M« TSV. Zweites Blatt. Sonntag, den 23. December 1877.
Kießener Anzeiger
Ayeize- nrt Amtsblatt für btn Kreis Gieße«.
Erscheint LL-ttch mit Ausnahme beß Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.
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Amtlicher Hl-ei l.
Gießen, am 12. December 1877.
Betreffend: Die Abhaltung der Zahltage des Rentamts Gießen in loco Grünberg; hier die Bestellung einer Untererhebung daselbst.
Tas Großherzogliche Rentamt Gießen
an die sammtlichcn Großherzoglichen Bürgermeistereien des Rentamtsbezirks.
Von nachstehender Bekanntmachung erhalten Sie mit dem Ersuchen Kenntniß, nach deren Inhalt Ihre Gemeinde-Angehörigen in geeigneter Weise bedeuten zu wollen.
S ch l i e p h a k e.
B e k a n n t m a ch u n g.
Durch höchste Entschließung ist die Abhaltung der monatlichen Zahltage zu Grünberg, mit Wirkung 1. Januar 1878 ab, aufgeboben und dagegen die Bestellung einer Unter-Erhebung zu Grünberg für sämmtliche aus der Oberförsterei Grünberg erfallenden Domanial-Gefälle mit Ausnahme der Jagd- ,tin® Fischerei-Pächte und Beiträge der Gemeinden ic. zu den Forstdienerbesoldungen — sowie für die Erträge aus Staatsdomänen in dem Bezirk der Dlstricts- Einnehmerei Grünberg angeordnet worden.
Wir bringen dies mit dem Bemerken zur öffentlichen Kenntniß, daß hiernach, mit Ausnahme der vorher besonders namhaft gemachten, nunmehr vom 1. Januar 1878 ab alle weiteren, aus der Oberförsterei Grünberg und aus Staats-Domänen in dem Bezirk der Districts-Einnehmerei Grünberg erfallenden Gefälle einschl. der Rückstände aus 1877 nicht mehr direct an das Rentamt Gießen, sondern an den, als Unter-Erheber bestellten, Großherzogl. Dlstruts- Einnehmer Reuter zu Grünberg zu bezahlen und ebenso bet demselben auch alle, aus die Oberförsterei Grünberg bezüglichen, Zahlungen in Empfang zu nehmen sind.
Gießen, den 14. December 1877.
Großherzogl. Rentamt Gießen.
S ch l i e p h a k e. ____________________
Uolitisch
Woehenübersi ch t.
Kaiser Wilhelm hat dem Kaiser Alexander auf dessen Anzeige von dem Falle Plewnas seine herzliche Theilnahme an diesem wichtigen Ereignisse durch einen telegraphischen Glückwunsch ausgesprochen. Der Kronprinz, dessen Familie von Wiesbaden wieder in Berlin eingetroffen ist, hat die Mainzer Garnison, der Großherzog von Baden die in Elsaß-Lothringen gac- nisonirenden Trpppen deö 15. Armee-Corps einer Inspektion unterzogen.
Die „Kanzlerkrisis", welche auch in der vergangenen Woche noch das öffentliche Jntereffe in hervorragender Weise beschäftigte, geht allem Anschein nach einem befriedigenden Ende entgegen. Glaubwürdigen Nachrichten zufolge tst nämlich alle Aussicht vorhanden, daß die Bedingungen, von denen Fürst Bismarck seinen vollen Wiedereintritt in die Geschäste abhängig gemacht hat, an entscheidender Stelle erfüllt werden. Man glaubt daher ferner Rückkthr nach Berlin schon bald, jedenfalls noch vor Neujahr, entgegensehen zu dürfen. Das Entlaffungs-Gesuch des Präsidenten des evang. Oberkirchen- rathes, Dr. Herrmann, wird freilich aller Wahrscheinlichkeit nach bewilligt wer den. Aber von Reaction ist auf kirchlichem Gebiete ebensowenig die Rede, wie auf staatlichem. Das von Dr. Herrmann bisher bekleidete Amt soll nämlich einer Persönlichkeit übertragen werden, welche nicht nach dem Herzen der Hos- prediger-Partei, sondern im völligen Einklang mit den Principien der neuen Synodalordnung und mit der bisherigen Kirchenpolitik der Regierung überhaupt ist.
Auf handelspolitischem Gebiet ist die lange erwartete Entscheidung dahin erfolgt, daß die deutsche Regierung sich bereit erklärt hat, den bisherigen Handelsvertrag mit Oesterreich, dem Wunsche dieses Staates entsprechend, auf 6 Monate zu verlängern. Diese Erledigung der schwebenden Angelegenheit wird mit Recht als ein neues Zeugniß für die intimen Beziehungen beider Mächte zu einander, sowie für den Wunsch, auch nicht den Schein einer Beeinträchtigung derselben aufkommen zu lasten, betrachtet. Unter diesen Umständen hat der von den Delegirten des Centralverbandes deutscher Industrieller in Leipzig gefaßte Beschluß, dem Reichskanzler den Entwurf eines autonomen Zolltarifs vorzulegen, wohl nicht die ihm von gewisser Seite zugeschriebene Bedeutung.
