Ausgabe 
29.4.1877 Zweites Blatt
 
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Benedictine, Pepsinliqueur sowie alle sonstig^ Jfitihisltl!

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Zweites Sonntag, ben 29. April 88VV.

Atlffizk- imb AmtsdlÄ für tat Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme bc5 Montags Expedition r Schul st raße, Lit. B. Nr. 18.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HHeil.

Das Großherzogliche Steuer-Commissariat Gießen

an die Großberzogl. Bürgermeistereien des Bezirks-

Zur Ersparung von Porto wollen Sie die Cornmunalsteuerzettel baldigst auf unserm Bureau in Empfang nehmen lassen.

Gießen, den 28. April 1877.

puffert.

politisch

Woche nübersicht.

D. V. C. Kaiser Wilhelm hat sich aus einige Tage zur Kur nach Wies­baden begeben. Da er von dort aus später Baden und die neuen Rcichslande zu besuchen gedenkt, so haben die Kriegervereine und andere Corporationen der Pfalz ihn gebeten, bei dieser Gelegenheit auch ihr Land mit seinem Besuche zu beehren. Wie sehr der Kaiser geneigt ,st, auf die Wünsche einzelner Volks­stämme Rücksicht zu nehmen, beweist die Thalsache, daß er kürzlich die Anord­nung getroffen hat, die gegenwärtig im Berliner Zeughause befindlichen Fahnen und Standarten der ehemaligen hannoverschen Armee bei dem bevorstehenden Umbau desselben nach Hannover überführen und im dortigen Zeughause auf- stellen zu lassen. Der deutsche Kronprinz hat seinen zweiten Sohn, den Prinzen Heinrich, nachdem derselbe sein Examen zum Eintritt in die Marine­schule bestanden, in Anwesenheit seiner Gemahlin und seines ältesten Sohnes, des Prinzen Wilhelm, zu Kiel feierlich in die kaiserliche Marine eingesührt- Der Chef der Admiralität, General Stosch, wies bei diesem Anlaß darauf hin, daß auch die Marine bestimmt sei, eine starke Waffe für den Berns deö Hohen- zollernhauses zu werden und die deutsche Kraft überall, wo Deutsche auf der Erde zerstreut seien, zu deren Schutz kund zu geben. Der mehrtägige Aufent halt, den das Kronprrnzen-Paar auf der Hinreise nach Kiel in Hamburg nahm, wurde von dem Senat und der Bürgerschaft dieser freien und Hansestadt be­nutzt, um den Erben des deutschen Kmserthroneö durch großartige Festlichkeiten ihre begeisterte Hingabe an Kaiser und Reich zu bezeugen. _

Fürst Bismarck hat von verschiedenen Seiten, wie Düsseldorf, Worms u. a. Adressen empfangen, in welchen ihm die Bürger ihre Freude über seinen Ent­schluß, im Amte zu bleiben, aussprtchen. Staatsministcr Delbrück erhielt kurz vor seiner Abreise nach Süd-Frankreich als Antwort aus seinen Glückwunsch zum 80jährigen Geburtstag des Kaisers von diesem ein eigenhändiges Hand­schreiben, in welchem der Kaiser nochmals seinem tiefen Bedauern über den AuStriit Delbrücks aus dem Reichsdienste Ausdruck gab.

Der Reichstag, der in der vergangenen Woche außerordentlich fleißig war, hat sich vorzugsweise der Berathung wirthschaftlicher Fragen gewidmet. Stine dreitägigen Verhandlungen über die von deu verschiedenen Parteien zur Abänderung der Gewerbeordnung gestellten Anträge führten zwar nicht zu einem positiven Resultate, indem alle Anträge schließlich einer besonderen Commission zur Vorprüfung überwiesen und damit für die lausende Session abgethau wur­den, sie haben aber nicht unerheblich zur Klärung der ganzen Sachlage beige- tragen. Es stellte sich nämlich heraus, daß die Mehrheit des Reichstags eben­sowenig wie die Reichsregierung daran denkt, die Priucipien der Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, auf denen 'die bisherige wirtschaftliche Gesetzgebung ruht, aufzugeben, sondern nur gewisse Lücken und Mängel, die im Laufe der letzten Jahre hervorgetreten, zu beseitigen beabsichtigt.

