Ausgabe 
27.1.1877
 
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K«. SS Samstag, den 27. Januar 1877,

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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Gießen.

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Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montsrgs. Expeditionr Schulstraße, Lit. B. Rr. 18.

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PäpftliiHes.

DieItalic" veröffentlicht eine Analyse der von dem Papst in dem nächsten Consistorium ergehenden Encyklica. Diese Kundgebung wird, wie das genannte Blatt wiffen will, heftiger als alle Manisestationen des heil. Stuhles während der letzten zwei Jahre sein. Pius IX. wird, dem erwähnten Blatte zufolge, alle die Uebel aufzählen, welche die Kirche seit Anfang des 19. Jahr­hunderts zu erdulden hatte. Es wird alle Acte der italienischen Negierung, die der Kirche feindlichen Gesetze, die gegen den Klerus gerichteten Verordnungen und endlich den Einzug der Italiener in Rom brandmarken. Dann wird sich die Encyklica über den Muth der Katholiken, der Brschöfe und der Geistlichen verbreiten, welche inmitten der Drangsale und Wechselfälle aller Art ihren Glauben zu erhalten und sich der Lehre der Kirche getreu zu bewahren wußten. Der Papst beschreibt sodann die Lage der Kirche in den verschiedenen Staaten Europas, und spricht gegen die ungerechte Verfolgung, welche in Deutschland die Katholiken erleiden, aus denen man ohne Grund Märtyrer machen wollte. Sodann kommt die Schweiz an die Reihe, und nachdem der Papst endlich alle Uebel aufgesührt, zählt er, sich einigermaßen tröstend, die Fortschrittte auf, welche die Religion in der neuen Welt gemacht hat. Zum Schluffe werden den Katholiken, der Geistlichkeit und den kirchlichen Behörden Festigkeit, Be­harrlichkeit und Muth aufgetragen. Diese päpstliche Encyklica wird indessen nicht blos an und für sich eine bedeutungsvolle Kundgebung der römischen Curie sein, sondern sie wird eine um so größere Berücksichtigung verdienen, als in ihr eine erste öffentliche Manifestation des Geistes vorliegen wird, welcher seit dem Ableben der beiden Cardinäle Antonelli und Patrizi von dem Vatican Btsitz ergriffen hat. DerJtal. Eour." ist in dieser Richtung in den Stand gesetzt,auf Grund zuverlässigster Informationen" folgende interessante Mit­theilungen zu machen: Cs war in den letzten Zeiten dem Einfluffe der beiden Cardinäle Antonelli und Patrizi zuzuschreiben, wenn sich der Papst einer ge­wissen gemäßigten Haltung befliß und wenigstens alle fanatischen Maßregeln vermied. Das ist jedoch feit dem Ableben dieser beiden anders geworden. Der Cardinal-Staatssekretär Simeont ist ohne persönlichen Einfluß auf Pius IX., und es haben sich deffelben Cardinal Bilio und der neue General-Vicar Sr. Heiligkeit, Cardinal Monaco La Valletta, vollständig bemächtigt. Diese Wand­lung vollzog sich so im Geheimen, daß bisher nichts von derselben in die Oeffentlichkeit drang und der Papst selbst sich derselben noch nicht bewußt ist. Bilio, ein fanatischer Mönch und der Vater des Syllabus, möchte, daß der Papst, alle Regeln und Bestimmungen über das Conclave umstoßend, ihn oder Monaco zu seinem Nachfolger bestimmte. Beide setzen, unter Berufung auf die außerordentlichen Zeiten, welche die Kirche durchzumachen habe, alle Hebel in Bewegung, um Pius IX. zu energischen Maßnahmen zu veranlassen. Wird dieser Strömung nicht irgendwie und dasirgendwie" ist vorläufig gar nicht abzusehen Einhalt gethan, so können wir uns auf die ausschweifendsten Decrete des Vaticans gegen die Wissenschaft, die Gesellschaft und den Staat gefaßt machen. Die Sturmfluth wird zuerst gegen Italien und Deutschland loszelassen werden. Um sich einer unbedingten Willfährigkeit Seitens der Geistlichkeit in dem im weitesten Maßstabe gegen die bürgerliche Ordnung zu führenden Offensivkriege zu versichern, werden von jetzt nur diejenigen Bischöfe die päpstliche Approbation erhalten, aus welche die päpstliche Curie unter allen Umständen rechnen zu können glaubt.Blinder Gehorsam und feste Einigkeit" lautet jetzt die Parole, welche BiUo und Monaco Namens des Vaticans aus­geben, und unter deren Schutz hat bereits dafeste Einigkeit" im Jargon der Herren so viel alsunverbrüchliches Stillschweigen" heißt die gemeine Maulwurfsarbeit begonnen, und die demnächst zu veröffentlichende Encyklica ist die erste jener Minen, welche gelegt werden, um den modernen Staat und die moderne Gesellschaft in die Luft zu sprengen. DieJtal. Nachr." mel­den ihrerseits:Aus guter Quelle erfahren wir, daß der Papst, in Anbetracht der veränderten Lage der Kirche und des Papstthums und mit Rücksicht namentlich auf die Modificationen des internationalen Rechts gegenüber dem heil. Stuhl, von den Cardinälen die Frage studiren läßt, ob das künftige Con­clave das Veto der bisher dazu berechtigten Mächte zulaffen soll oder dasselbe für ausgeschlossen halten müsse."

