Ausgabe 
19.10.1877
 
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Tummelplatz verblieben! Dars der Provinz der Schutz entzogen werden, den Stadtgebiete mit btfienr Finanzlage sich nenigstens thctlwetse zu geuährcn in der Lage ftnb ?

£>t Deutbar beste Eifolg ui Ce> Bekämpfung der Fälschung unb dolosen Eiliverlhung unserer Nahrungö- upo GenußmUlel ist daher nur garantirr. wenn, staatlich augrsteütc Chemiker mit dieser sp»ciellcn Aufgabe betraut finO. Tie gegenwärtig lückenhafte Rethe unserer die öffentliche Sicherheit überwachen­den Beamten ist erst dann komplet, wenn mit amtlichem Charakter von Staats­wegen bekleidete Chemiker in dieselbe eintreten. Ihr ausschließlicher officieller Lebenszweck erschöpfe sich in der Unterdrückung der in Rede stehenden Miß­stände. Sie müßten gestützt fein in ihrer Autorität durch unmittelbaren Rap­port mit dem öffentlichen Ankläger und der Polizeibehörde, gestützt ferner von richterlicher Seite durch Anwendung der höchsten Straßmaße im Falle der Uebersührung. Daß die Strafbestimmungen für Lebensmittel-Verfälschungen viel zu gelind und dringend einer Verschärfung bedürftig sind, ist eine lieber zeugung. die sich auch außerrichterlichen Kreisen aufgedrunzen hat. Der Fälscher triumphlrt zu allermeist über die jetzt bestehenden Strasbestimmuiigen, denselben ein Paroli bietend, durch Gewinne, von denen man in gesetzgeberischen Regio­nen wohl kaum eine Ahnung hat. Ebenso ist es hinlänglich bekannt, daß der Wortlaut unserer einschlägigen Gesetze dem Staatsanwalt nur zu oft die nöthige Handhabe entzieht.

Die Thätigkeit des staatlichen Chemikers, wie wir ihn im Sinne haben, hätte sich zunächst auf die Controle der Verb--auchSarttkel des täglichen Lebens zu erstrecken; aber er dürfte nicht die Aufforderung zu irgend einer Unter­suchung von beliebigster Seite erwarten, sondern er hätte ans eigener Initia­tive hineinzugreisen in den AlltagSmarkt und sich hier seine UntersuchungSobjecte auszusuchen. Die Resultate seiner Untersuchungen wären in den amtlichen Blättern periodisch zu veröffentlichen, und den ertappten Fälscher hätte er der Staatsgewalt zur Execntiou zu überliefern.

Wer da weiß, welche Zeit, welche minutiöse Sorgfalt einige zwanzig Milch-Analysen, ebenso viele Bier- und Wein-Untersuchungen, verschiedene Brod' veräscherungen beanspruchen zur Entdeckung von Gyps, Schwerspath, Kiesel- Erde rc., welche Mühen Untersuchungen veranlaffen von Leuchtgas etwa auf Kohlenoxyd oder Kohlensäure, der wird mit uns darin übereinstimmen muffen, daß die Ansprüche, welche an einen solchen Staats-Chemiker herantreten, ganz außerordentliche sind. L>ie verlangen ein ganzes, ungetheiltes Leben von aus­schließlicher Beschäftigung mit dem gegebenen Stoffe. Und doch sind die Auf. gaben, welche wir hier ganz kurz angeführt haben, nur die eine Seite der Arbeitsleistung des öffentlichen Chemikers. Ein ununterbrochenes Studium er- fordern die täglich neuen Spitzfindigkeiten der Lebensmittel-Fälscher; das Raffi­nement, mit welchem dieselben ihr elendes Handwerk betreiben, wächst mit der Steigerung der Wachsamkeit der dazu Berufenen. Ein Chemiker, welcher die Controle des Lebensmittel-Verkaufes nurnebenher" ausüben wollte, während seine Kraft ein anderer, wenn auch verwandter Beruf der Hauptsache nach ver­braucht, würde einfach die Zeit nicht finden, neben den lausenden Untersuchun­gen Studien zu bewältigen, die ihn souverain erhalten über den in der Chemie oft sehr gut bewanderten Fälschern und Betrügern. (N. Hess. Volksbl.)

Deutschland.

Darmstadt, 16. October. Die erste Kammer trat heute wieder nach langer Pause zu einer Sitzung zusammen. Aus den Verhandlungen ist der Be­schluß über den Gesetz Entwurf bezüglich der Gehalte der Volksschullehrer her­vorzuheben. Die Ausschuß-Anträge, welche aus Beitritt zu den Beschlüssen der zweiten Kammer lauten, wurden angenommen. Nur fand zu Art. 8 ein An­trag des Grafen zu Solms-Laubach Annahme, dahin lautend, hinter dem Abs. 2 des Art. 8 die Worte einzuschalten:Stiftungen für ausschließlich kirchliche Verrichtungen dürfen nicht in den Gehalt eingerechnet werden." Ferner wurde ein Art. 17a eingeschaltet aus Antrag des Frhrn. v. Riedesel, welcher lautet: Gegenwärtiges Gesetz enthält in Bezug auf die Lehrer-Gehalte das Maximum. Es bleibt Uns jedoch Vorbehalten, Ermäßigungen eintreten zu lassen." Nach Erledigung der Tagesordnung vertagte sich die Kammer auf unbestimmte Zeit.

