stehen, ist es nicht einmal allzu gewagt, anzunehmen, daß der Seetransport der russischen Truppen vielleicht von den Panzerschiffen besorgt werden wird, welche Abdul Aziz mit besonderer Vorliebe in so respectabler Zahl bauen ließ.
Wien, 6. Febr. Rußland hat den Vorschlag, in Wien die Conferenz abzuhalten, abgelehnt und Lausanne als Conferenz-Ort vorgeschlagen. Demzufolge hat Deutschland die bereits gemachte Zusage zurückgezogen und ebenfalls abgelehnt, nach Wien zu kommen. Die Situation wird als ernst bezeichnet. Oesterreich hat sich im Wesentlichen England genähert. (Fck. Journ.)
Wien, 6. Februar. Die „Presse" meldet: Die Türken muffen außer den Donaufestungen auch noch die auf der Donau befindlichen Kriegsschiffe, acht Monitors und zwölf Dampfer, den Russen übergeben. Aus Sulina und Varna wurden die Kriegsschiffe vorher entfernt. (Frk. Journ.)
England.
London, 5. Februar. Im Unterhause wurde zunächst angezeigt, daß zahlreiche Petitionen gegen die Credttforderung eingegangen sind. Dillwyn wird am Donnerstag die Frage stellen, ob Rußland in Bezug auf das jüngste Einlaufen der britischen Flotte in die Dardanellen eine Depesche an England gerichtet habe. Cartwright beantragte demnächst eine Adresse an die Krone zu Gunsten der Befürwortung der griechischen Bestrebungen auf der Conferenz. Auf Befragen Dilke's erklärte Unterstaatssecretär Bourke: Mit Rücksicht aus den Staatsdienst sei der jüngste Depeschen-Auslauch zwischen Frankreich und Eng- land, betr. Egypten, nicht mittheilbar. Schatzkanzler Northcote äußerte auf Anregung von Holt: England werde Alles ausbieten, um den Protestanten wie den anderen Bewohnern der Türkei religiöse Freiheit zu sichern. — Bei Fortführung der Debatte über die Credttforderung bemerkte Stanley, er glaube ungeachtet der gegentheiligen Behauptung, daß das Vertrauen des Landes zu der Regierung täglich steige. Wenn 1870 ein Credit nothwendtg gewesen, so sei dies jetzt um so mehr der Fall; damals sei die Armee reducirt gewesen, jetzt beständen Reserven, deren Equiptrung erforderlich sei. Redner behauptete, der in der Mat-Note Derby's entwickelten Politik sei vollständig entsprochen worden. Wenn der Krieg vermieden worden wäre, hätten die Concesstonen und Reformen der Pforte vielleicht den Bedürfnissen Europas ohne Zerstörung der Türkei und Berührung der Interessen von anderen Staaten entsprochen. Der gesunde Sinn des Landes würde die Creditsorderung gerechtfertigt finden. Die Regierung sympathisire nicht mit der türkischen Mißwirthschaft, könne aber auch nicht bei dem gegenwärtigen kritischen Zustande unvorbereitet und ohne die Versicherung des Vertrauens des Landes im Rathe Europas erscheinen. — Fitzmaurice bekämpft den Credit.
