Unglück. Als die drei Panzerschiffe am 31. Mai, Morgens gegen 9 Uhr, Dover passirten, fand bei Folkestone zwischen dem „König Wilhelm" und dem
Großen Kurfürst" der Zusammenstoß statt. Der „Große Kurfürst" sank sofort und als das Master in die Oefen drang, erfolgte noch eine Explosion der Dampfkestel, so daß wenige Sekunden darauf das herrliche Panzerschiff von den Meereswellen gänzlich verschlungen war. Von der Mannschaft des
Großen Kurfürst" sind 274 ertrunken und nur 200 gerettet, darunter der Commandant des Schiffes und mehrere Officiere. Das Panzerschiff „König Wilhelm" ist durch den Zusammenstoß auch arg beschädigt und fuhr zur Aus- beflerung nach Portsmouth. Die ganze schreckliche Katastrophe hatte nur 4 Minuten gedauert. — Fragt man nun nach den Ursachen derselben, so fällt bei dieser Nachforschung ein schlimmer Schatten auf die Führer der beiden Schiffe. Beide Fahrzeuge hatten denselben Cours und das Wetter war schön und klar, sowie die See ruhig und doch ist es geschehen, daß der „König Wilhelm" mit furchtbarer Gewalt auf den „Großen Kurfürst" auffuhr. Dies scheint deshalb geschehen zu sein, weil der „Große Kurfürst" mit einem Kauffahrteischiffe, welches er zu überfahren drohte, eine Cvllision vermeiden wollte und der dadurch veränderte und wahrscheinlich auch verlangsamte Cours des „Großen Kurfürst" hatte zur Folge, daß ihn der „König Wilhelm" ntederrannte. Liegen aus diese Weise nun auch verwickelte Ursachen für die Katastrophe vor, so sind dieselben doch fast gar keine Entschuldigung für die Führer der Schiffe. An den gefährlichen Küsten von Dover mußten diese, denen so kostbare Güter anvertraut sind, mit verdoppelter Vorsicht ihre Schiffe lenken. Warum fuhren an diesen gefährlichen Stellen die Panzerschiffe so nahe aneinander? Wenn man dies zu thun für nöthig hielt, mußte dann nicht auch jedes Schiff mit schärfster Aufmerksamkeit die Bewegungen des anderen beobachten ? Ein Zusammenstoß zwischen zwei deutschen Panzerfregatten am Hellen Tage und bei ruhiger See ist eine Schmach für die deutsche Marine. Wer dies nicht zugeben will, der denke an die 274 deutschen Männer und Jünglinge, welche der unseligen Katastrophe zum Opfer fielen und der erwäge, daß der „Große Kurfürst" eine der stärksten und kostspieligsten Panzerfregatten Deutschlands war. Wenn man in Friedenszetten und ohne daß übermächtige Natureretgniffe das Unglück herbeiführten, solche Schätze an Menschenleben und Geld und Gut zu Grunde gehen sieht, kann man unmöglich seine Entrüstung über Diejenigen unterdrücken, denen die Führung der Schiffe anvertraut war, mögen sie nun direct oder in- direct an der Katastrophe Schuld haben.
Deutschland.
