Ausgabe 
23.1.1877
 
Einzelbild herunterladen

Rußland.

Petersburg, 20. Januar. Wegen des Ablebens der Prinzessin Karl von Preußen wurde eine vierzehntägige Hoftrauer vom 18. Januar ab ange- ordnet. Großfürst Wladimir reiste gestern zur Beisetzungsfeier nach B./in.

Petersburg, 20. Januar. Die Nachricht auswärtiger Zeitungen, wonach Fürst Gortschakoff anläßlich des voraussichtlichen Scheiterns der Con- serenz ein Rundschreiben an die Regierungen der Großmächte gerichtet haben soll, wird von beftuaterrichteter Seite als vollkommen erfunden bezeichnet. Mit diesem absoluten Dementi wird die Bemerkung verbunden, daß überhaupt in bcii letzten Wochen keinerlei besondere Circular-Notification an die Vertreter Rußlands im Auslande bezüglich der orientalischen Frage oder der Conferenz ergangen sei. Die Meldung über den ablehnenden Beschluß des großen Rathes zu Konstantinopel liegt auch hier vor, jedoch noch nicht in osficieller Weise. Erst nach der officiellen Mitthcilung wird über die demnächst von Rußland zu treffenden Maßnahmen Seitens des Kaisers Entschließung gefaßt werden. Hier­von unabhängig ist die eventuelle Abreise des Generals Jgnatieff zusammen mit den anderen Bevollmächtigten und seine Vertreter durch den russischen Geschäftsträger.

Türkei.

Konstantinopel, 19. Januar. DieAgeuce Havas" meldet: Es wird versichert, der Große Rath habe verlangt, für den Fall, daß neue Grund­lagen für ein Übereinkommen vorgeschlagen würden, neuerdings einberufen zu werden. Morgen findet eine Conferenz - Sitzung statt. Nachdem die türkischen Bevollmächtigten die Vorschläge der Mächte rundweg ablehnen, wird die Con ferenz geschloffen und die Botschafter reisen sämmtlich ab. Sehr bemerkt wurde die ablehnende Haltung der Christen imGroßen Rathe" gegen die Vorschläge der Mächte. Der griechische und armenische Patriarch, sowie der bulgarische Exarch wc-hnten der Berathung, angeblich wegen Unwohlseins, nicht persönlich bei, allein ihre Delegirten sprachen sich für die Ablehnung aus, ebenso der Groß-Rabbiner. Vor Allen aber hielt der Delegtrte des antihaffunistischen Patri­archen eine sehr heftige Rede gegen die Vorschläge der Mächte; der armenische Delegirte, welcher gleichfalls gegen dieselben protestirte, war der Einzige, wel­cher Vorbehalte machte. Die Haffunisten waren nicht vertreten, der lateinische Bischof nicht zugezogen. Die meisten UlemaS verhielten sich stillschweigend. Mehemed Ruschdi Pascha wurde zum Minister ohne Portefeuille ernannt.

Konstantinopel, 19. Januar. Der Gwßvezir legte dem Sultan die Beschlüsse des großen Rathes vor und erbat sich Befehl wegen der Mit- theilunq derselben an die Vertreter der Mächte. Die Mittheilung wird mor­gen erfolgen.

Konstantinopel, 20. Januar. DieAgence Havas" meldet: Ge­rüchtweise verlautet, die türkische Regierung würde ungeachtet der ablehnenden Entscheidung des großen Rathes in der heutigen Sitzung der Conferenz auf Aussöhnung abzielende Gegenvorschläge machen. Wiewohl die Bevollmächtigten der Großmächte angeblich bereits bei der heutigen Zusammenkunft der Conferenz dieselbe für aufgelöst zu erklären beabsichtigten, so ist es nunmehr, falls ihnen die türkischen Vorschläge eine weitere Prüfung zu verdienen scheinen sollten, doch nicht unmöglich, daß sich die Conferenz, um einen entscheidenden Beschluß zu faffen, bis zur nächsten Woche vertagt.

Konstantinopel, 20. Januar, 10 Uhr Abends. In der heutigen Sitzung der Conferenz eröffneten die Vertreter der Pforte den Bevollmächtigten, daß die am Montag ihnen überreichten Vorschläge der Conferenz von dem Großen Rath zurückgewiesen worden seien und der Sultan diesem Beschlüsse seine Zustimmung ertheilt habe. Unter den Vorschlägen seien allerdings einige, welche mit der Verfassung vereinbar seien und über die sich eine Verständigung erzielen laste. Auch sei die Pforte bereit, bei der ersten Ernennung von Provinzial-Gouverneuren den Mächten officiöse Mittheilung zugehen zu lasten, und ferner, an die Stelle der von den Mächten verlangten internationalen Control-Commission eine gemischte einheimische, halb aus Muhamedanern, halb aus Christen bestehende Commission zu setzen. Die Conferenz erklärte, über diesen Gegenvorschlag nicht in Unterhandlung treten zu können, worauf Jgnatiew die Pforte für alle Folgen verantwortlich machte und die Conferenz geschlossen wurde. Die Unterfertigung des heutigen Protocolls erfolgt morgen bei dem österreichischen Botschafter Grafen Zichy. Die Botschafter Deutschlands, Rußlands und Oesterreichs reisen am Dienstag ab, die anderen Bevollmächtigten werden ihnen bald darauf folgen.