Vom Gebiete des Culturkampfes liegen verschiedene bedeutsame Nachrich­ten aus ganz Deutschland vor. Das Schicksal der Amtsentsetzung droht jetzt auch dem Ermeländer Bischof Crementz; der Oberpräsident hat nämlich wegen Besatzung einer durch den Tod des früheren Inhabers erledigten Pfarrstelle das Zwangsverfahren gegen denselben eingeleitet und muß ihn, wenn dieses, wie vorauszusehcn, ohne Erfolg bleibt, zur Amtsniederlegung auffordern, diese Aufforderung kann aber keinen andern Ausgang haben, als die Amtsentsetzung durch den kirchlichen Gerichtshof.

Die österreichische Armee hat das 40jährige Dienstjubiläum ihres Ober- Commandircnden, Erzherzogs Albrecht, des berühmten Siegers von Custozza, feierlich begangen. Bedeutsam war die ausrichtige Theilnahme, welche auch die Bevölkerung bei dieser Gelegenheit dem Manne zeigte, welcher seit Jahren als Vertreter des Gedankens gilt, daß der alte Kaiserstaat den Berus habe, sich im Südosten auszudehnen und dort neue Gebiete für die christliche Cultur zu ge­winnen. Die Ungarn wollen zwar von demaltösterreichischen Kriegsgeiste", der bei der Feier mehrfach zum Ausdruck gelangte, nicht viel wissen, werden sich aber in das. was die Interessen des Gesammtstaates unter den gegenwär­tigen Verhältnissen fordern, wohl oder übel schicken müssen. Den Huldigungen, welche man in Pesth dem türkischen außerordentlichen Gesandten zugedacht hatte, der den Ungarn die alte Bibliothek des Königs Corvinns als Geschenk des Sultans überbringen sollte, hat die Regierung kluger Weise dadurch vor- ßxcbeugt, daß sie das Geschenk in Wien in Empfang nahm.

Aus Rom kommt von glaubwürdiger Seite die Nachricht, daß sich der Zustand des Papstes in neuester Zeit entschieden verschlimmert hat, indem sich

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die ersten Symptome der Herzbeutelwassersucht an ihm gezeigt haben. Die Cardinäle werden sich daher mit der Untersuchung der ihnen vom heil. Vater vorgelegten Frage, ob die in Bezug auf das Eonclave getroffenen neuen An­ordnungen mit den Bestimmungen des kanonischen Rechts in Einklang fliehen, beeilen müssen.

Die Franzosen haben sich durch eine unbeschreibliche Angst vor^ einer deutschen Invasion wieder einmal vor der ganzen Welt gründlich lächerlich ge­macht. Ihre Angst artete in eine förmliche Panik aus und war so groß, daß sich die Negierung gezwungen sah, die öffentliche Meinung durch officiöse Ver­sicherungen über die friedfertigen und versöhnlichen Gesinnungen Deutschlands gegen Frankreich zu beruhigen.' Freilich ist die Regierung selbst mit schuld an dem bösen Gewissen, welches die revanchelustige Bevölkerung Frankreichs Deutsch­land gegenüber durch ihre Angst an den Tag legt, denn die Schwachheit, welche sie ten Agitationen der klerikalen Partei gegenüber zeigt, ist ebenso verwerflich. Wagt sie es doch nicht einmal, den Verweis, den sie dem Bischof von Nevers für seinen zudringlichen Brief an den Marschall Mac Mahon ertheilt haben soll, zu veröffentlichen! Und nachdem derselbe Bischof seine Frechheit dadurch auf die Spitze getrieben, daß er nachträglich auch allen Maires seines Spren- gels ein Rundschreiben zugesandt hat, worin er sie anweist, durch Einwirkung auf die Bevölkerung darauf hinzuarbeiten, daß dem Papst seine Freiheit wie­dergegeben werde, begnügt sich der Minister damit, alle Präfekten aufzusordern, sie möchten sich den Herren Bischöfen vorstellen und ihnen erklären, daß es ihnen nicht gestattet sei, Rundschreiben an die Maires zu richten, indem dies ein Eingreifen tn die Rechte der Civilbehörden involvire!! Den Protest des Bischofs von Angers gegen einen Erlaß des Justizministers, worin die Ueberlaffung von Kirchen zu Laienvorträgen untersagt wurde, scheint der Minister sich so zu Her­zen genommen zu haben, daß er ihn gar nicht zu beantworten wagt.

