Ausgabe 
4.5.1878
 
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Wo. 103. Samstag, den 4 Mai 1878.

Aichener MWger

AMige- uni AmtsMt für icu Kreis Gießen.

...... , ' ' """ *'' . -p c " o Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

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Vxpeditionsbnreaur Schulstraße B. 18. ==»

Amtlicher HHeil. Bekanntmachung.

->n Solfle der durch di- Kaiserlich- Normal-Eichungs-Commisston erfolgten Aufhebung der §§. 89 und 91 der Eichordnung für das Deutsche Reich ist im öffentlichen Verkehr der Fortgebrauch aller nach den früheren Landesgesetzen gestempelten Gewichte und Waagen, welche nicht mit dem vorgeschrlebenen neuen Eichungsstempel versehen sind, untersagt. Es werden deßhalb alle im Besitz solcher Gewichte und Waagen befindllchen Personen aufgefordert, solche bei den betreffenden Eichämtern umstempeln zu lassen.

Darmstadt, den 30. April 1878. Großherzogliche Eichungs-Inspektion.

' Psannmüller. Rumps.

Bekanntmachung. "

N-ich neueren Wahrnehmungen werben die für Die Fußgänger bestimmten Schoortheile unv die Bankets resp. gepflasterten Trottoirs vor der Stadt häufig zum Reiten benutzt. Wir sehen uns daher veranlaßt darauf hinzuweifen, daß eine folche Benutzungsweife der frag­lichen Wege ic. nach § 366 pos. 10 des Reichsstrafgesetzes mit Geldstrafe bis zu 60 JA. oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft wird. Das Aufsichtsperson»! ist angewiesen, jede Zuwiderhandlung unnachstchtlich zur Anzeige zu bringen.

Gießen, am 29. April 1878. Großherzogliche Polizeioerwaltung Gießen.

F r e f e n i u6.

Uokitisch

* Zur allgemeinen politischen Lage.

Die Situation ist im Laufe der letzten Woche, mindestens gesagt, nicht bester geworden. Die deutsche Regierung setzt zwar ihre Vermittlungsbemühungen nach wie vor fort. In Folge deffen ist auch der Gedankenaustausch zwischen den einzelnen Mächten über die Lösung der verschiedenen Streitfragen noch nicht abgebrochen. Aber die Verhandlungen über den Rückzug der russischen und englischen Streitkräfte aus der Umgebung von Konstantinopel, von deren Erfolg der Zusammentritt der Vorkonferenz abhängen sollte, bieten, da sich auf beiden Seiten immer neue Schwierigkeiten erheben und England sich besonders weigert, über die Dardanellen hinaus zurückzugehen, kaum mehr Aussicht auf ein gün­stiges Ergebniß. Der Congreßplan kann daher für jetzt als gescheitert betrachtet werden, um so mehr, da die beiden Hauptgegner auf dem einmal eingenomme­nen Standpunkt, wonach England verlangt, daß Rußland die Suprematie Europas durch förmliche Vorlegung des Vertrages von San Stefano an den Congrcß anerkenne, Rußland aber diese Forderung als eine demüthigende Zu- muthung ablehnt, entschieden verbleiben. Eine friedliche Verständigung zwischen beiden wird auch schon darum immer unwahrscheinlicher, weil England sich aller Aufforderungen der neutralen Mächte ungeachtet aus Rücksicht aus die Pforte, von deren Haltung es seine letzten Entschließungen abhängig machen muß, nicht herbeilasten will, amtlich ein positives Programm über die Neuord­nung der Dinge aus der Balkan-Halbinsel aufzustellen, und das^was^osficiös über seine Wünsche verlautet, zu weit von den im Frieden von L-an Stefano geschaffenen Thatsachen abweicht, als daß die dazwischen liegende Kluft am grünen Tisch ausgefüllt werden könnte. Das Schlimmste ist, daß die Rüstun­gen beiderseits unermüdlich fortgesetzt werden. Die englische Regierung hat schon indische Regimenter nach Europa einschiffen lasten und steht sogar im Begriff, eine Panzerflotte für die Ostsee auszurüsten. Russtscherseits ist neben br-T Mobilisirung neuer Divisionen die Ersetzung des Großfürsten Nikolaus durch den berühmten Meister der Belagerungs- und Vertheidigungskunst, General Totleben, das bedeutsamste Zeichen, daß man den Krieg demnächst von Neuem beginnen zu muffen glaubt. Der mohamedanische Aufstand in Rumelien, deffen Ausbruch englischen Emiffären Schuld gegeben wird, trägt natürlich nicht dazu bei, die Stimmung zu verbeffern. Rechnet man dazu endlich sowohl die Erkrankung des Fürsten BiSmarck, von deffen ehrlichen Maklerdiensten man allgemein das Beste hoffte, wie die des Fürsten Gortschakoff, der als das Haupt der gemäßigten Partei am russischen Hofe gilt, so begreift sich nur allzu sehr, daß die Lage der Dinge mehr und mehr eine pessimistische Aus- faffung rechtfertigt. Oesterreich macht sich denn auch schon bereit, sich bei dem bevorstehenden Conflict für die Vergrößerung des russischen Einfluffes durch Erweiterung seiner eigenen militärischen, politischen und commerciellen Macht­sphäre im westlichen Theil der Balkan-Halbinsel auf dem Wege der Action ein Aequivalent zu sichern. Selbst Italien will bei der in Aussicht stehenden allge­meinen Beutetheilung nicht zurückstehen und bereitet sich daher zu einer Expe­dition nach Albanien vor.

