt. DieWiener Abendpost" veröffentlicht folgenden telegraphischen Be­richt vom Kommando des 13. Armee-Corps aus dem Lager von Maglaj vom 6. d.: Die Hauptcolonne brach gestern in strömendem Regen nach Maglaj auf. Die Seitencolonnen traten den Marsch schon um 5 Uhr früh an, um gleichzeitig eintreffen zu können. Der Marsch war sehr mühevoll, die Truppen mußten bis über die Knöchel im Wasser und Koth waten. Nördlich Mosevac fielen von der linken Thalhöhe einzelne Gewehrschüsse von Aufständischen, welch' letztere jedoch in dem waldigen Terrain nicht angegriffen werden konnten. Die