Berlin, 16. October. Bei den französischen Wahlen hat besonders der geringe klerikale Erfolg trotz der lebhaftesten Umtriebe hier angeblich Ein­druck gemacht wegen der gegenseitigen Beziehungen und der internationalen uUramontmien Agitation. Eulenburg's Entlassung ist abgelehnt und demsel­ben nur ein Urlaub bewilligt worden; Friedenthal ist mit seiner Vertretung beauftragt.

Berlin, 17. October. General Stosch's Verbleiben als Marine- Minister ist höchst zweifelhaft. Die Differenzen mit dem Reichskanzler sind noch nicht ausgeglichen. Stosch wird während der Session noch seine bishe­rige Thätigkeit beibehalten.

Englands erneuerte Anstrengungen, um den Frieden zu vermitteln, scheiterten an Deutschland und Oesterreich. Die Kaisermächte sind bestrebt, Rußland vor unbequemen Vermittlungen zu schützen, welche nicht direct von kriegführender Sette ausgehen.

HesterreiH.

Wien, 16. October. DiePolit. Corresp." bringt folgende Tele­gramme: Belgrad. Die Besorgniß der serbischen Regierung vor einem acuten d plomatischen Einschreiten Seitens der Pforte ist geschwunden; dagegen wird dik Entsendung eines türkischen Commissärs nach Belgrad immer noch für möglich gehalten. Cettinje. Fürst Nikita ist mit seinem Stabe gestern aus Orjaluka zu einem wahrscheinlich kurzen Aufenthalt dahier eingetroffen. Bukarest. Die Türken zogen die Geschütze aus der Redonte Osman's vor Plewna zurück, gegen welche die Approchen der Rumänen gerichtet sind. Man meint, daß die Redoute OSman's unterminirt sei. DasFremdenblatt" er- fährt, daß die Frage einer Revision des Wehrgesetzes bisher in den Kreisen der österreichischen Regierung nicht beratheii worden sei; daher könne von angeb- ltch zwischen der österreichischen und der ungarischen Regierung diesfalls zu Stande gekommenen Vereinbarungen keine Rete sein

Pcsth, 15. October, Abends. In der heutigen Sitzung des Abgeord­netenhauses wurde die General-Debatte über den Gesetz-Entwurf: betreffend die Spiritus-Steuer, geschloffen und letzterer nach einer Rede des Finanz-Ministers v. Szell in namentlicher Abstimmung mit 141 gegen 93 Stimmen als Grund­lage der Special Debatte angenommen.

Arun kl. ich.

Paris, 16 October. Das Ministerium des Innern berechnet den Ge­winn der konservativen auf 40 Sitze und meint, daß dieselben außerdem in 10 Stichwahlen des Sieges sicher seien. Unter den nicht wiedergewählten Republikanern sind heroorzuheben : Gent, Prinz Napoleon, Graf Mai lef<u, Tardieu, Paul Rernusat, Victor Lefranc. Ienty und Beau'sire. Unter bm un­terlegenen Conservativen befinden sich Tristan Lambert, Ponfard, Herzog o. Mouchy und Raoul Duval. Der Herzog v. Decazes siegte in Puget-Theniers mit 1000 Stimmen Majorität. Die Stimmung ist im Allgemeinen ruhig. Zm Eliföe ist das Loosungswort ausgegeben: der Marschall-Präsident habe immerhin einen moralischen Sieg errungen.

Paris, 16. October. Der Minister des Innern hat sämmtliche Prä­fekten nach Paris berufen, um ihnen Verhaltungs-Befehle hinsichtlich der Gene­ralraths-Wahlen zu geben.

Paris, 16. October. DieR6publique fran<?aife" veröffentlicht einen Artikel aus der Feder Gambetta's, worin versichert wird, daß die republika­nische Majorität mindestens 340 betragen werbe. Die Situation fei dadurch in keiner Weise geändert, und die Männer des 16. Mai würden nach wie vor sich bet jeder Gelegenheit gegenüber einer einigen, compacten und mächtigen Majorität befinden und in der National-Versammlung in der Minorität fein, wenn die Wichtigkeit der jetzt folgenden Ereignisse erheische, daß diese Ver­sammlung zusammentrete.

DerTemps" theilt die Wahl-Ergebnisse folgendermaßen ein: Ge­wählt 516; davon Republikaner 317, Bonapartisten 99, Monarchisten 45, Legitimisten 44, Orleanisten 11.

Serbien.

Belgrad, 16. October. Lascar Catargiu hat dem Fürsten in feier­licher Audienz seine Creditive als außerordentlicher Gesandter Rumäniens über­reicht. General Ranko Alimpics hat sich nach der Drina-Gegend begeben, um die Befestigungen bei Sakor schleunigst ihrer Vollendung entgegenzuführen.

