Krrglim».
London, 16. Januar. Der Festjubel in Britisch-Jndien ist verrauscht und noch beschäftigt sich unsere Phantasie mit der märchenhaften Pracht, welche Indiens Fürsten zur Feier ihrer Unterwerfung entfalteten — da ruft plötzlich eine neuere Botschaft aus dem indo-britischen Kaiserreich nach seiner glänzenden Eingangs-Vision wieder die traurige Wirklichkeit der Alltagsverhältniffe in unser Gedächtniß. Der verschwenderische Luxus einiger hundert eingeborener Fürsten, die unter dem Schutze der britischen Kanonen ihr Satropen- Regiment fortführen, findet einen natürlichen, aber erschreckenden Gegensatz in dem Elend der zweihundert Millionen, deren harte Arbeit die üppige Unthätigkeit der einheimischen und der fremden Herren erhalten' muß. Aus Madras und Bombay kommt die Kunde von einer Hungersnoth. deren todbringende Gegenwart bald in dem ganzen Gebiet der genannten Präsidentschaften und darüber hinaus bis nach dem Hochlande der Deccau bemerkt werden dürfte. Während die Vasallen der „Kaiserin" Victoria auf dem „Burbar" in Delhi in Verschwendung wetteiferten und die Schilderungen der orientalischen Märchendichtung durch den blendenden Pomp ihre- Auftretens zu überbieten suchten, empfing der Vicekömg Lord Lytton Berichte aus dem Süden und Westen der Halbinsel, welche ihm schilderten, wie Tausende und Hunderttausende, nein, Millionen von Eingeborenen die Diener der Regierung bestürmten, um Beschäftigung stehend, damit sie eine Hand voll Reis kaufen könnten und leben.
Schon vor 3 bis 4 Monaten hatten englische Blätter auf die Gefahr hingewiesen, daß die Calamität, welche im Jahre 1874 trotz der umfassenden Hilssmaßregeln der indo-britischen Regierung Hunderttaus-nde von Menschenleben zum Opfer forderte, sich zum Beginn des Jahres 1877 erneuern könnte, indeß wurden diese Befürchtungen durch spätere Ernteberichte beseitigt, bis sich jetzt plötzlich die betrübende Gewißheit gezeigt, daß jene Warnungen berechtigt waren.
Die Hungersnoth ist leider kein seltener Gast in dem Riesenreiche, wo eine nach mehrere hundert Millionen zählende Bevölkerung sich unter dem fned- lichen Regiment der englischen Eroberer ungewöhnlich schnell vermehrt. Schon früher, als noch Kriege der verschiedenen eingeborenen Stämme untereinander die Bevölkerung decimirten, sind ganze Völkerschaften durch den Hungertod vom Boden Hindostaus hinweg getilgt worden. Die Religion und die Sitten des Landes machen auch dem Aermsten frühes Heirathen beinahe zur Pflicht, während der arbeitenden Menge das Sparen unbekannt, weil es unmöglich ist. So steht die indo-britische Regierung vor der Aussicht, dem unheimlichen Gast, die Hungersnoth, in Zukunft oft und öfters an die Pforte klopfen zu hören, ohne ihn von der Schwelle scheuchen zu können. Das indische Budget, welches gegenwärtig schon kaum im Gleichgewicht zu erhalten ist, würde die wiederholte Belastung mit Nothstands Anleihen nicht ertragen, und jo bleibt den Staatslenkern am Ganges für's Erste nur das eine sehr gewagte Aushilfsmittel, die regelmäßigen Einnahmen durch Erhöhung der Zölle und Steuern in guten Jahren so zu vermehren, daß sie einen Ueberschuß gewähren, aus dem die Menge in schlechten Zeiten ernährt werden können.
London, 17. Januar Das der Pforte bereits vorgelegte Programm der Mächte war sehr bezeichnend „resume mitigd“ betitelt, Die Ablehnung tst trotzdem wahrscheinlich. — Die russischen Verwundeten tu Serbien sollen zufolge Befehls aus Petersburg baldmöglichst in ihre Heimath befördert werden. — Die „Times" gesteht heute zu, daß der Widerstand der Pforte gegen jedwede Beschränkung ihrer Souveränetat unwiderlegbar sei; die Pforte erscheine als Siegerin, die Mächte als Supplicanten.