London, 5. Februar, Abends. Im Oberhause bemerkte Derby au Befragen von Airlte: Die Depeschen betreffs der Besetzung Konstantinopels seien nicht verschieden. Der sechstägige Verzug der Mittheilung an die Pforte von Rußlands Geneigtheit zur Unterhandlung sei einmal auf die nothwendige Erwägung und dann auf den Umstand zurückzuführen, daß damals die Zeit der Weihnachtswoche war; als die Mittheilung etngetroffen, seien die russischen Befehlshaber noch ohne Instructionen gewesen. Er (Derby) habe ziemliche Zuversicht, daß England auf der Conferenz nicht isolirt sein werde, und weise die Idee zurück, daß die Erlangung günstiger Bedingungen für die Türkei desto schlimmere für deren Unterthanen tnvoloire; eine Ermäßigung der Kriegsentschädigung oder Milderung der Gebietsabtretung sei für die Unterthanen vor- thetlhafter als für den Monarchen. — Auf Befragen seitens Colchesters er klärte Derby ferner: er habe keine Nachricht von einem Votum der treten- fischen Nationalversammlung über die Annection Kretas an Griechenland, und glaube auch nicht, daß dergleichen stattgehabt, es sei denn von Seiten eines revolutionären Ausschusses. Es herrsche bedeutende Aufregung auf der Insel, aber es seien keine Gewaltsamkeiten vorgekommen; ohne die Sanctton der Garantiemächte sei keine Uebertragung Kretas auf Griechenland gültiger Weise möglich.
Rumänien.
Bukarest, 6. Februar. Rußland hat Rumänien für Bessarabien, die Dobrutscha mit der Sulina-Georgs-Mündung und für Siltstria fünfzig Millionen Francs angeboten. (Frk. Journ.)
Amerika.
New-Uvrk, 4. Februar. Das Bureau für Handel und Transportwesen richtete anläßlich der gegenwärtigen außergewöhnlich großen Circulation von Silber, welches in den Banken nur schwer zu depontren sei, eine Denkschrift an den Cougreß und sprach sich zugleich in einer Resolution zu Gunsten der Goldwährung aus.
Washington, 4. Februar. Der Senat nahm die Debatte über die Silbercours-Bill wieder auf, wobei noch ein neues Amendement einge- bracht wurde.___________________________________________________________
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr» Esrrespon-enz-Bureau»
Berlin, 6. Februar. Der Reichstag wurde heute von dem Vtcepräst- denten des preußischen Staatsministeriums, Finanzminister Camphausen, im Auftrage des Kaisers mit folgender Thronrede eröffnet:
Geehrte Herren! Seine Majestät der Kaiser haben mir den Auftrag zu ertheilen geruht, die Sitzungen des Reichstags in Allerhöchst Ihrem und der verbündeten Regierungen Namen zu eröffnen. Ihre Thätigkeit wird in der bevorstehenden Session durch eine Reihe wichtiger Berathungsgegenstände in Anspruch genommen sein. Der Entwurf des Reichshaushaltetats, welcher Ihnen unverzüglich zugehen wird, lehrt aufs Neue den Beweis, daß die unabweisbaren Bedürfnisse des ordentlichen RetchShaushalts in stärkerem Maße zunehmen, als die Erträgnisse der dem Reiche zugewiesenen eigenen Einnahmequellen. Den verbündeten Regierungen erscheint es nicht rathsam, die Deckung des Mehrbedarfs durch Erhöhung der Beiträge der einzelnen Staaten herbeizuführen. Vielmehr weist die finanzielle Gesammtlage Deutschlands auf Verstärkung der eigenen Einnahmen des Reichs hin. In dieser Richtung werden Ihnen Gesetzentwürfe über die Erhebung von Reichsstempelabgaben und die höhere Besteuerung des Tabaks vorgelegt werden. Soweit die außerordentlichen Ausgaben nicht durch besondere Einnahmen gedeckt sind, werden, wie im vorigen Jahre, die Mittel auf dem Wege des Credtts zu beschaffen sein. Der Entwurf eines Anlethegesetzes wird Ihnen zugehen. Zur Ausfüllung einer Lücke in dem Wortlaut der Verfassung soll ein zunächst noch der Berathung des Bundesrathes unterliegender Gesetzentwurf dienen, welcher die Zulässigkeit einer Vertretung des Reichskanzlers in der Gesammtheit seiner Amtsthätigkeit oder in einzelnen
