Freitag, den 9. August
Nr. 183
1878.
Hichener "Anzeiger
Aoieige- iinii AmtMtt fit k« Kreis Gieße»
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montag-.
Gießen, den 7. August 1878.
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Großherzogliches Kreisamt Gießen. Dr. Boekmann.
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Die Christlich - Socialen und die „höheren" Lehrer Deutschlands.
Unter dem geschmackvollen Titel: „Ein Wort an die höheren Lehrer (siel) Deutschlands" versenden Pfarrer Rud. Todt in Barenthin und Gutsbesitzer Dr. G. Calberla zu Merzdorf bei Riesa als Vorstandsmitglieder des „Centralvereins für Socialreform auf religiöser und conftttutionell monarchischer Grundlage" ein Flugblatt, in dem sie die Mitglieder aller höheren Lehrcollegien auffordern, in den genannten Verein einzutreten. Sie entrollen dabei von unfern Lehranstalten ein Bild, daß der mit den Verhältniffen nicht Vertraute glauben muß, in Sodom und Gomorrha sei es bei weitem glimpflicher zugegangen, als auf einem deutschen Gymnasium oder einer Realschule. Wir stehen „vor einem Abgrunde, der, wenn nicht noch rechtzeitig vermieden und umschränkt,
Deutschland.
Berlin, 5. August. Die Christlich - Socialen waren vorgestern Abend
abgefchnitten als neue Reben gezogen, wenn der Stamm nichts taugt/ und mit Jean Paul: „Am Jünglinge ist das Feuer wie am Greise das Eis zu ehren. Das Herz kräftiger Menschen muß wie ein Porzellangefäß anfangs zu groß und zu weit gedreht sein; im Brennofen der Welt laufen beide schon gehörig ein." Item, wir glauben, die „höheren" Lehrer haben den Centralverein, deffen agitatorische Thätigkeit ohne Zweifel eine große Gefahr in sich schließt, nicht nöthig und werden wobl durchweg auf die Ehre verzichten, „in die von ihm gebildeten und noch zu bildenden Bataillone als die geborenen Offtctere einzutreten".
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Bekanntmachung.
In Gemäßheit des §. 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistung für die bewaffnete Macht im Frieden, werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpretse vom Monat Juli veröffentlicht:
Hafer 16,75 Jt., Heu 4,80 JL, Stroh 4,25 per 100 Kilogramm.
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unsere Cultur unfehlbar verschlingen und unsere Zukunft in einen Boden voller Sümpfe und Vulkane verwandeln muß" .... „Die elfte Stunde ist angebrochen und die höchste Gefahr im Verzüge. Wie bei einer feindlichen Invasion heißt die Parole nicht mehr Discussion, sondern That" u. s. w. Und was ist denn die Ursache, daß es so geworden, welche Thatsachen sind es, „welche die Passivität Der höheren Lehrerwelt gegen jene moderne Pest meßt länger dulden lasten?" Die Herren Todt-Calberla antworten: „Einmal die fast allgemeine Durchtränkung der auf den Gymnasien, Realschulen rc. vorgebildeten höheren Gesellschaftsklassen mit dem Gift einer materialistischen Weltanschauung und dann der wachsende Einfluß der socialdemokratischen Lehren auf unsere Jugend."
Beide Thatsachen sind, in dieser nackten Weife hingestellt, entschieden übertrieben. Es ist nicht wahr, daß die auf den Gymnasien rc. vorgebildeten Gesellschaftsklaffen Durchweg mit dem Gift einer materialistischen Weltanschauung durchtränkt sind. Pastor Todt — denn der hat, nach dem Stil zu schließen, den Aufruf wohl verfaßt — hätte lieber sagen sollen: die Unkircklichkcit, und da hätten wir ihm völlig Recht geben müffen, freilich ohne seinen Consequenzen beizustimmen. Unkirchlich sind die auf Gymnasien rc. vorgebildeten, höheren Gefellschaftsklaffen durchweg; durch wessen Schuld, ist so oft auseinandergesetzt worden, daß wir uns füglich der Arbeit überhoben glauben dürfen, es nochmals zu wiederholen. Wer seinen Kindern Steine statt nahrhaften Brodcs bietet, der mag sich nicht wundern, daß sie ihm davonlaufen und anderswo Nahrung suchen. Eine Heilung dieser immerhin beklagenswerthen Unkirchltchkeiten erwarten wir ober nicht von den Elementen, aus denen sich der Centralverein hauptsächlich zusammensetzt, können sie nicht erwarten, da ja den leitenden Einfluß jene Camariüa ausübt, welche den Cultusmimster Falk zu stürzen zu ihrer ersten Aufgabe gemacht hat. Eine Heilung erwarten wir nur von einer freien Theologie, von der schon Schwarz sagt: „Alles ist vorbereitet, die Bausteine sind schon behauen, und es bedarf nur Eines Mannes von schöpferisch gestaltender Kraft, von entschloffenem Muth, um das neue Gebäude aufzuführen, um die noch nicht verderbte Jugend um sich zu sammeln und auf den Weg der Wahrheit zu leiten." Von einer solchen freien Theologie erwarten wir auch „eine Reform des Religionsunterrichts auf höheren Schulen," welche nach dem in Rede stehenden Circular ebenfalls Ziel des Centralvereins ist. Elemente, welche mit den versöhnlichen Princtpien eines Falk nicht einverstanden sind, können eine derartige Reform nicht herbeiführen; für ein Ideal, welches s t e vom Religionsunterricht auf höheren Lehranstalten haben, danken diese gehorsamst.
