Zweifel gewesen sein, daß der Reichskanzler ein unbeschränktes Steuerbewilligungsrecht nicht zugestehen werde und könnte. Wenn diese Forderung von Anfang an als unerläßliche Vorbedingun der Verständigung ausgestellt worden wäre, hätten alle Illusionen der letzten Wochen nicht auskommen können.
Loudon, 27. Februar. Die „Pall Mall Gazette" ist ermächtigt zu erklären, daß man beschloßen hat, im Falle eines Krieges Lord Napier von Magdala als Oberbefehlshaber des Expeditionskorps mit General Garnet Woiseley als Generalstab-Chef zu verwenden.
London, 27. Februar. Die Regierung bestellte in Dundee 50.000 Sandsäcke binnen 3 Wochen zu liefern. — Das Märzheft der Zeitschrift „Neunzehntes Jahrhundert" enthält einen Artikel von Gladstone, worin die Orientfrage besprochen und ausgeführt wird, daß, nachdem die Regierung beschloßen, die Frage der Durchfahrt der Kriegsschiffe durch die Dardanellen der Entscheidung Europas zu überlaßen, auch nicht der geringste Vorwand zu einem Separatkriege oder zu Separat-Operationen in der Levante übrig bleibe, die einen provokatorischen Charakter trügen.
Konstantinopel, 26. Februar. Der zweite türkische Bevollmächtigte Saadullah Bay hat sich nach San Stefano begeben und wird die Unterzeichnung des Prällminar-FriedensvertrageS jeden Augenblick erwartet.
Washington, 26. Februar. Das Cabinet discutirte heute die Silberbill, wurde aber nicht schlüssig. Es wird starker Druck auf den Präsidenten für und gegen ein Veto ausgeübt.
Wien, 27. Februar. Die „Polit. Corresp." schreibt: Bukarester Meldungen zufolge ist Sulina von den Türken geräumt und von den Rußen besetzt. — Aus Athen meldet die „Polit. Corresp." nach guter Quelle, daß die in den benachbarten Provinzen täglich zunehmenden Greuelthaten türkischer Irregulärer den Bemühungen der griechischen Regierung, eine mäßigende Haltung zu bewahren, entgegenwirken, und daß selbst die militärische Disciplin zu leiden beginne. Von dem an der Grenze -von Epirus echolontrten Jägerbataillon desertirten 200 Mann unter Führung des Lieutenants Bairektari und überschritten die Grenze. Deshalb wurden der Truppen-Commandant Sapunzakls abberufen und der Commandirende des betr. Bataillons, Oberstlieutenant Douglis, zur Disposition gestellt. Lieutenant Bairektari wurde aus den Armeelisten gestrichen und der Präfekt von Akarnanten abgesetzt. Die auf der Grenzlinie echolonirten Grenzbataillone wurden in Damnitza und Agrtmion internirt, der Rest der an der Grenze stationtrten Truppen nach Casanavara und Vonitza zurückbeordert.
Malta, 27. Februar. Das englische Canalgeschwader unter Lord John Hay, bestehend aus den Schiffen „Minotaur", „Black Prince", „Defence", „Shannon", „Foxhound" und „Wye", ist von Gibraltar hier eingetroffen. Die „Coquette" ist nach der Besika-Bay abgegangen; einige andere Schiffe folgen demnächst.
Berlin, 27. Februar. Aus den gestrigen Aeußerungen des Fürsten Bismarck gegenüber den Klerikalen nimmt die „Prov.-Corr." zu folgenden Bemerkungen Veranlassung: dem neuen Papste wird nach einigen Ankündigungen eine versöhnliche Gesinnung nachgerühmt, mit wie viel Recht, wird sich zeigen müßen. Jedenfalls hat sich die Rückwirkung dieser Gesinnung aus die Haltung der Centrumspartet des Reichstages seither nicht kundgegeben. Die letzten Verhandlungen geben vielmehr erneutes Zeugniß davon, daß dieselbe parlamentarische Kampfes- und Redeweise, welche seit Jahren in Ueberetnstimmung mit dem Geist und Wesen der ultramontanen Preße so viel zur Verbitterung und Schärfung der Gegensätze weit über das in der Sache begründete Maß beigetragen hat, ungeschwächt fortgesetzt wird, theilwetse mit besonderer Vorliebe zu persönlich verletzenden Angriffen zugespttzt, zur Vergiftung aller Erörterungen, auch solcher, welche dem kirchlichen Kampfe durchaus sernliegen.
