1899
Sonntag, den 22. Juli
Wo. 169
Anzeige- «ni> AmtsbM für den Kreis Gießen
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Mission des Letzteren zeigte sich keine besondere Geneigtheit, auf die Regierungs- Vorlage bezüglich des Ankaufs der Eisenbahnen durch den Start einzugehen, o daß diese Lieblings-Idee des cisleithanischen Handels-Ministers wenig Ansicht auf Verwirklichung hat.
Vom Kriegsschauplätze aber sind Neuigkeiten von hervorragendem Interesse eingetroffen. Die Niederlagen zwar und der Rückzug der Ruffen m Kleinasien werden eben nun von allen Seiten bestätigt und zugleich wird gemeldet, daß die mohamedantschen Bergvölker des Kaukasus in Hellem Aufstande begriffen, die Türken aber im Anmarsch gegen das russische Gebiet sind, um ihren empörten Glaubensgenoffen die Hand zu reichen; aber um so mehr treten die Ereignisse an der Donau zu Gunsten der Russen hervor. Einige Tage lang, haben diese zwar nach Besetzung Tirnowas nur langsam Terrain gewonnen, aber nach den letzten Nachrichten haben sie den Balkan mit ihrer Vorhut nicht mit bei Gabrowa erreicht, sondern sogar auf dem^Schipka-Paß überschritten, was unbegreisticher Weise ohne allen Widerstand «Leitens der Türken geschehen sein soll. Verschiedene Meldungen bestätigen die Besitznahme von Jenitzagra durch die russische Avantgarde, welcher Ort südlich vom Balkan auf der Straße von Gabrowa nach Adrianopel gelegen ist. Die türkische Einwohnerschaft soll sich von allen Seiten in voller Flucht nach diesem schnell befestigten Hauptsitze befinden, wohin auch von Konstantinopel aus alle noch verfügbaren Truppen gesender wurden. Jedoch nicht nur nach Süden haben die Russen einen wenigstens vorläufig mit dem günstigsten Erfolg begleiteten Vorstoß unternommen, auch nach Osten und Westen zu breiten sie sich von ihrer gewonnenen Basis her immer noch aus, deren größeren Sicherheit wegen in der Nähe von Sistowa eine zweite Brücke über die Donau von ihnen errichtet worden ist. Nach Westen zu ist es ihnen gelungen, sich der )d)arf-6om6arDirt ten und größtenteils zerstörten Donaufestung Nikopolis zu bemächtigen, zu deren Schutz ein türkisches Corps — wohl von Widdin aus — herangezogen war, aber von ihnen geschlagen wurde.^ Nicht minder haben sie sich gegen Osten gewendet, wo in der Gegend von Schumla die Hauptmacht der Türken concentrirt sein soll. Zwischen Rustschuk und Rasgrad wurde von den russischen Eclaireurs die Eisenbahn, und damit die Verbindung Rustschuks mit Schumla und Varna unterbrochen; auch soll von ihnen Osman-Bazar angegriffen und die in dortiger Gegend stehende Vorhut der Türken zum Rückzug genöthigt worden sein. Endlich wird der Anmarsch eines neuen Armee-Corps aus Rußland stqnalisirt, welches die Lücken der schon im Kampfe begriffenen Heeres- körper 'auszufüllen und der sich ausbreitenden Hauptarmee den Rücken zu decken bestimmt ist. Von den in der Dobrudscha operirenden Truppen hört man so gut wie nichts; sie werden in jenem öden, heißen und wasserlosen Landstrich Mühe haben, sich zu behaupten und scheinen nur zu Demonstrationen gegen die östlich gelegenen Festungen Silistria und Varna dienen zu sollen.
