Ausgabe 
1.2.1878
 
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Eigenthum zu schützen, sich aber der Theilnahme an den Feindseligkeiten zwi­schen Rußland und der Türkei zu enthalten. Hierauf wurde die Debatte aus Donnerstag vertagt.

Abends. Im Unterhause beantragte Schatzkanzler Northcote, den an­gekündigten Supplementar-Credit zu bewilligen. Ec hob zur Begründung her­vor : Die Türkei sei aus dem Schlachtfelde besiegt und habe um Frieden nachgesucht. Rußland habe den Waffenstillstand von der Annahme von Frie­densgrundlagen abhängig gemacht. Der Pforte seien gewiffe Fciedensbasen mitgetheilt worden. Es heiße, die Pforte sei bereit, dieselben anzunehmen oder sie habe dieselben schon angenommen. Der britischen Regierung sei über die Unterzeichnung des Waffenstillstandes noch keine Information zugegangen. Der Grund der Verzögerung sei der Regierung unbekannt. Derselbe sei aber, wel­cher er wolle, es vergehe Tag aus Tag, ohne daß die Unterzeichnung erfolge. Die Ruffen setzten ihren Vormarsch fort. Den Wunsch, der Pforte Rath zu ertheilen, habe England nicht, weil damit eine große Verantwortlichkeit verbun­den sei. Die vom Grafen Schuwaloff der Regierung nicht officiell mitgetheilten Frievensgrundlagen, worüber die einschlägigen Schriftstücke dem Hause morgen würden vorgelegt werden, seien folgende: Bulgarien solle, soweit die bulgarische Nationalität sich erstrecke, jedoch in keinem geringeren Umfange, als die Confe- renz in Konstantinopel bestimmt habe, ein autonomer Tributärstaat sein, unter einem christlichen Gouverneur. Die türkischen Truppen sollten nach noch näher zu bestimmenden Punkten zurückgezogen werden. Die Unabhängigkeit Monte­negros mit einem dem militärischen status quo entsprechenden Gebietszuwachs, wofür die Bestimmung der Grenze Vorbehalten bleibe. Volle Unabhängigkeit Rumäniens unter ausreichender territorialer E ttschädigung. Völlige Unabhängig­keit Serbiens mit entsprechender Grenzbenchtizung. Bosnien und der Herze­gowina sollten ähnliche Reformen, wie den anderen christlichen Provinzen der Türkei gewährt werden. Die Kriegsentschädigung solle in Geld, Länderzuwachs oder anderen Aequivalenten bestehen und späterer Feststellung Vorbehalten sein. Endlich solle ein Einvernehmen hergestellt werden, wodurch Rußlands Interessen an der Durchfahrt durch die Dardanellen Rechnung getragen werde. Diese Bedingungen Rußlands seien sehr weitgehend. Bulgarien bilde die Mitte der europäischen Türkei. Die für B ilgarien geforderte Autonomie sei nicht blos eine administrative, sondern gleiche der rumänischen und serbischen vor dem Kriege. Ferner heiße es, der Czar wolle selbst für Bulgarien den Fürsten auswählen. Sonach würde im Herzen der Türkei eine bedeutende neue Macht unter einem Rußland ergebenen Fürsten gebildet werden. In Betreff Rumäniens, Serbiens und Montenegros würden die bezüglichen Fragen ander­wärts eingehender als von England geprüft werden und vielleicht Schwierig­keiten Hervorrufen. Ferner sei die Frage der Kriegsentschädigung eine sehr elastische. Rußland könne demnach eine teritoriale Entschädigung in der Form wählen, welche für Europa von größtem Interesse sei.

London, 29. Januar, Abends. Im Unterhause kündigte Forster an, er werde zu der Vorlage über die Creditsocderung einen Antrag einbringen. Auf Befragen Chaplin's erwiderte Schatzkanzler Northcote, die Regierung habe noch keine Nachricht von der Unterzeichnung des Waffenstillstandes erhalten. Unterstaatssecretär Lowther verlas ein Telegramm aus der Capstadt vom 8. d., wonach der Aufstand in der Ausdehnung begriffen war und nur mit größeren Streitkräften unterdrückt werden könne. Unterstaatssecretär Bourke erklärte auf Anregung Lesevre's: Die Vorlegung von auf Kreta bezüglichen Actenstücken sei nicht erwünscht, daselbst gebe es keine Jnsurrection, wohl aber Ruhestörun­gen. Der Antrag Forster's besagt: Das Haus sei durch die Thronrede be­nachrichtigt, daß keiner der Kriegführenden die Bedingungen der Neutralität verletzt habe; da das Haus keine weitere Mittheilung erhalten habe, welche eine Abweichung von der Neutralität hinreichend rechtfestigen könnte, so sehe es keinen Grund, die Lasten der Bevölkerung durch unnöthtge Credite zu vermehren.