Zweigen derselben mit dcm Rechte zur Gegenzeichnung außer Zweifel stellt. Im Anschlüsse an die Justizgesetzzebung des vergangenen Jahres wird Jqnen Der Entwurf einer Rechtsanwaltsordnung vorgelegt werden, welcher es stch zur Aufgabe gestellt hat, den Zutritt zur Ausübung dieses für die Rechtspflege jo wichtigen Berufes jedem dazu Befähigten zu eröffnen, ohne darum die Bürgschaften zu vermindern, welche dem Stand der Rechtsanwälte im Reich bisher seine ehrenvolle Stellung gesichert haben. Die in dem gerichtliche»t Verfahren geschaffene Einheit verlangt zu ihrer Ergänzung eine entsprechende Einheit im Kostenwesen. Hierauf gerichtete Gesetzentwürfe werden Ihnen vorgelegt werden. Die im verstossenen Jahre wiederholt vorgekommenen Fälle von Einschleppung der Rinderpest haben, obwohl die rasche Unterdrückung der Seuche jedesmal gelungen ist, doch das Bedürfniß heroortreten lassen, den bestehenden Einfuhrverboten durch Verschärfung der bezüglichen Strafbestimmungen erhöhte Wirksamkeit zu verleihen. Voraussichtlich wird Ihre Mitwirkung zum Erlaß eines hierauf abzielenden Gesetzes in Anspruch genommen werden. Die Klagen über die aus der Verfälschung von Lebensmitteln und Gegen- stä.tden des täglichen Gebrauchs sich ergebenden Gefahren haben an die verbündeten Regierungen die Pflicht herantreten lassen, Abhülfe durch die Reichsgesetzgebung zu schaffen. Unter Berücksichtigung der in Ihrer letzten Session bezüglich einer Revision der Gewerbeordnung laut gewordenen Wünsche sind zwei Gesetzentwürfe ausgearbeitet worden, von welchen der eine die rechtlichen Verhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitern neu zu regeln, der andere die rasche und sachgemäße Erledigung von gewerblichen Streitigkeiten durch Einsetzung besonderer Gewerbegerichte zu sichern bestimmt ist. Beide Entwürfe sollen zur Beseitigung von Schwierigkeiten beitragen, mit welchen der deutsche Gewerbefleiß bisher zu kämpfen hatte, und welche bei der leider noch immer fortdauernden ungünstigen Lage der allgemeinen Verkehrsverhältnisse doppelt lästig erscheinen. Zum Bedauern Seiner Majestät des Kaisers haben die über Erneuerung des Handelsvertrages mit Oesterreich-Ungarn gepflogenen Verhandlungen bisher nicht zum Ziele geführt. Um Zeit für weitere Verhandungen zu gewinnen, ist der Vertrag einstweilen bis Ende Juni d. I. verlängert worden, hoffentlich wird es in dieser Frist gelingen, eine Vereinbarung zu Stande zu bringen, welche den beiderseitigen handelspolitischen Interessen und dem zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn bestehenden sreundnachbarlichen Verhältniß entspricht. Um Sie zur Beurtheilung des Ganges dieser Angelegenheit in den Stand zu setzen, wird eine darauf bezügliche Denkschrift Ihnen oorgelegt werden.
Meine Herren! Bei der Eröffnung des vorjährigen Reichstages war die Erwartung noch nicht ausgeschlossen, daß die türkische Regierung aus eigner Entschließung zur Ausführung der Reformen schreiten werde, über welche die europäischen Mächte sich auf der Conferenz in Constantinopel geeinigt hatten. Diese Erwartung ist nicht in Erfüllung gegangen. Seine Majestät der Kaiser hofft jedoch, daß nunmehr ein baldiger Friede die Grundsätze jener Conferenz zur Anwendung bringen und dauernd sicher stellen werde. Die verhältmßmäßig geringere Betheiligung der Interessen Deutschlands im Orient gestattet für die Politik des Reiches eine uneigennützige Mitwirkung an der Verständigung der betheiligten Mächte über künftige Garantien gegen die Wiederkehr der Wirren im Orient und zu Gunsten der christlichen Bevölkerung. Inzwischen hat die von Seiner Majestät dem Kaiser vorgezeichnete Politik ihr Ziel bereits insoweit erreichen können, als sie wesentlich dazu mitgewirkc hat, daß der Friede zwischen den europäischen Mächten erhalten worden ist und zu ihnen allen Deutschlands Beziehungen nicht nur friedliche, sondern durchaus freundschaftliche geblieben sind und mit Gottes Hülse bleiben werden.
