Mo. 148. Freitag, den 22 Juni 187».
euer "Anzeiger
Akffigc- ui AmtsdlM für iti Kreis Eichen.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlvhn.
Expedition: Schulftraße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
iKs" Einladung rum Abömmneut
auf den
Gietzener Anzeiger.
Derselbe erscheint in den Vormittagsstunden täglich, mit Ausnahme Montags, und kostet für die Abonnenten in der Stadt Gießen vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg., frei in s Haus geliefert.
Den seitherigen Abonnenten in der Stadt Gießen werden wir, wenn vorher keine ausdrückliche Abbestellung erfolgt, das Blatt auch im III Quartal 1877 zusenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lasten.
Die Abonnenten, welche den Anzeiger abholen, erhalten denselben zu 2 Mark.
Für alle außerhalb Gießen wohnenden Abonnenten beträgt der vierteljährige Abonnementspreis 2 Mark excl. Postgebühr. Dieselben können nur bei der Post oder den Landpostboten abonniren. —
Um vollzählige Exemplare liefern zu können, ersuchen wir unsere geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen rechtzeitig bei der ihnen zunächst gelegenen Postanstalt oder den Landpostboten aufgeben zu wollen. Die Redaktion.
politisch
Deutschland.
Darmstadt, 19. Juni. Die erste Kammer der Stände hielt heute ihre 14. Sitzung. Auf der Tagesordnung stand: „Erlaß einer Adresse an Se. König!. Hoheit den Großherzog." Der erste Präsident verlas sodann einen Erlaß Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs, wodurch den Ständen des Groß- berzogthums der Regierungswechsel verkündigt wird, sowie die ihm durch den Präsidenten des Gesammt-Ministeriums in Allerhöchstem Auftrag zugestellte, Seitens Sr. Königl. Hoheit alsbald nach Allerhöchstdeffen Regierungs-Antritt abgegebene urkundliche Erklärung wegen unverbrüchlicher Festhaltung der Verfassung, welche in Art. 106 der Verfaffungsurkuude vorgesehen ist. Die vom Bureau vereinbarte Adresie an Se. Königl. Hoheit den Größherzog wurde ohne wettere T iscussion einstimmig angenommen. Der Inhalt der Adresse ist dahin zusammenzufasten, daß die erste Kammer sofort Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog die aufrichtigste Antheilnahme an dem Trauerfall mit Ehrerbietung ausspreche und sich beeile, an den Stufen des Thrones die tiefempfundenen Wünsche niederznlegen, daß Gottes Segen wie seither auch ferner auf Sr. Königl. Hoheit und dtssen Haus ruben möge. Die erste Kammer werde mit derselben Treue und Anhänglichkeit, welche sie dem in Gott ruhenden Negierungsvorgänger Sr. Königl. Hoheit erwiesen habe, auch ferner bestrebt sein, ihre Schuldigkeit für Se. Königl. Hoheit, Allerhöchstdeffen Haus und das Land zu erfüllen und daö Wohlwollen zu rechtfertigen, welches Se. Königl. Hoheit der Kammer zu eröffnen geruht haben.
Nachdem auch die Kammer ihr Beileid zu dem kürzlich erfolgten Ableben Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Karl ausgesprochen hat, vertagte sich dieselbe auf unbestimmte Zeit.
Darmstadt, 20. Juni. Die zweite Kammer beschloß wegen des Ablebens des Großherzogs Ludwigs III. eine Beileids-Adresse an den Großherzog zu richten und hat sich heute Nachmittag vertagt.
Berlin. Die siebente Criminal-Deputation des hiesigen Stadtgerichts verhandelte den Proceß gegen Liebknecht wegen einer durch einen Artikel des Blattes „Neue Welt" unter der Überschrift: „Die Flinte schießt, der Säbel haut" begangenen Majestäts-Beleidigung. Liebknecht bestritt die Competenz des Stadtgerichts, weil die „Neue Welt" in Leipzig gedruckt und verlegt werde; er bestritt die Behauptung der Anklage, daß die „Neue Welt" mit der hier gedruckten Berliner „Freien Preffe" identisch sei, daß die Leipziger Affociations- Druckerei mit der hiesigen Associations-Druckerei einen und denselben Vorstand und Aufsichtsrath habe. Das Gericht erklärte sich nach der Verhandlung und des Widerspruchs des Staatsanwalts ungeachtet für incompetent, weil die „Neue Welt" in Leipzig erscheine und Angeklagter seinen Gerichtsstand in Leipzig habe.
Berlin, 18. Juni. Der Post-Geldbriefträger Kilmer, welcher heute Morgen S*/2 Uhr in einem Hause der Taubenstraße Geld überbrachte, wurde von einer Mannsperson, die ihm auf der Treppe aufgelauert, hinterrücks überfallen, durch Schläge mit einem stumpfen Instrument und mit Messerstichen verwundet und versucht, ihn des Geldes zu berauben. Der Briefträger ist nicht lebensgefährlich verletzt, der Thäter von den aus das Hülfegeschrei des Brirsträgers herbeigeeilten Personen festgehalten und verhaftet. Der Thäter hat bereits, wie verlautet, gestanden. Die That ist mit einem gewöhnlichen Taschenmesser ausgeführt.
