Ausgabe 
22.11.1877
 
Einzelbild herunterladen

Atalirrr

Rom, 19. November. DieJtalie" dementirt die von mehreren Zei­tungen gebrachte Nachricht, daß der gegenwärtige Botschafter in Wien, Graf Robilant, das Ministerium deS Aeußern, Senator Rossi das Portefeuille der Finanzen, Depretis das der öffentlichen Arbeiten und der Deputirte Puccioni das der Justiz übernehmen würden. Die über diesen Gegenstand umlaufenden Nachrichten seien vollkommen unrichtig. Das Ministerium sei nie so einig ge­wesen, wie jetzt und werde in der gegenwärtigen Zusammensetzung vor die Kam­mern treten. DieJtalie" versichert ferner, die Eisenbahn-Conventionen würden der Kammer am 22. d. vorgelegt werden.

Türkei.

Konstantinopel, 19. November. Die Gebrüder Geschoss sind hier angekommen, aber nicht in Gefangenschaft gesetzt, sondern im Polizei-Mini­sterium untergebracht. Der Großvezir hat den britischen Botschafter Layard benachrichtigt, die Genannten würden wahrscheinlich nach Aleppo verbannt.

Der orientalische Krieg.

Petersburg, 19. November. Amtlich wird aus Bogot vom 18. d. gemeldet: Einem Bericht von dem Detachement an der unteren Donau zufolge griff Oberst Launitz, mit zwei Escadrons Husaren auf -der Straße nach Basard- schik vorrückend, am 14. d. bei Orman Kujusaei eine Abtheilung berittener Türken und Tscherkeffen an und erbeutete dabei 400 Stück Vieh und 200 Pferde. Am 16. d. machten 400 Baschi-Bozuks und Tscherkeffen nebst regulärer In­fanterie einen Angriff auf Novoselo. Hier wurden von denselben einige Häuser in Brand gesteckt, 3 Bulgaren ermordet, ein Weib verwundet und ein lOjähri- ges Mädchen enthauptet. Eine Compagnie des Regiments Jakuts', von zwei weiteren Compagnien aus Dschulan und Slatarizda unterstützt, warf die Baschi- Bozuks und Tscherkeffen gegen Kasbubek zurück. Bei Abweisung des türki­schen Angriffs auf den Schipka-Paß am 11. d. zeichneten sich die Regimenter Jenisseisk und Irkutsk aus, die hier zum ersten Male in's Feuer kamen.

Zara, 19 November. Vorgestern verletzten 400 Türken die österrei­chische Grenze bei Tlavaniskahrda, zündeten ein Haus an, plünderten mehrere Häuser und trieben 46 Ochsen und 1 Pferd weg.

London, 19. November.Daily News" berichtet aus Weran-Kaleh vom 18. d. über die Einnahme von Kars: General Lazareff mit der 40. Divi­sion befehligte auf dem rechten Flügel und griff das auf steiler Höhe gelegene Fort Hastz Pascha's an. General Graf Grabbe griff mit dem Grenadier-Regi­ment Moskau und einem Regiment der 39. Brigade Kanli Tabia, die Thürme von Hawari, Tabari und die Cttadelle an, während eine von Ardahan gekom­mene Brigade nebst einem Grenadier-Regiment unter den Generalen Roop und Komaroff das Fort Inglis angriffen. Um 8j/2 Uhr Abends begann der Kampf im Centrum. General Grabbe fiel beim Sturm auf Kanli Tabia an der Spitze seiner Brigade. Hauptmann Kwadmtcki drang in die 11. Redoute ein. Die große Redoute Horaene ergab sich früh Morgens. Hierauf wurden die drei Thürme der Citadelle und Fort Lawary gleichzeitig mit Kanli Tabia ein­genommen. Das Fort Hafiz Pascha's wurde ebenfalls gestürmt, gegen Morgen auch Karadagh und die übrigen Forts. Tikmet und Avale widerstanden bis 8 Uhr Morgens. 40 Bataillone versuchten darauf in der Richtung gegen Erzerum zu fliehen, wurden aber durch die russische Kavallerie aufgehalten unb gefangen genommen. Die ganze Festung mit der Stadt selbst, 300 Geschütze und Munittons-Vorräthe waren in die Hände der Russen gefallen. Die Türken verloren an Todten und Verwundeten 5000 Mann, sowie 10,000 Gefangene. Viele Fahnen wurden den Russen zur Beute. Die letzteren hatten einen Ver­lust von circa 2700 Mann. Friedliche Bürger, Frauen und Kinder wurden von ihnen geschont. General Loris Melikoff leitete die Schlacht. Im Laufe des Tages wohnte auch Großfürst Michael derselben bei. Loris Melikoff hielt Vormittags 1t Uhr seinen Einzug in Kars.

