Krankheit genug Menschenleben kostet. So ist denn die Politik des Zuwartens, welche England eingeschlagen hat, unter den gegebenen Verhältnissen allerdings tie richtige, da die einer Unterstützung der Türkei ausgeschlossen ist, nachdem Letztere sich unfähig gezeigt hat, selbst diejenigen Reformen, welche sie selbst als rrothwendlg anerkannt hat, in Ausführung zu bringen. Ebenso weise ist die Enthaltsamkeit Oesterreichs, dessen Reichskanzler in diesem Augenblicke schon den Triumph feiert, daß seine eigenen Landsleute, die Ungarn, welche bisher seiner Politik Opposition machten, sich zu der Unmöglichkeit bekennen, daß der Türkei Hülfe geleistet werde. Vor allen Dingen aber dürfen wir darauf vertrauen, daß auch Deutschland bei aller Freundschaft zu Rußland im rechten Augenblicke lein gewichtiges Wort in die Wagschale werfen werde, um etwaige „Jrrthümer" in jener oben erwähnten Rechnung Rußlands beseitigen zu Helsen. Täuscht die Hoffnung nicht, so kann erwartet werden, daß dieser Krieg im Ganzen und «Großen den Nationen, für welche er geführt wird, und damit der gesammten europäischen Völkersamilie -um Guten ausschlage.
Deutschland.
Berlin, 27. Juli. Consistorial-Präsident Hegel hat dem Prediger Rhode wegen seiner Rede über das Apostolicum auf der Synode Berlin -Cöln einen ernsten und nachdrücklichen Verweis auferlegt.
Hesterreich.
Wien, 28. Juli. Midhat ist in Wien eingetroffen; er wird Groß -vezir. Der Aacht „Jz-edin" wird nach Triest kommen, um ihn abzuholen. Suleiman Pascha hat keine Niederlage erlitten, nur seine Vorhut wurde geschlagen. Osman Pascha zog die Nischer Garnison zur Verstärkung herbei, Mehemed Ali operirt gegen Osman-Bazar. Die Russen zwingen die türkische Bevölkerung aus Bulgarien auszuwandern. Die bulgarische Legion zieht sich Sei jedem Zusammenstoß mit den Türken zurück. Die Russen beschuldigen die Vulgaren der Feigheit. Die Türken - Meetings in Ungarn werden fortgesetzt. Es geht das Gerücht, Feldmarschall-Lieutenant Mollinary habe abgedankt.
— Midhat Pascha hatte heute Vormittag eine zweistündige Besprechung mitt dem hiesigen türkischen Botschafter Aleko Pascha.
Ararrkreich.
Paris, 27. Juli. Marschall Mac Mahon ist heute nach Orleans und Vourges abgereist; derselbe wird morgen in Bourges eine Rede halten.
Paris, 27. Juni. Die „Agence Havas" meldet aus Konstantinopel Dom 27. d.: Der Sturz des seitherigen Großvezirs Edhem Pascha scheint unmittelbar bevorzustehen. Es gilt für sicher, daß Abdul Kerim und Redif Pascha sich vor einem Kriegsrath zu verantworten haben werden.
England
London, 27. Juli. Das Kriegsamt hat die Equipirung der Reserve- Heldgeschütze angeordnet. In Folge dessen ist im Arsenal von Woolwich eine größere Thätigkeit eingetreten. — „Daily News" erfährt, daß der nationale Hilfsverein angegangen werden soll, eine gleiche Anzahl Ambulanzen der russischen mib der türkischen Armee zu senden.
London, 27. Juli. Das „Neuter'fche Bureau" meldet aus Konstantinopel, 36. Juli: Der Scheikh-ül-Jslam ist abgesetzt und Kara Effendt zu seinem Nachfolger ernannt worden. — Dasselbe Bureau meldet aus Adrianopel 26. d.: Die hiesigen Consuln richteten eine Note an den Gouverneur, in welcher Garantien für die öffentliche Sicherheit verlangt werden. Der italienische Consul rieth seinen Landsleuten an, von hier abzureisen. Die Russen haben 5 Eisenbahnbrücken zwischen Jamboli und Philippopel zerstört. Das bewegliche Eisenbahn- Material ward nach Konstantinopel geschafft.