Hesterreich.
Wien. Der „Polit. Corresp." schreibt man aus Petersburg: „Die russische Armeeleitung macht, so heißt es dort, in Rumänien die Erfahrung, daß eine Anzahl von Vertretern einer europäischen Großmacht auf allen nur irgendwie möglichen Umwegen — ja zuweilen ganz ungenirt selbst im Bereiche der russischen Armeen — chiffrtrte Depeschen über russische Truppenbewegungen an ihre Regierung befördert und daß seltsamer Weise kurz darauf die Bewegungen der russischen Armee und die Absichten der russischen Armeeleitung den
er Hh eiI'.
türkischen Truppen- und Festungs-Commandantsu genau bekannt sind. (!!) Man will selbst berechnet haben, daß die Zwischenzeit genau so viel Stunden beträgt, als die Beförderung einer Depesche nach London und von dort nach Konstantinopel, Rusischuk, Widdtn rc. erfordert. (1!) Die russische Armeeleitung begnügte sich vorläufig, die erwähnte Thatsache zu constatiren und dem hiesigen auswärtigen Amt zu übermitteln. Hat diese leise Andeutung keinen Erfolg, so dürfte die ganze Sache, und dies wahrscheinlich recht bald, vor Europa aufgedeckt werden."
Wien, 19. Juni. Ein Telegramm der „Polit. Corresp." aus Athen vom 19. d. Mts. meldet: Der österreichisch-ungarische Gesandte, Freiherr v. Münch-Vellinghausen, ist am Typhus gestorben. — Die griechische Negierung entsandte zur Sicherung der Grenze gegen Näuber ein Detachement mit einer Bergbatterie. — Ferner berichtet ein Telegramm der „Polit. Corresp." aus Bukarest vom 19. d. Mts.: Die Verhandlungen wegen des eventuellen Abschlusses einer effectiven rumänisch-russischen Allianz dauern fort.
— Dem „Tageblatt" wird aus Belgrad gemeldet: Es verlautet, Fürst Milan werde die Heimreise über Wien machen. An der Grenze herrscht große Thätigkeit. Auf türkischer Seite besteht offenbar die Absicht, dem etwaigen Einmärsche der Ruffen durch Serbien entgegenzuwirken. Die serbischen Districts- Beamten wurden angewiesen, Proviant und Fourage aufzuspeichern, wie solche längs der Donau bereits einmagazinirt sind. Die Administration und die Offi- ciere haben Marschbereitschafts-Ordre erhalten.
Arankreich.
Paris, 19. Juni. Gutem Vernehmen nach beabsichtigt Marschall Mac Mahon, gleich nach erfolgter Aufiösung der Kammer ein Manifest an die Nation zu richten.
Paris, 20. Juni. In der gestrigen Kammersitzung wurde der Bericht von Gevaert über das Liquidations-Conto vertheilt; ferner gelangte zur Mit- thetlung, der Kriegs-Minister habe der Budget-Commission angezeigt, das Artillerie-Comitö habe ein neues Kanonen-Modell adoptirt und ein Theil der von der Regierung verlangten 209 Mill. Francs solle zur Fabrikation dieser neuen Kanonen verwendet werden. Der Bericht kündigt außerdem an, daß der Bau der Befestigungen an der Nordgrenze von Dünkirchen bis in die Gegend von Chtmay begonnen werden soll. Die Budget-Commission hat die Votirung der geforderten 209 Mill, einstimmig beantragt.
England
London, 19. Juni. Unterhaus. Bourke erklärte Dillwyn, es sei unrichtig, daß die Pforte die Neutralisirung des Suez-Canals abgelehnt habe, denn solche sei niemals formell verlangt worden. Eine vertrauliche Anfrage Englands bezüglich des Canals habe die Pforte noch nicht beantwortet.
— Die „London Gazette" bringt eine Verordnung, nach welcher vom 23. Mai bis 7. December 1877 in London die Landung von Hornvieh, das aus dem Hasen Tönningen kommt, gestattet ist, wenn beglaubigt wird, daß daffelbe nur aus Dänemark oder Schleswig-Holstein stammt, nur dort geweidet hat und nie mit anderem Vieh in Berührung kam, das Schiff drei Monate vor dessen Einschiffung kein Vieh aus anderen Ländern an Bord gehabt und seit der Verschiffung an keinem anderen Hafen angelaufen ist. Die Landung erfolgt erst, wenn der Schiffs-Eigenthümer eine Caution von 1000 Pfund als Maximum hinterlegt hat.
Rußland.
Petersburg, 20. Juni. In Betreff der vielbesprochenen neuen Recru- tirung von 218,000 Mann wird von unterrichteter Seite bemerkt, daß es sich dabei nicht um eine exceptionclle, sondern um die jährlich wiederkehrende Aushebung bandle, die wie gewöhnlich zum Voraus angekündigt und festgesetzt werde. Die Ziffer sei größer als im vorigen Jahre, weil man bei der abge-