Im Oberhause machte Lord Derby auf eine Anfrage von Emly fol« gende Mittheilung: Griechenlands Beschwerden über das Verhalten der ausge­wanderten Tscherkeffen seien berechtigt, so daß England vorstellig geworden sei, worauf die Pforte versprochen habe, die Ansiedlung der Tscherkeffen nicht über eine bedeutende Entfernung von der griechischen Grenze hinaus auszudehnen. Es seien wiederholt Erkundigungen erfolgt, ob Griechenland bei einer eventuellen Conferenz zuzulaffen sei; es sei darauf geantwortet worden, daß es noch nicht an der Zeit sei, diese Frage zu besprechen. Griechenland habe vernünftig ge­handelt, indem es dem Kriege sernblieb; das begründe indeß nicht einen An­spruch auf benachbartes Gebiet. Die Vorlegung von Schriftstücken sei wegen der in Athen herrschenden kriegerischen Stimmung nicht thunlich.

Italien.

Nom, 29. Januar. Die gegenwärtige Parlaments-Session wurde ge­schloffen und das Parlament ist aus den 20. Februar wieder einberufen.

Türkei.

Konstantinopel, 29. Januar. In Folge des andauernden Zuströ­mens von Flüchtlingen wurde die Polizei verstärkt.

Griechenland.

Athen, 29. Januar. Die Kammer stimmte mit 91 gegen 6 Stim­men den anläßlich der Unruhen ergriffenen Maßregeln zu. Die Regierung, welche die Cabinetsfrege stellte, bleibt im Amte. Die Ruhe darf jetzt, nachdem noch einige Verhaftungen vorgenommen worden sind, als vollkommen wieder­hergestellt angesehen werden.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr* Eorrespondenz-Bureau.

Petersburg, 30. Januar. (Amtliche Meldung.) Generaladjutant Ankas berichtet telegraphisch: Der DampferKonstantin", der am 22. von Sebastopol abgegangen und nachdem er einen heftigen Sturm bestanden, am 24. bei ^ruchum Kale angekommen war, näherte sich am 26. d. Nachts Datum, woselbst sich ein aus 7 großen Schiffen bestehendes türkisches Geschwader be- fand. Der Commandant desKonstantin", Capitän Abakaroff, entsendete 2 ^orpedo-Knttcr mit Whithead-Torpedos; von letzteren wurden darauf 2 gegen den Wache haltenden türkischen Schraubendampfer losgelaffen, wodurch dieser vollständig gebrochen und zum raschen Sinken gebracht wurde, so daß die Trümmer die Wafferstäche bedeckten. Die Kutter vermochten die Mannschaft

nicht zu retten und kehrten zumKonstantin" zurück, welcher darauf die Küste entlang gegen Samsun segelte und am 28. nach Sebastopol zurückkehrte.

Berlin, 30. Jinuar. DieNordd. Allgem. Zeitung" schreibt: Die Mittheilung, daß der Vorlage über die Stellvertretung des Reichskanzlers noch eine Denkschrift beigegeben sei ist unrichtig; ebenso die weitere Behauptung, der Reichskanzler habe für den Fall der Ablehnung der Vorlage sein Enr- laffungsgesuch angekündigt.

Wien, 30. Januar. Die hierher telegraphirte Mittheilung des Lon­donerDaily Telegraph", daß Oesterreich und England identische Noten an bas Petersburger Cabinet gerichtet hätten, wonach die Friedensbedinzungen einer europäischen Conferenz vorzulegen wären, wird diesseitig als pure Er­findung bezeichnet.

London, 30 Januar. Im U iterhause kündigte Pim an, er werde an­läßlich der Creditsocderuiig folgenden Antrag stellen: das Haus möge die von der Regierung beobachtete Politik anerkennen, nachdem seitens des Kaisers von Rußland das Versprechen gegeben sei, daß er nur die Sicherstellung des Looses der Christen un) keinen Gebietszuwachs anstrebe; das Haus sei der Ansicht, baß das Versprechen des Kaisers durch die Friedensbasen und den russischen Vormarsch umgangen sei und erachte deshalb die sofortige Action Englands ils absolute Nothweudigkeit; das H ms eriuche daher um Vorlage des Budgets behufs Stellung der Armee und Flotte auf den Kriegsfuß.

London, 30. Januar. In Parlamentskreisen glaubt man, daß die Regierung bei der Abstimmung über die Creditforderung eine Majorität von 100 Stimmen für sich haben werde.

London, 30. Jinuar. In Parlamentskreisen nimmt man an, daß die Debatte über die Creditforderung etwa vier Abende in Anspruch nehmen werde. Das Amendement Forster's gegen die Creditforderung ist eingebracht worden, um Hartington, dem Führer der Opposition im Unterbause, zu ermöglichen, am Schluß der Debatte das Wort zu ergreifen.

Petersburg, 30 Januar. Em officielles Telegramm des Generals Zimmermann aus Medschidje vom 28. d. berichtet über deffen Kämpfe gegen die Besatzung von Bazardschik, bis zu deffen Befestigungen die Ruffen vor- dranzen. Die Wege sind in Folge des Thauwetters grundlos und der Pro- oianttransport deshalb sehr schwierig zu bewerkstelligen. Die Ruffen hatten keine Vocräthe und litten selbst Mangel an Waffer.