Ataüa»
Rom, 28. Juli. Die „Liberta" und die „Fanfulla" dementiren die Nachricht, daß der Minister des Aeußern, Melegabi, erklärt habe, eine britische Occupation von Gallipoli beeinträchtige die italienischen Interessen. Die „Fanfulla" fügt hinzu, die Beziehungen zwischen England und Italien seien die freundschaftlichsten.
Amerika.
Rew-Nork, 27. Juli. Die Situation hat sich gebessert, es herrscht allenthalben Ruhe, außer in Chicago, e>t. Louis, Louisville und San Francisco. An letzterem Orte kam es zu ernsteren Zusammenstößen, wobei die Truppen auf die Aufständischen schossen; welche Verluste dies zur Folge hatte, ist nicht bekannt. Die Behörden entfalten an allen Orten große Wachsamkeit.
New-Bork, 27. Juli. Die bisher strikenden Arbeiter der Erie- und der Newyorker Central-Bahn haben die Arbeit wieder ausgenommen und sich der Lohn-Herabsetzung gefügt. In einem seitens eines Arbeiter-Comites dem SkaatS-Secretär Ewarts überreichten Memorandum wird die Regierung aufgefordert, Behufs Beendigung des Strikes einen Schiedsspruch in Vorschlag zu bringen. Die Gruben-Arbeiter im Thale Lackawanna haben gestern ebenfalls die Arbeit eingestellt, die Maschinisten verließen die Gruben und ließen Wasser einströmen. In Chicago haben gestern Abend neue Unruhen stattgefunden. Die Miliz gab Feuer, wodurch fünfzehn Aufrüher qetödtet wurden.
Der orientalische Krieg.
Pera, 27. Juli. Bei Karabunar fand ein Gefecht zwischen den Russen und den Türken unter Suleiman Pascha statt. Letzterer wurde geschlagen, verlor 10 Geschütze und zvg sich auf Adrianopel zurück. Die Straße zwischen Philippopel und Adrianopel wurde bei Chaskoi von den Russen durchbrochen, die auch bei Jamboli und zwischen Eskisagra und Tartarbuna stehen.
Wien, 27. Juli. Die „Presse" meldet aus Bukarest: Der russische Dan pfer „Vesta" hatte am Dienstag einen Geschütz-Kampf mit zwei türkischen Panzer-Schiffen, welcher dahin ausging, daß „Vesta", stark beschädigt, sich mit Verlust von 5 Osficieren und 30 Matrosen nach Sebastopol zurückzog. Dasselbe Blatt berichtet aus Konstantinopel: Die von den Russen (wie schon gemeldet) mit Verlust von 10 Geschützen geschlagenen Truppen Suleiman Pascha's bildeten dessen Avantgarde und zählten 15 Bataillone nebst 2 Batterieen. Bei der Balkan-Armee sind über Varna weitere 20,000 Mann Verstärkung eingetroffen.
— Der „Polit. Corresp." wird aus Cettinje vom 27. Juli telegraphirt: Heute früh wurde die Beschießung der Festung Niksic von allen Seiten eröffnet.
Die in den letzten Tagen eroberten Vorwerke von Niksic wurden von den Mon» tenegrinern in die Luft gesprengt.
Bukarest, 27. Juli. Silistria ist von dem zweiten russischen Armee- Corps eingeschlossen.
Konstantinopel, 27. Juli. Der französische Consul in Cavale, der griechische Consul in Burgas und der französische und italienische Consul ui Gallipoli ersuchten ihre hiesigen Gesandten um die Absendung von Kriegsschiffen, weil die Muselmänner die höchste Aufregung an den Tag legten.
— Die „Agence Havas" meldet: Aus Rumelien kommt die Kunde von Gefechten zwischen Eskisagra, Jenitzagra und Karabunar-Hermanly. Die Türken haben Bajazid und Penek wieder besetzt.
