Ausgabe 
3.9.1878
 
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Dienstag, den 3 September

1878

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Wien, 31. August. DiePoltt. Corr." meldet aus Konstantinopel vom 31. August: Layard soll am Dienstag dem Sultan in Gegenwart Savfet Paschas ein englisches Reformproject für die asiatische Türkei überreicht haben. Meldungen aus dem Rhodope-Balkan zufolge haben die Rusten die Insur­genten nach erfolgloser Aufforderung zur Niederlegung der Waffen angegriffen und viele Ortschaften des Arda-Thales eingeäschert. Dieselben stellten nach dreitägigen Kämpfen die Offensive bis zum Eintreffen von Verstärkungen em. An die Stelle der heimkehrenden Gardetruppen sollen 50,000 Mann andere

heimlich von HauS zu Haus fortsetzen zu können, ohne dabei Handhaben für die Anwendung des Ausnahmegesetzes zu bieten. Da man jedoch auf die Dauer der Hilfe der Preste nicht gut entrathen kann, so beabsichtigt man, Parteiblätter im Ausland drucken zu lasten und gleich von vornherein Einrichtungen zu treffen, welche die Verbreitung dieser Zeitungen trotz Verbots und trotz Ent­ziehung des Postdebtts ermöglichen sollen.

Berlin, 31. August. DerNordd. Allg. Ztg." zufolge ist die Ein­berufung der Eisenenquete-Commisston zum 16. September in Aussicht genom­men. Dastelbe Blatt dementirt die über die Formalitäten b?,i Eröffnung des Reichstages umgehenden Nachrichten. Die bezüglichen Bestimmungen wür­den erst in den nächsten Tagen getroffen.

Aus Bayern, 30. August. An die mit gewaltigem Jubel verkündete Nachricht ultramontaner Blätter, daß das Centrum im kommenden Reichstag die stärkste Fraktion mit 105 Mitgliedern sei, knüpft Dr. Sigl'sVaterland" folgende Bemerkungen:Die Blätter des Centrums werfen sich gehörig in die Brust wegen dieser 105, verschweigen aber fast alle ihren Leserp, daß der Reichstag 397 Mitglieder hat und folglich das Centrum wenig mehr als blos den vierten Thetl derselben repräsentirt, daß also dastelbe, wenn ihm nicht An­dere helfen, im Reichstag weder etwas verhindern, noch etwas durchsetzen kann, und daß, solange dasReich" in der gegenwärtigen Gestalt existirt, das Ver- hältniß immer das gleiche, die Ohnmacht des Centrums immer dieselbe bleiben wird. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig, das paßt beiläufig auch aus das Centrum. Was die Blätter weiter sich zu sagen hüten, ist, daß das Centrum thatsächlich im Rückgang begriffen ist, in Bayern wenigstens, .wo es gege, 1874 zwei Sitze und über 130,000 Stimmen, also fast die Hälfte seines damaligen Besitzes verloren hat und, in Bayern wenigstens, obgleich es von den 48 Sitzen noch 31 besitzt, den vereinigten übrigen Parteien gegenüber that­sächlich bereits um mehrere Tausend Stimmen in der Minorität ist. Zu Stolz und Jubel hat man demnach unter sothanen Verhältniflen nur sehr wenig, richtig gar keinen Anlaß und man thut Unrecht, diese Thatsachen und Wahr­heiten deuz Volke beharrlich zu verschweigen. Ein General, welcher zwar ge­siegt, aber in der Schlacht fast die Hälfte seiner Armee, verloren hat, muß weniger daran denken, Victoria zu schießen und Stegesfeste zu feiern, als viel­mehr daran, seine geschwächte Armee zu reorganifiren und zu verstärken, |on(i? ist er in der nächsten Schlacht mit seiner Armee verloren. Merkt euch das und jubelt etwas weniger!" Uebrtgens ergibt sich, daß die beiden Parteien, welche überhaupt aus Bayern Abgeordnete schickten, in derselben Stärke im neuen Reichstage sein werden, wie im alten. Von 48 Sitzen haben die Ultrq- montanen 31 und die Liberalen 17 inne. Einen Sitz, München I, haben diese verloren. Für diesen Verlust muß uns einigermaßen Kronach trösten, das den Ultramontanen abgenommen wurde. Sonst ist nichts verändert. Die Ober­pfalz,, Ober- und Niederfranken habcn wiederum ultramontan, Unterfranken bis auf einen Wahlkreis ebenso, dagegen Meder- und Oberbayern je bis aus einen Wahlkreis liberal gewählt. Die Pfalz ist sich treu geblieben und sendet nur liberale Abgeordnete in den Reichstag.