Deutschland.

Mainz, 25. Januar. DieAugsb. ASg. Ztg." berichtet aus dem Wahlkreis Mainz-Oppenheim: Unserem Wahlkampf und seinen wechselnden Eindrücken folgte ein größeres Publikum, namentlich auch aus den Städten und Orten unserer Umgebung, mit steigender, in den letzten Stunden der Stich­wahl aufis Höchste gespannter Erwartung. DaS belebte Bild, welches die Stadt bot, war nur ein blasser Reflex der ungeheuren Aufregung in der Be völkerung, namentlich in jener der Landorte des Wahlkreise-, dem alten katho. ltfchen sog.Mainzer Land." Ueberall kämpfte der Ultramontanismus unter dim Eindruck de- seine Niederlage verkündenden Ergebnisses des ersten Wahl-!

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ganges mit einer alle Vorstellungen übersteigenden tobenden Erregtheit. Im ersten Wahlgang hatte der Bischof v. Ketteler nicht unterlassen, daS ultramon­tane Wahl Comitö ermunternd zu begrüßen; im zweiten Wahlgang lassen sich zwar keine offenen Spuren seiner persönlichen Theilnahme am Wahlkampfe Nach­weisen, aber hartnäckig erhält sich die Behauptung, daß ein bischöfliches Aus­schreiben den Pfarrern der katholischen Orte des Landkreises den größten Eifer bei der Stichwahl empfohlen habe. In der That legten Vorgänge auf einigen Kanzeln, die von Haus zu Haus wandelnden Gestalten der Geistlichen und nicht minder das Auftreten verhetzter Weiber davon Kenntniß ab, daß ein be­sonderer Anreiz die ultramontane Schaar erregt haben müsse. In einigen Orten bewirkte dieser Geist denn auch Vorfälle, wie sie in unserer Provinz bis jetzt für unmöglich gehalten wurden. In einem Orte, in welchem bei der ersten Wahl die liberalen Wähler an Eigenthum beschädigt und körperlich be­droht wurden, scheint das Leben eines jungen Mädchens das Opfer der Excesse am Abend des Stichwahltages werden zu sollen. Einer der die Fenster zer­störenden Steinwürfe zertrümmerte eine Petroleum-Lampe, und das brennende Oel übergoß die am Tisch ahnungslos im Lesen vertiefte Tochter eines Lehrers. In einem andern Ort brachte mau einen Wähler gewaltsam hinter Schloß und Riegel, um seine liberale Skitnn/e beseitigen. Noch ärger entwickelten sich die Rohheiten des ultramontanen Pöbels am Hauptorte des Gerichtsbezirks Niederolm. Dort gab der Wahlvorsteher selbst, nachdem er in einer und der andern Kneipe des Orts die Spirituosen untersucht hatte, vor den Häusern einiger Liberalen seine Meinung deutlich zu erkennen. Am Abend des Tages bedrohte eine fanatisirte Schaar die liberalen Wähler auf der Straße, und stünnle schließlich förmlich das Wirthshaus, in welchem diese Schutz suchten und sich noch eine Anzahl Liberaler befanden. Diese mußten sich, nachdem Hosthor und Fenster zerstört waren, verbarricadiren, um ihr Leben zu retten. Unter den Gästen befanden sich 60- bis 80jährige Greise aus den Nachbar- Orten. Auch gegen diese richteten sich die Drohungen des mit Aexten, Knüt­teln und Stemen bewaffneten Gesindels. Und solche Dinge kamen und kommen wiederholt nicht in Orten vor, welche etwa tief im Lande, abgeschnitten von allem Verkehr liegen der letzte Ort ist Sitz eines Friedens- und Polizei- Richters, ist Eisenbahn-Station und eine Meile entfernt von der Stadt. Kein Bewohner der befleren Klasse kann sich unbewaffnet am Abend auf die Straße wagen. Gerichtliche Untersuchungen sind überall eingeleitet; aber was können sie in solchen Orten zu Tage bringen, wo der ultramontane Pöbel Alles einschüchrert?