Die holländische Regierung hat den Generalstaaten einen Gesetz-Entwurf vorgelegt, wonach der 157,000 Hektaren umfassende südliche Theil des Zuyder- Sees auf Staatskosten trocken gelegt und zugleich ein neuer Canal zwischen Amsterdam und den Rheinprovinzen hergestellt werden soll.

Im englischen Parlament haben wieder lebhafte Debatten über die Politik der Regierung in der orientalischen Frage stattgesunden. Die Opposition ließ es indessen nie zur Abstimmung kommen, da sie die Ueberlegenheit der am Ruder befindlichen Torypartei wohl kennt. Die Minister fahren ihrerseits fort, zu versichern, daß sie die Türkei nicht gegen die Angriffe Rußlands vertheidi- gen, sich überhaupt nicht in ihre Angelegenheit einzumischen wünschten, sich aber vorbehielten, die Interessen Englands nachdrücklich zu wahren. Mittlerweile verbittert sich die Stimmung gegen Rußland unter der englischen Bevölkerung von Tag zu Tag mehr.

Der Schweizer Bundesrath hat auf feine Mittheilung von dem Wunsch der Pforte, das Kreuz als Abzeichen der Genfer Convention durch den Halb­mond zu ersetzen, sehr verschiedenartige, von Rußland und Oesterreich nichts weniger als zustimmende Antworten erhalten und es in Folg« dessen der türki­schen Regierung selbst anheimgestellt, ihrem Anträge die Zustimmung der Mächte zu erwirken. Jetzt ist's aber natürlich zu einem solchen Schritt schon zu spät und so werden die Zeichen des Kreuzes und des Halbmonde- in dem bevor­stehendenheiligen" Kriege aller Wahrscheinlichkeit nach nur dazu dienen, den unheiligen Fanatismus auf beiden Seiten zu verstärken.

Aeutschland.

Berlin, 26. April. Reichstag. Dritte Berathung deS Reichshaushalts- Etats. Abg. v. Benda bespricht die Finanzlage des Reiches, spricht gegen die Erhöhung der Matrikularbeiträge und für eine Reform des Steuerwesens. Abg. Jörg erörtert die allgemeine politische Lage; der Reichstag könne nicht aus­einandergehen, ohne dieselbe besprochen zu haben. Der Redner ist mit der Politik Rußlands einverstanden, insolange sich dieselbe von panslavistischen Jdren fernhalte; bezüglich der deutschen Politik sei der Redner von der Rede p«s Reichskanzlers vorn 5. December 1876, welche die Localität des Krieges als Ziel der deutschen Politik bezeichnete, sehr befriedigt gewesen. Der Redner verbreitete sich über die Interessen Oesterreichs, über die Mai-Gesetze, tzaS Jesuiten-Gesetz, die Handelskrise und sagt, Deutschland könne nicht gleichzeitig ein großer Industriestaat und Militärstaat sein. Deutschlands Aufgabe sei es, das Mißtrauen zwischen den Mächten zu beseitigen. Abg. Payer erblickt in der Verkürzerung des Militär-Etats das beste Mittel zur Beseitigung des