Ausgabe 
28.10.1877 Erstes Blatt
 
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JVo» TLL. Erstes Blatt. Sonntag, den 28. October 1877.

Kiehener Anzeiger

Anzeigk- uni Amtsblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS MontagS ExPsditionr Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Unserem Ludwig!

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Mit frohem Muth des Lasters Frechheit wehrte. Begrüßt Ihn all' Sein Volk auf Seinem Thron, Weil Er das Reich und uns'ren Kaiser ehrte, D'rum preiset Ihn als Hessens bester Sohn! Dem stets nur das in Wort und That gefallen, Was jeden freut und Nutzen schenkt uns Allen!

Don jedem Lob, das seit den fernsten Zeiten Der Hesien bied're Völkerschaft regiert, Wird ihnen keines höheren Ruhm bereiten, Als ihre Treue, die dem Thron gebührt, Dem Thron, den königliche Fürsten schmücken, Die segnend, liebend auf die Völker blicken.

Als Großherzog zum ersten Mal begrüßen Wir Ihn, d'rum schmücke Jeder gern sein Haus, Beweist Ihm Lieb' aufs Neue hier in Gießen, Heißt Ihn Willkommen! Brecht in Jubel aus, Zeigt, daß die alte Treue in uns waltet, Die nie in eines Hessen Brust erkaltet!

Auch Den, der jüngst der Ahnen Scepter faßte, Umfing mit wahrer Liebe jedes Herz, Der uns bewies: wie Er den Frevler haßte, Der jede deutsche Brust erfüllt mit Schmerz. Ludwig kämpft' treu zu unserem Ruhm und Zierde In Frankreich, wo Er Hessens Krieger führte;

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Deutschland.

Darmstadt, 25. October. Von dem Gesammt-Einkommensteuer-Capital des Grohhcrzogthums entfallen auf die Stadt Mainz 15,16 pCt.» auf Darm­stadt 10,31 pCt., aus Offenbach 5,89 pCt., auf Worms 3,53 pCt. und aus Gießen 3,11 pCt.

Berlin. Man schreibt demVerl. Tagebl.: Achenbach, Camphausen, Eulenburg, Hofmann, Stosch, werden vielleicht bald der Roth gehorchend, r icht dem eigenen Drange ihre Portefeuilles in andere Hände niederlegen. Die momentane Ruhe und die officiöse Versicherung, daß im Staats-Ministe- num volle Harmonie herrsche, sind kein Beweis für den Abschluß der Krisis, welche zugestandenermaßen vor wenigen Tagen an die Pforten unserer inneren Politik klopfte. Die Krisis besteht noch und zwar in einem viel größeren Umfange, als man bisher glaubte. Alles, was bis jetzt von wankenden und schwankenden Ministern, von Differenzen und Streitigkeiten zwischen diesen und 1cm Reichskanzler verlautete, waren nur Einleitungen und Vorbereitungen, nur Scharmützel und Recognoseirungs-Gefechte und Alles ist allein auf die Haupt­schlacht berechnet, welche die Entfernung der genannten Minister da theils ihre persönliche Kraft, theils ihre Neigung und ihre politische Tendenz nicht zur Unterstützung und Durchführung der Reformplane des Fürsten Bismarck ausreicht zum Ziel hat. Nur um diesen Preis gedenkt Fürst Bismarck auf seinem Posten zu bleiben und die großen Reformen für das Reich, die er schon öfter versprochen hat, Steuerreform, Eisenbahnreform, Gewerbereform und Zollrevision mit Energie in Anspruch zu nehmen. Man bezeichnet vielleicht die von dem Reichskanzler geplanten Reformen am besten als materielle, zu deren Gunsten er die ideelle Reform der inneren Verwaltung in Preußen sistt- ren und bis auf Weiteres gänzlich fallen lasten zu müssen glaubte. Sein erster Schritt, mit der er jetzt der inneren Politik Preußens eine bestimmte Richtung anwies und wodurch er die ganze liberale Partei erschreckte, die Sistirung der Berwaltungsreform, war nur die negative Seite seines großen Retchsreform- Planes; hiermit glaubt er sich die Bahn zur Landtags-Session geebnet und das sachliche Hinderniß für die positive Seite seiner Reformen aus dem Breze geschafft zu haben. Für ihn bedarf es jetzt nur noch der Beseitigung der per­sönlichen Htnderniffe. Hieran allein arbeitet er jetzt in der ländlichen Ruhe seines pommerischen Tusculums. Es ist nock Alles im Fluß und in voller Entwickelung begriffen. Als Thatsache steht unerschütterlich sest, daß Bismarck das Ministerium durch eine Revolution vollständig umwandeln will. Seine Ziele sind in erster Linie nach wie vor auf den letzten Vertreter des Freihan­dels, den Finanz-Minister Camphausen, gerichtet. Ist er gegen diesen aus Princip, so sind Achenbach und Hofmann seiner Meinung nach nicht geeignet, die durch seine Resormpläne ihnen erwachsende erhöhte Arbeit zu bewältigen.

