Ausgabe 
17.5.1877
 
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Petersburg. Wiewohl der Operationsplan der Russen bis nun in ein tieses Dunkel gehüllt erscheint, jo kann man jetzt doch schon die Dermuthung aus­sprechen, daß der Uebergang über die Donau an zwei verschiedenen Punkten bewerkstelligt werden wird. Die Vorbereitungen zum Uebergange nach Ost' Bulgarien, bezw. in die Dobrudscha, sind bereits mit der in Jsmail-Kilia-Reni- Galatz-Barboschi-Jbrajla concentrirten Heeresmacht von 60,000 Mann vollkommen getroffen. Dieser russischen Macht gegenüber befinden sich soeben in Jnsaktscha und Tultscha nach zuverläßlichen Daten blos 15,000 Mann Türken. Die An­nahme, daß die Ruffen hier den Uebergang zu bewerkstelligen versuchen werden, wird durch das Factum bestätigt, daß die russische Heeresleitung in Scherbescht am Szerethfluß eine sehr zweckdienlich construirte Brücke anfertigen ließ. Diese Brücke wird mittelst eines kleinen Dampfers aus dem Szeretfluffe in die Donau gebracht werden. Der Uebergangspunkt wird muthmaßlich zwischen Galatz und Jbrajla gegenüber dem am jenseitigen Donau-Ufer liegenden türkischen Dorfe Azakli" gewählt werden. Letztgenanntes Dorf steht setzt durch Austritt der Donau unter Wasser; seine Bewohner, Türken und Bulgaren, haben es gänz­lich geräumt. Sobald nur ein Theil der Ruffen dort Fuß gefaßt haben wird, werden sie sich unverweilt verschanzen, wozu ihnen die Bulgaren hülfreiche Hand bieten werden. Der zweite Uebergangspunkt nach West-Bulgarien wird aller Voraussicht nach bei Giurgewo statlfindeu. Nach Aeußerungen höherer russischer Militärs wird die Donau-Armee bis Mitte Mai auf 300,000 Mann completirt sein, wobei die Reserve-Armee von 120,000 Mann nicht mit einge­rechnet ist.

Wien, 14. Mai DemTageblatt" wird aus Braila vom 13. Mai telegraphirt: Heute sind drei russische Dampfbarkassm nebst einem Schleppschiff über die Donau in den Canal von Matschin eingesahren und haben von den in Getschit lagernben Kohlenvorräthen der türkischen Donau-Flottille zwanzig Tonnen aufgeladen, welche sodann, ohne daß die türkischen Monitors sich dem widersetzten, nach Braila transportirt wurden.

Bukarest, 14. Mai. Heute früh 2 Uhr versuchten die Türken nahe bei Giurgewo vor der Mocan-Jusel auf sechs mit Truppen bemannten Schiffen den Uebergang über die Donau. Auf das Alarmschlagen der rumänischen Vor­posten eilten von Giurgewo Verstärkungen herbei und zwangen nach längerem Gewehrseuer die Türken, sich zurückzuziehen.

Wien, 14. Mai. DerPolit. Corresp." wird aus Bukarest vom Heutigen telegraphirt: Großfürst Nicolaus trifft heute in Plojesti ein, wo er von den Ministern Bratiano und Cogalniceano empfangen wird. Fürst Karl begibt sich heute gleichfalls nach Plojesti; unweit dieser Lftadt cantonniren zwei vollständig ausgerüstete bulgarische Brigaden mit Geschützen. Die rumä­nische Regierung hat mit der Banque de Roumanie ein Uebereinkommen abge­schloffen wegen Zahlung des Juli-Coupons der mit dem Bankhause Oppenheim contrahirten Anleihe.

DiePresse" meldet, daß bei Kalafat 15,000 Rumänier concentrirt seien. Derselben Zeitung wird aus Konstantinopel geschrieben, daß die Pforte asiatische Beduinen für ihre Kaukasus-Armee aufbiete.