Lokal-Notiz

Gießen, 21. Nov. Nachdem das Gerücht an Nahrung gewonnen, daß gewisse Herren, auf welche die gestrige Local-Notiz hinzlelte, die Veranlasser der letzten Bürger- Versammlung in Wenzel's Garten gewesen seien, erklären wir, nach gewonnener lieber; zeugung, daß dieselben an der ihnen angedichteten Berufung vollständig unschuldig sind und der Urheber dieses bedauerlichen Vorkommnisses andrrwo zu suchen ist.

--In der gestrigen außerordentlichen Generalversammlung des nationalen und liberalen Vereins, welche von ca. 130 Personen besucht war, wurde Herr Rechner Grüneberg altz höchstbestimmter Candidat zur Stadtverordnetenwahl an Stelle des Herrn Ed. Sack ausgestellt.

Gießen, 20. November. Wir entnehmen derDeutschen Reichspost": Berliner Blätter belichteten in voriger Woche von einem Bagatellproceß, der wegen 25 Pfennigen beim Stadtgertcht Berlin anhängig gemacht und vor kurzem entschieden wurde. Der Fall war folgender: Zwei Berliner Gerichts-Referendare fuhren vergangenen Winter mit der Pferdebahn nach einem andern Stadttheil, erlegten 25 H und erhielten dafür von dem Kondukteur eine Marke, die aber einem der beiden Herren gleich darauf in Folge eines Windstoßes aus der Hand entführt wurde. Als nun bei Abgang des Wagens die Billets abgefordert wurden und dem einen Referendar dasselbe fehlte, wurde er zur Nachzahlung der 25 $ aufgefordert, weil jeder Mttfahrende nach dem bestehenden Reglement sich durch seine Marke legitimtren müsse. Dem Aufgeforderten blieb auch nichts übrig als zu zahlen; er erhob darüber aber gerichtliche Klage gegen die Direktion der Pferdebahn. Beide Parteien nahmen nun Rechtsanwälte an, mußten in verschiedenen Terminen vor Gericht erscheinen, und schließlich wurden auch noch Sachverständige vernommen. Da die erstmalige Zahlung der 25 $ von Seiten des Klägers durch Zeugen konstatirt war, wurde die beklagte Direktion zuletzt zur Rück­zahlung der nachgeforderten 25 $ und zur Tragung der Kosten verurthetlt, die über 70 x betragen haben sollen. Unsere Stadt bat ein interessantes Seitenftück zu