— Die „Nat.-Ztg." erfährt von sehr gut unterrichteter Seite, daß die auch von ihr erwähnten Gerüchte über den Wiedereintritt des Ministers Delbrück in den Staats- und Reichsdienst vollständig unbegründet sind.
Galatz, 25. Februar. Die russischen Behörden traten mit der Donau- Commission in Verblndung, damit letztere die Wegräumung der Sperre der Sultna-Armee bewerkstellige.
Petersburg, 27. Februar. Die „Agence ruße" sagt: Die jüngst von Londoner Blättern publtctrten Mittheilungen über die russischen Friedensbedingungen sind vielfach ganz unrichtig. So hat Rußland unter Anderm niemals die Ausweisung der muselmännischen Einwohner aus Bulgarien, sondern nur die Abberufung der türkischen Beamten und Truppen verlangt. Auch die Angaben bezüglich der Dardanellenfrage ist unrichtig; diese Frage bleibt der europäischen Entscheidung Vorbehalten. — Fürst Gortschakoff befindet sich bester.
Lokal-Notiz.
Gießen, 28. Febr. Aus den Verhandlungen der Grotzherzoglichen Handels kammer zu Gießen. Sitzung vom 18. Februar 1878.
Anwesend: Sämmtliche Mitglieder.
Der Präsident berichtet über die Eingänge, welche theils den Acten und der Bibliothek überwiesen, theils zur Circulation bestimmt werden.
Die Handelskammer zu Trier theilte der Kammer eine Eingabe an den Reichstag betreffend: die Auüladefrtsten bet den Eisenbahnen unter dem Ersuchen mit, dieselbe in geeigneter Weise unterstützen zu wollen. Man kam diesem Wunsche mit Be reitwilligkeit noch, da die auf 6 Stnndem beschränkte Entladungsfrist auch am hiesigen Platze fortwährend zu Unzutiäglichkeiten zu führen geeignet ist, und schloß sich dem in vorerwähnter Eingabe ausgesprochenen Verlangen, daß diese Frist auf mindestens 8 Stunden, vom Empfang deS Avises an gerechnet, aus den dargelegten Gründen aus-
gedehnt werden möchte, an, jedoch unter ausdrücklicher Erwähnung deS Umstandes, daß hierorts im Gegensatz zu den deßfallsigen Bemerkungen der Trier'schen Eingabe hin- sichtlich der zollpflichtigen Gegenstände jetzt schon diejenige Rücksicht genommen weide, welche die einschlägigen Verhältnisse erheischen.
Die Handelskammer zu Bremen erließ durch Circularschreiben vom 13. d. M eine Einladung auf Montag oen 25. l- M, um mit sachverständigen Delegirlen daselbst üver die gefährdeten Tabak-interessen zu berathen und geeignete Schritte zur Einwirkung auf die gesetzgebenden Factoren deS Reichs zu vereinbaren — Die Kammer konnte sich weder den in diesem Etrcular angedeutelen Motiven anschließen, noch gegenüber dem üngst gefaßten Beschluss«, erst dann zu der preußischen Tabaksteueroorlage Stellung nehmen zu wollen, wenn der Gang der Verhandlungen im Reichstage Veranlassung dazu gegeben Haden würde, sich für Beschickung dieser Conferenz aussprechen, beschloß edoch die Conoocation sämmtlicher Jnterestenten des Bezirks zu einer Besprechung, um deren Ansichten über die Frage zu hören, j
Dieser Beschluß wurde jedoch gegenstar dslos, da die Handelskammer Bremen selbst schon am 20. c. die Einladung zu der beabsichtigten Conferenz zurückgezogen unbelichtet hatte, daß sie nach Lage der Sache nunmehr ebenfalls zu der Ueberzeugung gelangt sei, daß eine Discussion über die etwaige Nmendirung der Tabaksteueroorlage zur Zeit ohne practische Bedeutung sein dürfte.
Gießen, 28. Febr. Unsere Leser machen wir auf daS Freitag Abend in Wenzels Saalbau ftattfindende Concert der Jubiläumssänger hierdurch nochmals aufmerksam-
Vermischtes.