3n Frankreich hat die eigentlich royalistische Partei dem rücksichtslosen, ränkevollen Vorgehen der Bonapartisten gegenüber sich enger zusammengeschlossen — aber wird es ihr viel helfen? Seitdem das Bündniß der Anhänger des Kaiserreichs mit den eigentlichen Ultramontanen, der Priesterpartei, wie sie wohl in Frankreich genannt wird, immer deutlicher hervorgetreten ist, darf das Uebergewicht der ersteren über ihre royalistischen Bundesgenossen wohl als besiegelt gelten. Das Ministerium fährt aber fort, durch Zwangsmaßregeln das Volk zu erbittern, während doch die Unsicherheit, welche es hinsichtlich der Ausstellung des Wahltermins bekundet, hinlänglich zeigt, wie wenig Vertrauen es in die Haltung der Wähler setzt und in der That zu setzen Ursache hat.
In Nordamerika erfreuen sich die Vereinigten Staaten, seitdem Präsident Hayes den Süden sich selbst überlassen hat, den Prophezeihungen der Republikaner zuwider, der tiefsten Ruhe. Erst mit dem Zusammentritt des außerordentlichen Congresses im October wird das politische Leben sich m stärkeren Pulsschlägen bemerklich machen ; denn es wird sich alsdann um die recht nothige Reform des Civildienstes handeln, für welche Hayes eine gründliche Umwälzung fordert und durchzusetzen entschlossen ist. , , # r L , ,
Am Horizonte der mexikanischen Republik aber hangt noch immer drohend die Wolke des Bürgerkrieges, da die Anhänger des vertriebenen Präsidenten Lerdo de Tejado sich im Norden des Landes festgesetzt haben und gegen den Usurpator Diez eine allgemeine Schilderhebung vorbereiten. Für den Fall, daß dessen gänzliche Vertreibung nicht auszuführen sein sollte, wird die ©rum düng eines nördlichen Sonderbundes von ihnen in Aussicht genommen.
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Erscheint täglich mit Ausnahme de» MontagS. Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.
Auf dem Gebiete der innern Politik Deutschlands hat man sich vielfach mit den Aussichten beschäftigt, welche der Abschluß des deutsch-österreichischen Handelsvertrages haben möchte. Den mannigfachen Ge- , sichten über den Stand dieser Angelegenheit wurve in den letzten Tagen durch eine osficiöse Mittheilung Berliner Blätter ein Ende gemacht, wonach das Eintreffen der deutschen Bevollmächtigten in Wien noch nicht zu erwarten ist, da bisher definitive Weisungen über den bei den weitern Verhandlungen einzuhaltenden Gang noch nicht ertheilt wurden.
Heber das Pferdeausfuhr-Verbot erfährt mau nachträglich noch aus guter Quelle, daß nicht nur landwirthschaftliche, sondern vor Allem auch militärische Interessen dabei mitgewirkt haben. Umfangreiche Ausfuhr von Pferden für auswärtige — nämlich französische — Rechnung regten die Besorg- uiß an, daß, wenn die Sache so weiter ginge, am Ende gar die Kriegstuchtig- keit der deutschen Armee für etwa eintretende Fälle gefährdet werden könnte. Lo soll ein einziges Lieferungs-Geschäft aus der Provinz Posen allein 1500 junge gesunde, für jede Verwendung geeignete Pferde über Straßburg nach Frankreich verhandelt und sich weiterhin noch zur Stellung eines zweiten gleichen Transportes verbindlich gemacht haben. Da war es wohl Psticht der Llaatsregierung einzuschreiten; denn wenn die Rüstungen der Franzosen, welche besonders durch formidable Artillerie sich eiu Uebergewicht zu verschaffen gedenken, in erster Linie gegen uns gerichtet sind, so erscheint es wirklich nicht angezeigt, daß gerade wir Deutsche die ihnen dazu nöthige Bespannung auf Kosten unserer eigenen Rüstungssähigkeit hergeben sollen.
