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><»« 53. Zweites Blatt. Sonntag, bell 3. März 1878«.
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politisch
Wochenübersicht.
Das wichtigste Ereigniß der letzten Tage war die Wahl eines neuen Papstes, welche leichter und rascher zu Stande gekommen ist, als man erwartete. Die Wahl Leo's XIII., rote sich der bisherige Cardinal Joachim Pecci genannt hat, wurde tm ersten Augenblick als eine Niederlage der Partei der Fanatiker, jedenfalls als die möglichst beste unter den obwaltenden Verhältnissen betrachtet; man meinte sich sogar der Hoffnung hingeben zu dürfen, der Nachfolger Pius' IX. werde, abweichend von seinem Vorgänger, sowohl Italien wie Deutschland gegenüber die Bahn der Versöhnlichkeit einschlagen. Was indeß seither über die Persönlichkeit und die ersten Handlungen des neuen Papstes bekannt geworden, ist wenig geeignet, derartige Hoffnungen zu begründen. Ließ schon der Umstand, daß er sich dem versammelten Volke nicht, wie Die Päpste es früher zu thun pflegten, von dem äußern Balcon der Peterskirche herab, sondern nur im Innern derselben zeigte, darauf schließen, daß er das Non possumus seines Vorgängers fortsetzen und die Rolle des „Gefangenen im Vatican" weiter spielen werde, so unterliegt seine Haltung jetzt schon keinem Zweifel mehr. Entsprechend dem Beschluffe des Cardinal-Collegiums, welches vor der Wahl einstimmig gegen die angebliche Vergewaltigung der Kirche durch den Staat protestirt halte, hat Leo XIII. den König von Italien dadurch ausgezeichnet, daß er ihm keine Mittheilung von seiner Thronbesteigung zukommen iieß, während er alle übrigen katholischen Souveräne durch eigenhändige Schreiben davon in Kenntniß setzte. Zu seinen ersten Segensspendungen gehörten die an den aus der Schweiz ausgewiesenen Bischof Mermillod von Genf, einen der fanatischsten Agitatoren der schwarzen Internationale, und an die katholischen Universitäten Frankreichs, jene Brutstätten des schroffsten Ultra» montanismus. Einer Deputation der katholischen Vereine Frankreichs, welche ihm eine Ergebenheits-Adreffe überreichte, sprach er sein Bedauern über die gegenwärtige schmerzliche Lage ihres Landes aus, zugleich aber die Hoffnung, daß Frankreich bald wieder durch die Gnade des Himmels in der Lage sein werde, seine frühere glorreiche Stelle einzunehmen und die Gesta Dei per Francos, zu denen eö berufen sei, von Neuem auszusühren. Die deutschen Centrumsmänner, welche ihm ihre Huldigung darbrachten, bekamen aus seinem Munde Lobsprüche für ihre Glaubensfestigkeit und Treue zu hören. Die Nachricht, daß der neue Papst stets das größte Jntereffe für die berüchtigte Schwindlerin Louise Lateau gezeigt habe und streng auf den Pantoffelkuß (statt des Handkusses) halte, vervollständigt das Charakterbild deffelben in so bezeichnender Weise, daß man der aus vertrauenswerther Quelle kommenden Meldung, Pecci sei der Candtdat des zelotischen Cardinals Manning gewesen, wohl Glau- den schenken darf. Man hat sich also, woraus auch schon die Annahme des Namens Leo (Löwe) im Anschluß an den letzten, zu der Partei der „Eiferer" gehörenden Träger dieses Namens hindeutet, nicht auf.eine« milden und ver- söhnlichen, sondern auf einen bigotten, harten, herrschsüchtigen, vom stärksten Priesterhochmuth erfüllten Inhaber des päpstlichen Stuhles gefaßt zu halten. Was für ein Glück, daß Deutschland sich einem solchen Manne gegenüber durch seine Ktrchengesetze hinreichend geschützt weiß!