London, 30. Januar. Aus der dem englischen Parlament mitgetheilten neuesten diplomatischen Correspondenz ist Folgendes hervorzuheben: Layard machte am 25. Derby die Mittheilung, die Friedensbedingungen kämen der Vernichtung des türkischen Reiches in Europa gleich. Eine Depesche Gortschakoffs an den hiesigen russischen Botschafter Schuwaloff vom 24. d. besagt: Nach eingegangenen Berichten würden türkische Truppen nach Gallipoli dirigirt, gleichwohl habe der Kaiser den Großfürsten Nikolaus angewiesen, nach dieser Richtung zwar em Beobachtungscorps vorznsenden, aber nicht bis Galli­poli vorzurücken. Rußland sei daher nicht nur seinen Intentionen treu geblieben, sondern habe noch mehr gethan, wenn wirklich türkische reguläre Truppen sich in Gallipoli befinden sollten. Ein Memorandum Derby's an Schuwaloff vom 13. d. hebt hervor, daß die Vermeidung einer auch nur temporären Be­setzung von Konstantinopel wünschenswerth sei und drückt die Hoffnung aus, Rußland werde, um jede Störung der guten Beziehungen zu vermeiden, keinen Versuch machen, Konstantinopel und die Dardanellenstraße zu besetzen. Anderen­falls behalte sich England alle zum Schutz seiner Jntereffen nothwendigen Schritte vor. Gortschakoff antwortete hierauf, der Kaiser intendire jetzt so wenig, wie vor dem Kriege, die Besitzergreifung Konstantinopels. Der Kaiser behalte sich aber volle Actionssreiheit vor, welche das Recht eines jeden Krieg­führenden sei.

Washington, 30. Januar. Der Senator für Wisconsin, Cameron, stellte zu der Bland'schen Silberbill das Amendement, daß das Gewicht der Silber-Dollars 420 Grain anstatt 412 betragen soll.New-Dork World" ist der Ansicht, es werde auf Grund des Cameron'schen Amendements zur Ver­ständigung über die Silberfrage kommen.

* Konstantinopel, 30. Januar. Die Pforte hat den Großmächten nachgewiesen, Rußland verzögere den Frieden. Darob sei die Aufregung wach­send und ein Maffacre zu befürchten. Der Sultan beabsichtigt, England um abermalige Absendung der britischen Flotte nach Konstantinopel zu ersuchen.

Wien, 30. Januar. DiePolit. Corresp." meldet aus Rom: Der Ministerpräsident Depretis sprach aus freien Stücken gegenüber dem österreichi­schen Botschafter sein Bedauern darüber aus, daß trotz ertheilter strengster Wei­sungen anläßlich des Leichenbegängniffes Victor Emanuels einige feindselige Demonstrationen von Trientinern stattfinden konnten. Der Minister des In­nern habe wegen dieses Falles eine Untersuchung angeordnet. DiePolit. Corresp." meldet aus Cattaro von heute: Die Montenegriner haben, nachdem die befestigte Insel Wranjina sich ihnen ergeben hatte, gestern den Benjanafluß von Albanien aus überschritten. Die türkische Garnison von Trebinje ist am 29. Januar gegen Ljubinje abgezogen.

* Wien, 30. Jan. Das gestern angezeigte, nach Petersburg abge­gangene Schriftstück des auswärtigen Amtes trägt durchaus den Character eines Ultimatums. Es lautet in seinem Hauptpunkte: Alle Bestimmungen, welche die europäischen Jntereffen und welche die österreichischen Sonder- intereffen berühren, sind, wenngleich zwischen der Türkei und Rußland ver­einbart, für Oesterreich ungiltig; desgleichen alle Bestimmungen eines solchen Separatvertrages zwischen Rußland und der Türkei, wodurch bestehende euro­päische Verträge aufgehoben werden. Eine Aenderung solcher Verträge steht vielmehr nur den alten Vertragschließenden gemeinschaftlich zu. Umgehende Rück­äußerung ist erbeten.

* Konstantinopel, 30. Januar. Die Aufregung hat hier den höchsten Grad erreicht. Rußland verweigerte im letzten Momente so­wohl die Unterzeichnung des eigentlichen Waffenstillstandes als überhaupt der allgemeinen Basis. Die Ruffen rücken auf der ganzen Linie vor und stehen in Tscherkeskiöi an der Eisenbahn zwischen Tschorlu und Konstantinopel, von letzterem in gerader Linie nur 85 Kilometer entfernt. Der Telegraph nach Varna ist unterbrochen und man befürchtet, daß bald der Telegraph nach ganz Europa abgeschnitteu sein wird. Am 28. Abends sind die Russen in Tschorlu, Lüle- Burgas und in Rodosto an der See eingetroffen. Mehemed Ali und Mukhtar werfen sich ihnen entgegen. In ihrer Armee haben sie 24,000 Nizams. Auch Suleiman ist nut seiner Armeeaufstellung fertig und wird demnächst den Kamvf aufnehmen.

Oxford, 30. Januar. Bei dem Empfange einer Adresse derLiberalen