Bto« Donnerstag, den 22 November 1897.
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AMlgk- iah Amtsblatt für bea Kreis Gießen.
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Amtlicher Hßeiü
„ t r,r t Gießen, am 19. November 1877.
Betreffend: Die Ausführung des Reichsmünzgesetzes, hier die Einziehung der % Thalerstücke.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Gemeindeeinnehmer, Kreiskasse-, Kirchen- und Stiftungs-Rechner.
Nachträglich zu unserem Ausschretbeo vom 27. v. M. setzen wir Sie davon in Kenntniß, daß nicht blos die Großherzogliche Hauptstaatskasie unmittelbar, sondern auch alle Großherzoglichei, Rentämter und Districtseinnehmereien die dort erwähnten Anerkenntnifle einzulösen beauftragt sind.
________________________ Dr. Boekmann.
Noli 1 ischer T h e i l.
Zur allgemeinen politischen Lage.
Europa ist augenblicklich wieder einmal an einem Zeitpunkte angelangt, wo es gespannt der Dinge wartet, die da kommen sollen. Sowohl im Osten wie im Westen des Welttheils erwartet man von einem Tage zum andern entscheidende Ereignisse. Nach dem Falle Plewnas würde den Russen nichts mehr tm Wege stehen, den Balkan zum zweiten Male zu überschreiten und auf die Hauptstadt des osmanischen Reiches loszugehen. In Konstantinopel herrscht schon jetzt in Folge der unglücklichen Wendung, welche der Feldzug auf beiden Kriegsschauplätzen in letzter Zett genommen, eine ungeheure Aufregung. Eine Verschwörung gegen den Sultan, der im Verdachte steht, Friedensgedanken zu hegen, ist noch bei Zeiten entdeckt worden. Bei fortdauernder Ungunst des Kriegsglücks glaubt man aber einem förmlichen Zusammenbruch des gegenwärtigen Standes der Dinge im osmanischen Reich entgegensehen zu müssen. Leider droht ein weiteres siegreiches Vorrücken der Rusten auch Oesterreich und England wieder in Besorgniß zu versetzen. Allem Anschein nach macht sich ersteres bereit, dem Wunsche der Ungarn, welche für den Fall einer Betheiligung Serbiens am Kriege immer ungestümer die Occupation dieses Landes fordern, zu willfahren. England aber hat zwar soeben durch seinen Premierminister viel von Friedenshoffnungen gesprochen; da derselbe indeß In auffälliger Weise an die früheren Versicherungen des Kaisers Alexander, keine Gebietserweiterung zu erstreben, erinnert und zugleich die Fortdauer der Unabhängigkeit der Türkei als eine Nothwendigkett bezeichnet hat, so fürchtet man nicht mit Unrecht, daß sich hinter seiner für Rußland scheinbar so wohlwollenden Sprache der Entschluß verberge, die Türkei in ihrem Widerstande zu bestärken und das Zustandekommen eines Friedens, welcher Rußland u. A. den Besitz Armeniens als Ersatz für seine Krtegskosten sicherte, zu erschweren.
Zeigt aber der politische Horizont im Osten, wo er im Laufe der letzten Monate trotz des KriegsgeiümmelS verhältnißmäßig heiter geworden war, neuerdings wieder Wolken, so bietet derselbe im Westen einen noch trüberen Anblick. In Frankreich neigt sich, nachdem die bisherigen Minister es übernommen haben, vor der neuen Kammer auszutreten, das Zünglein der Wage mehr und mehr auf die Seite einer gewaltsamen Beendigung der Krisis durch einen neuen Staatsstreich. Gleichzeitig setzt der Vatican überall, in Polen wie in Frankreich , in Italien wie in Deutschland, seine Hetzereien gegen die bestehende Ordnung der Tinge fort, um den allgemeinen Zusammenbruch der modernen Staaten, aus dem er die päpstliche Weltherrschaft hervorgehen zu sehen hofft, zu befördern. Der Friede und die Ruhe Europas würde mithin von den ernstesten Gefahren bedroht sein, wenn es den Klerikalen gelänge, den Marschall Mac Mahon ganz in ihre Netze zu ziehen und Frankreich zum Werkzeug für die Ausführung ihrer Pläne zu machen.
Trotz allem Widerstreit der sich gegenüberstehenden Jntereffen und Bestrebungen halten wir tudeß noch immer an der Hoffnung, daß der Knoten sich allmählig friedlich entwirren werde, fest, weil wir wiffen, daß das im Herzen des Welttheils liegende Deutsche Reich ein starker Hort des Friedens und bereit ist, zur Erhaltung desselben das Schwergewicht seines Ansehens, nöthigen- falls auch das seines Schwertes, in die Wagschale zu werfen. Im Osten wird die deutsche Reichsregierung ohne Zweifel, wie bisher, so auch fernerhin dafür Sorge tragen, daß Oesterreich nicht mit Rußland in Conflict gerathe, das Trei-Kaiser-Bündniß vielmehr aufrecht erhalten bleibe, und wird sich an der Mitwirkung bei der tm Jntereffe der Ctvilisation erforderlichen Neuordnung der Dinge tm Orient am allerwenigsten durch den Widerspruch Englands, an dessen Ernst die englischen Staatsmänner selbst nicht glauben, hindern laffen. Nach Westen hin wird Deutschland nach wie vor auf der Wacht stehen, um sich von etwaigen Angriffen seines revanchelustigen Nachbars nicht überraschen zu lasten, den gallischen Friedensstörer vielmehr nebst der gesammten Vaticanaille in- und außerhalb Deutschlands bei Zetten zur Ruhe verweisen. Sollte es aber trotzdem zum Kriege kon'.men, so wird — deß sind wir überzeugt — der Segen des „Unfehlbaren" Frankreich ebenso wenig nützen, wie sein Fluch Rußland geschadet hat, der Fluch vielmehr schließlich auf Denjenigen zurückfallen, der ihn unchristlicher Weise ausgesprochen hat.
