Ausgabe 
25.10.1877
 
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Ufo. S48. Donnerstag, den 25. October L8-r.

Kicheuer MnMger

A«BSk- und Amtsblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Expedition: Schulstratze, Lit. B. Nr. 18.

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Ein Mahnruf an die deutsche Wissenschaft.

Die sociale Bewegung der Gegenwart hängt auf's Innigste mit der Gährung aus dem naturwissenschaftlichen und literarischen Gebiete zusammen unb ist vorzugsweise ein Product der sogenannten materialistischen Zeitrichtung. Der Materialismus ist nichts Neues in der Geschichte der Wissenschaften und der Cultur. Man hat schon einmal im vorigen Jahrhundert versucht, Gott abzuschaffen und die Vernunft auf den Thron der Weltregierung zu setzen. Die Folgen sind bekannt. Wenn man das Bewußtsein von der Beschränktheit des menschlichen Wiffens unb das Vertrauen auf eine höhere Bestimmung aus dem Herzen des Volks herausreißt, so darf man sich nicht wundern, daß sich die Maffen mit dem Wahlspruche:Ich hab' meine Sach' auf Nichts gestellt" befreunden und die Predigt des Neides und Haffes vorziehen der Liebe und Demuth und der rührigen Eelbstthätigkeit. Naturforscher von Verdienst tragen an der materialistischen Richtung unserer Tage wohl weniger Schuld, als die­jenigen Schriftsteller, die halb Verstandenes als neue Weisheit im verführeri­schen Gewände unter das Volk bringen. Tie Wiffenschaft als solche kann es recht wohl vertragen und verzeihen, wenn begeisterte Vertreter neuer Richtungen zuweilen über das Ziel hinausschießen, dagegen wird die Erziehung und Wohl­fahrt des Volks tief geschädigt, wenn Halbwiffer tntereffante Seiten neuer For­schungen, die in das praktische Leben eingreifen, schon als fertige Entwickelungs- Gesetze in die Maffen hineinwerscn, um entweder zu unterhalten oder selbstsüchtigen Agitationszwecken zu dienen. Blendende Halbwahrheiten können eine Zeit lang das Gemüth weiter Volkskreise wankelmüthtg machen und soge­nannte moralische Epidemien veranlaffen, bis endlich die Wahrheit selbst Gemem- gut wird und das Menschengeschlecht veredeln hilft.

In wiffenschaftlichen Kreisen wußte man schon längst, daß gerade unsere ersten deutschen Naturforscher, Männer wie Helmholtz und Du Bois-Raymond, den Darwinismus und die Descendenzlehre zwar als eine werthvolle Hypothese schätzen, die mit den Hilfsmitteln der Wiffenschaft näher beleuchtet werden muß, daß sie sich aber wohl hüten, wiffenschaftliche Hppothesen als erwiesene Wahrheiten hinzustellen. In diesem Sinne ächt wissenschaftlicher Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit hat einer der verdientesten Vorkämpfer geistiger Freiheit, Professor Virchow, auf der Naturforscher-Versammlung in München am 22. September nachdrücklich vor einem Mißbrauch der nunmehr in Deutschland glücklich errungenen Lehrfreiheit gewarnt. Wir müffen zwischen dem, was wir lehren, und dem, wonach wir forschen wollen, einen strengen Unterschied machen und dürfen über den neu errungenen geistigen Freiheiten die entsprechenden wissenschaftlichen Pflichten nicht vergeffen. Eine der ersten Pflichten jedes Ge­lehrten und Gebildeten ist es aber, sich deffen bewußt zu bleiben, daß unser menschliches Wiffen Stückwerk ist und daß wir unreife Früchte vom Baume der Erkenntniß noch nicht als gesunde Volksspeise anpreisen dürfen.