Petersburg , 27. Juli. Aus Bjela vom 25. wird officiell gemeldet: General Semeka berichtet Folgendes: Am 2t. erschienen türkische Fahrzeuge an der Küste der Krim gegenüber Aluschta Karajusen. Um Mitternacht unternahmen russische Freiwillige auf Booten eine Recognoscirung gegen das auf dem Meer sichtbare Feuer hin. Seitens der Türken wurde nun gegen dieselben ein unwirksames Feuer eröffnet und ein Dampfkutter an die Küste entsendet, welcher sich aber vor dem Gewehrfeuer der russischen Infanterie zurückziehen mußte. Die türkischen Fahrzeuge entfernten sich daraus nach dem offenen Meer hin, ein Dampfer zeigte sich gegenüber Parmenite.
Wien, 28. Juli. Einem Telegramm der „Neuen Fr. Pr." aus Bukarest vom 26. d. zufolge würde der Kaiser von Rußland heute in Frateschti eintreffen. Morgen erwarte man den Sturm-Angriff auf Rustschuk. Die „Deutsche Ztg." meldet aus Bukarest vom 27. d.: Beträchtliche Massen rufst« scher Truppen marschiren über den Landweg von Krasna, südöstlich von Rust- schuk, wohin von Sistowa eiligst Belagerungs-Geschütze abgehen. An den Geschützsiäuden einer großen Batterie und Magazinen wird ununterbrochen gebaut. Seit gestern langen täglich 10—12 Züge Verwundete an. Baket wurde gestern von Rahowa aus stark beschossen. Die rumänischen Truppen hatten einige Verluste. Die gesammte Garnison von Nisch rückt in Eilmärschen nach dem Kriegsschauplatz.
— Das „Tageblatt" meldet aus Turn-Magurelli, dem letzten Gefechte am Lomflusse hätten der Großfürst Thronfolger und Don Carlos beigewohnt. Beide wären einen Moment in großer Gefahr gewesen.
Konstantinopel, 28 Juli. Die britische Flotte verließ die Bestka- Bay, die Bestimmung derselben ist jedoch unbekannt. Man glaubt, sie werde zum Kreuzen verwendet werden. — Aus Schumla wird gemeldet, daß Aziz Pascha in einem Vorposten-Gefechte gefallen sei.
Lokal-Notiz.
Gießen, 30. Juli. Wir lassen nachstehend das Protocoll der Stadtverordneten- Sitzuna vom 19. Juli 1877 folgen:
1. Die diesjährigen Zinsen von dem für die Stadtarmen gestifteten Kapital des Herrn Christian Gerhard Hast wurden in der heutigen Sitzung en 10würdige Personen vergeben.
2 Die früher ln's Auge gefaßte Erbauung eines Leiterschuppens für die freiwillige städtische Feuerwehr in den Schulhof an der Schulstraße soll unterbleiben.
3. Eine Gebühren-Rechnung der Feldgeschwornen für dem Großh. Geometer Buttron bei den Parzellenvermessungsarbeiten ertheilte Auskunft mit 165 JC. wurde zur Auszahlung genehmigt.
4. Dem Herrn Friedhossaufseher Noll wurde die Ausführung der auf dem Friedhof erforderlichen Planirarbeit für die veranschlagten 120 JL übertragen.
5. Das Baugesuch der Ludwig Neidel's Wittwe erhielt nicht die Zustimmung der Stadtverordneten-Versammlung, weil der Bauplatz nicht innerhalb des genehmigten Stadtbauplans liegt.
6. Wegen der zur Vorlage gekommenen Bauaesuche der Herren Philipp Valentin, Philipp Jünger, Gg. Stiehler, S. Katzenstein u. Herm. Werner, sowie der Frau Anna Marie Stollmer soll sich befürwortend ausgesprochen werden, ebenso bezüglich des Gesuchs von Herrn Ludwig Schmidt, welcher auf seinen Platz vor dem Schützenhof bauen will, jedoch mit dem Zusatz, daß demselben die Herstellung einer schöneren Fa?ade nach der Stadt zu aufgegeben werden möge.