Konstantinopel, 14. Mai. Ein amtliches Telegramm bestätigt die Explosion des türkischen gepanzerten MonitorsLuti Djellil", welche durch einen Zufall verursacht sei. Der Monitor sei untergegangen, und nur ein ein ziger Mann gerettet. Die Rnffen fahren eifrig fort, bei Kalafat Batterien zu errichten.

Berlin, 15. Mai. Die Kaukasus-Völker im Rücken der russischen Armee haben rebellirt. Die Abchasier haben sich gegen die russische Herrschaft empört. Die Feldtelegraphcn-Leitungen wurden von den Aufständischen zerstört. Seit dem 12. Mai werden die Forts an der russisch-abchasischen Küste heftig bombardirt. Kalafat ist gänzlich zerstört. Iskender Khan ist in Konstan­tinopel eingetroffen und hat die Dienste Afghanistan's dem Sultan angeboten. Türkische Panzerschiffe sind vor Odessa erschienen. In Konstantinopel ist der Fleck-Typhus ausgebrochen.

Petersburg, 15. Mai. Vom asiatischen Kriegsschauplätze sind fol­gende Meldungen eingelaufen.' Alexandropol, 12. Mai. Eine 700 Mann starke, aus Bergbewohnern bestehende türkische Kavallerie - Abtheilung ist aus Kars geflüchtet, deffen Bevölkerung verlangt, daß die türkischen Truppen den Ruffen entgegenrücken. Achalkalaki, 12. Mai. Am 5. u. 10. d. sind Recognosci- rungen vorgenommen worden. Ardahan. 9. Mai. Bei einem Geplänkel mit türkischer Infanterie, welche einen Ausfall ans den Befestigungen machte, zog sich der Feind nach einigen Schüssen unserer Artillerie zurück; wir hatten keine Verluste. Poti, 12. Mai. Der russische Dampfer ..Constantin" ist zur Beob­achtung der türkischen Schiffe aus Sebastopol hier eingetroffen.

Konstantinopel, 15. Mai, Morgens. In der Dobrudscha, wohin ein russisches Corps, bestehend aus Infanterie, Kavallerie und Artillerie, nach Ueberschreitung der Donau bei Potbachi eingedrungen, ist es zum Kampfe gekommen.

Vermischtes.

Ein lachender Defraudant. Der Platzläufer Mathias Despanser zu Wien ist nach Veruntreuung eines Geldbetrages von 45 Fl. flüchtig geworden. In dem bezüglich an die Polizüdirektionen gerichteten Cirkular wird als besonderes Erkennungszeichen des Defraudanten angegeben, daß er die Gewohnheit habe,bei jeder Gelegenheit zu lachen."

Ein reparirter Storch. In der geologischen Grotte des Berliner Aquariums

erregt augenblicklich ein Storch viel Aufsehen. Derselbe hatte sich bei irgend einer großen Storchrauferei die obere Schnabelhälfte zertplittert, beziehungweise abgebrochen. In diesem Zustande der Verwundung ist er aufgefunden worden und er würde dem icheren Hungerkode inmitten aller Frösche und anderer fetten Bissen verfallen sein, rann ihm nicht ein geschickter Chirurg bcigesprungen wäre und ihm ein neues Odertheil des Schnabels aus Blech gemachi hätte; die Operation ist so gut gelungen, daß F eund Langbein mit seinem Blechschnabel alle Funktionen eines gebildeten Storches aus­führen kann.

Eine Krokodiljagd im bayerischen Hochgebirge dürfte auch noch nicht dage­wesen sein! Am Jmmenstälter Maimarkte ist eines der dort zur Schau gestellten Kro­kodile das größte, 4 Fuß lange durchgebrannt und hat eine ^chwimmtour unter­nommen. Der Eigenthümer verspricht dem Glücklichen, welchem der Fang dieses Rep» ttls gelingt, eine hohe Belohnung; er gibt dabei folgende Verhaltungsmaßregeln:Das Thier ist nicht giftig und kann ohne Gefahr am Genicke und Schweife gehalten wer­den. Bis zur Abholung möge man dasselbe in lauwarmem Wasser baden und mit rohem, in Streifen geschnittenen Fleisch füttern." Wenn er des Flüchtlings wieder habhaft wird, kann der Mann mit Recht die Firma erweitern und schreiben: der schrecken des Nil, der Aach und der Iller, was auf die Landbewohner sicher einen besonderen Eindruck wachen wird.