Wie in der Naturwissenschaft, so ist es auch in der Socialwiffenschast. Auch da werden ganz ungelöste Probleme, wie die sogenannteErsetzung des Arbeitslohnes durch den Arbeitsertrag",Productiv-Associationen mit Staats- Hilfe",Einführung des Collectiveigenthums an Stelle des Privateigenthums" und andere Universalheilmitttel als unbestreitbare Wohlthaten und Wahrheiten den Maffen angepriesen und die ganze jetzige Gesellschaftsordnung als ein großartiges Raubsystem/ als die Verschwörung einer Minderheit gegen die Mehrheit des Volks zu deffen Aussaugung hingestellt. Alle diese unreifen Ideen, die früher höchstens in engeren Kreisen philosophisch erörtert wurden, finden jetzt mit Hilfe der Rebe- und Preßfreiheit die rascheste und allgemeinste Verbreitung. Jeder zungenfertige Lehrbursche kann sie öffentlich empfehlen und Alles beschimpfen, was der Mehrzahl der Menschen noch ehrbar und heilig ist. Neben der Wahrheit ist auch die Unwahrheit, neben dem Guten das Böse, neben der Freiheit die Frechheit im Fortschreiten begriffen. Gegen diesen Miß­brauch von Rede und Schrift muß von Innen heraus mit den Maffen des Geistes durch die Kraft der Wahrheit und Würde der Gesinnung von allen Seiten angekämpst werden. Wirkliche Wahrheitsforscher sollten daher die der Lehrfreiheit entsprechenden Pflichten wohl bedenken und bei Veröffentlichung noch nicht ausgereifter Ideen gerade jetzt mit doppelter Vorsicht verfahren.

Deutschland.

Berlin, 22. October. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde von der Constituirung der Abtheilnngen Kenntniß gegeben. Sodann sollte die Präsidentenwahl erfolgen. Auf Antrag Windthorst's wurde durch Acc^matwn v. Bennigsen wieder zum ersten Präsidenten, Klotz zum ersten und Graf Bethusy- Huc zum zweiten Vice-Präsidenten gewählt; ebenso die sammtlichen übrigen Mit­glieder des früheren Büreans. v. Bennigsen nahm die Wahl dankend an, auch im Namen der anderen Gewählten. Windthorst stellte die Anfrage, ob das Prä­sidium von den Beurlaubungen im Ministerium benachrichtigt sei, woraus der Präsident verneinend antwortete. Seitens des Finanz-Ministenums Ip1** Job gende Vorlagen eingebracht: Gesetz-Entwurf, betr. die Feststellung emes Nach­trags zum Staatshaushalts-Etat; RechenschaftS-Bericht über dre weitere Aus­führung des Gesetzes, betr. die Konsolidation preußischer Staats-Anleihen; die!

e x H h e i t.

allgemeinen Rechnungen zum Etat für 1875 ; Nachweisung über die Anzahl der )ro 1877/78 zur Elasten- und classificirten Einkommen-Steuer veranlagten Personen.

In der heutigen Sitzung des Herrenhauses wurde das frühere Präsi­dium : Herzog v. Ratibor, v. Bernuth und Hasselbach wiedergewählt. Nächste Sitzung morgen.

Berlin, 22. October. Die Meldung von dem Ausbruche der Rinder­pest in Langenlonsheim bei Kreuznach hat sich als irrthümlich herausgestellt.

Das an der heutigen Börse verbreitete Gerücht von der Anmeldung des Concurses Seitens der Preußischen Bank-Anstalt (Henckel-Lange) wird von den Abend-Zeitungen für völlig unbegründet erklärt.