Berlin, 3. Juni. Ein weiterer Attentäter ist auf der Bildfläche erschienen. Am Mittwoch, an dem Tage, an welchem die große Parade in Potsdam ftattfand, erschien des Vormittags in dem an der Ruppinerstraße gelegenen Cigarrengeschäft von B. ein junger Mann, der eine Cigarre geschenkt haben wollte und dabei dem Inhaber des Geschäfts erzählte, daß er Lackircr sei, von Aachen komme und im Begriff stehe, seine in der Feldstraße Hierselbst wohnhaften Eltern aufzusuchen. Herr B. lehnte die an ihn gerichtete Bitte ab, woraus der Fremde von Politik zu sprechen anfing und dabei die gesummte Staatsleitung als Ursache der jch'gen schlechten Zeitoerhältniffe bezeichnete. Schließlich äußerte der junge Mann: „Nun, der Kaiser und der Kronprinz haben einen Attentäter gehabt, da soll Prinz Friedrich Karl auch einen haben." Auf die Frage des Herrn B., was er denn damit meine, erwiderte der Patron gleichmüthtg: „Heute knalle ich „Unter den Linden" den Prinzen Friedrich Karl nieder, dafür kriege ich 300 Mk." In Folge dieser Aeußerung hielt Herr B. es für geboten, den unheimlichen Kunden festzunehmen; dieser wandte sich indeffen schnell zur Flucht und entkam auch. Die von dem Vorgänge Der ständigte Polizei fahndete nun auf den „Attentäter" und es gelang ihr auch, denselben in der Person des 21 Jahre alten Lackirers Ernst Schumann noch am selben Abend in der Wohnung seiner Eltern, Feldstraße Nr. 6, festzunehmen und ihn nach dem Molkenmarkt zu bringen, wo er sich heute noch befindet. Wenn wir auch nicht annehmen mögen, daß der Bursche sich ernstlich mit der Absicht eines Attentats auf den genannten Prinzen getragen hat, so erscheint der Vorgang doch immerhin bedeutungsvoll und bemerkenswerth, weil er die frevelhafte Leichtfertigkeit charakterisirt, mit welcher in gewiffen Kreisen die Attentats-Idee aufgefaßt und behandelt wird.
Berlin, 5. Juni. Gestern Abend fand eine Haussuchung im socialdemokratischen Arbeiterbildungs-Institute sowohl bei dem Besitzer Körner, als auch bei dem Geschäftsführer Milke statt. Sämmtliche Papiere und Briefe bet Milke wurden mit Beschlag belegt.
Stuttgart, 4. Juni. Der „Schw. Merkur" verzeichnet vielfache Kundgebungen für den Kaiser aus einer ganzen Reihe von württembergischen Städten, meist von den officiellen Vertretern der Bürgerschaft ausgehend, so von Ludwigsburg, Heilbronn, Ellwangen, Saulgau, Ravensburg. Die Stuttgarter Adresse liegt morgen in 15 Lokalen auf.
Frankreich.
Versailles, 3. Juni. In der Deputirtenkammer erhob Levavaffeur (Linke) Beschwerde über die Handlungsweise eines Brigadiers der Gensd'armerie und verlangte, daß der Kriegsminister denselben desaoouire. Der Kriegsminister Borel erwiderte: er könne einen treuen Staatsdiener nicht desavoniren. Der Minister äußerte hierbei noch ferner: möge, wer da immer wolle, eine Situation acceptiren, die ihn verpflichtet, allen Klagen Folge zu geben, ich niemals! (Beifall zur Rechten). — Die Kammer vertagte die Discussion des Handelsvertrages mit Italien bis morgen. — Der Senat genehmigte die Vorlage wegen Creirung einer 3procentigen amortisirbaren Schuld zum Rückkauf von Eisenbahnen.
Amerika.
New-UorV, 4. Juni. Laut amtlichen! Nachrichten fielen Indianer in das Territorium Idaho ein und richteten große Verwüstungen an. Die Ansiedler flüchten; mehrere von ihnen sind von den Indianern getödtet worden. Es sind Truppen gegen Letztere in Bewegung gesetzt.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Correspondenz-Bureau.
London, 4. Juni, früh. Im Oberhause kritisirte Granville ebenfalls die Ernennung Beaconsield's und Salisbury's zu Vertretern Englands auf dem Congreß. Beaconsfield erwiderte darauf: Man könne sich nicht immer
an Präcedenzfälle binden; die britische Regierung sei bei Wahl ihrer Vertreter nur dem Beispiele der anderen Mächte gefolgt; es handle sich überdies auf dem Congreffe um die wichtigsten Dinge; alle seine Collegen seien mit der Wahl einverstanden gewesen. — Auf Befragen Granville's machte Salisb iry die Mittheilung, daß den neuesten Nachrichten zufolge der Gesundheitszustand des deutschen Kiffers, des erhabenen Opfers eines verruchten Attentates, ein befriedigender sei; er hoffe, Europa werde die Freude haben, einen der geachletsten Potentaten bald wieder völlig hergestellt zu sehen.