Trotz alledem darf man die Hoffnung auf eine friedliche Lösung der orientalischen Wirren noch nicht ganz aufgeben schon darum nicht, weil die schwarze Internationale ihre Freude über den drohenden Zusammenstoß der beiden nichtkatholischen Mächte gar zu offen kundgibt und dadurch allen Freun­den der wahren Civilisation die Pflicht der Besonnenheit und Versöhnlichkeit ernstlich in Erinnerung ruft. Die deutsche Regierung zumal wird ihre Ver­mittlungsbemühungen gewiß nicht eher aufgeben, als bis alle Aussicht auf Ver­meidung des Krieges geschwunden ist. Im gegenwärtigen entscheidenden Augenblick scheint Kaiser Wilhelm durch Entsendung seiner Schwiegertochter nach England einen letzten Versuch machen zu wollen, um den ruffenfeindlichen Sinn der Königin

er H h e i t.

Victoria nachgiebiger zu stimmen. Ob derselbe etwas nützen wird, muß die nächste Zukunft zeigen, da die Dinge unmöglich noch länger in der Schwebe bleiben können und die Eröffnung der Pariser Ausstellung, welche einem still­schweigenden Einverständniß der Mächte zufolge in Frieden vor sich gehen sollte, jetzt schon hinter uns liegt.

Deutschland.

Darmstadt, 1. Mai. Laut Ausschreiben des Großh. Ministeriums des Innern tritt daö neue Gesetz über die Lehrer-Gehalte am 1. Januar 1879 in Kraft und muffen in den Gemeinde-Budgets für 1879 die nöthig werdenden Mittel für die erhöhten Gehalte vorgesehen werden. Die Verhandlungen zur Feststellung der Gehalts-Bezüge werden von den Kreisämtern nunmehr einge­leitet, denen es insbesondere obliegt, zu ermitteln, ob die Vermögensverhältniffe einer Gemeinde und deren Bewohner Zuschüffe aus der Staatskaffe nöthig machen. Zur gleichmäßigen Behandlung dieser Frage finden in allen Kreisen statistische Aufnahmen über Vermögen, Schulden, Einkünfte, Ausgabe, Höhe der Abgabe rc. statt, und es wird die durch Uebernahme aller Schulkosten auf Gemeindemittel entstehende Erhöhung der Umlagen festgestellt. Da dem Mini­sterium definitiv die Entscheidung zusteht, ob ein Staatsbeitrag zu bewilligen sei, und dem Staate voraussichtlich eine Ausgabe bis zu 500,000 Mk. entsteht, so liegt die schon früher angeregte Frage nahe, ob es nicht zweckmäßiger wäre, die größeren Communal-Verbände zur Beihülfe heranzuziehen.

Berlin, 1. Mai. DieNordd. Allg. Ztg." erklärt die Zettungsmel- dung, daß der Minister des Innern die Verwaltungsreform nicht in der begon­nenen Weise weiterzuführen beabsichtige, für jeder tatsächlichen Begründung entbehrend. In amtlichen Kreisen sei nicht das Mindeste bekannt, was einer solchen Annahme auch nur zum Vorwand dienen könne.

Arankreich.

Paris, 1. Mai. Die Rede des Handelsministers bei Eröffnung der Ausstellung erinnert daran, daß die Idee zu dem Unternehmen an dem Tage erfaßt wurde, nachdem die Republik die definitive Sanktion erhalten hatte. Die republikanische Regierung habe damit den Tendenzen und dem Ziele das Gepräge gegeben, womit sie ihre Anstrengungen und Bemühungen kennzeichnen wolle; sie habe ihren Glauben an die Stetigkeit und die Fruchtbarkeit der Institutionen ausgedrückt, welche das Land sich gegeben hatte; sie habe laut ihr Vertrauen in die Sympathien der fremden Regierungen damit ausgesprochen. Nach einer Darlegung der Arbeiten und Bemühungen, welche nöthig waren, dankte der Minister vor Allen den fremden Staaten, welche in so ausgezeich­neter Weise dem Rufe Frankreichs entsprochen, welche ihre Kunstschätze und ihre industriellen Erzeugniffe hierhergesandt hätten und welche heute ihre freundlichen Zuvorkommenheit die Krone aufsetzten, indem sie die Eröffnung durch die Gegenwart ihrer berühmtesten Mitbürger, ihrer geliebtesten Fürsten ehrten. Die Ausstellung sei ein Beweis der Mannbarkeit, welche einen Abschnitt in der Geschichte der Republik bezeichnen werde. Der Marschall-Präsident sagte in seiner Antwort, daß er die von dem Handelsminister ausgedrückten Gefühle theile; er schätze sich glücklich, daß die ganze Welt Zeuge sei des glänzenden Resultats und dankte den fremden Nationen, die dem Rufe Frankreichs in so vollem Maße entsprochen hätten. Er erklärte sodann im Namen der Republik die Ausstellung für eröffnet und beglückwünschte den Ingenieur Krantz, der das Ausstellungswerk so glänzend organisirt habe.

Paris, 1. Mai. Unter den Fürsten, welche der heutigen Eröffnungs­feier der Ausstellung beiwohnten, befanden sich auch der Erzherzog Leopold als Vertreter Oesterreichs und der Herzog von Leuchtenberg als Vertreter Rußlands.