Berlin. Die Gewohnheit, sich auf offener Straße die Cigarre in der Weise anzuzünden, daß man beim Benutzen von schwedischen Streichhölzern daS Schächtelchen bis zur Hälfte aufschtebt und sie, um die Flamme vor dem Ausloschen zu schützen, in Den entstandenen leeren Raum steckt, hat ein Herr schwer büßen müssen. Bisher war ihm dies Kunststückchen stets gelungen, ohne em Unheil anzurichten: Als er jedoch gestern wiederum das Hölzchen in Brand setzte und sofort in die Schachtel steckte, ent­zündeten sich die übrigenSchweden" und eine helle Flamme schlug ihm in's Gesicht. Dertelde hatte anscheinend erhebliche Brandwunden erlitten und mußte mittelst Droschke nach seiner Wohnung befördert werden.

Die kleine Erfrischung. Wer sollte Schwarzenborn nicht kennen? Schwarzen­born ist im weiland Kurhessischen dasselbe was im Darmstädtischen Griesheim, in Sachsen Schilda, in Braunschweig Schöppenstedt, in Bayern Weilheim, in Schlesien Polkwih, in ganz Deutschland Krähwinkel ist, nämlich derjenige Ort, von dem all die schönen Stück.ein erzählt werden, welche seit Jahrhunderten die Spottoögel vieler Herren Länder auszuhecken vermocht haben. An allen diesen Orten hat man bekanntlich Heu- wclter in der Apotheke gekauft; hat das Sonnenlicht mit Säcken in das neue Rath, haus getragen, als man an demselben die Fenster anzubringen vergessen hatte; hat Käse gesäet, aus welchem Ochsen ausgehen sollten und einen Kürbis für ein Pferde-lsi gehalten, welches der Schulze ausbrühen sollte, und wie die Stücklein sonst noch alle heiß-n, bis herab auf die neuen Stiefel, aus denen Pantoffeln geschnitten wurden. Ein lustiges Stücklein haben aber die Schwarzenborner vor allen anderen Spießbürgern der weiten Welt voraus, nämlich folgendes: Auf einer Rundreise durch fein tanb wollte der Kurfürst auch nach Schwarzenborn kommen. Er verbiete sich jedoch, hat er hinschreiben lassen, alle Empfangsfeierlichkeiten, nur eine kleine Erfrischung wolle er a, - nehmen. Diese landesherrliche Willensäußerung verursachte den guten Schwarzw- bornerr. kein geringes Kopfzerbrechen. Auf die Ehrenpforten und Blumenguirlanden, nebst Böllerschüssen und Festjungfrauen hätten sie ja gern verzichten wollen, wenn nur herauszudringen gewesen wäre, was der Herr mit derkleinen Erfrischung" eigentlich meine. All die vielen Magistratssihungen hat das Wirrfal in den Meinungen über diesen Punkt nur noch vermehrt Auch der Herr Präzeptor des Städtchens, ein Mann, der für gewöhnlich Über alle möglichen Dinge und sonst noch Einiges Auskunft geben zu können vermeinte, war mit seinem Latein zu Ende.Fmsterniß bedeckte das Erd­reich Ui.d Dunkel die Völker." Welch ein Segen deshalb, daß Emerentia, die tugend- begabte Hausfrau des Schulzen, auch diesmal, wie schon oft, die Schwarzenborner Rathsherren zu erleuchten vermochte!Was setd ihr doch für Männer sprach eines Tages Frau Emerentia denkt ihr denn gar nicht daran, daß der Herr Kurfürst ein sehr dicker Herr zu fein geruhen und daß alleweil die Hundstage sind? Der Herr Kur­fürst wollen hier in Schwarzenborn ein wenig Abkühlung finden, daß Hochdieseiben wieder frisch werden in der argen Hitze." . . .Nichtig, so ist's", bestätigte hocherfreut der eheliche Hausherr der klugen Frau Emerentia,und nun weiß ich auch schon, wie das zu machen/ist. Wir thun die große Feuerspritze heraus."--Der Tag ber