In unserm deutschen Vaterlande, zu welchem uns der Blick au den neuen Papst zurücksührt, standen auch diesmal die Verhandlungen des Reichstages im Vordergründe des Interesses. Freilich in einer andern Weise als kurz vorher. So erhebend der Eindruck der Mitthellungen gewesen war, welche Fürst Bismarck unter der gespannten Aufmerksamkeit von ganz Europa und dem Beifall aller reichstreuen Parteien über die auswärtige Politik der Regierung gemacht hatte, so niederschlagend wirkten die Vorgänge, welche sich einige Tage darauf bei der Berathung der Steuervorlagen abspielten. Schon am ersten Tage zeigte es sich, daß keine Aussicht aus Genehmigung derselben vorhanden, die Mehrheit des Reichstags vielmehr nur unter der Bedingung zur Bewilligung neuer Steuern geneigt sei, wenn die Regierung mit dem Plan einer gänzlichen Steuerreform unter der Leitung eines verantwortlichen Fmauzministers, also unter gleichzeitiger Durchführung einer Neuorganisation der gesammten Reichsverwaltung hervortrete. An diesem ersten Tage schien sich freilich aus Anlaß der Meinungsverschiedenheit, welche Fürst Bismarck im Gegensatz zu dem Finanzminister Camphausen über das Tabaksmonopol kundgab, die Aussicht auf einen Austritt des Letzter» und den Eintritt des hervorragendsten Führers der nationalliberalen Partei in die Regierung zu eröffnen. Als Minister Camphausen sich indeß am zweiten Tage offen zu den Ansichten des Reichskanzlers bekannte und dadurch eine Art von Versöhnungsscene zwischen be.den herbeiführte, wurde jene Aussicht wieder stark getrübt. Seitdem verlautet vielmehr in bestimmtester Weise, daß die Führer der nationalliberalen Partei in Uebereinstimmung mit der gesammten Fraction entschlossen sind, sich weder auf persönliche, noch auf sachliche Engagements einzulaffen, so lange die von ihnen für nöthig gehaltenen constitutionellen Garantien nicht ausdrücklich zuge- stcmdeii^sind^srath hat unterdeß die Vorlage über die Stellvertretung des Reichskanzlers, nachdem dieser an der entscheidenden Sitzung persönlich theil- genommen, einstimmig in einer Faffung genehmigt, welche sowohl die Ernennung eines Vicekanzlers, wie die eines Reichs-Fmanzmimsters ermöglicht. Unter
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den sonstigen, dem Bundesrath zugegangenen Vorlagen sind zwei besonders hervorzuheben : ein Antrag Preußens auf Anstellung einer Untersuchung über die Lage der deutschen Eisenindustrie und ein Gesetzentwurf, betr. die Ausrüstung der deutschen Kauffahrteischiffe mit Booten.
Was die kleineren deutschen Länder betrifft, so ist sowohl in Bayern wie in Sachsen der Landtag vertagt worden. Das Resultat des bayerischen besteht darin, daß er die Ohnmacht und innere Zerbröckelung der ultramonta- nen Partei bedeutend gefördert hat, während die Liberalen eine musterhafte Einigkeit bewiesen. Auf die angebliche Verfolgung der katholischen Kirche in Preußen wirst es ein eigenthümliches Licht, daß im katholischen Bayern ein allgemeines Todteugeläute für den verstorbenen Papst auf Grund einer alten Verordnung verboten wurde, während die Katholiken in dem paritätischen Preußen ihrer Trauer sowohl durch Glockengeläute, wie durch andere Dernon- trationen den freiesten Ausdruck geben durften. Aufsehen erregte die Nachricht, daß der (protestantische!) König von Württemberg aus Anlaß des Todes Pius' IX. ein Condolenz-Schreiben an den Bischof Hefele von Rottenburg zu richten sich gedrungen gefühlt hat. Die evang. Landessynode Württembergs ist von der Regierung unter Anerkennung des Geistes der Mäßigung, der sie lefeelt habe, geschlossen worden.