Darmstadt, 22. Febr. Seit einer Reihe von Jahren besteht im Großherzog- thum etn Londeslehrerverein. Während früher den Volksschullehrern die Betheiligung an solchen nicht unter Aufsicht der Schulbehörden stehenden Vereinen untersagt war, wird jetzt von der Regierung nicht beanstandet, daß sich die Lehrer an dem LandeS- lehreroerein betheiligen und hat die Regierung bis jetzt keine Veranlaffung gefunden, diesem Landeslehreroerein im Allgemeinen entgegen zu treten.
In diesem (Sinne ist auch nach unserer Information dem Herrn LandtagSabge- ordneten Büchner auf eine im Privatgespräche, während einer SitzungSpause in der 2. Kammer der Stände gestellte Anfrage geantwortet worden.
In Nr. 4 des „Schulboten für Hessen" befindet sich nun eine an die Mitglieder des Landeslehrervereins gerichtete Ansprache, in welcher dieselben unter Berufung auf die freundliche Gesinnung, welche die Großh. Staatsregierung gegen diesen Verein hege, aufgefordert werden, diejenigen Krelsschulinspektoren, welche in ihrem Auftreten gegen die Mitglieder des Vereins „ihre Stellung vergeffen und sich erlauben sollten, in der einen oder anderen Weise daS freie Vereinsrecht, das jedem Hessen, also auch dem Lehrer, gewährleistet ist, zu verkümmern" sofort dem Vorstande anzuzeigen, damit derselbe in der Lage sei, an maßgebender Stelle die erforderlichen Schritte thun zu können.
Wie bereits aus dem oben Bemerkten hervorgeht, lag für die Regierung seither keinerlei Veranlassung vor, dem LandeSlehrerverein gegenüber eine besondere Stellung einzunehmen, obwohl andererseits nicht zu verkennen ist, daß nicht selten in dem Verein und besonders in dem Vereinsorgan Bestrebungen zu Tage traten, die keineswegs auf eine freundliche Stellung den Maßnahmen der Regierung gegenüber und auf die Absicht schließen ließen, die Anordnungen derselben zur Durchführung des Schulgesetzes kräftig zu unterstützen.
Diesen Kundgebungen gegenüber muß es als eine Pflicht der Großh. Kreisschul inspektoren, wie aller anderen an der Schulverwaltung betheiligten Beamten erachtet werden, belehrend, aufklärend und berichtigend aufzutreten, während von einer Verkümmerung des freien Veremsrechtes dabei keine Rede sein kann. Mit Bedauern würde man aber wahrnehmen müssen, wenn die fragliche Ansprache in der Thai den Erfolg haben sollte, das Vertrauen zu den Großh. Kreisschulinspektoren, die ihrer ganzen Stellung nach die eigentlichen Vertrauensmänner des LeyrerftandeS sein sollen, zu schädigen, oder wenn gar, was indessen wohl nicht zu erwarten steht, einzelne Lehrer sich durch diese Ansprache zur Unbotmäßigkeit hinreißen lassen sollten, die sicher nicht ohne ernste Ahndung bleiben könnte.
Selbstverständlich bleibt es auch ferner jedem Lehrer, der sich durch Weisungetl oder Anordnungen eines Kretsschultnspektors verletzt fühlen sollte, unbenommen, darüber Beschwerde zu führen; diese Beschwerden sind indessen der Natur der Sache nach an die vorgesetzte Kreisschulcommisston, beziehungsweise die oberste Schulbehörde, feinem falls an den Vorstand des Landeslehrervereins zu richten.___________(Darmst. Zig.)
Eingesandt.