Paris, 6. Februar. Die „Agence Havas" meldet: Gerüchtweise verlautet, Lausanne werde wahrscheinlich zum Sitz der Conferenz gewählt werden. — Aus Syra berichtet dasselbe Bureau: Auf Ersuchen des hiesigen französischen Consuls ist die Fregatte „Heroine", von Smyrna kommend, hier vor Anker gegangen.
London, 6. Februar. Lord Derby empfing gestern eine aus Griechen bestehende Deputation und drückte ihr auf deren Anfragen sein tiefes Bedauern über den von griechischer Sette erfolgten Einfall auf das türkische Gebiet aus, obwohl ihm bekannt sei, daß das griechische Cabinet hierbei nur dem Verlangen des griechischen Volkes nachgab. Lord Derby sagte ferner, er könne nicht versprechen, daß England seine Macht verwenden werde, um das Bombardement der griechischen Küsten zu verhindern. Im Falle der Krieg in einer den Grundsätzen der Civilisation zuwiderlaufenden Weise geführt werden sollte, würden England und die anderen Mächte allerdings interveniren müssen. Lord Derby äußerte der Deputation seine Sympathie für Griechenland und versprach, England werde auf der Conferenz seinen Einfluß geltend machen, um das Ueber- gewicht der slavlschen Race über die griechische zu verhindern. Die Zurückbeorderung der griechischen Armee würde die Arrangements für die aufständischen türkischen Provinzen erleichtern.
Berlin, 6. Februar. Die Eröffnung des Reichstags sand kurz nach 2 Uhr im Weißen Saal des königlichen Schlosses statt. Etwa 50 Reichstags- Abgeordnete waren anwesend. Der Bundesrath trat unter Führung des Vice- Präsidenten des preußischen Ministeriums, Camphausen, ein und stellte sich links von dem verhüllten Throne auf. Am Schluffe der von Camphausen verlesenen Thronrede ertönte Beifall; der Minister erklärte die Session für eröffnet, worauf v. Forckenbeck ein dreimaliges Hoch- auf den Kaiser ausbrachte.
Berlin, 6. Februar. Das Herrenhaus nahm in seiner heutigen Sitzung den Gesetzentwurf, betr. die Sitze der Oberlandes- und Landgerichte, en bloc durchweg nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses an. Im Fortgänge der Sitzung erledigte das Herrenhaus den Gesetzentwurf, betr. die Vertilgung der Reblaus, nach der vom Abgeordnetenhaus beschlossenen Fassung. Nächste Sitzung morgen
— Die erste Sitzung des Reichstages begann gegen 3 Uhr 20 Min. v. Forckenbeck fungirte wiederum vorläufig als Präsident. Eingegangen sind: Die Rechtsanwaltsordnung, die Rechnungen der Oberrechnungskammer-Kasse pro 1875, die Gesetzentwürfe, betr. den Sptelkarten-Stempel und die Aufnahme einer Anleihe, sowie der gesammte Reichshaushalts-Etat nebst Anlagen; die Ankündigung der letztgenannten Vorlage wurde mit Beifall ausgenommen. Der Namensaufruf ergab 216 Anwesende, also die Beschlußfähigkeit des Hauses.— Nächste Sitzung morgen 2 Uhr Nachmittags. Tagesordnung: Präsidentenwahl.
Wien, 6. Februar. Ein Telegramm der „Polit. Corresp." aus Petersburg meldet: Die formelle Zustimmung des russischen Cabtnets zum österrei- schen Conferenzvorschlag sei erfolgt. Rußland nehme als Ort der Conferenz« Verhandlungen Lausanne in Aussicht.