London, 18. Januar. „Reuter's Office" meldet aus Washington vom 17. Jan..' Die Repräsentanten-Kammer befahl die Verhaftung des Comit^ö für die Wahlen in Louisiana, wegen der Weigerung, die Documente, welche von der Kammer-Commission verlangt wurden, auszuliefern.
Schweiz.
Bern, 17. Januar. In den Weltpostverein wurden sämmtliche nieder- ländischen und spanischen Colonieen, Brasilien, die britischen Besitzungen Ceylon, Straits - Settlements, Labuan, Trinidad, Britisch - Guyana, Bermudas-Inseln, Mauritius ausgenommen; der Beitritt wird muthmaßlich am 1. Juli d. . in Kraft treten; der Beitritt Hongkongs und Japans augenblicklich. Zur tvr» Handlung ist neu angemeldet Argentinien.
Schweden.
Stockholm, 17. Januar. Der Reichstag wurde heute eröffnet. Die Thronrede kündigte eine Gesetzes-Vorlage, betr. die Erweiterung der Militär- Dienstpflicht und der Militär - Uebungen, welche die Grundlage der neuen Heeres-Ordnuug bilden soll, an. Ferner wurden Gesetzes-Vorlagen, die Herabsetzung der Grundsteuer, Geldmittel für die Flotte und Schutz des literan- schen Eigenthumsrechts betr., angekündigt. Graf Henning Hamilton wurde zum Präsidenten der ersten Kammer ernannt, sonst blieb Alles wie im vorigen Jahre.
Men.
Calcutta, 16. Januar. Die Regierung schlägt den Betrag der zur Linderung der Hungersnoth in den Präsidentschaften Bombay und Madras erforderlichen Mittel auf 61/? Mill. Pfd. Sterling an.
Lokal-Notiz.
Gießen. Wir machen unsere Leser nochmals darauf aufmerksam, daß mit dem 15. Februar der Termin zur Einlösung der Zweithalerstücke und der Zehngroschenslücke abläuft. Nach btm 15 Februar haben diese Münz^. nur Roch den Metallwerth, eine Einlösung resp. UmweckSlung derselben findet nicht mehr statt.________________________
Vermischtes.
— Das Unglück auf der Ohio-Bahn. Daniel Maguire, der Ingenieur derLoco- motioc „Sokrates", welche sich an der Spitze des Zuges befand, dem am 29. Dccember vorigen Jahres der schreckliche Unfall auf der Ohio-Bahn begegnete, erzählt: Der Zug bewegte sich langsam, und in dem Momente, als wir die Hobe Brücke von Ashstahula pajsirlcu, welche etwa 40 Ruthen (1 englische Ruthe — 5 Meter) von dem Depot entfernt ist, fühlten wir (in heftiges Schütteln: in einem Augenblicke brachen die Verb n- dungsketten zwischen den beiden den Zug führenden Locomotioen und der Zug stürzte von der B.ücke in den Fluß, in eine Tiefe von 6» Die Brücke bestand aus Eisen nnd war ungefähr 1t Jahre im (Gebrauch gewesen. Es wsrd oermuthet, daß das schwere Gewicht der Wagen das Eisen springen (?) machten. Die entsetzliche Scene in der Tiefe spottet jeder Beschreibung. Die Spannung der Brücke tst ungefähr 100' breit, und darunter lauft der Fluß, der nur eine T'efe von 4 bis 5* hat und um diese Zeit dick mit Eis bedeckt war. In diesen Raum stürzten 11 Wagen und eine Maschine mit dem skohlenwagen- Natürlich verursachte der Fall ein Zerbrechen des Eises und eine Zertrümmerung der Waggons. Die fieben Passagier-Waggons enthielten im Ganzen ungefähr 165 Erwachsene und außerdem eine Anzahl von Kindern. Diejenigen, welche sich in dem vordersten Wagen befanden, sind mit dem Leben davongekommen, haben aber mehr oder weniger schwere Verletzungen dav^ngetragrn. Wenige Minuten noch der Zerschmetterung brachen Flammen fast gleichzeitig aus jedem Wagen, und ehe Hülfe kommen konnte, kämpften