Seit einiger Zeit beschäftigt sich unsere Presse vielfach mit der Frage, wie dem Bettel und Vagabondenwesen abgeholfen werden kann. Es sind auch zu diesem Zwecke von den verschiedenen Communen Armenvereine gegründet worden. Obwohl dieses alles recht schön ist, kann es im Großen und Ganzen doch wenig nützen; schlagende Beweise sind die massenhaften Einkerkerungen der sogenannten Handwerksburschen. Da nun nichts mehr zur Demoralistrung des Menschen beitragen kann als das Beiteln, sowohl für den gezwungenen Bettler selbst, als für seine arbeitende Collegen — denn ein braver Arbeiter muß es für entehrend halten wenn man seine Mitarbeiter als Landstreicher und Vagabonden betrachtet —so wird ferner auch der tüchtigste Mann durch das Betteln allmällg zum Verbrecher gestempelt; diesem allen so viel wie möglich oorzu- beugen ist nur der Arbeiter allein im Stande, indem er sich den zu diesem Zweck gegründeten Arbeitervereinen anschließt, bei welchen jeder Arbeiter so lange er in Arbeit steht, wöchentlich fünfzehn Pfennige zahlt, dafür auf der Reise für jede zurückgelegte Meile (IVr Stunde) fünfzehn Pfennige erhält, was ihm in jeder Stadt wo sich ein solcher Verein befindet ausbezahlt wird. Auch ist mit diesem Vereine meist eine vom Staat garantirte Krankenkasse verbunden, welche, da sie centraliRrt und über ganz Deutschland verbreitet ist, es Jedem möglich macht, auch auf der Reise derselben anzugehören. Dieses ist um so mehr von Wichtigkeit, als der Arbeiter auf der Reife ganz besonders Krankheitsfällen ausgesetzt ist. Jedoch diese Vereine können nur dann ihrem Zweck vollständig entsprechen, wenn so viel wie möglich sämmtliche Arbeiter denselben angehören. Es ist dies nicht allein für die Mitglieder von großem Vortheil, sondern auch für die Meister und Fabrikanten, denn es wird Jeder zugeben müssen, daß man mit einem anständigen Arbeiter besser fertig werden kann, als mit einem durch das Betteln, und in Folge dessen von der Polizei vielfach bestraften Individuum. AuS diesem Grunde ist eö sogar eine heilige Pflicht der Herren Arbeitgeber, ihre Mr beiter anzuhalten, solchen Vereinen beizutreten, um in beiderseitigem Interesse den Folgen des VagabondenwesenS vorzubeugen.
Bis jetzt haben diese Vereine leider mit Vorurtheilen von Seiten der Arbeitgeber zu kämpfen gehabt, ja man ist ihnen sogar feindlich gegenüber getreten, indem man gewöhnt ist, alles was von Arbeitern ausgeht als staatsgefährlich hinzustellen (?)• Genannte Vereine beschäftigen sich aber nur mit dem Interesse ihrer Mitglieder und kümmern sich nicht um politische Angelegenheiten, sind also auch von diejern Standpunkt aus ernpsehlenswerth. Also Arbeiter welche sich den genannten Gewerkschaften noch nicht angeschlossen haben, mögen sich das Gesagte zu Herzen nehmen und sich denselben anschließen, denn nur dann werden sie im Stande fein, sich und ihre Brüder vor der moralischen wie physischen Versumpfung zu bewahren. w. A.
Allgemeiner Anzeiger.
910) Der Unterzeichnete hat sich dahier als Geometer und Bau» Techniker niedergelassen und empfiehlt sich zu allen in dieses Fach einschlagenden Arbeiten. — Alle Aufträge werde ich in kürzester Zeit ausführen.
Die geehrten Bewohner des Kreises Gießen bitte ich, mir ihre werthen Aufträge gefälligst zukommen zu lasten.
Die Herren Bürgermeister des Kreises Gießen bitte ich besonders, mir bei derart vorkommenden Arbeiten schriftliche Mittheilung zugehen zu lasten. Bestellungen können auch bei Spenglermeister Gustav Rühl in der Neustadt gemacht werden.
Gießen, den 12. Februar 1878.
W. Rühl,
Großherzoglicher Geometer und Bautechniker.
Wolkengasse 89.
Plisse
werden gelegt per Meter 5 (Mull und ähnliche Stoffe per Meter 4 Ä) bei
Th Haubach, Reichensand-Bahnhofsstr.
Zu miethcn gesucht
auf sofort eine Werkstatt mit Logis von Chr. Drücket, Drechsler, 1242)__________Kaplansgasse.
Samenhandlung von Carl Deines, Gartfeld, empfiehlt alle Sorten Samen in frischer Waare. (1247
1239) Verloren
ein Elfenbeinportemonnaie, Inhalt «X 10 in Gold und einige kleine Stücke. Abzugeben gegen Belohnung Asterweg 124.
Kostüme
jeder Art «erden von den einfachsten bis zu den 'elegantesten schnell und zu soliden Preisen gefertigt.; (1243
______Wilhelmstraße 18, 1 Treppe.
1246) Für eine der ältesten Leben-« Vers.-Actien-Gefellschaften wird für den KreiS Gietzen ein tüchtiger Vertreter gesucht. Offerten u. 0. P. 57 befördert die Central - Annoncen-Exp v. ö. L Daube Ls (ko., Gaffel, Orleansstr. 14.