— Das Hof-Journal schreibt: Die Königin erfuhr in tiefster Betrübniß und mit dem aufrichtigsten Bedauern die Nachricht von dem entsetzlichen Attentate auf den deutschen Kaiser. — Im Londoner Gemeinderathe begründete der Aelteste, Alderman Sydney, einen Antrag, worin das tiefste Bedauern über das gottlose, grausame Attentat und die inbrünstige Hoffnung ausgesprochen wurde, daß das Leben des Kaisers erhalten bleibe. Der Antrag wurde angenommen und dem deutschen Kaiser telegraphisch mitgetheilt.
Alexandrien, 4. Juni. Von hier ist folgendes Telegramm Namens der deutschen Colonie an Se. Maj. den Kaiser abgesandt: schmerz und Er» bitterung erfüllt die hiesigen Deutschen über die erneute Frevelthat gegen das geheiligte Leben des Kaisers. Wir Alle bitten flehentlich Se. Majestät, seines Volkes willen auf die eigene Sicherheit bedacht zu sein und die Brut zu ersticken, welche solche Ausgeburten hervorbringt.
London, 4. Juni. Im Unterhause erwiederte UnterstaatSsecretär Bourke auf Befragen Kennawey's: die Angelegenheit der Armenier jnüffe gemäß dem Vertrage von San Stefano vor den Congreß kommen. Schatz» kanzler Northcote erklärte auf eine Anfrage von Dilke: der Congreß selbst müsse Griechenland einladen, die Frage werde im Congreß aufgeworfen werden (Beifall.) Auf Anregung Newdegate's erklärte Northcote ferner: Es liege fein Präcedens vor, daß bei einem mißlungenen Attentate das Parlament eine Sympathieadresse erlasse; die Schaffung eines solchen Präcedens, obschon im gegenwärtigen Falle zweckmäßig, könnte in Zukunft sich als unzuträglich erweisen. Daher dürften seine (Northcotes) gestrigen, von Hartington warm unterstützten, vom Hause sympathisch bekräftigten Aeußerungen an Stelle einer formellen Adresie dienen (Beifall.) Salisbury habe übrigens der deutschen Regierung die Gefühle des Landes ausgedrückt (lauter Beifall.) Bourke verlas darauf ein Telegramm, wonach der Zustand des Kaisers befriedigend ist und die Schmerzen nacbgelaffen haben (anhaltender Beifall).
Elberfeld, 4. Juni. Die „Elberf. Ztg." meldet: In Barmen- Wupperfeld äußerte am Sonntag Vormittag ein Arbeiter in zwei Restaurationen wiederholt, im Laufe des Nachmittags werde ein Attentat auf den Kaiser erfolgen. Es haben bereits Zeugenvernehmungen hierüber stattgefunden. Der betreffende Arbeiter ist aber noch nicht ermittelt.
Wien, 4. Juni. Das „Telegr.-Corresp.-Bureau" meldet aus Rom vom 4. o.: Der Papst richtete persönlich ein Beileids-Telegramm an Kaiser Wilhelm, welches den Wunsch auf baldige Wiederherstellung ausspr cht. W>e versichert wird, hat Cardinal Franchi im Auftrage des Papstes an den deutschen Clerus Weisungen zur Bekämpfung des Socialismus gerichtet.
Konstantinopel, 4. Juni. Die hiesige „Agence Havas" meldet: Der Großoezir Mehemed Ruschdi Pascha wurde, während er dem^Ministerrathe prästdirte, abgesetzt; der seitherige Minister des Auswärtigen, Savset Pascha, ist zum Großvezir ernannt.
— Der kaiserliche Hat, welcher Savfet Pascha zum Großvezir ernennt, bestimmt zugleich, daß dieser das Portefeuille des Aeußern behalte. Zum Seraskier wurde Phosphor Mustafa Pascha an Stelle Mahmud Damad Paschas ernannt. Der Hat empfiehlt den Ministern die Befestigung der freundlichen Beziehungen zu den Mächten.
Paris, 4. Juni, Abds. Der Minister des Aeußern, Waddington, erhielt gestern Abend die Einladung zum Congreffe und wird am Samstag oder Sonntag nach Berlin abreifen. Desprez, Director im Ministerium des Aeußern, wird ihn begleiten. — Die Kammer hat die Berathung über den Handelsvertrag mit Italien auf Donnerstag vertagt.