die Flammen mit dem Eiswasser, gleichsam wetteifernd, wer von ^ihnen die größere Anzahl von Menschenleben zerstören sollte. Herr Frank Belknap, der zuerst auf dem Schauplatz erschien, sagt, daß das jammervolle Hilfege- schret all der Opfer das festeste Herz rühren ko nte. Hier befand sich ein junge«, fein gekleidetes Mädchen, ungefähr 10 Jahre alt, welches sich vergeblich anstrengte, seine Hüfte von dem Gewichte zu befreien, das ihre zarte Gestalt zerquetschte. Dicht hinter ihr brachen die Flammen hervor, die einen Augenblick später das Kind in ihrer furchtbaren Umarmuiifl vernichteten. Dort befand sich ein Gentleman in mittleren Jahren, der auf seinem Lritze aufrecht saß und ganz außer Stande war, sich aus dem Wirrsual zu befreien, indem er ruhig den Flamm«n entgegensah, die sehr bald auch in ihm ihr Opfer erreichten. Wiedern n sah man Leichname aus dem Wrack der Wagen heraus- schwimmen, und ebenso andere Körper, die sich in halb erstickten Zustande befanden und vergeblich versuchten, das Ufer zu erreichen. Eine große Menschenmenge bahnte sich bald, trotz des furchtbaren Schneesturmes, einen Weg zu den brennenden Trümmern und mit Hülse von Beilen und Tauen wurden Manche heroorgezogen, auf Bahren ge» legt und nach einem nahen Hügel getragen, wo ihnen die größtmöglichste Pflege zu Theil wurde. Die Hotels am Wege waren bald überfüllt, und die Prioathäuser in der ganzen Stadt wurden den Leidenden geöffnet. Die Schätzung gebt dahin, daß reichlich ein volles Hundert Opfer bei dem entsetzlich-n Unfälle ihr Ende fanden.
— Merksprüche für Brustkranke und Solche, die eS nicht werden wollens Was Speise und Trank für den Magen, das ist reine Luft für die Lunge; was Gift für jenen, das ist unreine Luft für dieje. Wie man den Magen nicht von der Lunge aus curtrt, so hilft es auch der Lunge nichts, wenn man für sie mit dem Magen einnimmt. Frische Luft, ordentlich eingeathmet, ist daS Lungenuniversalmittel. Der Lunge zu Liebe müfsen wir unsere Haut zu Markte tragen, uns abhärten. Von der Lunge her kann man sich nicht erkälten, wohl aber erhitzen. Weg mit dem Jeffrey'schen Respirator. Die Lhüren sind dazu da, daß sie geschloss.n, die Fenster dazu, daß sie aufgemacht «erden. Die Gefundbeitslehre verlangt für jede Person im Binnenraum einen Luftwechsel von 60 Kubikmetern in der Stunde Ventilation und Zug sind zweierlei. Kinder legen sich Nachts nur bloß, wenn die Schlafstube zu »arm, kein Fenster offen ist. Stickhusten kommt meistens von Staubluft. Nicht auf dem Wege zu oder von der Schule, sondern in der Schulstube werden sie krank. Tänzerinnen bekommen Auszehrung nicht von kaltem Trünke, sondern von der heißen staubigen Luft und vom Scknür- leib. Blutsturz darf nicht lüft- und wasserscheu behandelt werden. Briefträger bleiben gesund, weil sie sich stets in freier Luft bewegen, Stubenhocker werden brustkrank, weil sie das Gegentheil thurr. Die Lungenschwindsucht hat sich die cioilirte Gesellschaft selbst als „Geißel" aufgebürdet: nicht die Stadtluft, sondern die städtische Lebensweise erzeugt sie. An Luftcur- und Brunnenorten wird man gesund, weil man beweglich uno nüchtern lebt, draußen fleißig athmet, Wasser trinkt und badet. Lungenschwind- iucht ist heilbar, wenn gleich der „Ganbibat" eine Athrnungs- und BewegungScur gebraucht; nachher ist's oft etwas zu spat!
