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f¥o. 194. Dienstag, den 31. Juli 1899

Kichmer Myeiger

ASM- unii Amtsiilstt für i>en Kreis Gießen.

Ers Leint täglich mit Ausnahme deS Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlolm.

Expeditionr Schulstrahe, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Bekannt in a ch n n g.

Großherzogliches Ministerium des Innern bat dem Stadtvorstand zu Friedberg gestattet, bei Anlaß des im October L I. daselbst stattfindenden Fohlen- und Pferdemarkts eine Verloosung von Fohlen und anderen landwirthschaftlichen Gegenständen mittelst 10000 Loosen ä 1 Vz Ju veranstalten und die Loose im Großherzogthum abzusetzen.

Gießen, 27. Juli 1877.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V. d. K.:

Dr. Hoffmann, Regierungs-Rath.

Localreglemeut.

Nach Anhörung der Localpolizeibehörde und des Ortsvorstandes zu Ruppertsburg wird mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern vom 5. l. M. zu Nr. M. d. I. 9922 hiermit angeordnet:

1) Die Räder der Lastfuhrwerke, welche die Straße von Hungen nach Laubach in der Gemarkung Ruppertsburg gewerbsmäßig oder regelmäßig, wenn auch nur zeitweise mit Eisen, Steinen, Steinkohlen, Holzessig, Natron, Schwerspath befahren, müssen eine Felgenbreite von wenigstens 12 Zentimeter haben.

2) Die Eigenthümer der unter 1 bezeichneten Fuhrwerke, deren Näder die erwähnte Felgenbreite nicht haben, werden nach § 366 pos. 10 des Straf­gesetzbuchs für das Deutsche Reich mit Geldstrafe bis zu 60 JL oder mit Haft bis zu vierzehn Tagen bestraft.

3) Gegenwärtige Vorschriften treten mit dem 1. November 1877 in Kraft.

Schotten, den 17. Juli 1877.

Großherzogliches Kreisamt schotten.

Dr. D i e tz s ch. _______________

politisch

Zur allgemeinen politischen Lage.

Wenn auch schou beim Beginn des orientalischen Krieges für unbefangene Urtheiler kein Zweifel darüber bestand, daß von den beiden Gegnern der eine, immlid) die Russen, dem andern überlegen sei und der große Streit in einer Niederlage der Türkei endigen werde, so hatte man sich doch wohl kaum vor gestellt, daß das Osmanenreich, trotz seiner zerrütteten Verhältnisse, sich als so wenig widerstandsfähig zeigen würde, wie es sich bis zu diesem Augenblicke wenigstens gezeigt hat. Selbst diejenigen nun, welche die Unhaltbarkeit der türkischen Herrschaft über deren christliche Unterthanen in Europa längst erkannt und die Befreiung dieser gewünscht hatten, fangen vielfach schon zu fürchten an, daß die Rusten durch einen vielleicht 311 schnellen Sieg berauscht, von der ver­sprochenen Mäßigung abweichen und den Donauländern statt der Freiheit nur eine neue Knechtschaft auferlegen möchten. Wenn für uns Deutsche nach dcm Aussprüche des Reichskanzlers der orientalische Krieg kein unmittelbares In­teresse hat, so liegt doch für Oesterreich die Sache anders, wo die schnellen Fortschritte der Russen und mehr noch deren Maßregeln in der Bulgarci, die auf den Plan einer Russificirung des Landes hindeuten, eine gewisse Besorgniß hervorgerufen haben, indem es sich eben für diesen Staat in der orientalischen Krisis doch um mehr handelt, als blos um die Neutralität Serbiens und Rumäniens.

Man soll daher von Wien aus seinen Blick auf England zu richten an- gefangen haben, ob dies vielleicht geneigt sei, etwaigen moskovitischen Erobe- runzeplänen Einhalt zu gebieten. Möglicher Weise kommen dergleichen Be­fürchtungen noch zu früh und ist Rußland entschlosten, an seinem bekannten Programme festzuhalten; wo nicht, so steht freilich zu erwarten, daß das Drei-Kaiser-Bündniß Schaden leide und Oesterreich mit England verbündet Rußland entgegentreten werde.

Die Greuel, welche auf dem Schauplatze des Krieges, besonders an der mohamedanischen Bevölkerung Bulgariens, verübt werden, fangen an, allerorten viel böses Blut zu machen. Allerdings mögen die Klagen der türkischen Regie­rung in dieser Hinsicht übertrieben sein und die wirklichen Blutthaten in den wenigsten Fällen von russischen Soldaten ausgehen, aber es bleibt sicherlich immer genug davon übrig, daß man vom Standpunkte der Menschlichkeit aus dadurch auf's Peinlichste berührt werden muß. Die bulgarische Bevölkerung übt damit Represtalien für den langen Druck, den sie Seitens der Osmanen erfahren hat, aber es scheint nicht, daß die Rusten Alles thun, was sie thun können, diese Ausbrüche eines lang verhaltenen Rachegesühls zu hindern. Wo sie in der Bulgarei festen Fuß fasten, organisiren sie die Verwaltung auf russi­schem Fuße mittelst russischer Beamten, die waffenfähigen Mannschaften aber vereinigen sie zu einer Art Landsturm, welche zumal auf einem Schauplatze, wie der des orientallschen Krieges ist, ein wichtiges Element des Kampfes bildet- insofern dadurch ihrem Angriff allerwege Vorschub geleistet, den Türken da­gegen die Kriegsführung bedeutend erschwert wird. Bulgarien soll eben definitiv von der Türkei losgerissen, die Wiederkunft der Osmanen unmöglich gemacht werden: das ist das Ziel alles Thuns und Lastens der Rusten in dem schon halb eroberten Lande; welche Rechnung dann später von Rußland dem vielleicht ichmerzlich überraschten Europa präsentirt werden wird für die der christlichen Bevölkerung der Donanländer geleisteten Hülfe das muß eben abgewartet werden.