Folkestone, 1. Juni (via London), 10 Uhr 45 Minuten Morgens. Special- Bericht des „Berl. Tagbl." Über benUntergang des „Großen Kurfürst". Ich habe viele Augenzeugen der Katastrophe gesprochen; allein Alle sahen nur den Schluß- efffkt und nicht die wirkliche Katastrophe, den Zusammenstoß, da von den deutschen Schiffen noch kein einziger Mann landete und alle Berichte von englischen Schiffern herrühren, welche mit ihren Booten nahe waren. Alle Berichte, sowohl die der englischen Schiffer in nächster Nähe, als auch die der Beobachter am Ufer stimmen darin überein, daß der „GroßeKurfürst" und der „KönigWilhelm" zu nahe nebeneinander dampften. In einer Distanz von Kabellänge vom Lande konnte man glauben, daß beide Panzerfregatten nur ein Schiff waren. Ich sprach den Schiffer Saunders aus Folkestone, welcher der nächste britische Augenzeuge der Katastrophe war. Er erklärte als positiv:
„Das Unglück geschah, weil der „König Wilhelm" es versuchte, den Kurs zu ändern, um einer fremden Barke auszuweichen, welche gerade eine (engliiche) Viertelmeile vor seinem Bug steuerte. „König Wilhelm" steuerte deshalb etwas nördlicher, wie um eine Wendung zu machen; im nämlichen Augenblick kollidlrten auch schon die Schiffe. Der „Große Kurfürst" wurde vom Stoß an Mittelmast-Gegend getroffen. Von dem rennenden Schiffe fielen die Maste durch die Gewalt deS Stoßes- Der „Kurfürst" begann augenblicklich zu sinken, er lehnte sich sofort auf die Seite, so daß man den Kiel sehen konnte- DaS sinkende Schiff sah einem riesigen Walfische gleich; denn ebenso spritzten aus den Oeffnungen, wie Luken, Schornsteine rc. die stärksten Wasserstrahlen empor. Am „Kurfürst" flog sofort die Nothflagge, welche »Wir sinken besagt, empor- Die Matrosen rannten auf die andere, höher gelegene Seite deS Schiffes, und in genau fünf Minuten sank mit unbegreiflicher Schnelligkeit das Schiff- ?lHe6 verschwand von der Oberfläche deS Wassers. Bios die in nächster Nahe befindlichen englischen Fischerboote konnten die Schwimmenden retten. Ungefähr achtzig andere Verunglückte wurden von den Booten de« „König Wilhelm" mittelst Booten gerettet. So sagte Schiffer SaunderS au5, der den Eindruck eines glaubwürdigen und gewissenhaften Mannes macht. Saunders erzählte mir weiter und feine Aussagen wurden mir allenthalben bestätigt, daß das Geschrei der Erttinkenden ein Herzzerreißen» des war. Die Schiffer hätten gern Alle retten mögen, aber sie hatten weder Zeit noch genug Hände dazu. Meine Gewährsmänner sahen Hunderte elend untergehen. Ich selbst sah in Folkestone einzelne wenige gerettete angeschwemmte Gegenstände, wie Notizbücher und dergleichen. Allein nach ungefähr fünfzehn Minuten, so erzählt Saunders weiter, war absolut nichts mehr zu sehen, wo der „Kurfürst gesunken war. Ein anderer Augenzeuge, der aus größerer Distance den Untergang beobachtete, sagte auS: er sah durch sein Teleskop deutlich, daß auf den kollidirenden Schiffen keine Konfusion stattgefunden hatte. Die Mannschaft auf dem sinkenden Schiffe war massirt auf einer Seite und ging mit dem Schiff unter, ohne anscheinend weitere Rettungsanstalten machen zu können. Auch sah dieser Augezeuge deutlich, datz der „König Wilhelm" seinen Bug wendete (port her heim), wodurch leider eine sofortige Kollision entstand ..." Ich fand hier in Folkestone die größte Aufregung und das wärmste Mitgefühl. Schon auf der ganzen Fahrt hörte man daS tiefste Bedauern Über die schreckliche Kunde aussprechen. Hier bejammern die Leute zumeist, daß sie nicht mehr hatten retten können. Der deutsche Kron-