Die bayerischen Kammern sind bis zum Herbst vertagt worden, nacht em der Haupt-Etat der Militärverwaltung für das erste Quartal 1877 genehmigt und dabei auch dem Reichs-Etat entsprechend die dreizehnten Hauptleute der Infanterie-Regimenter ohne den versuchten Abstrich bewilligt worden waren. Der franzosenfreundliche Vorschlag eines Ultramontanen, die bayerischen Truppen aus Elsaß-Lothringen zurückzuziehen, sand bei der Regierung keinen
Anklang. 3 .
In der verstossenen Woche haben sich wiederum Todesfälle ereignet, die registrirt zu werden verdienen. In Tübingen ist am 13. d. die bekannte Schriftstellerin Ottilie Wildermuth; in Berlin am 14. d. der Professor Adolf Erman, dessen zahlreiche Arbeiten sich auf verschiedene Theile der Naturwissenschaften, besonders aber auf den Erdmagnetismus bezogen, gestorben. Da kam dazu die Kunde von dem gleichfalls am 14. d. erfolgten Ableben des Staats- Ministers a. D., v. Bethmaun-Hollweg, eines verdienstvollen Mannes. Und noch ein Kirchenpolitiker hat in der verflossenen Woche das Zeitliche gefcgmt, der streitbare" Bischof von Mainz, wie man ihn zu nennen pflegte, Wilhelm Emanuel v. Ketteler. Mehr als irgend ein Anderer hat dieser Mann als energischer Antikultur-Kämpfer für die Interessen des Ultramontanismus m Deutschland gewirkt und insbesondere zur Zeit der Reaction dir katholische Kirche Hessens im Sinne des Jesuitismus umzuformen verstanden. Das vaticsmsche Coucil hat dann auch sein Werk zerbrochen. Wohl erkannte er die Folgen, welche die Verkündigung des Unfehlbarkeits-Dogmas in Deutschland haben werde: sußfällig hat er den Papst angefleht, davon abzustehen, aber wie dies nichts half, fügte er sich als echter Jesuiten-Zögling in das Unvermeidliche, brachte das geforderte „Opfer seiner Vernunft" und fuhr fort, der ultramon- tauen Reaction mit größtem Eifer zu dienen. Sein unverhofft schnell enttre- tender Tod wird bei der Wiederbesetzung des bischöflichen Stuhles von Atamz kirchliche Rechtsfragen auf das Tapet bringen, welche wenigstens nicht den Steg des päpstlichen Absolutismus i» Aussicht stellen.
Auch in Preußen steht bei der Erledigung des Bisthums Limburg ein Conflict in Sachen des Culturkampses bevor. Dem bischöflichen Domkapitel daselbst ist nämlich von dem Ober-Präsidenten der Provinz Heffen- Naffau die gesetzliche Aufforderung zugegangen, nach nunmehriger Erledigung des Bischosstubles durch die erfolgte Absetzung Dr. Blum s, innerhalb der Frist von 10 Tagen zur Wahl eines Bisthums-Verwesers zu schreiteni — «tue Aufforderung, der das Kapitel schwerlich nachkommen und deren Nichtbefolgung das weitere Einschreiten der Staatsbehörde zur Folge haben wird.
In Oesterreich-Ungarn ist auf dem Felde der Innern Politik nichts Besonderes zu verzeichnen, als die nach dem Schluß des Abgeordnetenhauses nunmehr auch erfolgte Vertagung des Herrenhauses. In der Eisenbahn-Com-
Viehpreisvertheilung zu Alsfeld.
Der Unterzeichnete bringt hiermit zur vorläufigen Kenntniß des landwirthschaftlichen Publikums, daß am S. September l. A. zu Alsfeld eine Viehpreisv^theiluug stattfinden und bezüglich derselben, namentlich hinsichtlich der ausgesetzten Preise, demnächst noch weitere Bekanntmachung erfolgen wird.
Fried elhausen, am 16. Juli 18 Präsident des landwirthschaftlichen Vereins von Oberheffen.
Adalbert Freiherr Nordeck zur Nabenau. ____