Offenbach, 24. Januar. Bisher sind die Ergebnisse der engeren Wahl zum Reichstage aus 57 Orten bekannnt geworden; danach sind auf Dernburg (national-liberal) 9285, auf Liebknecht 9089 Stimmen gefallen. Aus 32 Orten fehlen noch die Berichte. Die Wahrscheinlichkeit des Sieges neigt sich auf Dernburg's Seite. Die Ultramontanen stimmten, mit wenigen Ausnahmen, geschlossen für Liebknecht.

Offenbach, 25. Januar. Nach dem jetzt vorliegenden Gesammt-Ergeb- niß der engeren Wahl zum Reichstage hat Dernburg (national-liberal) 12,250, Liebknecht (Social - Demokrat) 10,550 Stimmen erhalten; demnach ist der Erstere gewählt.

Berlin, 24. Januar. In der heutigen Sitzung des Abgeordneten- Hauses wurde der Gesetz-Entwurf, betreffend die Deckung der Kosten der ander­weitigen Grundsteuer-Regulirung in den Provinzen Schleswig-Holstein, Hannover und Hessen-Nassau, ohne Debatte in erster und zweiter Berathung angenommen, ebenso in erster Berathung der Gesetz-Entwurf über die Tage-Gelder und Reise- Kosten in Auseinandersetzungs-Sachen. Die Vorlage wegen Regulirung der Standesrechte des Fürstenhauses Bentheim ward nach kurzer Debatte an eine Commission von 14 Mitgliedern verwiesen. Nachdem hierauf der Abg. Windt- horst (Meppen) seine Interpellation betreffs des durch die Nogat-Ueber- schwemmung verursachten Nothstandes begründet hatte, erklärte Minister Frieden­thal, durch das Zusammenwirken der Staats- und Communal-Behörden, sowie der Hülfs-Comites, fei dem augenblicklichen Nothstande bereits erfolgreich ent­gegengewirkt; die etwa noch weiter nothwendigen Mittel seien dem Regierungs- Präsidenten in Danzig zur Verfügung gestellt worden. Seit Ende December wären Vorkehrungen zum sofortigen Schutze gegen Eisgang und weitere Heber» fluthungen in energische Ausführung genommen; auch sei die Regierung eifrigst mit der Prüfung großartiger Pläne beschäftigt, welche der Wiederkehr ähnlicher Calamitäten systematisch vorbeugen sollten; der Voranschlag der hierfür er­forderlichen Mittel verlause sich auf 30 Millionen Mark, über deren Auf­bringung die Regierung mit den Interessenten verhandele. Nach einem Hin­weis auf die von ihm selbst an Ort und Stelle genommene Information schloß der Minister unter dem lebhaften Beifall des Hauses mit der Ankündigung: Sollten die jetzigen Voranschläge nach Zustimmung des Staats-Ministeriums die Genehmigung des Königs erhalten, so würde noch in der jetzigen Session eine bezügliche Vorlage eingebracht werden.

Im weiteren Verlaufe der Sitzung de- Abgeordnetenhauses kam der I Antrag Reichensperger's bezüglich de- katholischen Religions-Unterricht- in den