KeuLschcand.
Berlin, 19. November. Der hier am Sonnabend verhaftete, unter dem Namen v. Lyskowski auftretende Pole ist als ein von Westpreußen ver
folgter Urkunden-Fälscher erkannt. Derselbe hatte freiwillig das Geständniß abgelegt, daß er nach Berlin gekommen sei, um den Kaiser und den Fürsten Bismarck zu ermorden. Nachdem ihm seine hierher geschickte Photographie vorgelegt war, räumte er ein, der Privatsecretar Lugowsky aus einem Städtchen des Kreises Löbau zu sein, und erklärte, jenes Geständniß über die beabsichtigte Ermordung des Kaisers und Bismarck's sei unwahr.
Berlin, 19. November. Die „Nordd. Allg. Ztg " bringt einen Artikel der russischen „St. Petersb. Ztg." vom 9. "b., betr. das Gewicht Frankreichs bei den künftigen Friedens-Verhandlungen, zum Abdruck. Die „Norddeutsche" hält diesen Artikel, der die blos „ideale Liebe Preußens" und die zweifelhafte Freundschaft Oesterreichs durch eine russisch-französische Intimität zu ersetzen hofft, für irgendwie französischen Ursprungs. Ernsthafte russische Politiker, so bemerkt die „Norddeutsche" weiter, würden darüber nicht zweifelhaft sein, daß eine russisch-französische Intimität die sogenannte zweifelhafte Freundschaft Oesterreichs und ideale Liebe Preußens nothwendtg in Gegnerschaft umwandeln würde.
Hesterreich.
Wien, 19. November. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses vertheidigte der Finanzminister v. Pretis in längerer, beifällig aufgenommener Rede der Bank-Vorlage, indem er die Vorthetle der Erhaltung der gemeinsamen Bank gegenüber der Errichtung einer selbstständigen ungarischen Bank hervorhob, die Nothwendigkett der dualistischen Gestaltung der neuen Bank begründete und ferner ausführte, daß der Credtt der Bank durch die neue Organisation nicht geschädigt werde, sondern aufrecht erhalten bleibe. Minister Unger wendete sich, als er gleichfalls zur Befürwortung der Vorlage das Wort nahm, gegen einige Vorredner, namentlich gegen v. Kellersperg, und betonte insbesondere die Nothwendtgkeit des Ausgleiches mtt Ungarn: zum ersten Male werde jetzt zwischen Oesterreich und Ungarn eine Brücke geschlagen, über welche man nicht nur von Oesterreich nach Ungarn, sondern auch von Ungarn nach Oesterreich gelangen könne. Es sei eine fortschreitende Besserung des Verhältnisses zu Ungarn vorauszusehen. Schließlich erklärte der Minister, die Annahme der Bank-Vorlage würde den staatsrechtlichen und wtrthschaftlichen Frieden, die Ablehnung den staatsrechtlichen und wtrthschaftlichen Krieg bedeuten. (Lebhafter Beifall). Hiernach wurde die allgemeine Debatte geschlossen. Morgen werden noch Herbst und Skene als General-Redner sprechen.
— Die „Neue Fr. Pr." bringt folgende Depesche aus Bukarest vom 18. Novbr.: Die Directton der rumänischen Eisenbahn hat Befehl erhalten, für den Transport zwei neuer Armee-Corps täglich zehn Züge zu organisiren. Der Schnellzug Roman-Bukarest ist eingestellt. — In den Districten Jlfow und Teleorman ist die Rinderpest ausgebrochen.
Wien, 19. November. Aus London wird gemeldet: Beaconsfield äußerte im Carlton-Club: Wenn Plewna gefallen sei und die Ruffen gegen Konstantinopel marschtrten, werde die britische Flotte mit hinreichenden Truppen sich zum rechtzeitigen Schutze Konstantinopels in Bewegung setzen. — Die „Wiener Abendpost" meint, die Pforte werde auch nach dem Fall von Kars den Krieg auf's Aeußerste fortsetzen. — Einige Blätter halten die englische Vermittlung bevorstehend.
Wien, 19. November. Die „Polit. Corresp." meldet aus Pesth: Die Einberufung der Delegationen auf den 5. Decbr. ist im Laufe der Woche zu gewärtigen. — Dieselbe Correspondenz meldet aus Belgrad: Gestern wurde die Mobilisirung des Schumadja-Corps angeordnet; ebenso erfolgte die Einberufung der Artillerie-Reservisten. Nach Cupria wurden 800 Freiwillige abgesandt. Heutige Mittheilungen laffen den formellen Bruch zwischen der Pforte und Serbien wegen sich mehrender Recriminationen aus Konstantinopel näher gerückt erscheinen. Die Nachricht von der Vereinigung des serbischen Timok- Corps mit der russischen Avantgarde ist unbegründet. — Aus Cattaro meldet die „Pollt. Corresp.": Am 17. d. nahmen die Montenegriner das Fort Volto- rica vor Antivari und schleiften die Bastion Lerbent. In Antivari ist der größte Theil der Häuser durch das Bombardement eingeäschert. Im Hafen von Antivari liegen keine türkischen Kriegsschiffe, ebenso wenig sind solche in Sicht.
IrarrLreich.
Versailles, 19. November, Abends. Der Senat hat mit 15 gegen 129 Stimmen die von der Rechten beantragte motivtrte Tagesordnung angenommen.