Die Rinderpest hat bekanntlich in der sog. alten Welt nur eine einzige Heimathstätte, nämlich die östlichen Steppenländer, die zum größten Theil auf russischem, zum Theil auch aus österreichischem Gebiet sich befinden. Nun trat vor mehreren Jahren eine internationale Conferenz in Bezug auf die Rin­derpest in Wien zusammen, welche längere Zeit über Maßregeln berathen hat, die gegen die Verschleppung dieser Seuche aus den Steppen gegen das übrige Europa ergriffen werden sollten. Die Conferenz ist im Ganzen ziemlich resul­tatlos geblieben und zwar hauptsächlich deshalb, weil sie sich zu keinem Beschluß hat einigen können, welcher praktisch au die Sache heranging. Vom preußischen Abgeordnetenhause war nun neuerlich die Anregung zur Einleitung internatio­naler Verhandlungen mit den Nachbar-Staa^.-n ausgegangen, um eine strenge Überwachung der Rinderpest in ihren Heimathsorten herbetzuführen. Die preußische Regierung hat sich diesbezüglich mit dem Reichskanzler-Amt allerdings in Benehmen gesetzt, aber es scheint nicht, daß die Anregung den vom Abge­ordnetenhause beabsichtigten Erfolg hatte. Inzwischen ist im Hinblick auf die dermalige Verbreitung der Seuche in Oesterreich die ganze östliche Grenze des deutschen Reichs, auch da, wo sie senchensreie Districte berührt, gegen die Ein unb Durchfuhr von Wiederkäuern völlig gesperrt und davet Maßnahmen ge­troffen wotden, um eine Einfuhr durch die Schweiz zu verhindern.

Berlin, 23. October. Graf Eulenburg hat den ihm angebotenen Ur­laub nicht angenommen und verharrt auf seiner Entlassung.

Berlin, 23. October. Das Herrenhaus nahm eine Mittheilung über die Constituirung mehrerer Commissionen entgegen, stellte zwei kleinere Gesetz- Entwürfe zur einmaligen Schlußberathung und überwies das Feld- und Forst­schutz-Gesetz der vereinigten Justiz- und Agrar-Commission. Nächste Sitzung unbestimmt.

Kesterretch.

Wien, 23. October. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses legte der Finanz-Minister das Budget für 1878 vor; darnach stellt sich der Ausgaben-Bedarf um 9J/2 Mill. fl. geringer, die Einnahmen dagegen um 8 Mill. fl. höher als für 1877 ; daher beziffert sich das Deficit pro 1878 auf 202/i0 Mill, gegenüber 378/10 Mill, im Vorjahre, und stellt sich also die Bilanz des Jahres 1878 um 176/10 Mill, günstiger. Diese Befferung ist das Resultat ernsthafter Anstrengungen zur Herabminderung des Aufwandes unb zur Erhöhung ber Einnahmen, für welchen Zweck eine eigene Ersparniß-Com- mission eingesetzt ist. Durch bas Jnslebentreten ber Steuer-Reform, so schloß der Finanz-Minister, werde hoffentlich schon 1880 das Gleichgewicht im Staats­haushalt hergestellt sein.

Aravkretch.

Paris, 22, October, Aus Kuba wird officiell gemeldet, daß die Auf­ständischen zwei ihrer Führer gehängt haben und zwei andere entflohen sind.

Paris, 22. October, Abends. Der Minister Herzog v. Decazes hat sich nach Puget-Th6niers begeben, um seinen Wählern Dank zu sagen, unb wird Ende der Woche zurückkehren.

gußfimt

London, 22. October, Abends. Heute fand in der Kohlengrube Highblanthyre bei Glasgow eine Explosion statt; man fürchtet, daß von den 400 darin beschäftigten Arbeitern viele umgekommen seien.

London, 23. October. Die Zahl der Todten in Folge der Explosion in der Kohlenzeche Highblanthyre ist 232. Nur em Einziger wurde gerettet.

Statte«

Bari, 22. October. Die Fürstin von Montenegro ist auf ihrer Reise nach Neapel hier eingetroffen.

Spanien.

Madrid, 22. October. Aus Anlaß eines Vorfalles zu Jgnatoras, wo der Ortsvorsteher bei der gewaltsamen Taufe eines protestantischen Kindes in der katholischen Kirche mitwtrkte, ist eine vom Amtsblatte veröffentlichte königl. Verfügung ergangen, welche das Verfahren des Gemeinde-Beamten tadelt und zugleich versichert, die Regierung werde einer jeden Verletzung des Glaubens