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Daß General v. Stosch mit den Reformen nichts zu thun hat, weiß alle Welt, ebenso bekannt ist aber auch, daß seine persönlichen Beziehungen zu dem Für­sten nicht die besten sind.

Oesterreich.

Wien, 25. October. In einer heute abgehaltenen Sitzung einer freien Vereinigung von solchen Abgeordneten, die dem Abschlüsse des Handels-Vertra­ges mit Deutschland geneigt sind, theilte zunächst der Obmann mit, daß die galizischen Abgeordneten Theil zu nehmen wünschten. Die Versammlung er­klärte sich hiermit einverstanden. Auf der Tagesordnung stand die Frage, was beim Abbruch der Verhandlungen mit Deutschland zu geschehen habe. Brestl empfahl ein vorsichtiges Verhalten, damit es nicht den Anschein gewinne, als ob man die Interessen einer fremden Macht fördere; man müsse aus eine bal­dige Tarif-Vorlage hinwirken. Schaup beantragte, daß ein Comitö mit der Vorbereitung der Action betraut werde. Granitsch befürwortete die Einbrin­gung einer Interpellation an die Negierung, was dieselbe zu thun gedenke. Fuerth sprach die Ansicht aus, daß die wirtschaftlichen Motive für die deutsche Regierung lediglich ein Vorwand für politische Tendenzen seien, deshalb müsse man keinen Druck auf die heimische Regierung ausüben. Auspitz beantragte, die Interpellation dahin zu präctsiren: was gedenkt die Regierung zur Hintan­haltung von Erschütterungen bet dem bevorstehenden Ablauf des Vertrages mit Deutschland zu thun? Touaszczuk erachtete als Hauptaufgabe dies: so wenig wie möglich zu präjudiciren und einen Uebergangszustand zu schaffen. Bei der Abstimmung wurde von der Versammlung beschlossen, morgen die Interpellation einzubringen.

Arankretch.

Paris, 25. Oktober. Das PanzerschiffSultan", welches die Herzo­gin von Edinburgh an Bord hat, verließ gestern Marseille, um aus Malta zu dampfen.

Paris, 25. October. DerMoniteur" bemerkt dem Artikel des ,Con- stitutionnel" gegenüber: er glaube zu wissen, daß der Marschall niemals daran gedacht, auf ein Plebisctt zu recurriren, um dadurch eine Lösung der Lage herbeizuführen.

Belgien.

Brüssel, 26. October. Der belgische Consul in Curassawo meldet .daß ein Orkan am 23. September die halbe Stadt zerstört habe. Es seien dabet 20 Menschen um's Leben gekommen und betrage der angertchtete Scha- |ben 3 Mill. Pfund Sterling.