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Sonntag, den 19. August

No. 191

Kichener 'Zimciger

Aykige- uub Amtsblatt für btn Kreis Gießen

kLmpfung der Reblaus stattgefunden, an welchem stch auch drei Kommissare

Wochenübersicht.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. B o e k m a n n.

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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.

Kaiser Wilhelm ist am 10. d. von seiner diesjährigen Badereise außerordentlich gekrästigt in Babelsberg wieder eingetroffen. i

Aus dem Gebiete der inneren Reichsangelegenheiten tst es ziemlich stille ( gewesen- Nur in dem Laboratorium des Reichsgesundheits-Amts, herrsch!, seitdem der Reichskanzler dasselbe aufgefordert hat, seine Aufmerksam- , feit der Verfälschung der Nahrungsmittel und Getränke zuzuwenden und vor j allen Dingen das Trinkwasser der großen Städte, sowie Bier und Wein einer chemischen Untersuchung zu unterwerfen, eine lebhafte Thätigkeit. Der in ; Darmstadt abgehaltene Delegirtentag des Vereins selbständiger Handwerker und Fabrikanten Deutschlands hat diesmal weniger Erregtheit über die ' gesetzgebenden Faktoren des Reichs gezeigt als im vorigen Jahre und haupt­sächlich über die Lehrlingssrage verhandelt.

In den preußischen Ministerien war man mit Fertigstellung der Vor­lagen für den Landtag beschäftigt. Ein im Cnltus-Ministerium ausgearbeiteter Entwurf zu einem Kirchhofsgesetz stellt sest, daß die jetzigen kirchlichen Begräbnißplätze nicht expropriirt, aber auch nicht erweitert oder durch neue ersetzt, die neu anzulegenden Friedhöfe vielmehr den städtischen Gemeinden un­terstellt werden sollen.

Aus dem Bereiche des Culturkampfes ist diesmal Mancherlei von Bedeutung zu melden. Der Muttergottes-Schwindel wird immer epidemischer. Nicht nur, daß der Besuch Marpingens, von wo neue angebliche Wunderhei. lungen berichtet werden, noch fortwährend zunimmt, die Muttergottes soll nun auch in Michelsberg bei Illingen, und zwar diesmal in Begleitung des lieben Herrgottes selber, Vorstellungen geben. Dagegen hat das Zuchtpolizeigericht li> Saarbrücken den Kaplan Kickertz von Eppelborn wegen Beihülfe zu dem Betrüge, den die berüchtigte Blutschwitzerin daselbst vor zwei Jahren verübt hatte, sowie wegen anderer unsittlicher Handlungen zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt. Bemerkenswerth ist auch eine Entscheidung des Obertribunals, »rvnach katholische Lehrer zur Ertheilung des Religionsunterrichts in den Volks­schulen verpflichtet sind, auch ohne daß sie die sog. missio canomca erhalten haben. Die Ultramontanen sind aus Anlaß der zahlreichen Collistonen ihrer Parteigenossen mit den Gerichten neuerdings auf den Gedanken gekommen, den der Abg. Windthorst aus einer Versammlung des westfälischen Bauernvereins in Münster weiter entwickelt hat, einenallgemeinen Rechtsschutzverein für die Katholiken Deutschlands" zu gründen. Neben den Gerichten fahren übrigens auch die Regierungen fort, dem Ultramontanismus gegenüber ihre Schuldigkeit zu thun. In der Provinz Posen treten sie dem Treiben der zahlreichen Waw dervtcare. welche als Vertreter beseitigter Pfarrer sungiren, meist aber unter angenommenen Namen als Wirthschaftsbeamte, Viehhändler u. s. w. austreten, kräftig entgegen. Die Düffeldorfer Regierung hat den Beschluß der Crese der Stadtverordneten betreffs Umwandlung der dortigen Volksschulen in siebenklassige paritätische Schulen erfreulicher Weise genehmigt. Eine in Breslau stattgehabte Versammlungstaatstreuer" katholischer Geistlichen war von nur 14 Personen

treten ist.

Gießen, den 16. August 1877.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags, ^xpe-itio«: Schulstraße, Lit. v. Nr. 18.

Deutschlands betheiligten. _

Oesterreich-Ungarn hat zwar alle Vorkehrungen zur Beschaffung der zu einer Mobilisirung eines Theils seiner Armee erforderlichen Geldmittel getroffen, es ist aber unter den gegenwärtig obwaltenden Verhältnissen gluck- llcher Weise weniger als je in der Lage, dieselben in Anspruch nehmen zu müssen. Zu den Bemühungen der südslavischen Stämme, die Regierung aus die Seite Rußlands zu drängen, treten neuestenS auch wider Willen freilich die Agitationen der Polen in Galizien hinzu. Selbst in Ungarn scheint demnächst ein Umschlag der bisher sehr ruffensetndlich gesinnten öffentlichen Mei­nung in Aussicht zu flehen. Bemerkenswerth ist jedenfalls, daß die Generale Klapka und Türr im geheimen Einverständniß mit der Regierung im Lande her umreisen, um die Sympathieen der Bevölkerung für die Türkei zu mäßigen und dieselbe mit dem Gedanken an eine radicale Umgestaltung der Dinge im Orient vertraut zu machen. Die am 6. d. in Wien wiedereröffueten Confe- renzen zwischen den deutschen und österreichischen Commiffaren zum Abschluß eines Handelsvertrages haben bisher einen günstigen Verlauf genommen.