Amerika.

Washington, 16. October. Zum Präsidenten des Repräsentanten- Hauses wurde Randell mit 17 Stimmen wiedergewählt.

Der orientalische Krieg.

Petersburg, 16. October. Eine Depesche desGolos" meldet aus Zgdyr vom 14. d. : Heute machte trie türkische Kavallerie eine Demonstration gegen beide Flanken der russischen Stellung. Das Zentrum der Russen wurde von der türkischen Infanterie angegriffen. Alle Anstrengungen der Türken wur­den jedoch durch die russischen Truppen vereitelt.

Moskau, 16. October. Die Russen griffen am Montag früh um 9 Uhr die Stellung Mnkhtar Pascha's an. Die kaukasischen Grenadiere stürm­ten den Awltas-Berg, den Schlüssel zu der türkischen Stellung. Mnkhtar Pascha wurde nach einem 2 Stunden dauerndem Kampfe in die Flucht geschla­gen. Sein Lager, viele Gefangene, Geschütze, Gewehre und Vorräthe fielen in die Hände der Russen. Der Feind flüchtete in der Richtung nach Kars oder Erzerum und wurde verfolgt.

Petersburg, 16. October. Officielles Telegramm von der Kaukasus- Armee von heute: Gestern wurde ein großer Sieg über Mukhtar Pascha er­fochten, Diele Kanonen erbeutet und Gefangene gemacht. Die Türken wurden von der Straße nach Kars abgedrängt. Andere Einzelheiten fehlen noch.

Officiell wird aus Gorni-Studen vom 15. October gemeldet: 1000 Baschi-Bozuks (Infanterie und Kavallerie, welche, von den Bergen herunterge­kommen, das Dorf Moren bei Elena angriffen, wurden durch 4 Compagnien des Siewsk'schen Regiments und 2 Schwadronen des Dragoner-Regiments Kriegs Orden" zurückgeschlagen. Die Türken zogen sich eiligst unter großen Verlusten zurück und hinterließen viele Todte. Unsererseits gab es 4 Verwun­dete. Die Türken fahren fort, gegen die Armee des Thronfolgers Truppen zu concentriren.

Konstantinopel, 16. October. Bei Kadikiöi haben einige kleine Scharmützel stattgefunden. Eine bis Djenna, unweit Makschidje, ausgedehnte RecognoScirung ergab, daß dort keine Russen standen. Das Wetter ist schön, die Wege sind wieder passirbar.

Wien, 16. October. DiePresse" meldet aus Cettinje: DaS mon­tenegrinische Hauptquartier wurde zum Süd-Corps verlegt. Die Türken sam­meln Truppen bei Gaczko und Mostar, um die westliche Herzegowina zu decken.

Konstantinopel, 16. October. Im Schipka-Passe findet eine sehr heftige Kanonade statt. Die Russen befestigten die Straße nach Gabrowa. Aarifi Pascha, welcher gestern vom Sultan empfangen wurde, reist am 24. d. nach Paris ab.

Die Nachricht, der Sultan habe Mehemed Ali Pascha ein anderwei- ges Commando angetragen, wird bestritten.

Konstantinopel, 16. October. Officiell wird gemeldet: Mukhtar Pascha, welcher bei Aladjadagh stand, lieferte dem Feinde eine große Schlacht. Das Resultat derselben ist noch unbekannt.

Vermischtes.

Darmstadt, 16. Oct. (Pferdezucht Verein für's Großberzogthum Hessen) Mon- tag, 22. October 1877 am ersten Tage des Friedberger Pferdemarkts findet zu Friedberg, Hotel Trapp, Vormittags 11 Uhr eine Versammlung und Besprechung deS Landespferdezucht Vereins statt, wozu die Vereinsmitglicder und alle Pferdeliebhaber eingelaben sind Vorträge werden halten: Hofstallmeister a. D. Freiherr o. Schäfiec über die bisherige Entwickelung unserer Landespferdezuchk. Freiherr o. Stein zu Staden über die Ziele des Landes-PferdezuchtVereins.

Landwirthschaftliches.

Hülfskaffen in England.

In dem Artikel der Rr. 237 dieses Blattes haben wir die Frage, ob sich bei den ländlichen Arbeitern die gesihliche Einführung von Arbeiterhülsskaffen empfehle, einer näheren Prüfung unterworfen. Wir haben darin die Gründe darzulegen versucht, weh­halb die Hülfskassen für die ärmeren Klassen der Bevölkerung bei unS auf dem Lande noch bei Weitem nicht die AuSbednung wie in den Städten und selbst annähernd noch nicht in dem Maße gefunden haben, als es zum Wohle der Landbevölkerung notbwendig wäre Wir wollen heute zur näheren Beleuchtung dieser wichtigen Angelegenheit die bezüglichen Verhältnisse Englands in's Auae fassen. England 'hat durch seine ausge­zeichnet p actische und den wirklichen Verhältnissen eng angepaßte Behandlung der