Pera, 20. Januar. In der heutigen (neunten) Sitzung der Conferenz bat die Pforte erklärt, daß sie die Forderungen Betreffs Ernennung von Provinzi.b Gouverneuren unter Zustimmung der Mächte und Einsetzung einer lieber« wachungs-Commiffion ablehne. Lord Salisbury erklärte daraus die Conferenz für geschloffen. Der russische Botschafter Jgnatiew machte die Pforte dafür verantwortlich, wenn etwa ein Christenge,netze! entstehen und so der Anlaß zum Kriege gegeben werden sollte. Da« Schlußprotoeoll wird morgen unterfertigt.

Serbien.

Belgrad, 18. Januar. Serbien wird vom Väterchen wie der Mohr imFiesko" bebandelt. Wie derAllg. Ztg." von hier geschrieben wird, schei­terten alle Versuche der Herren Marinovich und Protich, in Moskau und Petersburg auch nur eine einzige lumpige Million Rubel aufzunehmen.Da­durch" fährt der Brief fortist der finanzielle Zustand Serbiens ein sehr kritischer geworden. Die schon längst abgeschlossene Anleihe von 7 Mtll. Nübel ist kaitin zu einem Viertel eingezahlt, und obwohl der Termin der letzten Einzahlutig schon längst vorüber ist, eilen die Russen nicht, ihren Verpflichtun­gen, nachzukommen. Wie ich aus sehr guter Quelle höre, sollen die Bankiers, welche versprachen, Geld für Serbien zu finden, sich nunmehr außer Stand erklärt haben, ihr Versprechen zu halten. Denn die finanziellen Zustände Ruß. lands wllen der Art sein, daß auch dort bald allgemeine Geldnoth herrschen wird. Durch solche Ereignisse ist die Temperatur gegen Rußland noch mehr gcsallett. Die Armee will im Allgemeinen von einet russischen Leitung nichts mehr wissen." (N. gt. Pr.)

Amerika.

New - Bork, 20. Januar. Der Stamm der Sioux-Indianer, welcher neuerdings Feindseligkeiten gegen die Truppen der Union unternommen hatte, ist auf kanadisches Gebiet übergetreten.

Washington, 19. Januar. Der Antrag des Congreß-Comitss, die Entscheidung der Präsidenten - Wahl einem Tribunal zu übertragen, das aus V fünf M'tglieoern des Senats, der Kammer und des obersten BnndeszerichtS bestehen soll, findet abgesehen von der extremen Partei, die beifälligste Aufnahme und gilt daher als Beweis für die Absicht des' Congreffes, durch eine rasche Entscheidung die öffentliche B-sorgniß zu zerstreuen.

Lokal-Notiz.

Gießen, 22. Januar. Auszug aus dem Stzungsprotokoll der Stadtverordneten' Versammlung am 11. Januar 1877.

1. MU Ende 1877 sind die drei ftädt scheu Bleichen leihfällig geworden und aus bu- Eingabe der Mtyerig-u Pächter ist beschlossen worden, den Vertrag mit den- 'F^n aus 20 Im-re, unicr Festsetzung dcr, JavreSpJchtS auf 130 jl zu oerlänaern ©as rodtde Gesuch derselben, um käufliche Abtretung des Geländes, woraus iyre Ge- däultchkelten stehen, wurde abgelehnt.

2. Nachdem we.'.en emeS Gesuchs um Abgabe von größeren Qaanluäten .noh aus dem Staotwald aus der Hand, die Ansicht &r. Obe-lörsterei Gießen jcqöit wor- ben war, wurde sich von der Staotoerordneten-Vcrsammlung ^egen dasselbe entschieden.

Van Frau Georg Rucksiuhl Wittwe, welche in dem (Sartfro zu bauen be­absichtigt, kam ein vaugemch zur Vorlage. Die Pläne erhielten Zustimmung und soll das Geiuch befürwortel werden. u

4. Auch die Aufführung bis von Herrn $. Stern projektirun Nebenbaues bei seiner Wohnung in der öudwrgsslraße soll befürwortet aber daraus bestanden werden daß dem Bittsteller die Herstellung der von Großh. Polizeio.i waltung voracschlaaenen Einfriedigung in Mauerwerk mit Staketen aufgegcben werde.