diesem .Monstreprozeß* auszuweisen, in dem ebenfalls 25 $ dos Streitobjekt bildeten. Die Veranlassung war diese: Ein hiesiger Gaftwtrth gab zu Anfang dts Jahres 1875 an einen Frankfurter Wildpret- u. Geflügelhändler auf hiesigem kaiierl. Telegraphen Bureau ein Telegramm auf, in welchem er mit demZweiuhrzug" deffelben Tays die Ueber- sendung von vier Kapaunen rc. verlangte. Das Telegramm wurde von dem gerade sungtrenden Beamten als ein aus 20 Worten bestehendes angenommen und von dem Gastwirth mit der gesetzlichen Taxe bezahlt. Einige Zett nachher erhielt er zu seiner nicht geringen Verwunderung wegen desselben eine Nachforderung von 25 Die kon- troltrende Telegraphen-Direktton zu Frankfurt a. M. hatte nämlich bei Prüfung der Rechnungen des Gießener TelegraphenamtS herausgefunden, daß besagte- Telegramm 21 Worte enthalte, IndemZweiuhrzug" alS drei Worte zu berechnen sei, während der die Depesche abfertigende Beamte, entsprechend der Schreibung deS Aufgeberszwei Uhr- zug", für aus zwei Worten bestehend angesehen hatte. Da der Gastwirth sich in seinem Recht glaubte, verweigerte er die Nachzahlung der 25 H, worauf die kaiserliche Tele- graphen-Dtrektion beim hiesigen Stadtgericht gegen ihn klagbar wurde. Der nun be­ginnende Prozeß nahm im März 1875 seinen Anfang und ist im Oktober d.J. endlich zur Entscheidung gelangt. Auch bei ihm traten Anwälte für die streitenden Parteien auf und wurden verschiedene Termine anberaumt und zur Entscheidung der eigentlichen Streitfrage, ob Zweiuhrzug nach Sprachgebrauch und Zusammenhang als ein, zwei oder drei Worte anzusehen sei, drei wissenschaftlich gebildete, beeidigte Experten bestellt, die sich in einem ausführlichen schriftlichen Gutachten endlich einstimmig dahin aussprachen, daß nach den für die deutsche Sprache giltigen Kompositionsgesetzen wie nach dem Zusammenhang der daS Telegramm bildenden Worte das streitigeZweiuhr­zug" nur für ein Wort erklärt werden könnte, nach welchem Verdikt das besagte Tele­gramm also statt 21 nur 19 Worte enthielt. Demgemäß wurde die kaiserliche Tele- qraphen-Direktion mit ihrer Klage abgewiesen und in fämmtliche Kosten verurthetlt, die aber nahezu 500 X (!) betragen. Unglaublich, aber wahr! Die Sache erregt hier viel Heiterkeit. Nur schade, daß bei ihr als einer Bagatellsache keine Appellation zu­lässig ist! Die Summe der Prozeßkosten würde dann vielleicht noch höher. Ein- ist aber doch diesem Thatbeftand gegenüber tröstlich, daß nach Einführung des neuen deut­schen Gerichtsverfahrens so lange sich hinziehende Prozesse Über Kleinigkeiten jedenfalls nicht mehr möglich sind.

Vermischtes.

Erbach, 15. Nov DaS Großherzogliche KretSamt Erbach hat folgendes Aus- schreiben an die Bürgermeistereien des Kreises erlassen:An verschiedenen Orten deS Kreises haben wir die Wahrnehmung gemacht, daß größere und kleinere Flächen ge» meinheitlichen Eigenthums, Böschungen rc., auf welchen Obstbaumpflanzungen angeleat werden könnten, unbebaut beließen und nur alS Weideplätze benutzt werden. Ebenso fehlen häufig an den Vicinalwegen noch Obstbaumpflanzungen. In allen Gemeinden, in welchen der Obstbau mit Erfolg betrieben werden kann, liefert derselbe säst alljähr­lich hohe Erträge und können hiermit theilweise die Gemeindeausgaben bestritten und in Folge hiervon die Umlagen verringert werden. Wir müssen Ihnen daher dringend anempfehlen, nach Benehmen mit den Gemeinderäthen an den Vicinalwegen und an sonstigen geeigneten gemeinschaftlichen Platzen Obstbäume anpflanzen zu lassen und auch die Privatgrundbesitzer zu dergleichen Anpflanzungen auf ihrem Eigenthum möglichst zu veranlassen. Bis zu dem 1 Mai k I. sehen wir Ihrer Berichterstattung über den Erfolg Ihrer Bemühungen, sowie darüber entgegen, ob an den Vicinalwegen unb sonstigen geeigneten gemeinheitlichen Plätzen Obstbäume angepflanzt worden sind oder welche Hindernisse der Anpflanzung von ObstbSumen an diesen Stellen entgegenftehen?" Aus Baiern. (Patriotischer (vchlachtgesang.) Dr. Sigl's boshafteBremse" läßt die fromme Gesellschaft im katholischen Casino zum Schluß der Debatten bei treff­lichem Franziskanerklosterbier ihr (nachstehendes) Programm absingen;

Mir fan Patrioten, dös woaß mer ja eh';