er H ß e i l.

Sind bisher die süvslavischen Völker an der untern Donau, die Serben und Bosnier, die Herzegowiner und Bulgaren, auf dem von Rußland ausge- gangeuen Anstoß hin in den Vordergrund der Bewegung getreten, so darf doch nie vergessen werden, daß das Hauptvolk der Balkanhalbinsel, das numerisch stärkste und geistig regsamste Volk der europäischen Türkei, die Griechen sind. Diese haben zwar bis jetzt den russischen Aufreizungen widerstanden, wie sie denn gewitzigt genug sind, um statt der indolenten Türkenherrschast sich die moskowitische zu ersehnen, aber es liegen doch Anzeichen vor, daß nunmehr auch sie vom Königreich aus unterstützt, in die Jnsurrection gegen ihre bisherigen Herren übergehen werden. Schon beginnt in Thestalien die Bildung von Guerilla's, die bald zu Heereshaufen anschwellen sich der Städte und festen Plätze zu bemächtigen suchen werden, und daß die Türken andererseits für die Ruhe auf der immer zur Empörung geneigten Insel Creta fürchten, beweist die Anwesenheit ihres Floltengeschwaders in den dortigen Gewässern. Wenn zugleich berichtet wird, daß es dem Königreich Griechenland endlich gelungen sei, eine Anleihe von 30 Millionen Drachmen (= 22 Millionen Mark) ab- zuschließen, um seine begonnenen Kriegsrüstungen bester zu betreiben, so sieht man, daß dem Osmanenreiche in diesem Momente, wo die nordischen Feinde bereits siegreich den Balkan übersatten und sämmtliche Donaufestungen cernirt haben oder bedrohen, die türkischen' Heere aber örtlich zertheilt und ohne ein­heitliche Leitung sind, ein neuer Gegner droht. Abgesehen von dem allgemeinen Impulse, der es den unterdrückten Landsleuten zu Hülfe zu kommen drängt, befindet sich das Königreich Griechenland in eine gewisse Nothwendigkeit ver­setzt, jetzt in die Action einzutreten, um bei der Zerstückelung der Türkei nicht etwa zu kurz zu kommen. Sein bisheriger Bestand verurtheilte dasselbe zu einer so kümmerlichen Existenz, daß es niemals zur gedeihlichen Entwicklung gelangen konnte: jetzt scheint aber der Augenblick gekommen, das wohl berech« tigte Verlangen dieser intelligentesten, strebsamsten und hoffnungsreichsten Nation Südosteuropas nach Einheit und Freiheit zu erfüllen. Was Italien und Deutschland erreicht haben, wie sollten wir das den Griechen mißgönnen, deren Vorfahren, die Schöpfer unsterblicher Werke in Kunst und Wissenschaft, in mehr als einer Hinsicht unserer modernen Cultur den Weg gebrochen haben?

Faßt" man Beides in's Auge: die Unhaltbarkeit des türkischen Regiments in den slawischen Danauländern, dem gegenwärtig gründlich ein Ende gemacht wird, und die Unmöglichkeit, daß auf die Dauer das griechische Volk in seiner jetzigen zerrissenen Existenz verbliebe, so ergibt sich für die allgemeine politische Constellation sofort die Unzulässigkeit einer Einmischung irgend eines europäischen Staates zu Gunsten der Türkei. Das ist der Sinn des Derby'schen Satzes, England dürfte sich in keine Unternehmung einlaffen, die es nicht durchführen könne; und ebenso des Bismarck'schen Satzes, daß die Zett zu Vermittlungen noch nicht gekommen sei. Andererseits aber wird Europa darüber zu wachen haben, daß Rußland nicht ohne Weiteres in die Erbschaft des todtkranken Mannes trete, dem es den Garaus zu machen beschäftigt ist. Darum hält Oesterreich (übrigens in aller Freundschaft gegen Rußland, so lange dieses sein Programm nicht verläßt) Truppen bereit, darum wollen die Engländer die Dardanellenstraße (Gallipoli) besetzen. Ein so gewaltiger Krieg wird die Kräfte Rußlands immerhin stark in Anspruch nehmen, da es sich um große Lander- maffen handelt, deren Wegnahme nicht geringe Anstrengung erfordert; es wird also allerdings auch bei vollständigem Siege geschwächt aus dem Kampfe her­vorgehen, der schon jetzt weniger durch das Schwert als durch Hunger und