Ausgabe 
8.6.1878
 
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No. 130.

Donnerstag, den 6. Juni

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Anzeige- mi> A»tsM für im Kreis Gieße«.

1878.

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3Wfra<Hsie#imre(ittt Gartenstraße 8. 165. r Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Amtlicher HAeil.

Bekanntmachun g.

Außer den noch nicht erhobenen Einkommensteuernachläffen können nunmehr auch die Gewerbe- und Grundsteuererläfse für 1878 von den betr Reclamanten an den gewöhnlichen Zahltagen bei der Districts-Einnehmerei Gießen I persönlich in Empfang genommen werden.

Aolitisch

Darmstadt, 3. Juni.

Das Großh. Oberconfistorium an die evangelischen Pfarrämter.

Von neuem hat sich eine Mörderhand gegen Seine Majestät unseren Kaiser erhoben und leider diesmal mit sehr traurigem Erfolg. In tiefer Be- -rübniß gedenken wir der blutigen That, und nur der Hinblick auf die große Barmherzigkeit, mit welcher Gott das theure Leben beschützt hat, vermag uns aufzurichten. Es gebührt für seine Gnade dem treuen Gott von Herzen Lob und Dank. Wir beauftragen Sie deßhalb, am nächsten Sonntag, dem ersten Pfingsttage, in der Predigt auf geeignete Weise des erschütternden Ereignisses zu gedenken und in das allgemeine Kirchengebet paffende Worte des Dankes für die gnädige Errettung, sowie Fürbitte für die Erhaltung des Lebens und die baldige Widergenesung Seiner Majestät einzulegen.

Dr. G o l d m a n u.

Ackermann.

Zum Attentat auf Kaiser Wilhelm.

Berlin, 3. Juni. Als der Kaiser in's Palais zurückgebracht worden war, fragte er u. A.:Ich begreife nicht, warum immer auf mich geschoffen wird? Das zu Ehren des Schah von Persien augesagl gewesene Gala- Diner kam natürlich in Fortfall. Der greise Monarch, der am Abend seine Gemüthsruhe voll wiedergewonnen hatte, gedachte in der ihm eigenen Herzens­güte seines nunmehr vernachlässigten Gastes und meinte:Der arme Schah kommt nun um sein Tiner." Als Graf Perponcher dem Kaiser meldete, daß auch die Gala-Vorstellung im Opernhause abbestellt worden sei, meinte Se. Majestät:ES ist unrecht, daß Sie die Leute um ihr Vergnügen ßnn= 0ti;." Um 9 Uhr las der Kaiser mit verbundener Wange in einem Lehnstuhl sitzend, noch persönlich die zahlreich einlaufenden Beileids-Depeschen.

Auf dem Zimmer des Attentäters sind 11 geleerte Bierseidel vorge­sunden worden, was darauf schließen läßt, daß dort eine größere Gesellschaft versammelt gewesen sei.

Berlin, 4. Juni. Der Kronprinz weilte gestern nach seinem Eintreffen lange Zeit am Bette seines Vaters. Fürst Bismarck hat sich, hier ange­kommen, zuerst über das Befinden des Kaisers genau erkundigt und sich dann über alle Einzelheiten genau Bericht erstatten lassen. Die weitere Verneh­mung des Mörders ist durch dessen Zustand bis jetzt behindert. Phystkus Dr. Arndt und Geheimrath Dr. Wilms behandeln ihn.

Berlin, 4. Juni, 11 Uhr 45 Min. Mittags. Dem Kaiser wird von den Aerzten soeben ein neuer Verband angelegt. Heute Mittag findet eine Sitzung des Staatsministeriums statt.

Sämmtliche Cabinete haben die ihnen zugegangene Einladung zum Eongresse auf den 13. Juni angenommen.

Bulletin von Mittags 12 Uhr. Im Befinden des Kaisers ist seit gestern eine wesentliche Veränderung nicht eingetreten; die Nacht war ruhig und wurde größtentheils schlafend verbracht.

Berlin, 4. Juni. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Aus dem Ge­wirrs der Nachrichten über die Vernehmungen Nobtlings geht soviel mit Sicher­heit hervor, daß er anfangs zwar jede Verbindung mit der Socialdemokratte geleugnet, später aber nicht nur den Zusammenhang mit derselben eingestanden, sondern auch hinzugesügt hat, die Ausführung der That sei nach getroffener Bestimmung auf chn gefallen. Mitschuldige näher zu bezeichnen, lehnte er theils ab, theils war er dazu nicht im Stande. Es läßt sich bis jetzt noch nicht er­kennen, ob das Verbrechen aus einem größeren Complot oder aus einer Art frevelhafter Improvisation einer Anzahl verbrecherischer Subjecte entsprungen ist.

DiePost" sagt in ihrem Leitartikel: Die Lage der Dinge verweist gebieterisch auf Thaten. An die Verantwortlichkeit der Minister und an die Krone tritt dte ernste Pflicht des Handelns heran.

Dte meisten Prosefforen der hiesigen Universität eröffneten gestern ihre Vorlesungen mit auf das Attentat bezüglichen Ansprachen und Wünschen für des Kaisers Erhaltung. Die Zuhörerschaft erhob stch laut zustimmend von ihren Sitzen.