Hesterreich.

Wien, 30. August, Abends. Die auswärts verbreiteten Gerüchte, der Erzherzog Johann Salvator sei gefallen und Gras Szapary befinde sich in voller Deroute auf der Flucht, bezeichnet dasTelegr. Corresp.-Bureau" als ersundeu. Graf Szapary, welcher felsenfest in Doboj zu einem bestimmten Zwecke stehe, habe, wie die mehrmaligen blutig zurückgewiesenen Angriffe der Insurgenten bewiesen, eine so starke Position inne, daß nicht einmal ein neuer Angriff mehr auf ihn gemacht wurde.

Wien, 31. August. DieWiener Abendpost" veröffentlicht ein kaiser­liches Patent vom 28. d., welches die Landtage von Galizien, Kram, Görz, Gradiska und Triest auf den 12. September, die übrigen Landtage, ausgenom­men die von Istrien und Dalmatien, auf den 24. September einberuft.

Wien, 31. August. DieWiener Abendpost" beginnt die Veröffent­lichung einer Reihe von Berichten des General-Consuls Wassitsch in Serajewo an den Grafen Andraffy, in welchen die anarchischen Zustände in Bosnien vor der Occupatio» und bei Beginn derselben drastisch illustrirt erscheinen.

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Darmstadt, 30. August. Der Soldat Tatyreck von der 1. Comp. des Letbgarde-Jnfanterte-Regiments ist gestern während des Marsches von einem hitzschlag betroffen und getödtet worden. Die Leiche ist nach Offenbach in das "azareth verbracht worden. Noch 2 wettere Todesfälle und 17 ernstliche Er­krankungen von Soldaten sind zu verzeichnen. Von den Kranken wurde ein Heil in das hiesige Lazareth verbracht.

Berlin, 29. August. Heute empfing der Kronprinz im Gebäude des Potsdamer Bahnhofes den Vice-Admiral v. Henk und ertheilte ihm den Auf­trag, allen Behörden und Privatpersonen in England, welche wiederholt ihre Teilnahme bet der Katastrophe, von welcher derGroße Kurfürst" betroffen wrden ist, bekundeten, nochmals den wärmsten Dank abzustatten. Henk begibt to nämlich nach London, um die Taucherarbeiten bei demGroßen Kurfürsten" insptctren. Erst nach dem von ihm abzustattenden Berichte wird sich über- Ichen lasten, welche wetteren Maßregeln zu treffen sein werden.

Berlin. In socialdemokratischen Kreisen liegt nach Mtttheilung Ber­liner Blätter die Absicht vor, an demselben Tage, an welchem das Soctaltsten- M in Kraft tritt oder vielmehr, an welchem es im Reichstage angenommen v». >----- - / - ~

tltb, ein Verbot ihrer Zeitungen nicht erst abzuwnrten, sondern ihr Erscheinen russische Truppen über den Balkan in Rumelien einmarschtren. - In Betreff kiwillig zu sistiren und ebenso ihre gesummten Vereine, Hilfskasien ic. aufzu- Griechenlands hat bte Pforte fftzch keinen Beschluß gefaßt. Es geht das losen, bamit für die Verfolgungen und Confiscationen kein greifbares Objekt Gerücht, daß eine Note des griechischen Cabtnets die Vermittelung der Mächte lidri, bleibe. Die Parte, hält fick für hinreichend erstarkt, um die Agitation anrufe. - Dieselbe Corresirondenz erfährt aus Belgrad von heute aus guter

Die Steuer-Reform.