7. Weil die Stattgebung der von Herrn Theodor Haubach nachgesuchten Erlaubniß zur Anlegung von Kohlenschilsen vor seinem Hause in der Retchensand- Bahnhofsstraße mancherlei Unzuträglichkeiten im Gefolge hat, wurde sich gegen Gewährung des Gesuchs ausgesprochen. r m
8. Die Gesuche der Herren vr. v. Lohr und Jacob Balser, welche ihr Eigen- thum mit einer Einfriedigung versehen lassen wollen, sollen zur Genehmigung empfohlen werden.
Vermischtes.
Mainz, 26. Juli. Ein hübsches Namenstagsgeschenk wurde der Anna Maria Wollstadt in Kostheim heute zu Thnl Bekanntlich war dieselbe das Opfer jener Beschießung von Kostheim am 15. November 1875. Heute, am Namenstag der Verletzten, verurtheilte das hiesige Obergericht endgiltig den MilitärsiskuS zu einem Schadenersatz von zehntausend Mark und zu den Zinsen vom 15. November 1875 ab. Wir gratu- liren der Betreffenden und Jedermann wird sich mit uns nicht nur über die der Verletzten zuerkannte Entschädigung freuen, sondern auch darüber, daß militärische Unvorsichtigkeiten, wie sie noch jüngst vom Griesheimer Schießplatz gemeldet werden mußten, nun auch möglichst beseitigt werden.
Darmstadt, 27. Juli. Um auch die Schuljugend mit der Gestalt und den Lebensbedtngungen des Kartoffel-Käfers bekannt zu machen und deren Aufmerksamkeit auf das Vorkommen derselben anzuregen, hat die Abtbeilung für Schulangelegenheiten bei Großh. Ministerium des Innern die Großh. Kreis-Schulcommissionen angewiesen, den Orts-Schulvorständen die Nachbildungen deS Käser« in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen, welche von Gebrüder Stollwerck in Köln angefertigt werden, zur Anschaffung als Lehrmittel zu empfehlen und die Beschaffung dadurch zu erleichtere daß die Bestellungen durch die Kreis-Schulcommissionen gesammelt und nn die Großh. Centralstelle für die Landwirlhschaft zur gemeinsamen Ausführung des Bezuges eingesendet werden. Die spätere Vertheilung an die einzelnen Gemeinden geschieht dann wieder durch die Kreis-Schulcommissionen.
Offenbach, 27. Juli. Nicht nur den Metzgern und Bäckern, sondern auch den Mehlhändlern rückt unsere Polizei, und das mit vollem Recht, zu Leibe, wenn sie schlechte Maare für gute anzubringen suchen, wie ein gestern hier vorgekommener Fall bestätigt. Neun Centner Mehl, welche ein auswärtiger Müller einem hiesigen Bäckermeister geliefert hatte, die sticksig und moderig rocken, vollständig verdorben waren und für ungenießbar befunden wurden, wurden confiscirt. Ebenso auch eine Quantität Milch, die mit Vs Wasser vermischt war.
Barmen, 21. Juli. Man liest in der „Barmer Ztg.": .Vor einiger Zeit bestellte ein hiesiger Restaurateur bet einem am Rhein wohnenden WeingutSbesitzer eine Sendung „Rüdesheimer" zu verhältnißmäßig hohem Preise, unter der Bedingung einen reinen guten Naturwein geliefert zu erhalten. Die Lieferung erfolgte, der ..natürliche Rüdesheimer" erwies sich aber alsbald so verdächtig, daß der Empfänger sich veranlaßt fand, einige Flascken davon einem renommirten Chemiker zur Prüfung einzusenden. Der Restaurateur erhielt darauf folgende charakteristische Antwort: "^"hrt^ Herr! Den von Ihnen zur Untersuckung eingeschsckten Wein „Rüdesheimer" habe ich einer sorgsamen chemischen wie optischen Analyse unterworfen. Es ergab sich b ter bet mit absoluter Sicherheit, daß dieser sog. Rüdesheimer ein mit ordinatrem käuflichem