In Oesterreich-Ungarn war das öffentliche Jntereffe nach wie vor zwischen der orientalischen Frage und den Ausgleichsverhandlungen getheilt. Die Erklärungen, welche die Minister Fürst Auersperg und Tisza vor den Parlamenten in Wien und Pesth abgegeben hc^en, beweisen zwar, daß man in Regierungskreisen mit den russischen Friedensbedingungen nicht in allen Punkten einverstanden ist und sich keine Machtverschiebung im Orient zu Ungunften des eigenen Staates gefallen laffen will, aber auch, daß man noch immer auf eine gütliche Verständigung mit Rußland hofft. Sehr angenehm berührten die gleichzeitigen Aeußerungen des Fürsten Bismarck über seine Vermittlungspoluik und sein Vertrauensverhältniß zum Grasen Andraffy. Trotzdem will die Regierung begreiflicher Weise nicht ungerüstet auf der bevorstehenden Conferenz erscheinen, sie fordert vielmehr zur Vervollständigung ihrer militärischen Vorbereitungen einen Credit von 60 Mill. Gulden. Der Ausgleich kann, nachdem das österreichische Abgeordnetenhaus den wichtigsten von der Regierung vorgeschlagenen Flnanzzoü, nämlich den aus den Kaffee, bewilligt, jetzt als gesichert gelten. _
Die Stimmung des englischen Volkes wird von Tag zu Tag ruffeu- seindltcher: das beweist u. A. die Thatsache, daß neuestens ein beabsichtigtes Neutralitäts-Meeting entschiedenes Fiasco gemacht, hat, indem es von einer aufgeregten Volksmenge gesprengt wurde und diese sich darauf unter Hurrahrufen zu Lord Beaconsfleld's Wohnung begab, um demselben ihr Vertrauen kundzugeben, dem Ruffenfreunde Gladstone hingegen eine Katzenmusik brachte. Im Oberhause passirte die Bill über die Zuständigkeit der englischen Gerichte inner- halb einer Entfernung von 3 Seemeilen von der Küste die zweite Lesung.
Während die Rede des Fürsten Bismarck in England weniger befriedigte, hat dieselbe in Frankreich durch den in ihr angeschlagenen Ton der Mäßigung große Anerkennung gefunden; die Organe der ultramontanen Partei laffen sich indeß trotz des darin zu Tage tretenden Freundschastsverhältniffes Deutschlands zu Rußlands nicht abhalten, ein Bündniß der letztgenannten Macht mit Frankreich gegen „Preußen" in Aussicht zu stellen. Die Regierung bleibt nach wie vor ihrer antiklerikalen Haltung treu: so bekannte sich der Unterrichtsminister Bardoux noch jüngst bei Der Berathung des Cultusbudgets zu sehr liberalen Prinzipien, indem er u. A. erklärte, daß die Regierung keinen Staat im Staate dulden, sondern die Rechte der bürgerlichen Gesellschaft mit Entschiedenheit vertheidigen werde. Dafür findet sie denn aber auch bei der Majo- rität des Senates möglichst wenig Entgegenkommen. Diese Körperschaft, welche ihre Gesinnungen kürzlich durch die Wahl eines Mitgliedes ^^ ^trem royalistischen Partei zum lebenslänglichen Senator kundgegeben hat, sucht nämlich Die Berathung des Budgets möglichst in die Länge zu ziehen und zwingt dadurch die Regierung, zunächst um Bewilligung eines weiteren Zwölftels der Steuern für den Monat März zu bitten. Auch sonst tritt der klaffende Gegensatz zwischen den Republikanern und Klerikalen kraß genug unter der ^volkerung hervor. Während letztere dem neuen Papste Ergebenheitsadreffen darbrackten uhD Geld zur Beschaffung eines kostbaren Geschenks für denselben sammelten, feierten die Republikaner die Enthüllung des Denkmals für Ledru-Rollin unter Theil- nahme einer zahlreichen Volksmenge und sprach Victor Hugo die besten Glückwünsche für das italienische Volk und deffen Hauptstadt, die Schwester von Paris, aus. t ,,IP, zri,,« . ,,
Die italienische Regierung hat von der österreichischen Gluckwunsche >u ihrer Festigkeit und Weisheit in der Sicherung der Freiheit des Conclaves empfangen. In volkswirthschaftlicher Beziehung scheint Italien gegenwärtig dieselbe" Krisis durchmachen zu muffen, unter welcher alle Culturstaaten in den letzten Jahren zu leiden hatten: seine Handelseinfuhr hat naml ich tm Jabre 1877 nur 1154 Mill. Lire (173 weniger als im Vorjahr) und seine Ausfuhr nur 2120 Mill. (423 weniger als im Vorjahre I) betragen. In dem bekannten Scandalproeeß gegen den verstorbenen Cardinal Antonelli hat das Gericht ein