Auch Bayern scheint in Zukunft seinen Culturkamps haben zu sollen: dte bischöfliche Behörde in München verweigert nämlich dem Pfarrer Martin, der das Verbrechen begangen hat, bei politischen Wahlen mit den Liberalen zu stimmen, die Investitur für eine Pfarrei, zu welcher ihn der Münchener Magistrat präsentirt und der Landesherr sogar schon die Bestätigung ertheilt hat. Der Walde ck'sche Landtag hat den mit Preußen abgeschlostenen neuen Accef- sionsvrrtrag mit einer Verwahrung gegen die darin festgesetzte Aenderung der Verbältniste der Beamten angenommen. Wider die in der ersten sächsischen Kammer gegen die preußische Negierung und den preußischen Richterstand ausgesprochenen Beleidigungen hat eine Bürgerversammlung in Leipzig energisch Protest erhoben.
Graf Andrasty hat es verstanden, sowohl die ungarische als die österreichische Delegation durch eingehende Mittheilungen über seine Politik in der orientalischen Frage für sich zu gewinnen und zu der Ueberzeu- gung zu bringen, daß die Jnteresten des Kaiserstaatcs auch für den Fall fernerer Siege Rußlands unter Beibehaltung der bisherigen Haltung vollständig
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gewahrt werden würden. Die türkenfreundliche Bevölkerung der ungarischen Hauptstadt ist freilich durch die Katastrophe von Plewna in gewaltige Aufregung gerathen und hat den Versuch gemacht, dte Regierung durch die Beschlüsse einer großen Volksversammlung, welche eine Intervention zu Gunsten der Türkei forderte, von ihrer bisherigen Haltung abzubringen. Der Minister-Präsident Tisza ließ indeß die Deputation, welche ihm feie, Forderungen jener Versammlung übermitteln wollte, gar nicht vor und erklärte im Parlament, daß über die Politik Oesterreich-Ungarns nicht durch Straßen-Demonstrationen entschieden werden könne. Stehen doch auch die ruffenfreundlichen Kundgebungen der zum Staate gehörenden slavischen Völkerschaften mit den Wünschen der Ungarn in direktem Widerspruch I So sehr man sich übrigens in Regierungskreisen über die Zustimmung der beiderseitigen Parlamente zu der auswärtigen Politik der Regierung freut, so verstimmt ist man dort darüber, daß die Mehrheit des österreichischen Abgeordnetenhauses die bisherige Heeresziffer nicht weiter bewilligen will, weil dieselbe zur Aufrechterhaltung der bisherigen Neutralität nicht nothwendig sei.
England hat sich nach dem Fall von Plewna wieder einmal das Vergnügen gemacht, mit dem Säbel zu raffeln, aber doch zugleich kundgegeben, daß derselbe einstweilen noch in der Scheide bleiben wird. Für die englischen Interessen erklärt man nämlich unter allen Umständen etnstehen zu wollen, man findet dieselben indeß durch die gegenwärtigen Erfolge Rußlands noch nicht ernstlich bedroht. Der Kriegsminister Hardy versicherte zudem ausdrücklich, die Regierung warte sehnlichst auf eine paffende Gelegenheit, um das Ende des Krieges herbeizusühren. Uebrigens fehlt es nicht an Gerüchten über einen be- rorstthenden Ministerwechsel: Lord Beaconsfield insonderheit soll, nachdem er mit seiner etwas kriegslustigen Politik im Ministerrath nicht durchgedrungen, seine Entlastung eingereicht haben. Man legt aber dem Besuch, den die Königin kürzlich ihrem Premierminister auf deffen Landsitz abgestattet und durch welchen sie ihn in einer für englische Verhältnisse ganz ungewöhnlichen Werse ausgezeichnet hat, wohl mit Recht die Bedeutung bei, daß der Minister dadurch bewogen worden sei, die Geschäfte trotz gewifler Meinungs-Differenzen mit seinen Collegen weiter zu führen.
In Frankreich ist im Lause der vergangenen Woche geschehen, was fast Niemand für möglich hielt: der Marschall Mac Mahon hat sich, als er zu der Ueberzeugung gelangte, daß er für eine nochmalige Auflösung der Depu- tirten-Kammer keine Majorität im Senat finden werde, den Republikanern unterworfen und damit seinem Gegner Gambetta, der ihm öffentlich die Alternative gestellt hatte: „Rücktritt oder Unterwerfung" einen großartigen Triumph bereitet. An die Stelle Batbie's ist nunmehr Dusaure getreten. Das von ihm gebildete Ministerium hat, indem eS in seiner Botschaft alle Grundsätze der Republikaner rückhaltlos anerkannte, volle Zustimmung Seitens der Kammer gefunden und die gewünschte Autorisation zur Erhebung der Steuern, sowie die Bewilligung der Ausgaben für zwei Monate sofort erlangt. Ob die Freude der Republikaner über ihren Sieg lange dauern wird, ist freilich sehr fraglich. Der Umschwung in den Entschließungen des Marschalls ist zu gewaltig, als daß man ihn nicht auf Rechnung gewister Hintergedanken schrei ben sollte. Die Klericalen ärgern sich hauptsächlich darüber, daß sich in dem neuen Cabinet nicht weniger als drei Protestanten, darunter sogar der Minister des Auswärtigen, befinden. Das Beste ist, daß die erfolgte Lösung der Krisis von dem gesammten Handelsstande als Anfang einer neuen Aera der Wohlfahrt