Wir heb'n wieder b Köpf' und die Nasen in d' Hoh. D' Minister wem schaun, wie 's jetzt abithan wem; Mir fan dösmal gestellt, wir zoag'n eahna d' Herrn; Den Lutz freffn mer z'erscht als Frühstück am Kraut, Und der Pfeufer, der wird nachher a abt g'haut. Beim Berr mach'n mer's kurz, den blasen mir weg, Und nachher den Pfretzschmer, den schiab'n mir um's Eck, Beim Minister fürn Krieag schneib'n mer a net viel um Mir brauch'n foan Krieag, mir, dö8 iS uns lang z'dumm! Die Steuern derhöh'n, dös fallt uns net ein, Dös is foan Bedürfnis wie Diäten oanS fein, A ©teuerrefurm müaß'n mer Ham, döS is gewiß, Weil mit dem viel'n Zahl'n nimmer ausz'komma is. Die beste Furm war': die Juden kriag'n Wix Und zahl'n dafür d' Steuern; b' Patrioten zahl'n nix. Und wem dös net taugt, o mein lieber Gott! Der is halt a Breiß aber koan Patriot!"

Zweite Sammelliste

des Iweig-Hülssvereins unter dem rothen Kren; für die permundeten und Kranlien in dem russisch-türkischen Krieg.

Eingegangene Gaben:

1) bei den Mitgliedern des Vorstandes:

Geh.-Rath Dr. Völcker X 3. Hofg.-Rath PfannmÜller X 3. Hofg -Rath Becker X 3. Dr. K X 3. Engisch X 3. Buchhändler Ricker X 3. F. Koch X 3. Landrichter Reitz X 2 Durch Dr. W. Diehl Sammlung im geselligen Kreise der hiesigen Fr.-Loae X 33. Bürgermeister Bramm X 3 Rentner Louis Bücking X 10. Assessor Limpert X 1. Rentner F. Bücking X 2. Rentamtmann Lyncker X 3. Prof. Dr. Lemcke X 3. Oberfinanzrath Mohn X 3. Dr. Glasor X 2. Weinhändler Schwan X 5. Oberpoftdirektor Lochmann X 3

2) bei der Expedition des Gießener Anzeigers: Professor Hoffmann X 3. Schul-Jnspector DigeliuS X 5. Gesammelt in der Gemeinde Oppenrod X 7.70.

3) bei Herrn Kaufmann Fischbach: Dr. Winckler X 3.

4) bei Herrn Kaufmann Michel:

Frl. B. H. X 3. Frl. Mühlbach X 2.

Im Ganzen 114 x 70

Vorstehende Gaben werden dankend bescheinigt, und wird um weitere Beiträge gebeten, weil das Bedürfnis groß ist. Listen zum Einzeichnen liegen bei den oben Ge­nannten unb bei Herrn Kaufmann Balser (Neustadt) offen.

Gießen, den 17. November 1877.

Der Vorstand des Zweig-HülfSvereins. Hahn.

x'-v »s. i tII TiC'--hr:CTL. NII IMl

6560) Wer sich noch nicht mit dem unentbehrlichen Hausrath eines Kalender- Iversehen hat, wird beim diesjährigen Daheimkalender am besten seine Rechnung finden.

Prima

ital. Maronen

empfiehlt (6529

Gff. With. Wertig.

Zu verkaufen

Harzer Canarienvögel (gute Sänger).

Wo? sagt die Exped. d. Bltts._______(6533

6513) Ein saft neuer Militär-Rock bil­lig zu verkaufen.

G. Löb, Wetzsteinsgasse A. 62.

Allgemein

Neunaugen

empfiehlt (6500

______________Emil Nschbach.

Waschklummern

6388)_____________bei K. E. Winter.

6335) Billige Regenschirme (durch vortheilhaften Einkauf) zu haben bei I. Rothenberger, Lindenplatz.

r Anzeiger.

6083) Einzelne Bettttzeile: Deck- unb Unterbetten, Kissen rc., sowie mehrere voll ständige ein- und zweischläfrige, febr gut erhaltene, reinliche Betten mit Bettstellen billig zu verkaufen. I. Rothenberger, Lindenplatz.

Heue

ital. Haselnüsse

empfiehlt (6523

Chni! Fischbach.

Universal-

Reinigungs - Salz.

3283) Von allen Aerzten als das einfachste und billigste Hausmittel empfohlen gegen Säurebildung, Aufstossen, Krampf, Ver­dauungsschwäche und andere Magenbeschwer­den.

V< Originalpaket ä X 0.25,

Vr ä X 0.50,

V1 n 1,

zu haben bei C. F. Semmler in Giessen.