5. Das Gesuch des Herrn Friedr. Jutzt um Erlaubr. zur Vornahme von B«u. Veränderungen an seinem Hause im Gartseld soll unter der Bedingung befürwortet werben, daß derselbe u>.ku blich auf all n und jeden Schaden verzichtet, welcher ihm durch die dortselbst projeklirie Straßenanlnge allenfalls ertst.ht, tadem d-e vorgesehene Straße bedeutend ausgefüllt und hierdurch namentlich eine V.rtülluna de. Kellerlöcher herbeigeführt werde.

6. Zur Anweisung einer Rechnung des hiesigen Fe drechts mit 162 für bem Herrn Geomet r bei den Parzellenoermessmigsarbetten crtyetite Auskunft wurde Ermächtigung erihe.lt

7. Die Anschaffung verschiedener in einem Schreiben des Schulvorstandes al« nothtg erkannten Ge-.äthe für Die Klassen in der alten Realschule wuroe genehmigt.

8. Der Handwerker,chule roucot das Zimmer links im unteren Stock des Schul­hauses in der Weidengasse mit den daran stoßenden Räumen für ihre Zwecke wider­ruflich zur Benutzung übe.lassen und ihr die erforderliche Heizung und Beleuchtung auf Kosten der Stadt bewilligt.

9. Wegen Ausnahme der Schießgärten in den städtischen Bauplan wurden die in dem vorgelegten Plan eingrzeichnetcn Straßenzüge genehmigt.

10. Dem Antrag des Schulvorstandes, die Lehrerin Fräulein Bertha Bork zur definitiven Anstelluna vorzufchlayen, wurde beigetretcn.

11. Genehmigt wurde die Anschaffung von weiteren 100 Etr. EoakS aus der Hand für das Bedürfniß der Realschule.

Gießen, 22 Januar Heute Morgen wurde uns wieder ein Cilronenoogel, welcher gestern im Freien gefangen, sowie ein blühendes Kirschenreis als Zeichen dec ganz abnormen Temperatur überbracht.

Wie wir ersahren, beabsichtigt der CarmvalvereinTürkei" amFastiiacht- dienstag wiederum einen Zug zu veranstalten. Es wäre sehr zu wünschen, daß der Verein, vielleicht durch ireiwilli.'.e Zeichnungen hiesiger Gewerbetreibenden, in seinem Bestreben unterstütz! wi.d. Denn jedenfalls ist es doch von großem Voitbeil für Din Consum, eine Menschenmasse in die Stadt zu locken, wie z. B- am verflossenen Fast- nachldienstag hier war.

......- i- II 1-1- I .......- LI. ~ 1 -- r

Vermischtes.

Osnabrück, 15. Januar. Eine vor der Strafkammer des hiesigen Oberge­richts heute verhandelte Proccßsache, welche hier das Tagesgespräch bild l, dürfte auch für die weitesten Kreise deshalb von Bedeutung fein, weil die gefällte Entscheidung die Frage: ob die Etiquettcn mit unter den Schutz deS Markengesctzetz fallen, bejahet. Schon tn einem srühern Artikel (vom 24. August v I.) machten wir an dieser Stelle Mittheilung von einem weit aurgedehnten L-chwindelgeschäfte, welches mit einem Falsi­fikate unter hem Namen des von der weltbekannten Firma H linderoerg-Albrecht in Rheinberg erfundenen und bereiteten GrsundheitS-DestillatSBoonekamp of Maag- Bttter" seit ein.r Reihe von Jahren in der Weise betrieben wurde, daß dem zu einem geringen Preise in be-i Handel gebrachten Fabrikate geschickt nachgrghmte Etiquetten aufgeklebt waren, welche ung-achter geringer Abweichungen jedem, auch an d^e ächten Etiquetten gewöhnten Auge biefelben als diejenigen der ächten Firma erschein n ließen. Äutz der großen Zahl der an dieser Täuschung betheiligten Personen waren mi schicdene hier wohnende Verkäufer des nachgeah.nten Fabrikats, sowie der Lithograph, welcher die nachs.eahmten Etiquetten angesertrgt und zu Tausenden verkauft hatre, ermittelt und wegen Vergehens gegen das 'iarkenschutz Äesetz von der hiesigen Kion-Anwalt- schäft unter Anklage gestellt. In dem heute verhandelten Prozesse (wozu auch der Jn- h 'ber der Firma H. lindt i berg-AIbrechl als Zeuge geladen und erschienen war) wurden unter Zurlastlegung der Prozeßkosten verurihtilt:

1. die Kaufleute Hermanri van Netz, Fritz Vesper, Joh. Georg Schwartzkopf (Jnbaber der Firma Kritzler u. Eomp.), OoerholthauS, Bünger, Becker und Gresser wegen Verkaufs des mit nachgeahmten Etiquetten versehenen Ge­tränkes zu je 200 ;

2 der Lithograph Hermann Paal wegen Hülfeleistung bei der verübten Täu­schung zu 150 jl St> ase.