— Großes Unheil wurde durch die Geistesgegenwart eines Soldaten in Neu- dreifach verhindert. DaS „Elf. Journal" berichtet: „Am 30. v. M Abends 5 Uhr hatte die Magd einer JJ/abame Br aus unserer Lrtadt eine Kanne Petroleum gefüllt und näherte sich mit derselben dem Licht, um zu sehen, ob sie voll sei. Sofort gerietb die Flüssigkeit in Brand und theilte bas Feuer auch bem Fasse mit. Da roirf sich ein Unteroffizier deS 17. Regiments Namens Ottmar, über das Faß und rollte dasselbe mit eigener Lebensgefahr auf die Straße. Ohne die Geistesgegenwart dieses tapferen Soldaten wäre das ganze Stadtviertel in Flammen aufgegangen, denn das Magazin, wo das brennende Faß lag, enthielt noch viele Oel- und Weingeistfässer, und zudem befand sich ein Vorrath von Jagdpulver in dem Hause, während das Nachbargebäudc, eine Scheune, voll Heu und Stroh lag."
Köln. Ein Briefwechsel eigener Art wurde zwischen einem hiesigen Banquicr und dem Inhaber eines großen Stockfisch-Geschäfts in Amsterdam geführt. Dieser erhielt eines TageS von seinem hiesigen Banquier zu seiner größten Berwundccuvg einen Brief nachstehenden Inhalts: „Ihre Briefe haben einen zu unangenehmen Geruch, und falls Sie dieselben nicht deSinficiren können, müssen wir die Correspondenz mit ihnen abbrechen." Der Stockfischhändler erwiderte sofort: „Dann nehmen Sie Eau de Cologne, Sie sitzen ja an der Quelle." Ob darauf der Briefwechsel fortgesetzt wurde, wissen wir nickt. Den Inhalt bei angeführten Briefwechsels können wir aber verbürgen.
Kutzland.
Warschau. Der kaiserliche Ukas, der den polnischen Emigranten bisher unter möglichst leichten Bedingungen die straffreie Rückkehr nach dem Königreich Polen gestattete und von dem Hunderte im Auslande der größten Notb preisgegebenen Emigranten Gebrauch gemacht haben, ist neuerdings vorläufig außer Wirksamkeit gesetzt worden. Der Grund dieser Maßregel ist jedenfalls in der Furcht der Regierung vor der ruffenfeindlichen Propaganda der zurück gekehrten Emigranten zu suchen. Im Zusammenhänge damit steht die neuer» dings verschärfte polizeiliche Ueberwachung der früher zurückgekehrten Emigranten.
(Osts.-Ztg.)
IftdUi.
Konstantinopel, 17. Januar. Die Mittheilnng englischer Blätter, daß die Türkei die Propositionen der Mächte acceptire, und daß der Sultan sich in dieser Richtung gegen Salisbury geäußert, wird für unrichtig bezeichnet. Die Beschlüffe des hohen Rathes stehen noch ans, die regierenden Staatsmänner äußern ficb wie bisher ablehnend.
Koustantinvpel, 18. Januar. Die türkische und serbische Regierung haben eine Übereinkunft wegen gegenseitiger Auslieferung von Kriegs-Gefange- nen abgeschloffen.
Frijchbäcker ?u Gießen.
Sonntag, b e n 21. Januar 1877. W. Hartmann in der Neustadt. Ludwig Kämmerer auf dem Seltersweg. Ernst Wallenfels in der Wallthor- straße._________________________________________________________________________________________________
Kirchliche Anzeigen
der cvangclischen Gemeinde zu Gießen.
Gottesdienst.
Sonntag ben 21. Januar.
Morgens: Pfarrverwalter Schlosser.
Nachmittag«: Pfarrvicar Schöner.
(Die Pfarrgeschäfte für die Woche vom 21. bi8 27. Januar besorgt
Vfarrverwalter Schl ff er.)