Fast hat es den Anschein, als ob der Deutsche über die gründliche Durch­brechung des Socialtstengesetzes eine weit wichtigere Frage, die große Finanz- unb Steuer-Reform, für das Reich vergesten habe. Da hielten vor einigen Wochen die deutschen Ftnanzminister beim großen. Faß zu Heidelberg eine Zusammenkunft und bald darauf hörte man, daß sie sich rasch über einen jinanztellen Reformplan geeinigt hätten. Was da gesprochen und beschloffen wurde . a. '

Was ihnen dort die Zeit vertrieb, Der Menschheit ein Gehetmntß blieb.

Es scheint in den amtsverschwiegenen Kreisen die Parole ausgegeben zu sein, als solle das Projekt noch recht lange ein Gehetmntß bleiben. Kaum hofft man, daß im Reichstage einige spärliche Andeutungen stattfinden werden, weil er sich angeblich nur mit dem Soctalistengesetz befassen soll. Es darf mit Recht beklagt werden, daß eine der allerwichtigsten Reichsangelegenheiten auf unbestimmte gelt hinaus der öffentlichen Discusston entzogen bleibt und es trägt der Verzicht her deutschen Ftnanzminister auf die nationale Kritik ihres Steuer-Reformplanes leider nur dazu bet, daS Jntereste an der hochwichtigen Frage wesentlich abzu- schwächen. Wir wisten nur, daß irgend ein Project vorhanden ist und sehen allerdings ein, daß dies bester ist, als wenn die Herren zu Heidelberg sich nicht satten einigen können. Das Parlament wird den Plan eingehend würdigen, darauf dürfen sich die deutschen Ftnanzminister verlosten; haben sie wirklich einen Schritt zur Besterung und rationelleren Einrichtung unserer jetzigen, überall Mißbehagen hervorrufenden Steuerverhältntste gethan, so sind sie des Dankes ter Nation sicher und kein Parlament ist denkbar, das sich nicht auffs Freudigste angelegen sein ließe, irgendwie annehmbare Vorschläge gern gut zu heißen. Nur die Gehetmnißkrämerei der deutschen Finanzbureaukratie ist ein Räthsel. Man erinnert sich unwillkürlich daran, daß vor nunmehr zehn Jahren der Finanz- mister v. d. Heydt sein famoses Sleuerproject ebenfalls der Oeffentlichkeit ängstlich entzog. Wochen lang hieß e.s: er will fünf, dann wieder: er will sogar chn neue Steuern und die osficiöse Preste hatte gut dementirt, denn fünf und M waren falsche Zahlen, Herr v. d. Heydt hatte elf Einzelprojecte zu einem bunten Strauß vereinigt, der norddeutsche Reichstag fah ob dieser noch nicht dagewesenen Ueberraschung allerdings alle seine Erwartungen weit übertroffen, und Herr v. D. Heydt hatte doch seine Freude daran gehabt, die Latenkretse so lange und so unconsequent über seine Endabflchten im Unklaren gelosten zu buben. Im Umsehen lehnte das Parlament alle elf Entwürfe ab und Heydt's längeres Verbleiben im Amt war eine Unmöglichkeit.

Es hat sein sehr Bedenkliches, gerade mit Steuer-Reform-Plänen das M und seine Vertreter überraschen zu wollen; das Heydt'sche Experiment bleibt eine Warnung für Alle, die ähnlich operiren möchten. Allein die Finanzminister brr Heidelberger Conferenz werden, wie wir nach den deutlichen Kundgebungen ttr öffentlichen Meinung bet den Wahlen annehmen muffen, nicht in die übrigen Mer des damaligen preußischen Finanzmintsters verfallen fein. Dieselben bestanden darin, daß die Steuer-Reform sich als einfache Steuervermehrung uilpuppte, noch dazu als eine Vermehrung, die des logischen Zusammenhanges Mehrte. Vor zehn Jahren waren ganz kritiklos elf Besteuerungsprojecte heraus- Miffen worden. Niemand begriff, weßhalb nicht ebenso gut zwanzig oder noch wehr Etnzelentwürfe ausgedacht worden waren. Die Finanzmtnister von heute : |bib in der glücklichen Lage, die Fehler ihrer Amtsvorgänger vermeiden und ein überreiches parlamentarisches Material verwerthen zu können.

Deutschland.