W>e wir vernehmen, ist dcr Nachlhe l, welchen die Firma H. Unterderg-Albrecht durch die fragliche Täuschung des Publikums erlitten hat, ein seh! bedeutender, was wohl zur Evidenz aus der hatsache hei vorgeht, daß derselben sogar aus Australien Proben der mit dem Falsifikate dorthin gelangten nachgeahmten Etiquetten zugegangen sein sollen. Daß daher der Verurtheilung wegen Vergehe s gegen das Markenschutz- Gesetz eine Schadenersatzklage der berechtigten Firma folgen wird, ist mit Bestimmt­heit vorauszusehen.

Darmstadt, 18. Jan. G oßh. hessische 50 fl.-Loose. Die Direction der großh. hessischen Staatsschuldentilgungskasse bringt zur öffentlichen Kenntniß, daß, nachdem die letzte Verloosung der großh. hessi'chen Privatschuldschetne ä 50 fl d. d 25 Nov. 1825 im Januar 1876 stattgesunden hat, eine große Anzahl der genannten Partial­schuldscheine big jetzt noch nicht zur Einlösung präsentirt worden ist.

Adele Sp tzeder. Die Ex-Direktorin derDachauer Bank ' scheint doch aus ihrer Glanzpeiiode so manches Sümmchen bei Seite gebracht zu haben, denn sie hat die Absicht, nach Amerika zu gehen, nicht etwa um dort ihren Dachauer Humbug fort- zusetzen, sondern um in Rewyork daS gioße Theater m bet 14. Straße zu pachten, in welchem sie mit einer deutsch n Gesellschaft Vorstellungen geben will. Aber nicht nur als Directrice und Actnce will sie sich den Amerikanern zeigen, sondern auch als Mär­tyrerin, denn sie soll bereits einem Theaterschriststeller den Auftrag c.egc''en haben, em Stück zu schreiben, worin ihr Leden mit einem wahren Glorienschein feze'chnet werden muß. Die Hauptrolle in diesem Stück, die Adele Spitzeder, wirb, wie sich's von selbst versteht, von der wirklichen gespielt werden. Wer sich einmal das Schwindeln ange­wöhnt, kann es nicht mehr lassen.

Co b lenz, 15. Jan. AlS Couriosiiät verdient erwähnt zu werden, daß gestern bereits frisches Markraut aus dem Coblenzer Walde heimgebracht worden ist, welches natürlich sofort zur Anrichtung einer Maibowle diente.

Von der Bergstraße, 18 Ion. Da« starke Erdbebe», welches am 10. d. M. Abends kurz vor 9 Uhr stattfand, wurde hier in der ganzen Gegend deutlich verspürt. Es scheint seinen Ausgangspunkt in Lindenfels gehabt zu haben, woselbst die Ein­wohner durch bat donnerartige Getöse, weichet damit verbunden gewesen ist, nicht wenig bestürzt wurden, und Einige ängstlich die Häuser verließen. Von dort bewegte es sich nach Nord-Weit, und wurde besorders ist Reichenbach, Bensheim, Ober- und Unter'Hambach verspürt. Auffallender Weise wiederholen sich seit vielen Jahren diese Erd-Erschütterungen in der Umgegend von Lindenfels.

Ob er wesel. Wie leicht die Masse des Volkes zum Glaube» an Spukgeschicht- chen und Wundersames zu bringen ist, davon hier ein Beispiel. Ein alteS Mütterchen

3«

tonnen ©efannt«

ganpv Der tn

»'.Ä t" hin und «

t|( geltem

1 /Ieort

ier^runqrin ,nte 2] Dlut ®JcSitflnf SyÄ »es® U « Ldie Gwitfw tonnen d 2anron*-nnncn

?l( tuId) W unttenefen Sintern Den -üc einer hlW«

Cnn erbliches ttirt imee auf Die Dau 8 jjjrtiruri'en, die höhere ßttm ch/ welche sich voi Jhnb nicht biS zum 16. I cfrölifH müssen, die t)ö iir Änb viele Mühe auftt n.e Die Früchte Der früh! liit, bat gesäet, ohne ernt

litt

Uerlag Don g

VII) kl! itibt. Stufen Hw Zchllozen: M

StabWSaffe

TlW, am 20.

- ® * M«it .Irt

.immthd)« Uch,

' brti I.,

@lt6en, btn 23. Dkl

^en VLahern fie

'! witj,ünw«

W-

<

-

S ' &

e«, 3»n,