Im englischen Parlament wurden letzthin erneuerte Versuche gemacht, die Regierung vor dem Schluß der Session noch einmal zu bestimmten Erklä­rungen über ihre Orient-Politik zu veranlaffen. Die Minister erklärten indeß im Oberhause sowohl wie im Unterhause, daß Erüterungen über den gegen­wärtigen Stand der Dinge nur Schaden bringen könnten. Da Lord Beacons­field zugleich die Bemerkung htnzusügte, er habe keinen Grund zu zweifeln, daß Rußland die Bedingungen, welche die englische Regierung für ihre Neutralität ausgestellt habe, loyal beobachten werde, so ließen die Führer der Opposition ihre Anträge fallen, indem sie ihrerseits die Ueberzeugung aussprachen, daß die Regierung Nichts thun werde, was das Land in einen Krieg verwickeln könnte. Die plötzliche Rückkehr des englischen Militär-Bevollmächtigten, Obersten Welleeley, aus dem russischen Hauptquartier scheint den Zweck zu haben, die russische Armee gegen die Vorwürse einer barbarischen Kriegführung zu verthel- digen. Die Ernennung des bisherigen Secretärs des Schatzamtes, Smith, zum Marine-Minister hat den vollen Beifall des Parlamentes und Landes

f H Auch die Nachrichten aus dem außerpreußtschen Deutschland schlagen theil- weise in das Gebiet des Culturkampses ein. In Bayern hat sich unter dem Namen einer katholisch-patriotischen Partei eine Art Mittelpartei zwischen der Patrioten- und der katholischen Volkspartei gebildet. Die hessischen Ultra­montanen haben beschlossen, ihrem verstorbenen Bischof Ketteler ein Denkmal tm Mainzer Dom zu setze». Die hessische Regierung hat dagegen die Anerkennung des Domkapitulars Moufang als Bisthumsverwesers beanstandet, weil seine Erklärung nicht unzweifelhaft den Willen offenbare, die Landesgesetze in jeder Beziehung anzuerkennen und positiv zu befolgen. In Tübingen ist das 400jährige Bestehen der Universität drei Tage lang unter regster Thetlnahme nicht blos der Vertreter der auswärtigen Universitäten, sondern auch der könig­lichen Familie und des Volks gefeiert worden. Sachsen hat seine früheren Einwendungen gegen den Vertrag Preußens mit der Berlin-Dresdener-Ei.en- bahn-Gesellschast, bezw. gegen die Uebernahme des Betriebes der Bahn durch die preußische Staatseisenbahn-Verwaltung ausgegebrn.

In der Schweiz (Lausanne) hat ein internationaler Congreß zur Be-

gefunden.

In dem unglücklichen Frankreich wird die Verwirrung je länger, um so heilloser. Einerseits setzt die Regierung ihre Willkürmaßregeln in den Pro- »inzen ununterbrochen fort und anderseits tritt nun auch der Zwiespalt inner­halb des Cabinets selbst immer offener hervor. Osficiös trägt man zwar voll- tändige Einigkeit zur Schau, in Wirklichkeit streben aber die Bonapartiflen un Bunde mit den Clericalen darnach, den Herzog v. Broglie zu stürzen , damit Fourtou freie Hand bekomme. Die Stimmung des Volkes hat sich jüngsthin von Neuem in dem Enthusiasmus, mit dem der greise Thiers in Dieppe em­pfangen wurde, deutlich genug kundgegeben. Nach der Versicherung des republi­kanischen Wahl-Comitss haben die Monarchisten, selbst wenn man alle zweifel­haften Wahlen als für sie gesichert betrachtet, nicht mehr als 161 Sitze in der neuen Kammer zu erwarten, die Republikaner haben hingegen 372 ^Litze voll­ständig sicher und werden, wenn man ihnen die zweifelhaften Candidaturen zuschreibt, sogar 404 bekommen. Bei diesen schlechten Aussichten durfte der Regierung in der Thal schließlich nichts anderes übrig bleiben, als die Ver­hängung de« Belagerungszustandes.

Der Papst, welcher in Folge der Hitze wieder vollkommen wohl ist und lange zu leben hofft, hat an die Bischöfe in der Türkei einen Erlaß gerichtet, in welchem er sie aus Grund des biblischen Satzes, daß alle Obrigkeit von Gott und die Untertanen in allen weltlichen Dingen zum Gehorsam verpflich­tet seien, von jeder Unterstützung der Empörung abmahnt. Schade nur, datz er jenen Satz nur zur Beschönigung seiner unchristlichen Allianz mit dem Halb­mond braucht, nicht aber auf die christlichen Regierungen von Italien und Deutschland anwendet I Letzteren gegenüber steht der hell. Vater leider auf der Seite der extremen Cardinäle, wählend die gemäßigteren Elemente des Cardinal-Collegiums ernsteren Conflicten aus dem Wege gehen möchten. Em eigenhändiger Brief Pius'IX. an Victor Emanuel, in welchem er um Nieder- jchlaguna des Scandal-Procefses über die Erbschaft des CardumlS Antonelli bat, soll vom Könige dahin beantwortet worden sein, daß den Gesetzen freier

Bekanntmachung.