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jtfo. IST Samstag, den 28. Juli \ 189?.

Kießener Wyeiger

Anzeige - und Anüs'cktt für de« Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Prris viertekjLhrlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringerlohn.

Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit. Bekanntmachung.

Das Bureau der 1. Bezirks Compagnie Gießen befindet fich von jetzt ab im Hause des Herrn Jughardt, Kanzleiberg Lit. B. 72 am botanischen Garten.

Gießen, den 22. Juli 1877.

F. d. dienst!, abw. Bezirks-Commandeur:

Lang, Secondelieutenant und Bezirks-Adjutant.

W o t i t i s ch e r H y e i t.

Ieulschland.

Darmstadt, 23. Juli. Wir berichteten früher, daß unser Großherzog mit allen Traditionen vollständig gebrochen, so auch namentlich das Ausstellen von Gensd'armerie- und Polizeiposten bei seinen Ausfahrten, die niemals^vor- herbestimmt und angemeldet werden, gänzlich in Wegfall gekommen (eiwir befinden uns heute in der Lage, diese Mittheilung zu ergänzen, ^e. König!. Hoheit wohnen bekanntlich eben auf der Mathildenhöhe, welche selbst zur Nacht­zeit nicht durch Posten bewacht wird, nur Tags über findet man am Garten- Eingang zwei Unterofficiere der Schloßgarde-Compagnie ohne Gewehre als Ordonnanzen in einem Zelte sitzend, vor. Das Gefühl der Sicherheit unseres Landesfürsten ehrt Ihn selbst wie alle Bürger. (H. L.)

Berlin, 24. Juli. Ein neulich erschienener Bericht des Oberprocurators desheiligen Synods" in Petersburg zeigt nach dem imMemeler Dampf­boot" erschienenen Auszuge, welche barbarischen und niedrigen Mittel Rußlands Regierung anwendet, die in anderen Glaubensbekenntniflen geborenen Personen zur alleinseligmachenden orthodoxen russischen Staatskirche gewaltsam zu bekeh­ren. Der in Rede stehende Bericht umfaßt das Jahr 1875, während welchem die großen Bekehrungen in Polen stattgefunden haben. In drei polnischen Regierungsbezirken wurden nicht weniger als 250,000 Seelen zur orthodoxen Staatskirchehinübergerettet" ! Die bei der russischen Seelenrettung ange­wandten Mittel stehen hinter den berüchtigten Dragonaden Ludwigs XIV. in keiner Weise zurück, zumal den in die russische Staatskirche Hineingezwungenen keine Rückkehr zu dem alten Glauben mehr möglich ist. Die im Dienste der Kirche stehende russische Polizeigesetzgebung bestraft die, welche den Austritt wagen, und die einer Verlockung zum Austritte Verdächtigen, dann die, welche ihre aus gemischten Ehen entsprossenen Kinder nicht in der russischen Staats­religion erziehen lassen, mit Einsperrung und Verbannung nach dem Kaukasus oder Sibirien. Wer zwei Jahre nicht gebeichtet hat, wird der Polizei zur Be­strafung angezeigt. So steht es mit der Gewissensfreiheit im Czarenreich. Die Ausprägung der neuen Fünfzig-Pfennigstücke hat in Berlin, München und Stuttgart bereits begonnen. Außer diesen Münzstücken werden an Silbermün­zen nur noch Zweimarkstücke geprägt.

Berlin, 25. Juli. DerReichs-Anz." veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung, durch welche die Eröffnung der Bezirkstage in Elsaß-Lothringen auf den 20. August, deren Schluß spätestens auf den 1. September festgesetzt wird. Die erste Sitzungs-Periode der Kreistage soll am 6. August, die zweite am 10. September beginnen, und bfe Dauer einer jeden höchstens 5 Tage betragen.

Kiel, 25. Juli. Die Corvette B ist von dem Marine-Minister v. Stosch auf den Namen Bismarck getauft worden und um 1V2 Uhr glücklich vom Stapel gelaufen.

Leipzig, 24. Juli. Am gestrigen Mittag ging bei dem hiesigen Stadt­rath von dem General-Postmeister Dr. Stephan folgende Depesche ein:Bon Bord des Kabelschiffes bei Mainz sende ich auf der eben vollendeten unterirdi­schen Telegraphen-Linie Leipzig-Frankfurt-Mainz der im Herzen Deutschlands gelegenen Metropole des Verkehrs und wiffenschaftlichen Lebens Grüße und Segenswunsch. General-Postmeister Stephan." Darauf ging sofort folgende Antwort ab:Sr. Excellenz Herrn General-Postmeister Stephan, Mainz. Hocherfreut durch die eben empfangene Mittheilung bringt Ew. Excellenz bei der glücklichen Vollendung des wichtigen Werkes freudigsten Glückwunsch und auf­richtigen Dank dar der Rath der Stadt Leipzig." Die Taufe eines der neuen deutschen Panzerschiffe auf den NamenSachsen" hat in unserem Lande sehr angenehm berührt. Der Marine-Minister v. Stosch hat bei dem am letz­ten Sonnabend erfolgten Stapellauf des Schiffes nach den hier eingegangenen Mittheilungen ausdrücklich Veranlassung genommen, die treue Bundesgenoffen­schaft Sachsens hervorzuheben.