Auf Veranlaffung des Kronprinzen und der Kronprinzessin wurde der Kaiser heute umgebettet. Nach 10 Uhr Vormittags wurde ein bequemes eisernes Bettgestell mit Betten aus dem kronprinzlichen Palais in das Krankenzimmer geschafft. Die Kronprinzessin, unterstützt von der Großherzogin von Baden und dem Prinzen Carl, machte das neue Lager des Kaisers zurecht und bewirkte unter dem Beistand ihrer Damen die Umbettung. Das kronprinzliche Paar

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besucht fast stündlich das Krankenzimmer des Kaisers, wobei sie sich durch den Garten des Prinzessinnen-Palais zu Fuß über den Opernplatz in das Palais begeben. Der Kaiser bezeugt unausgesetzt große Theilnabme für den ver­wundeten Hotelier Holtfeuer. Zeichen treuester Liebe aus dem Auslande laufen stündlich und zahllos für den Kaiser ein.

Berlin, 4. Juni. Der Kaiser hat anderthalb Stunden geschlafen Das kronprinzliche Paar ward gestern von Tausenden mit ernstem Schweigen empfangen. Der Verbrecher ist andauernd in Lebensgefahr, sein Aufkommen nahezu unmöglich. Nach demTagebl." erhielt Moltke einen Drohbrief wegen seiner letzten Reichstags - Rede. Letzte Nacht waren in einigen Kasernen dte Truppen consignirt. Gestern Abend erfolgte eine Haussuchung in der Redactton derBerliner freien Presse" und bei sämmtltchen Socialisten-Führern. Nobiling ist nach einem Dresdener Telegramm Mitarbeiter socioltstischer Zeitungen. Er veranstaltete voriges Jahr Schießübungen, äußernd: Jeder Selbstmörder sei dumm, der zuvor nicht einen Großen mitnehme. Er äußerte ferner zu seiner Wwthsmagd nach Hödel's Attentat: Andere werdend bester machen! Die Polizei entsandte Rechercheure nach Sachsen, Westphalen und der Rheinprovinz.

Gestern fand bei einer Geliebten Nobiling's eine Haussuchung statt. Eine Photographie ward vorgesunden, welche vielleicht die Entdeckung eines Complots bewirkt. Der Tod Nobiling's wird nach Urtheil der Aerzte in spätestens zwei Tagen erfolgen.

Berlin, 4. Juni, Nachm. 2 Uhr 20 Min. Letzte Nacht sind 4 Per­sonen in öffentlichen Localen wegen Majestätsbeleidigung verhaftet worden. Der Helm, das Hemd, die Weste und der Rock, welche der Kaiser am Tage des Attentates getragen, sind heute dem Untersuchungsrichter zugestellt worden. Nobiling lebt noch, ist aber vernehmungsunfähig.

Berlin, 4. Juni, 4 Uhr 30 Min. Nachmittags. Fürst Bismarck ist im königlichen Palais gewesen.

Berlin, 4. Juni, 5 Uhr. Der Zustand Sr. Majestät ist seit heute Mittag unverändert, weshalb dte Aerzte sich zu einem neuen Bulletin zur Zeit nicht veranlaßt sehen.

Berlin, 4. Juni. Bulletin von Abends 10 Uhr. Se. Maj. der Kaiser ist heute Abend frei von Schmerzen, hat wiederholt im Laufe des Tages kurze Zeit und ruhig geschlafen und mit einigem Appetit Nahrung zu sich genommen.

Berlin, 4. Juni. Bei den Nachsuchungen in der Redaction derBer­liner Freien Preffe" und in den Wohnungen von Schapira, Rackow, Most und Auer wurden verschiedene Papiere mit Beschlag belegt.

Berlin, 5. Juni, 6 Uhr 50 Min. früh. Der Kaiser hat heute Nacht gut geschlafen. Das Allgemeinbefinden ist befriedigend.

Unterzeichnet Flügeladjutant Arnim.

Berlin, 5. Juni, 10 Uhr Vormittags. Nach gut zugebrachter Nacht haben sich die Kräfte Seiner Majestät gehoben. Mehrere Wunden am Arm und Rücken sind in der Heilung begriffen. Die Anschwellung am rechten Arm ist unverändert. Fieber nicht vorhanden. Appetit gering.

Eine schlimme Katastrophe für die deutsche Marine.

Es hat leider seit der Gründung der deutschen Kriegsflotte nicht zu den Seltenheiten gehört, daß das eine oder andere deutsche Panzerschiff durch Auf­laufen auf den Strand in Gefahr gerieth und wir erinnern uns noch ganz wohl, daß der deutsche Marineminister v. Stosch aus diesem Grunde im vori­gen Jahre den deutschen See-Osficieren das sorgsamste Studium der deutschen und nordeuropäischen Gewässer anbrfahl. Trotz aller sonstigen Anerkennung, die wir der jungen deutschen Marine zollen, scheint es uns doch, als ob ihr dte ziemlich genaue Kenntniß der nordeuropäischen Küstengewäffer und dte daraus resultirende sichere Lenkung der gewaltigen Panzerfahrzeuge noch nicht im genü­genden Maße zu eigen wäre. Erst vor wenigen Wochen mußte man wieder erfahren, daß dte prächtige PanzerfregatteFriedrich der Große" im großen Belt nicht weit von der Insel Laaland aus den Grund gefahren sei. Wohl wurde diese Panzerfregatte bald wieder flott gemacht, doch mußte sie wegen erheblicher Beschädigung zur Reparatur nach Wilhelmshaven gebracht werden Kaum ist nun dieser wenig erbauliche Vorfall erledigt, so wird auch bereits die deutsche Marine von einer wirklichen Katastrophe betroffen. Wie unseren Lesern schon genügend bekannt, gingen am 30. Mai dte PanzerschiffePreußen", König Wilhelm" undGroßer Kurfürst" von Wilhelmshaven von Plymouth in See und auf dem Wege dahin traf zwei von den Schiffen das fürchterliche