landesherrlichen Ankunft war gekommen. Die ganze Stadtgemeinde war auf dem Markt­platz versammelt, woselbst im einzigen Gasthof des Städtchens das Absteigequartir: Den Kurfürsten bereitet war. In einiger Entfernung von der Menschenmenge, mitten auf der Straße, stand, wohlgeladen, und mit den kräftigsten Männern der Stadt zum baldigen Dienste besetzt, die große Feuerspritze, obenauf der Schulze, zum Kommando geschickt.Aber das sage ich euch" ermahnte er zum zehnten Male die Spritzenmann- jchaftdaß ihr nicht eher loslaßt, als bis ich kommandire: Fertig! Los! Und daß ihr mir nur genau zielt!' Endlich nach Stunden gespannten Harrens eilten albern- los die aufgestellten Posten, laut rufend.Er kommt! er kommt!" Und er kam Behaglich in die Kissen seines offenen Kutschwagens zurückgelehnt, seine Meerschaum« pfeife rauchend und sich mit dem ihm gcgenübersitzenden Adjutanten in heiterer Stim­mung unterhaltend, war der Kurfürst auf dem Marktplatz angelagt, auf vierzig «vckritte Entfernung etwa von der Feuerspritze. Die Glocken läuteten, die Häupter entblößten sich und donnernd erschallte der Jubelruf:Vivat hoch, der Herr Kurfürst soll leben!'1 Mitten im Hochrufen kommandirte der Schulze:Fertig! Los! Und es ging los; als ob sich wie einst zu Noah's Zeit die Schleußen des Himmels aufgethan hätten, so er­goß sich, wohl gezielt, in doppeltem Strahl Wasserwege auf Wasserwoge über das Haupt des nichtsahnenden Kurfürsten; eine Sündfluth im Kleinen Die Kutsche glich im Handumdrehen einer bis zum Ueberlaufen ungefüllten Badewanne; die erfrischende Abkühlung war eine gründliche. Vor Schrecken starr und unter dem Wasser sch walle fast erstickend; konnte der Kurfürst nur mit Mühe stöhnen:Herum Kutscher, herum!" Wie ein Kreisel drehte sich die Kutsche und sauste davon, daß die Funken aus dem Pflaster [toben. Der Schulze rief:Brav ihr Männer! Von vorne hat er genug, jetzt von hinten bi auf." Das Volk aber schwenkte die Mützen und jubelte hinter dem fliehenden Landesherrn her:Hurrab, der Herr Kurfürst soll leben hoch! und noch einmal hoch und abermals hoch! Das ist die wahrhaftige Geschichte von derkleinen Erfrischung" zu Schwarzenborn.»,

Am 20. Mai, Pfingstsonntag, um 9 Uhr: Altkathoiischer Gottesdienst in der Hospitalkirche.

Der Vorstand.

Allgemeiner Anzeiger.

Bekanntmachung.

Generalversammlung des Spar- u. Vorschuß - Vereins Groh-Kuden

(eingetragene Genoffenschaft)

Dienstag den 22. Mai, Mittags 2 Uhr,

aus dem Gemeindehaus zu Groß-Linden.

Tagesordnung: 1) Abhör der Rechnung.

2) Ergänzungswahl des Aufsichtsraths.

Groß-Linden, am 15. Mai 1877.

2801) Zörb, Director.

Bekanntmachung.

Die Hebregister für die Communalsteuer pro 1877 für die Gemarkungen Gießen und Schiffenberg liegen 8 Tage lang zur Einsicht dahier offen.

Gießen, den 15. Mai 1877. (2802

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

A. Bramm.

1813) Mein Lager in allen Sorten Pinseln, Der golderartikeln, Spachtelmeffern, Maferwalzen rc., em­pfehle bestens.

Emil Eis c* h b a ch.

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