Freiburg t. Br. Der neulich abgehaltene Städte-Tag der acht größeren Städte Badens Mannheim, Karlsruhe, Pforzheim, Heidelberg, Baden-Baden, Bruchsal, Konstanz und Freiburg nahm bezüglich der vom Bundesrathe beabsichtigten Revision des Unterstützungs-Wohnsitz-Gesetzes folgende Beschlüsse an: _ r _

1) Gegen die Reducirung der zweijährigen Frist zur Erwerbung des Unterstützungs-Wohnsitzes auf ein Jahr; gegen die Herabsetzung des zur Er­

werbung des Unterstützungs - Wohnsitzes berechtigenden Alters von 24 auf 21 Jahre und gegen die Erhöhung der unentgeltlichen Verpflegungszeit von 6 Wochen auf 3 Monate für Dienstboten rc. durch den Orts-Armen-Verband des Dienst-Ortes soll protestirt werden.

2) An den Bundesrath ist eine motivirte Vorstellung zu richten und bei Unterbreitung der Gesetz-Vorlage an den Reichstag eine bezügliche Petition an den Letzteren.

3) Die badische Regierung ist um Unterstützung bet dem Voraehen zu ersuchen.

Da das amtliche Blatt sich bereits gegen eine Revision des fraglichen Gesetzes in motivirter Weise ausgesprochen hat, so wird dem Städte-Tag von Seiten der Regierung jede Unterstützung Theil werden.

Hesterreich.

Wien, 25. Juli. Eine Depesche derPolit. Corresp." aus Peters­burg meldet: In den leitenden russischen Kreisen faßt man die Schritte Eng­lands als eine nicht viel bedeutende Demonstration auf und hegt hier den festen Glauben, das isolirte England werde kriegerische Schritte vermeiden. Eine eventuelle Besetzung Gallipolis könnte erst dann eine Collision herbeisühren, wenn sich die britischen Truppen mit der türkischen Armee vereinigten. Eine nicht aggressive Landung in Gallipoli aber würde Rußland einfach ignoriren.

Arankreich.

Marseille, 25. Juli. Der Municipal-Rath von Marseille wurde auf­gelöst und durch eine Municipal-Commission ersetzt.

England

London, 26. Juli. John Bright mißbilligte in einer gestern in Brad­ford gehaltenen Reden jedweden Versuch, Rußland an dem Vordringen auf Konstantinopel zu verhindern. Es würde dies ein unrechtes Verfahren sein und nur dazu beitragen, den Krieg zu verlängern. England fei. üBcrbieg ohne Bundesgenossen. Ein derartiges Auftreten dürfte eine europäische Coalition provociren, welche das Land demüthigen werde. Lord Hartingron, welcher gestern auf dem Banket der Fischhändler die orientalische Frage besprach, pro- testirte ebenfalls gegen eine übereilte Einmischung Englands in den Krieg. England muffe nicht allein eine stricte, sondern auch eine leidenschaftslose Neu­tralität aufrecht erhalten.

Belgien.

Brüssel, 26. Juni. Das Verhör der Angeklagten derUnion du Crödit" ist heute vor dem Schwurgericht beendet worden; das Zeugen-Verhör hat begonnen. Unser König besuchte heute mit dem deutschen Kronprinzen die Befestigungswerke von Antwerpen.

Italien

Rom, 25. Juli. Einer Meldung derLiberia" zufolge findet seit gestern ein Noten-Anstausch zwischen den Cabineten statt. Man glaubt, es handle sich um eine Vereinbarung wegen einer Collectiv-Action der Flotten, welche bereit sein sollen, sei es, um eine Einzel-Action zu verhindern, sei es, um die fremden Untertanen in Konstantinopel in wirksamer Weise zu beschützen.

Amerika.

Rew-Uork, 25. Juli. Gestern kam es zu keinem Conflict mit den Strikenden. Dieselben zeigen sich zwar gemäßigter in ihrem Auftreten, halten aber ihre Forderungen aufrecht und fahren fort, die Güterzüge anzuhalten. Die Milizen der Städte New-Aork, Brooklyn und New-Dersey sind Tag und Nacht unter Waffen. Gestern waren mehrere Städte des Westens gezwungen, ihre Läden und Werkstätten zu schließen. In Pittsburg sind die Bundes- Truppen eingetroffen und haben die Ordnung wieder hergestellt. Jit San Franzisko hat sich ein Sicherheits-Comit6 gebildet. Die Regierung saiwte starke Truppen-Detachements nach St. Louis und Chicago, wo die Volksmaffen eine drohende Haltung angenommen haben. Eine Proklamation des Gouver­neurs von Pennsylvanien fordert die Bürger auf, bewaffnete Vereinigungen zum Schutze des Eigenthums zu organifiren. In Folge der Einstellung der Kohlen-