Was „den wachsenden Einfluß der socialdemokratischen Lehren auf unsere akademische Jugend" betrifft, so könnten schon die Vorgänge bei der Dühring- Affatre in Berlin die Christlich-Socialen darüber aufgeklärt haben, daß es mit diesem Einfluß nicht so sehr weit her ist. Das Häuflein socialdemokratisch angehauchter Studenten ist doch schon damals recht klein gewesen, noch viel kleiner aber zeigte eS sich bei Gelegenheit der Kundgebungen über die glückliche Errettung deS Kaisers aus dem Hödel'schen sowohl als dem Nobiling'schen Attentat. Bei diesen Anläffen hat sich der gesunde Geist, der unsere Studentenschaft beseelt, in hellstem Lichte gezeigt, und man muß in der That sehr schwarz leben oder ein Brett vor dem Kopf haben, wenn man behaupten will, der Einfluß socialdemokratischer Lehren auf unsere akademische Jugend wachse von Tag z» Tag. Und wenn auch hier und da eine unreife Idee in dem Kopfe eines Kmzelnen spuken sollte, so halten wir es mit Winkel mann, wenn er sagt: «Bet jungen Leuten muß allezeit etwas Ueberflüssiges sein, wovon man etwas abzunehmen finde; denn dasjenige, was gar zu schnell zur Reife gelangt, kann nicht lange Saft behalten. Von Weinstöcken sind die gar zu jungen Reben eher
versammelt. Herr Hofprediger Stöcker erklärte zunächst, ohne Widerspruch zu finden, selbst präsidiren zu wollen und besprach sodann den Ausfall der Reichstagswahlen. Er sei darüber tief erschrocken. Der Dienstag Abend sei der erschütterndste Augenblick seines Lebens gewesen. Leider habe ihr Parteiorgan, „Die deutsche Volkswacht", nach vierwöchentlichem Bestehen eingehen müssen, aus Mangel an Abonnenten und Fonds, und weil sich ihr keine geschickte Federn zur Verfügung gestellt hätten. Der Herr Hofprediger beantwortete dann noch einige Fragen, u. A.. daß die Christlich-Socialen bei der Stichwahl zwischen Fritzsche und Zelle sich der Stimmabgabe enthalten sollten, und theilte dann ferner mit, daß im Bureau des Herrn Grüneberg merkwürdiger Weise Tags nach der Wahl der ganze Kaffenbestand von 30 Mk. fehlte, welche jedenfalls ein „schlechter Spitzbube" gestohlen haben muffe, und schloß mit der Aufforderung an die „Heben" Parteigenoffen, ihn mit den vielen Bettelbriefen zu verschonen, und an die Redner, doch ja in ihren Worten recht vorsichtig zu fein und besonders nicht zu schimpfen, da es zu viele Aufpaffer gebe und der Reichstag bald zusammeutrete, in dem man auch von ihnen sprechen werde. Am besten fei es, eine Discussion ganz zu unterlaffen. — Herr Pfarrer Diestelkamp fehlte diesmal, Herr Grüneberg schwieg den. ganzen Abend hartnäckig, so kam es denn auch zu keiner Debatte und in gedrückter Stimmung trennten sich die Anwesenden.
— Für die Hinterbliebenen der auf dem Panzerschiffe „Großer Kurfürst" veruugückten Seeleute sind bei dem Central-Comit6 der deutschen Vereine zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger überhaupt 69,174 Mk. emgegangen. Da die Sammlung binnen Kurzem geschloffen werden soll, so ersucht das (Eomitd alle Diejenigen, welche sich an derselben noch zu betheiligen wünschen, ihre Gaben baldmöglichst an die Kaste — Wilhelmstraße 73 — oder dem Schatzmeister Herrn Geh. Commerzienrath v. Bleichröder — Behren- straße 63 — abführen zu wollen. Der Abschluß der Sammlung ist durch die nunmehr vorzunehmende Vertheilung bedingt.
— Sobald der Seitens der preußischen Staatsregierung vorbereitete Gesetzentwurf, betr. den Schutz nützlicher Vogelarten, die Genehmigung des Bundesrathes und des Reichstages erhalten haben wird, soll der an Deutschland ergangenen Einladung Oesterreich-Ungarns und Italiens zum Beitritt zu der zwischen beiden Staaten getroffenen Vereinbarung wegen des Schutzes nützlicher Vogelarten Folge gegeben werden, und zwar soll der Beitritt Deutschlands zu dieser Vereinbarung mittelst der früher dem Bundesrath vorgelegten Declaration erfolgen. Demnächst werden auch die Schweiz, Frankreich, Spanien, Portugal und Griechenland ersucht werden, der gedachten Vereinbarung beizutreten. Eine dahin gehende Resolution war auch in der Reichstags-Herbstsession des Jabres 1876 von Mitgliedern aller Fractionen zu dem damals beantragten Vogelschutzgesetze vorgeschlagen worden.
— Das socialistische Wahl-Comitö in Mainz erläßt vor der nothwendig gewordenen Stichwahl folgende Erklärung: „Die socialdemokrattsche Arbeiterpartei des Wahlkreises Mainz-Oppenheim findet sich veranlaßt, den Wählern ihres Candidaten Liebknecht folgende Erklärung abzugeben. Laut Beschluß des Wahl-Comit^s vom 4. d. Mts. fordern wir dieselben auf, ihre Stimmen, welche sie aus Wilh. Liebknecht vereinigt, bei der Stichwahl einstimmig für Dr. Mou- fang abzugeben, da derselbe nachstehende Forderungen, welche von Seiten des Wahl-Comitös der socialistischen Arbeiterpartei an ihn gestellt worden sind, schriftlich unterzeichnet hat. Forderungen: 1) gegen die Abänderung des im Art. 20 der Reichsverfasiung begründeten allgemeinen und direkten Wahlrechts; 2) gegen Ausnahmegesetze und alle Verschärfungen der Strafgesetze in politi-


